Uni-Tübingen

Auswahl geförderter Projekte aus dem Athene Programm

Hier finden Sie eine Auswahl von spannenden Projekten der Athene-Stipendiatinnen

Laura Camus - Ernährungsbedingte Wechselwirkungen in der nasalen Mikrobiota

Die asymptomatische nasale Besiedlung mit Staphylococcus aureus erhöht das Infektionsrisiko, so dass die Faktoren, die eine Besiedlung der Nasenhöhle durch S. aureus ermöglichen, dringend erforscht werden müssen. In diesem Zusammenhang wurde die Rolle der ansässigen Mikrobiota bei der Schaffung eines günstigen oder feindlichen Nährstoffmilieus für S. aureus lange Zeit vernachlässigt. Es ist bekannt, dass der Wettbewerb um Ressourcen, die Besiedlung von Krankheitserregern in der Darm- und Hautmikrobiota, beeinflusst, was darauf schließen lässt, dass ein ähnliches Phänomen die Persistenz von S. aureus in der Nasenhöhle beeinflussen könnte.

 

Meine Forschung konzentriert sich auf die Identifizierung der wichtigsten ernährungsbedingten Interaktionen zwischen den bakteriellen Nasenbewohnern und deren Auswirkungen auf die Physiologie von S. aureus. Zu diesem Zweck kombinieren wir Ansätze der Sequenzierung, des Stoffwechselscreenings, der Ko-Kultivierung und der Zeitraffermikroskopie mit einer neu zusammengestellten Sammlung von 291 nasalen Bakterienisolaten. Wir erwarten, dass wir die nasalen Spezies und Ernährungsausschlussmechanismen, die die Vermehrung von S. aureus einschränken, aufdecken und so den Weg für die Entwicklung neuer Strategien zur Verhinderung der Besiedlung der Nasenhöhle durch S. aureus ebnen können.

 

Die Unterstützung durch das Athene-Stipendium ermöglicht es mir, ergänzende Kompetenzen in den Bereichen Forschungsmanagement, Karriereplanung und wissenschaftliche Kommunikation zu entwickeln, aber auch mein wissenschaftliches Netzwerk zu erweitern und meine akademische Karriere voranzutreiben. Dies ist dank des breiten Spektrums an Veranstaltungen möglich, die durch das Programm finanziert oder organisiert werden, wie z. B. die Teilnahme an Workshops, Konferenzen und Besuche in Labors, die von international anerkannten Frauen geleitet werden. 

 

 

Online CV: https://www.linkedin.com/in/laura-camus-5325611a4/?locale=en_US

Matilde Manzaroli

Mein hauptsächlicher mathematischer Hintergrund basiert auf reeller algebraischer Geometrie. Im Laufe der Jahre habe ich herausgefunden, dass dieses Gebiet eng mit tropischer, enumerativer und symplektischer Geometrie verwandt ist. Daher richte ich meine Forschung auf einige Fragen aus, die in der Schnittmenge dieser unterschiedlichen und gleichzeitig ähnlichen Themen leben. Im April 2021 wurde ich Research Postdoctoral Fellow an der Universität Tübingen. Ich gehöre zur Arbeitsgruppe Kombinatorische Algebraische Geometrie von Prof. Hannah Markwig an der Fakultät für Mathematik. Ich würde sagen, es braucht sehr wenig, um einen Mathematiker glücklich zu machen, wir brauchen keine experimentellen Laborgeräte oder spezielle Arbeitsräume, um zu forschen. Andererseits braucht ein Mathematiker die Möglichkeit, persönlichen Kontakt zu anderen Mathematikern zu haben. Auf einer Konferenz neue Leute kennenlernen, eine konkrete Vorstellung davon haben, was ein Kollege einem wirklich sagt und sich frei fühlen, stundenlang zusammen zu sein, ohne dass der Alltag einem in die Quere kommt, ist fast unmöglich, wenn man nur Kontakt zu Kollegen hat durch den Computer. Es ist nicht möglich, einen zufriedenstellenden Ersatz für irgendeine dieser menschlichen Erfahrungen zu finden, nichts kann persönliche Treffen ersetzen und wie relevant sie für jeden Mathematiker sind, um ihre/seine Forschung fortzusetzen. Daher habe ich mich, obwohl Tübingen ein hervorragendes Forschungsumfeld bietet, für ein Athene Grant beworben, um gerade nach der Pandemie mehr reisen zu können. Ich habe diese Gelegenheit genutzt und freue mich sehr, mit meinen Forschungsmitarbeitern zusammenarbeiten und auch neue Mitarbeiter gewinnen zu können.

