Sommeruniversität 2017

Programm vom 31. Juli bis zum 11. August 2017

Sommeruniversität an der Universität Tübingen heißt, dass Studierende und die interessierte Öffentlichkeit aus einer Serie von zehn allgemein verständlichen, aber dennoch forschungsaktuellen und spannenden Vorlesungen aus ganz verschiedenen Fachgebieten auswählen können. Die Sommeruniversität wird organisiert in Zusammenarbeit mit der Universitätsstadt Tübingen und ist Teil des Tübinger Kultursommers.

 

Die Vorlesungen finden jeweils um 10.15 Uhr im Hörsaal des Theologicums, Liebermeisterstr. 16, statt. Eine Anmeldung ist nicht nötig.

  

Montag,

31. Juli

Prof. Dr. Kerstin Pull

Frauen in Aufsichtsräten

Während eine stärkere Präsenz von Frauen in Führungs- und Leitungsgremien vor dem Hintergrund einer verbesserten gesellschaftlichen Teilhabe unterrepräsentierter Gruppen unstrittig ist, stellt sich aus ökonomisch-betriebswirtschaftlicher Sicht die Frage, welche Effekte mit einer stärkeren Präsenz von Frauen in Führungs- und Leitungsgremien verbunden sind. Der Vortrag fasst den Stand der Literatur zum Thema zusammen und präsentiert eigene aktuelle Forschungsergebnisse zu Frauen in Aufsichtsräten.

 

Prof. Dr. Kerstin Pull ist Professorin für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Personal und Organisation an der Eberhard Karls Universität Tübingen. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Turnieranreize, Teamzusammensetzung, Verhandlungen und Wissenschaftlerkarrieren.

  

Dienstag,

1. August

Prof. Dr. Sarah Dessì Schmid

Sprachpolitik und Sprachpflege in Europa – oder was ist Sprachpurismus?

Der Purismus ist eine ideologische Tendenz in der euro¬pä¬ischen Kultur. Er ist in der Sprache wie auch in der Kunst in Italien und Frankreich in unterschiedlichen historischen Epochen stark repräsentiert. Allerdings wird mit dem Begriff ‚puristisch‘ vieles bezeichnet: ‚Puristisch' ist im Allgemeinen eine Reinheit anstrebende kulturelle Haltung von Men¬schen, Institutionen und Regierungen; ‚puristisch' ist, wer eine reine, perfekt nor¬mierte Sprache vertritt, die den Einzug von Fremdwörtern ablehnt oder gar bekämpft; ‚puristisch' ist, wer sich Neologismen widersetzt oder wer gegen dialektale und regionale Ausdrücke zu Felde zieht.

 

Der Beitrag möchte einige um diese mehrdeutige Realität des Purismus kreisenden Fragen angehen; sein Schwerpunkt wird dabei die Analyse der Rolle puristischer Sprachkultur und Sprachpolitik im Selektions- und Aus¬bau¬prozess der Norm des Italienischen und des Französischen sein.

 

Sarah Dessì Schmid ist seit Oktober 2013 Professorin für Romanische Sprachwissenschaft am Romanischen Seminar der Eberhard Karls Universität Tübingen. Nach dem Studium der Italianistik, Philosophie und Geschichte an der Università degli Studi di Roma "La Sapienza" (1990-1995) war sie Lektorin für Italienisch an der Universität Tübingen sowie am Sprachenzentrum der ETH und der Universität Zürich; später war sie als wiss. Assistentin und Akademische Rätin an den Universitäten Tübingen und Stuttgart tätig. In Tübingen wurde sie 2003 mit einer Arbeit zum Vergleich der Sprachtheorien von Ernst Cassirer und Benedetto Croce promoviert. Sie habilitierte sich 2013 mit einer Arbeit zur verbalen Aspektualität.

 

Mittwoch,

2. August

Prof. Dr. Dominik Papies

Warum habe ich das gekauft?

Wenn wir als Konsument innen und Konsumenten Kaufentscheidungen treffen, dann werden wir von einer Fülle von Faktoren beeinflusst. Über manche dieser Faktoren sind wir uns bewusst, andere wirken, ohne dass wir es wahrnehmen. Im Rahmen dieses Vortrages werden verschiedene Faktoren besprochen, die unser Kaufverhalten auf erwartete und unerwartete Art prägen. Außerdem wird gezeigt, wie durch die Anwendung falscher Methoden Fehlschlüsse über das Verhalten von Konsumentinnen  und Konsumenten gezogen werden können.

 

Prof. Dr. Dominik Papies ist seit 2012 Professor für Marketing am Fachbereich Wirtschaftswissenschaft der Universität Tübingen. Seine Forschung befasst sich mit der statistischen Analyse des Konsumentenverhaltens, insbesondere auf Online- und Medienmärkten. Bevor er nach Tübingen zog, forschte Dominik Papies an der Universität Hamburg und verschiedenen ausländischen Universitäten.

