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Der beidhändige Philosoph

Hebraist, Astronom, Mathematiker, Kartograph und Erfinder der Rechenmaschine – Wilhelm Schickard (1592–1635) war nicht nur als ein herausragender Gelehrter seiner Epoche, sondern auch ein begnadeter Konstrukteur.  Zum Beispiel entwarf er für seine Hebräisch-Studenten eine Lernhilfe aus aufeinander liegenden, drehbaren Scheiben mit Verben und Endungen – das Rota Hebræa –, das zusammen mit dem Horologium Hebraeum über seinen frühen Tod hinaus zum internationalen Bestseller avancierte. Selbst Isaac Newton besaß ein Exemplar. Ebenfalls zu einem Bestseller entwickelte sich das Astroscopium, eine konisch geformte Himmelskarte, die das Auffinden der Sternbilder erleichterte. Die Bewegungen von Sonne, Erde und Mond veranschaulichte Schickard dagegen mit einem mechanischen Handplanetarium. Beides ist im nebenstehenden Portrait festgehalten. Buchstäblich en passant vermaß Schickard während seiner Tätigkeit als Schulaufseher die württembergische Heimat und erstellte Karten mit einer bis dahin und auch lange Zeit danach unerreichten Genauigkeit. Und schließlich die Rechenmaschine für den Freund Johannes Kepler, eine zu dieser Zeit intellektuell und handwerklich einzigartige Leistung, die durch die Katastrophe des Dreißigjährigen Kriegs lange in Vergessenheit geriet.

Der Fachbereich Informatik trägt als "Wilhelm-Schickard-Institut" daher mit Stolz den Namen dieses großen Kollegen und Pioniers der Informatik.

Stationen im Leben von Wilhelm Schickard

1592

Am 22. April wird Wilhelm Schickard in Herrenberg nicht weit von Tübingen geboren.

Er besucht die Lateinschule in Herrenberg, das fürstliche Alumnat in Bebenhausen und kommt dann in das theologische Stift in Tübingen – der übliche Bildungsweg für einen Theologen.

1614

Diakon in Nürtingen

1617

Eine lange währende Freundschaft mit dem zwanzig Jahre älteren, in Linz lehrenden Johannes Kepler (1571–1630) beginnt. Dieser lobt Schickards sowohl wissenschaftliche als auch praktische Fähigkeiten und nennt ihn einen "Beidhändigen Philosophen".

1619

Professur für Hebräisch und andere biblische Sprachen an der Universität Tübingen

1623
Erfindung der "Rechen-Uhr"

Lange vor Pascal und Leibniz erfindet Schickard eine Rechenmaschine, die bereits Addition, Subtraktion, Multiplikation und Division im 6-stelligen Bereich beherrscht. Ihre Besonderheit ist der automatische Zehnerübertrag. Es werden zwei Exemplare angefertigt, wovon das Exemplar für Kepler jedoch bei einem Werkstattbrand vernichtet wird.

1631

Professur für Astronomie, Mathematik und Geodäsie an der Universität Tübingen (Nachfolge von Michael Mästlin)

1635
Tod durch die Pest

In der Anfangszeit des Dreißigjährigen Kriegs konnte sich die Stadt Tübingen durch hohe Geldzahlungen vor Zerstörung bewahren. Doch nach der verlorenen Schlacht von Nördlingen im Jahr 1634 quartieren sich kaiserliche Truppen in Tübingen ein und bringen die Pest mit. Zuerst rafft die Seuche Schickards Frau und seine drei Töchter dahin. Schickard selbst erkrankt ebenfalls, kann sich aber zunächst erholen. Im Herbst 1635 erkrankt er aber erneut und stirbt am 23. Oktober, wenige Tage vor seinem neunjährigen Sohn Gottlieb. 

Nach dem Pest-Tod von Wilhelm Schickard und seiner Familie geht das Wissen um die Rechenmaschine und Schickards Exemplar in den Wirren des Dreißigjährigen Kriegs verloren.

Literaturhinweise