Uni-Tübingen

Newsletter Uni Tübingen aktuell Nr. 3/2018: Schwerpunkt

Moralisierung von Migration

Exploration Fund "Flüchtlingsunterkünfte. Zwischen modus vivendi und bedrohter Ordnung"

Im Rahmen der Plattform 4 “Bildung – Gesellschaft – Normen – Ethische Reflexion“ der Universität Tübingen können sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler halbjährlich auf „Exploration Funds“ bewerben. Dieses Förderformat dient der Identifizierung und Entwicklung neuer Forschungsthemen. Einer der 2016 bewilligten Exploration Funds ist das Projekt "Flüchtlingsunterkünfte. Zwischen modus vivendi und bedrohter Ordnung". Es wurde von Professor Dr. Boris Nieswand und Dr. Elif Alp-Marent vom Institut für Soziologie bearbeitet. 

Ziel der Studie war, einen thematischen Zuschnitt für zukünftige Forschungstätigkeiten rund um die Unterkünfte von Flüchtenden und das jeweilige Umfeld zu erarbeiten. „Im Rahmen dieses Projekts konnten wir Forschungsfelder bestimmen, für deren Bearbeitung wir nach Auslaufen des zweijährigen Exploration Funds nun Gelder bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) beantragt haben“, erklärt Nieswand. Bei der „2. Konferenz des Netzwerks Flüchtlingsforschung“ (https://fluechtlingsforschung.net/konferenz2018/) an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt haben Elif Alp-Marent und Boris Nieswand ihre Ergebnisse kürzlich im Rahmen eines Panels zum Thema „Morality and Forced Migration“ präsentiert.

Insgesamt führte das Team um Boris Nieswand und Dr. Elif Alp-Marent in sechs Orten in Baden-Württemberg rund 30 Interviews mit Mitarbeitern aus Stadtverwaltung und Landratsamt, Ehrenamtlichen und Geflüchteten. Elif Alp-Marent nahm ergänzend an vielen Treffen von Flüchtlingskreisen und anderen Veranstaltungen für Geflüchtete teil. 

Moralisierung von Migration

„Das Thema Integration hat sich in den Interviews als zentral herausgestellt. Wir konnten dabei eine starke Moralisierung von Migration beobachten“, beschreibt Boris Nieswand die Ergebnisse. Es sei von den Befragten oft als wichtig angesehen worden, wie Geflüchtete von staatlichen Transferleistungen unabhängig werden können. Außerdem sei in den Interviews Wert darauf gelegt worden, wie Geflüchtete zu tatsächlichen oder vermeintlichen gesellschaftlichen Grundwerten stehen. Vor allem sei es den Anwohnern aber um die Frage „guter Nachbarschaft“ gegangen.

„Während die befragten Mitarbeiter des Arbeitsamtes natürlich vor allem ein Interesse daran haben, dass Geflüchtete in Arbeit kommen und nicht mehr von Transferleistungen abhängig sind, beschäftigen die Bevölkerung eher Fragen zum ganz alltäglichen Zusammenleben“, so Nieswand. Darüber seien dann moralische Vorstellungen ins Spiel gekommen, wie gutes Zusammenleben funktionieren soll. „Integration“ sei die konventionelle Antwort auf die Frage gewesen, wie gutes Zusammenleben gelingen kann. „Die Standards und Erwartungen, die damit etwa im Hinblick auf Regeleinhaltung, Teilnahme an öffentlichen Festen oder Dankbarkeit formuliert wurden, werden von den Eingesessenen selbst allerdings auch nur teilweise erfüllt“, meint Nieswand. „Diese Ansprüche werden aber dann herangezogen, um Geflüchtete als moralisch gut oder schlecht zu bewerten und letztlich zu hierarchisieren.“ 

Face-To-Face-Kontakte verlieren in der Gesellschaft an Bedeutung

„Die Frage der Moralisierung war sehr interessant für uns, da der Integrationsdiskurs eigentlich aus der Soziologie kommt, nun aber von jedermann und jederfrau benutzt wird. Hinter der Frage, was Integration grundsätzlich sein soll, steht ein soziologisches Theoriemodell. In den kleinen Orten wird sie oft als eine Art moralische Bewährung verstanden. Auch wenn dies aus der Perspektive der Eingesessenen verständlich ist, lassen sich aus soziologischer Sicht Zweifel daran formulieren, inwieweit der Zusammenhalt von Gesellschaft von Face-To-Face-Kontakten, wie etwa Vereinsaktivitäten oder Dankbarkeit abhängt,“ erläutert Nieswand. „Da greifen oft abstraktere Mechanismen der Inklusion. Vertrauen wir beispielsweise darauf, dass Gerichte tatsächlich Recht sprechen, die Polizei gegen Kriminalität vorgeht oder höhere Bildungsabschlüsse tatsächlich bessere Berufschancen eröffnen?“

Für Nieswand und sein Team schließt sich daran die Frage an, welche längerfristigen Konsequenzen die moralischen Unterscheidungen zwischen Geflüchteten für deren Lebensläufe haben, etwa hinsichtlich der Wohnungsvergabe oder bei der Bewerbung für Arbeitsstellen. 

„Eine wichtige Erkenntnis ist für mich zudem, dass die Frage nach den Effekten von Moralisierung auf Migrationsprozesse in der Forschung bisher empirisch vernachlässigt wurde. Dies liegt unter anderem daran, dass auch im wissenschaftlichen Bereich der Integrationsdiskurs oft moralisch konnotiert ist. Es wird normativ argumentiert, statt nach den Konsequenzen dieser Normativität zu fragen“, so Boris Nieswand.  

Johannes Baral