   

Donnerstag,

3. August

Prof. Dr. Klaus Gestwa

Die Russischen Revolutionen 1917 - Verlauf, Wirkung, Mythos

Als sich der Sozialismus nach 1917 in der Sowjetunion verstaatlichte, erhoben die Machthaber im Kreml selbstbewusst den Anspruch, aller Unterdrückung und Entfremdung ein Ende zu bereiten und die Gesellschaft des multiethnischen Riesenreichs nach eigenen Wünschen gestalten zu können. Die Konzeption vom Homo Sovieticus brachte eine historische Mission der Weltbefreiung und einen kollektiven Erlösungsglauben zur Anschauung. Der Vortrag schildert zuerst Ursachen und Verlauf der beiden Revolutionen 1917, um dann darauf einzugehen, wie in der frühen Sowjetunion Utopie und Terror eine unheilige Allianz eingingen. Abschließend wird thematisiert, wie im heutigen Russland mit dem schwierigen Erbe von 1917 umgegangen wird.

 

Prof. Dr. Klaus Gestwa ist Direktor des Instituts für Osteuropäische Geschichte und Landeskunde am Fachbereich Geschichtswissenschaft und Teilprojektleiter im Sonderforschungsbereich 923 „Bedrohte Ordnungen“. Er forscht zur Umwelt- und Technikgeschichte der Sowjetunion, zum Kalten Krieg und zu den politischen Entwicklungen im postsowjetischen Raum seit 1991. 

   

Freitag,

4. August

Prof. Dr. Thomas Diez

Die EU und die Türkei - getrennte Wege?

Die Beziehungen zwischen der EU und der Türkei stecken in einer tiefen Krise: Die Beitrittsverhandlungen stocken seit langem, der Zypernkonflikt bleibt ungelöst, und unter Präsident Erdoğan hat sich spätestens seit dem gescheiterten Putschversuch vor einem Jahr die Menschenrechtslage dramatisch verschlechtert. Zugleich versucht die EU, die Türkei in eine gemeinsame Flüchtlingspolitik einzubinden. Wie können wir die Entwicklungen in der Türkei erklären? Welche Rolle spielte die EU dabei? Und gibt es Wege aus der Krise oder gehen die EU und die Türkei fortan getrennte Wege?

 

Prof. Dr. Thomas Diez ist Professor für Politikwissenschaft und Internationale Beziehungen an der Universität Tübingen und Präsident der European International Studies Association. Er ist ein profunder Kenner der EU-Türkei-Beziehungen und Träger des Anna-Lindh-Preises für seine Analysen der europäischen Außenpolitik.

   

Montag,

7. August

PD Dr. Tobias Freilinger

Kopfschmerzen - von seltenen und häufigen Formen und wie wir sie erforschen

Kopfschmerzen sind den meisten Menschen vertraut. Aber was genau steckt eigentlich hinter dieser Beschwerde? Welche verschiedenen - seltenen und häufigen - Formen gibt es und wie lassen sich diese näher einordnen und behandeln? Diesen und anderen Fragen wird die Vorlesung nachgehen. Dabei wird u.a. das Konzept primärer Kopfschmerzerkrankungen vorgestellt, also eigenständiger Krankheitsentitäten mit meist attacken-förmigem Auftreten. Als klassische Vertreterin soll die Migräne beleuchtet werden – mit Einblicken in Forschungsergebnisse u.a. aus der Genetik.

  

Priv.-Doz. Dr. Tobias Freilinger. Medizinstudium in Regensburg und München. Neurologische Facharztausbildung an der LMU München. Seit 2013 Oberarzt am Zentrum für Neurologie des Universitätsklinikum Tübingen, Leiter der Kopfschmerzambulanz, Arbeitsgruppen-Leiter am Hertie-Institut für Klinische Hirnforschung. Spezialgebiet: Rolle genetischer Faktoren für häufige neurologische Erkrankungen (z.B. Migräne).

 

Dienstag,

8. August

Jun.-Prof. Anna Pawlak

Klagende Bilder. Der Bethlehemitische Kindermord in der niederländischen Kunst der Frühen Neuzeit

Die niederländische Kunst der Frühen Neuzeit zeichnet sich durch eine Vielzahl an gewaltvollen Darstellungen des Bethlehemitischen Kindermordes aus, deren visuelle Rhetorik signifikant auf eine Analogiebildung zwischen dem biblischen Geschehen und der politisch-konfessionellen Gegenwart des Landes zielte. Vor dem historischen Hintergrund des Achtzigjährigen Krieges (1568–1648) möchte der Vortrag der programmatischen Funktion dieser Bilder als Schnittstelle theologischer, staatstheoretischer und nicht zuletzt kunsttheoretischer Diskurse nachgehen, um das epistemische Potenzial der religiösen Malerei im Zeitalter der Konfessionalisierung zu konturieren.

