Uni-Tübingen

Auswahl geförderter Projekte aus dem Athene Programm

Hier finden Sie eine Auswahl von spannenden Projekten der Athene-Stipendiatinnen aus den Förderjahren 2020/ 2021

Ines Wolz - Klinische Psychologie und Psychotherapie

Transdiagnostische und störungsspezifische selektive Reizverarbeitung bei dimensionaler Erhebung von Depressivität, Essstörungspsychopathologie und Nikotinabhängigkeit

Psychische Störungen sind mit Veränderungen im Denken, Wahrnehmen und Fühlen verbunden, was auch zur Aufrechterhaltung dieser Störungen beitragen kann. Diese Prozesse können als „transdiagnostisch“ bezeichnet werden, da sie für unterschiedliche psychische Störungen relevant sind. Bisherige Forschungsergebnisse zeigen, dass das Vorliegen einer psychischen Erkrankung mit einer veränderten Wahrnehmung von Umweltreizen einhergeht, was als „selektive Verarbeitung“ benannt wird. Eine selektive Verarbeitung von bestimmter Information führt zu entsprechenden Konsequenzen für Verhalten, Stimmung und Gedanken, beispielsweise könnte die selektive Wahrnehmung negativer Informationen zu sozialem Rückzug und niedergeschlagener Stimmung führen.

In der aktuellen Studie soll untersucht werden, in wie fern sich Depressivität, Essstörungspsychopathologie und Nikotinabhängigkeit auf die Verarbeitung von unterschiedlichen Bildern auswirken. Ein Verständnis der diesen Störungen zugrundeliegenden Mechanismen kann helfen, die Therapie der genannten Störungen zu verbessern und somit Betroffenen helfen aus dem Teufelskreis zwischen Beachtung bestimmter Reize und den damit verbundenen Konsequenzen herauszukommen.

Die Förderung durch Athene ermöglicht mir die Verwirklichung dieses Projekts, den Austausch und die Vernetzung mit anderen Wissenschaftlerinnen und die Einbettung meiner Forschung in einen größeren Kontext.

https://uni-tuebingen.de/de/97566

Anna Katharina Heiniger - Skandinavistik

Nú er at segja frá: Von der Analyse der Erzählstimme hin zu einer Poetologie des altnordischen Sagaerzählens

In meinem Postdoc-Projekt befasse ich mich mit einer Untersuchung der Erzählstimme in den altnordischen Sagas. Im Fokus steht dabei die Frage, ob mittels einer Analyse der scheinbar zurückhaltenden Erzählstimme eine Poetologie der Sagas extrahiert werden kann. Der Innovationscharakter des Projektes liegt einerseits in der Spannweite der berücksichtigten Äusserungen der Erzählstimme und andererseits in der Methodologie. Es werden Kommentare der Erzählstimme miteinbezogen, die ein breites Spektrum an narratologischen Funktionen abbilden. Auf Grund dieser Datengrundlage wird es mir möglich sein, Aussagen über die narratologische Gestaltung einzelner Sagas und Sagagenres zu treffen. Methodisch werde ich in einem ersten Schritt die Erzählstimme in einer Auswahl von Sagas mittels einer Software quantitativ kategorisieren und erfassen (> siehe Bild). Danach möchte ich durch die qualitative Analyse eine Poetologie des Sagaerzählens herauskristallisiere; weder ist eine Poetik des Sagaerzählens überliefert, noch ist bislang eine solche Poetologie erarbeitet worden. Meine ersten Ergebnisse legen nahe, dass die Sagas differenziert narratologisch und poetologisch gestaltet sind. Die Erzählstimme ist sich ihrer Wirkmacht als strukturierende und lenkende Instanz bewusst und unterstreicht mit ihrer Vielgestaltigkeit zusätzlich den individuellen Charakter einer Saga.