http://matilde.manzaroli.perso.math.cnrs.fr/pdf/cv/CV_manzaroli_english.pdf

Mirjam Sigmund – Normverschiebungen im aktuellen Französisch? – Einflüsse des français parlé in französischen online-Zeitungstexten

Droht dem Französischen ein ähnliches Schicksal wie dem Lateinischen, d.h. der Sprachtod? Betrachtet man die lateinisch-romanische Sprachgeschichte genauer, erkennt man schnell Parallelen zur französischen Sprachgeschichte in Bezug auf das Auseinanderdriften unterschiedlicher sprachlicher Varietäten: So entwickelt sich die Varietät, die in der Alltagskommunikation verwendet wird („Vulgärlatein“ – français parlé) durch Sprachwandelprozesse weiter und entfernt sich zunehmend von der in Wörterbüchern und Grammatiken kodifizierten relativ starren Norm der Standardsprache („klassisches Latein“ – français écrit, bon usage), die in formellen Situationen verwendet wird.

In meinem Habilitationsprojekt gehe ich der Frage nach, ob sich in französischen online-Zeitungen Tendenzen zeigen, die eine Annäherung von français écrit und français parlé vermuten lassen und die folglich die Prognose des drohenden Sprachtodes widerlegen oder abmildern würden.

Eine solche Vermutung liegt nahe, da sich durch Einführung des Internets und vor allem des web 2.0, das eine viel stärkere Partizipation unterschiedlicher Kommunikationsteilnehmer*innen fördert, die Kommunikationsbedingungen verändert haben, welche wiederum die Formulierung sprachlicher Äußerungen beeinflussen. So ist im Rahmen von Korpusanalysen zu untersuchen, ob sich in den Zeitungsartikeln gehäuft Phänomene finden, die ursprünglich als „mündlich“ markiert waren.

Das Athene-Programm empfinde ich als sehr bereichernd, da mir die auf eine Wissenschaftskarriere ausgerichteten Workshops und Coachings sowie der Austausch mit Kolleginnen, die sich auch in der Postdoc-Phase befinden und vor ähnlichen Herausforderungen stehen, hilfreiche und motivierende Impulse für meine eigene Karriereplanung geben.

 

https://uni-tuebingen.de/fakultaeten/philosophische-fakultaet/fachbereiche/neuphilologie/romanisches-seminar/personal/lehrkoerper/sigmund/

Lara Torralbo-Campo - Physics

Im elektromagnetischen Spektrum gab es für den Frequenzbereich von 0,1 bis 10 THz lange Zeit keine praktischen Sender und Detektoren. Dies wurde gemeinhin als "Terahertz-Lücke" bezeichnet. Die Entwicklung praktischer THz-Technologie würde es ermöglichen, die einzigartigen Eigenschaften der THz-Strahlung zu nutzen, nämlich die starke und nicht-invasive Durchdringung und die Frequenzen, die mit den Absorptionsbanden vieler nützlicher Materialien und Moleküle in Resonanz stehen. Erfreulicherweise wurden in den letzten zwei Jahrzehnten enorme technologische Fortschritte bei THz-Quellen erzielt, z. B. durch die Entwicklung von Quantenkaskadenlasern (QCL). Im Gegensatz zu diesen erfolgreichen Bemühungen um die Entwicklung neuer Quellen gab es jedoch einen erheblichen Mangel an praktischen Detektoren.

 

In meiner Forschung versuche ich, diese Technologielücke zu schließen, indem ich verschiedene Bereiche und Techniken zusammenbringe, um eine Art THz-Detektor zu entwickeln, der optische Spektroskopie an einem Atomdampf mit Rydberg-Atomen nutzt. Dies wird eine optische In-situ-Messung mit empfindlicher und schmalbandiger Detektion ermöglichen, da diese Atome als Antennen fungieren und präzise Messungen des elektrischen Feldes ermöglichen. Der Nachweis wird mit einer QCL-Quelle getestet.

 

Das Athene Grant unterstützt meine Forschung, indem es mir ermöglicht, an Konferenzen teilzunehmen, auf denen ich meine Arbeit präsentieren kann, und einen Forschungsassistenten einzustellen, der meine Vereinbarkeit von Familie und Beruf unterstützt. Außerdem bietet mir das Stipendium Fortbildungen, Workshops, persönliches Coaching und die Möglichkeit, mich mit anderen Frauen an der Universität zu vernetzen.