 
Jun.-Prof. Dr. Anna Pawlak, Studium der Kunstgeschichte, Philosophie, Geschichte und europäischen Ethnologie in Augsburg und Köln. Promotion 2008 mit der Arbeit „Trilogie der Gottessuche. Studien zu Pieter Bruegels d. Ä. Sturz der gefallenen Engel, Triumph des Todes und Dulle Griet.“ Von 2008 bis 2014 wissenschaftliche Assistentin am Kunsthistorischen Institut der Universität zu Köln. Seit Oktober 2014 Juniorprofessorin mit dem Schwerpunkt Kunst der Frühen Neuzeit am Kunsthistorischen Institut der Eberhard Karls Universität Tübingen.

  

Mittwoch,

9. August

Dr. Andrea Kreidenweiss

Malaria – Alte Krankheit, aktuelle Einblicke

Trotz global rückgehender Malariafälle verstirbt dem jüngsten World Malaria Reports 2016 der WHO zufolge noch immer alle zwei Minuten ein Kind an Malaria. Malaria ist eine Armutskrankheit und vor allem für die Bevölkerung in Afrika südlich der Sahara ein großes Gesundheitsproblem. Vor diesem Hintergrund soll diese Vorlesung einen Einblick in die gegenwärtigen Möglichkeiten der Diagnostik und Behandlung der Krankheit geben. Neueste Entwicklungen in der Malaria- Impfstoffforschung werden besprochen.

  

Dr. rer. nat Andrea Kreidenweiss promovierte zum Thema „Präklinische Entwicklung von Wirkstoffen gegen Malaria“ am Institut für Tropenmedizin der Universtität Tübingen, begleitet von einem Forschungsaufenthalt in Lambaréné (Gabun). Seit 2011 ist sie Leiterin einer Arbeitsgruppe an der Universität Tübingen zur Verbesserung von Malariadiagnostika und der Entwicklung von Wirkstoffen gegen Schistosomiasis und seit 2016 im Grant Management der Tropenmedizinischen Klinik der Universität Tübingen.

   

Donnerstag,

10. August

Dr. Sibylle Wolf

Vorherrschaft der Frau? Weibliche Darstellungen der Altsteinzeit

Weibliche Figuren aus der Altsteinzeit faszinieren seit ihrer Auffindung die Betrachter. Die weltberühmte Frauenfigur vom Hohlen Fels ist 40.000 Jahre alt und die jüngsten Figurinen datieren um 15.000 Jahre vor heute. Solche kleinen Figuren wurden in ganz Europa und sogar in Sibirien ausgegraben. Die Deutung dieser Frauendarstellungen reicht von Sexsymbol hin zu der Interpretation, dass Göttinnen abgebildet wurden. In diesem Vortrag werden die verschiedenen, zumeist üppigen Frauendarstellungen aus der Kultur des Gravettien (30.000-22.000 Jahre vor heute) und deren archäologischer Kontext detailliert dargestellt sowie auf die zahlreichen, verschiedenen Interpretationen eingegangen.    

  

Dr. Sibylle Wolf studierte Vor- und Frühgeschichte in Mainz. Sie war 2008  bis 2010 bei der Vorbereitung und Umsetzung der Großen Landesausstellung Baden-Württemberg „Eiszeit – Kunst und Kultur“ im wiss. Team an der Univ. Tübingen tätig und promovierte dort 2013 im Fach Urgeschichte. Seit 2014 arbeitet sie als wiss. Mitarbeiterin und Koordinatorin des Senckenberg HEP an der Universität Tübingen.

   

Freitag,

11. August

Prof. Dr. Volker Leppin

Die fremde Reformation

Die im Jubiläumsjahr immer und immer wiederholte Erzählung über die Reformation verbindet Luther und seine Mitstreiter mit der Neuzeit, mit Vorstellungen von Freiheit und moderner Kultur. Volker Leppin zeigt andere Hintergründe auf: Luthers reformatorische Entwicklung vollzog sich durch die Lektüre spätmittelalterlicher Mystiker. Ihnen verdankt er tiefe Einsichten – bis hin zu den Grundlagen seiner 95 Thesen gegen den Ablass vom 31. Oktober 1517. So erscheint die Reformation viel mittelalterlicher, viel fremder als gewöhnlich – und gerade darin als anregend.

  

Prof. Dr. Volker Leppin (geb. 1966) war nach dem Studium in Marburg, Jerusalem und Heidelberg von 2000-2010 Inhaber des Lehrstuhls für Kirchengeschichte an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena und ist seit 2010 Inhaber des Lehrstuhls für Kirchengeschichte an der Ev.Theol. Fakultät Tübingen sowie Direktor des Instituts für Spätmittelalter und Reformation. Er ist ordentliches Mitglied der Heidelberger Akademie der Wissenschaften und korrespondierendes Mitglied der Sächsischen Akademie der Wissenschaften. Seine zahlreichen Veröffentlichungen widmen sich dem Zusammenhang von Mittelalter und Reformation.