Meine Motivation für die Athene-Bewerbung:

Ich war noch relativ neu an der Uni Tübingen als ich mich im Oktober 2019 für Athene bewarb und sah/sehe darin ein tolles Angebot für promovierte Wissenschaftlerinnen, sich ausserfachlich gezielt weiterzubilden, zu vernetzen und Beratung und Unterstützung zu erhalten. Die zugesprochenen Gelder animieren dazu, eigene Veranstaltungen o.ä. auf die Beine zu stellen und sich auch auf diese Weise im akademischen Milieu zu präsentieren und etablieren.

https://uni-tuebingen.de/de/161572

 

Silvia Amicone - Geowissenschaften

GRAPHTEC Projekt. Graphitbemalte Keramik des Balkans aus neolithischer/chalkolithischer Zeit: Eine archäometrische Untersuchung zur Keramiktechnologie und Innovationsprozessen im prähistorischen Europa

Graphitverzierungen sind ein markantes Dekorelement, das nahezu im gesamten Balkanraum während des 5. Jahrtausends v. Chr. auf Keramiken angetroffen werden kann. Ziel dieser interdisziplinären Studie ist, die Technologie der graphitverzierten Keramik sowie ihre Verbreitung auf dem Balkan besser zu verstehen. Dabei liegt der Fokus auf den spätneolithischen und chalkolithischen Keramikfunden mehrerer archäologischer Stätten entlang des Struma-Tals (Griechenland und Bulgarien) sowie der angrenzenden Regionen. Besonders die dabei erkennbaren Adaptions- und Transferprozesse hinsichtlich der Technologien und des Ideenguts sind für die Archäologie von großem Interesse. Ermöglicht werden solche Einblicke durch die Untersuchung kultureller und ökonomischer Netzwerke, insbesondere unter Berücksichtigung der zugrundeliegenden technologischen Merkmale und der notwendigen Fähigkeiten innerhalb gesellschaftlicher Gruppen. Durch die Fokussierung auf Innovations-, Adaptions- und Transferprozesse von technologischem Wissen wird dieses Projekt nicht nur denjenigen, die den prähistorischen Balkan untersuchen, sondern auch anderen archäologischen Disziplinen als Referenzwerk dienen können.

Das Athene-Programm war beim Start dieses Projekts eine wichtige Unterstützung und bot hervorragende Möglichkeiten meine Karriereentwicklung durch Coaching-Maßnahmen zu stärken. Darüber hinaus gab es mir die einmalige Gelegenheit, meine Netzwerke mit anderen Wissenschaftlerinnen über verschiedene Disziplinen hinweg zu erweitern.

https://silviaritaamicone.academia.edu/

Jose Hurst - Augenheilkunde

Aptamer-basierte Therapien für neurodegenerative Erkrankungen der Retina

Degenerationsprozesse der Retina, wie sie unter anderem bei der altersbedingten Makuladegeneration, dem Glaukom oder der Retinitis Pigmentosa auftreten, resultieren im Tod essentieller neuronaler Zellen wie Ganglienzellen oder Photorezeptoren und können somit bis zur Erblindung führen. Aufgrund der multifaktoriellen Ursachen und der unterschiedlichen betroffenen Gene sind gezielte Therapien bei diesen Erkrankungen oft schwierig. Die Behandlung erfolgt daher meist nur symptomatisch z.B. durch Prävention oder Reduzierung des Zelltods. Aptamere, welche spezifisch an ihre Zielmoleküle binden und so neuroprotektive Effekte ausüben, bieten die Möglichkeit neue Therapieoptionen für retinale Erkrankungen zu entwickeln. Das Projekt zielt darauf ab, das Verständnis der zugrunde liegenden molekularen Pathomechanismen retinaler Degenerationserkrankungen auszubauen und neuartige Therapieoptionen auf der Basis zweier Aptamere zu generieren. Das erste Aptamer aktiviert über eine Rezeptorbindung die Signalkaskade neurotropher Wachstumsfaktoren. Die Wachstumsfaktor-basierte Therapie ist auch bei anderen neurologischen Erkrankungen ein experimentell vielfach erfolgreich untersuchter Ansatz. Das zweite Aptamer bindet und inhibiert einen zentralen Regulator der Apoptose und soll somit den finalen Zelltodweg reduzieren. An verschiedenen retinalen Organkultur-Modellen, mit denen die Pathogenese dieser Erkrankungen simuliert werden kann, wird die neuroprotektive Wirkung auf molekularer und physiologischer Ebene getestet. Eine gute berufliche Vernetzung ist aufgrund des breiten Spektrums an Methoden und Disziplinen, die dieses Projekt abdeckt, besonders wichtig. Das Athene Programm bietet mir durch Workshops, Erfahrungsaustausch und finanzielle Förderung genau die Unterstützung, die ich für die Entwicklung meiner wissenschaftlichen Karriere benötige.