 

Madhuri Salker - New Insights into Reproductive Failure

Reproduktionsversagen beim Menschen (einschließlich Unfruchtbarkeit und Fehlgeburten) betrifft eines von sechs Paaren weltweit und wird zu einem ernstzunehmenden sozioökonomischen Problem. Eine menschliche Schwangerschaft erfordert lediglich die Einnistung eines Embryos in die Gebärmutterschleimhaut – dennoch können viele unbekannte oder deregulierte Faktoren eine Einnistung verhindern. Ohne die eigentliche Ursache zu verstehen, wird die Behandlung von Reproduktionsstörungen oft zu einem Ratespiel. Die meisten mit der Implantation zusammenhängenden Ereignisse sind noch unerforscht, was die Implantation zu einer echten „Black Box“ in der Biologie macht.

Meine Forschung konzentriert sich auf Fehlgeburten, wenn ein Embryo oder Fötus die 20. Schwangerschaftswoche nicht überlebt. Eine Fehlgeburt tritt normalerweise früh in einer Schwangerschaft auf – 8 von 10 Fehlgeburten ereignen sich in den ersten 3 Monaten. Viele Menschen erleben diese Art von Schwangerschaftsverlust. Tatsächlich enden 10-20 % der Schwangerschaften mit einer Fehlgeburt. Aber obwohl eine Fehlgeburt häufig vorkommt, kann sie emotional sehr belastend sein. Es kann schwierig sein, genau zu erfahren, warum eine Fehlgeburt passiert ist, und die Forschung auf diesem Gebiet ist begrenzt.

Die zentralen Fragen, mit denen ich mich in meiner Forschung befassen möchte, sind erstens, wie die Gebärmutterschleimhaut Embryonen „erkennt“ und zweitens, wie diese Auswahl von der mütterlichen Uterusmikroumgebung beeinflusst wird. Kombiniert mit Single-Cell-Sequencing (NGS) der nächsten Generation, Calcium-Influx-Messungen in lebenden Zellen, hochauflösender Bildgebung und Multi-Crispr/Cas9-Genom-Editierung; schlagen wir vor, (I) maternal-embryonale phänotypisch-genomische Signaturen zu integrieren, um das Risiko eines Implantationsversagens zu stratifizieren; (II) Aufdecken, welche Hinweise an die Mutter gegeben werden.

Aufgrund der breiten methodischen und fachlichen Bandbreite dieses Projekts ist eine gute fachliche Vernetzung besonders wichtig. Das Athene-Programm bietet mir durch Workshops, Erfahrungsaustausch und finanzielle Unterstützung genau die Unterstützung, die ich brauche, um meine wissenschaftliche Karriere voranzutreiben.

https://www.medizin.uni-tuebingen.de/de/das-klinikum/mitarbeiter/profil/1806

Aleksandra Konarzewska - Historytelling. Narrating the Past in Contemporary Polish Gonzo Literature

Das Projekt untersucht die Darstellung der jüngsten Vergangenheit Ost- und Mitteleuropas in den Werken der wichtigsten Vertreter der zeitgenössischen polnischen Nonfiction-Literatur, die als „Gonzo“ bezeichnet wird.  Ich analysiere, wie polnische Gonzo-Autoren (es gibt interessanterweise keine Frau* unten ihnen) Erzählungen über die jüngste Vergangenheit auf eine Art und Weise konstruieren, die sich den vorherrschenden historischen Diskursen entzieht.

Gonzo-Nonfiction, die Mitte und Ende der 1960er Jahre aus dem amerikanischen New Journalism hervorgegangen ist, zeichnet sich durch Subjektivität, Ich-Erzählung, Umgangssprache, eine Perspektive „von unten“, ausführliche Dialoge und Sarkasmus aus. In Polen gelingt es den Gonzo-Reiseberichten, literarische Geschichten zu verfassen, die dank ihres metonymischen Potenzials dominante Diskurse über die jüngste Geschichte (einschließlich der jüngsten „illiberalen Wende“ in der Politik) in Frage stellen können. Die Autoren konzentrieren sich auf lokale Kuriositäten, unerwartete Phänomene der Grenzprovinzen, Nationalismen der „kleinen Nationen“ und ihre ungewöhnlichen Erscheinungsformen sowie auf die Paradoxien etablierter Diskurskategorien. Die Gonzo-Stilistik ermöglicht es ihnen, unbequeme Themen mit Ironie zu mischen und sich auf die erzählte Geschichte selbst zu konzentrieren.