http://www.eye-tuebingen.de/clinical-research-labs/schnichelslab/members/jose-hurst/

Reihaneh Mostolizadeh - Systembiologie und Mathematik

The portrayal of the nasal microbial interactome: Mathematical and Biological challenges of the nasal microbiome landscape

As the interface between the external world and the human body, the human nose is the main entry point for numerous pathogens and commensal bacteria. The composition and homeostasis of the nasal microbiome profoundly impact the development of infectious diseases. Surprisingly, the contribution of many nasal microorganisms to human health remains undiscovered. The severity of world-wide infections with hardly treatable pathogens motivates us to construct a community-level network of microbial species that populate the human nose. Our large-scale network reconstruction approach started with an extensive literature search for observed nasal microbes. By applying an analysis tool on the collected data, we created an initial interaction network of nasal microbes. This network became the foundation for formulating a mathematical model to accurately estimate the interaction parameters and get an efficient and detailed biological interpretation of the nasal microbiome. Next, we will examine the mathematical behavior of the network and its stability in response to perturbations. Furthermore, experimental data will be used to validate the predicted results. Our endeavor will ultimately deepen our understanding of the interactions within the nasal microbial community and their role in homeostasis, health, and disease. This project is driven by the vision of a future in which, based on modeling, the interspecies interactions can be controlled to benefit human health. The Athene grant can move this project forward in a timely manner. I am thankful for the beneficial training, workshops, and personal coaching about fundamental career development that it provides.

https://uni-tuebingen.de/en/134065

Beatrice von Lüpke - germanistische Mediävistik

Die Erzählung von Adam und Eva gehört zu den Geschichten, deren Kenntnis man auch heute noch voraussetzen kann. Weit weniger bekannt ist, dass es im Mittelalter bis in die Frühe Neuzeit hinein zahlreiche Erzählungen, Gedichte und Schauspiele gab, die diese biblische Geschichte über die Vertreibung der beiden Ureltern aus dem Paradies hinaus nach- und weiterdichten. Man erfährt, dass Adam und Eva Hunger leiden, dass sie beide ihr Vergehen bitterlich bereuen und Buße zu leisten versuchen, indem sie wochenlang nackt in einem Fluss stehen. Als die Buße misslingt und das Paradies für beide endgültig verloren ist, müssen sie lernen mit der Welt umzugehen und erleben Grunderfahrungen des Menschseins (Geburt, Krankheit, Tod) zum ersten Mal. Um diese mittelalterliche apokryphen Adam-und-Eva-Tradition geht es meinem Habilitations-Projekt. Ich möchte deren Zeugnisse systematisch erschließen und in Abhängigkeit von sich wandelnden historischen Kontexten interpretieren. Mein Interesse an diesen Texten ergibt sich vor allem aus ihrer sozialen Bedeutsamkeit und der anthropologischen Fundamentalität ihrer Themen: Mit dem Erzählen von den Anfängen der Menschheit verbindet sich eine Reflexion darüber, was der Ursprung des Menschen ist, was sein Wesen ausmacht und wie sich sein Verhältnis zu transzendenten Mächten beschreiben lässt.

Da ich bereits während meiner Zeit als Doktorandin das Gespräch mit Wissenschaftler*innen anderer Disziplinen als gewinnbringend erfahren habe, freut es mich sehr, dass ich diesen interdisziplinären Austausch und die Vernetzung im Rahmen des Athene-Programms fortsetzen kann und darüber hinaus in so vielfältiger und nicht allein finanzieller Form in meiner wissenschaftlichen Laufbahn unterstützt werde.