In meiner Arbeit konzentriere ich mich auf die Art und Weise, wie polnische Gonzo-Autoren Stereotypen in Bezug auf Klassen- und Geschlechteridentitäten wiederverwenden und auflösen und mit Fragen zu ethnischen, nationalen und politischen Identitäten spielen. Dabei berücksichtige ich Männlichkeitsstudien, die Theorie der Geschichtsschreibung („revival oft the narrative“), den spatial turn und postkoloniale Studien.

 

Zum Athene-Stipendium:

Ich bin der festen Überzeugung, dass die interdisziplinäre Vernetzung und die Mentoring-Perspektiven im Rahmen des Athene-Programms eine wesentliche Bereicherung für meine Forschungsmöglichkeiten und meine Karriereplanung darstellen werden. 

 

Melanie Nagel - Politische Aushandlungsprozesse und Wissensstrukturen bei der kollektiven Lösung komplexer Umweltprobleme

In meiner Habilitation untersuche ich politische Aushandlungsprozesse und Wissensstrukturen bei der kollektiven Lösung komplexer Umweltprobleme. Der Klimawandel, der Verlust der Biodiversität und Luftverschmutzung gehören aktuell zu den größten Umweltgefahren für die Menschheit. Unzählige wissenschaftliche Studien untermauern diese bevorstehende ökologische Katastrophe. Wenn wir dieses Wissen schon seit Jahrzehnten haben, warum ist es dennoch so schwierig diese lebensbedrohlichen Gefahren abzuwenden? Welche Einflussfaktoren sind wichtig im politischen Entscheidungsprozess? Warum beeinflussen wissenschaftliche Erkenntnisse scheinbar kaum oder nur wenig politische Entscheidungen? Gelingt es einfacher auf lokaler Ebene, wenn die Umwelteinflüsse unmittelbar sichtbar sind, die politischen Weichen in Richtung mehr Nachhaltigkeit zu stellen? Welche Akteure und Netzwerke sind entscheidend im Politikprozess?

Meine Arbeit basiert auf einer relationalen Sichtweise der auf Grundlage der Sozialen Netzwerkanalyse. Die Netzwerkrelationen der Akteure in Verbindung mit Attributen (wie beispielsweise Organisationszugehörigkeit, Diversität, politische Ebene) sind aufschlussreich für die Analyse von Aushandlungs- und Politikprozesse. Hinzu kommt eine diskursanalytische Betrachtungsweise, d.h. die Aushandlung politischer Problemlösungsansätze durch Akteure in verschiedenen Diskursarenen auf Grundlage von Argumenten, Überzeugungen und Ideen. Meine bisherigen Erkenntnisse und Publikationen bestärken mich, dass ich mit meinem Ansatz dazu beitragen kann, diese zentralen Fragestellungen von wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Relevanz zu erforschen.

Meine Motivation für das Athene Grant Programm: In der letzten Phase meiner Habilitation und der anschließenden Bewerbungsphase für eine Professur wünsche ich mir Unterstützung, Vernetzung mit anderen Wissenschaftlerinnen und Beratung (z.B. bei Drittmittelanträgen und Strategien für Bewerbungen). Das Athene Grant Programm ist für mich als Wissenschaftlerin und Mutter von drei Kindern eine hervorragende Chance durch Coaching meine Karriereentwicklung zu stärken.

Jana Matuszak - Sumerische Spotthymnen – Parodie des Preislieds

Mein Habilitationsprojekt widmet sich der Erschließung des bislang unbekannten Corpus der sumerischen Spotthymnen, die vor ca. 4.000 Jahren in Babylonien, dem heutigen Südirak, verfasst wurden. Derzeit sind mindestens vier dieser Hymnenparodien bekannt, allerdings liegen nur zwei in kritischer Edition und Übersetzung vor. Ausgehend von Erst- bzw. Neueditionen aller Texte strebt dieses Projekt die erste systematische Untersuchung dieser einzigartigen Textgruppe an.

Die Spotthymnen zeichnen sich dadurch aus, dass sie die formalen und stilistischen Vorgaben von Hymnen mit durchweg abschätzigem Inhalt füllen. Aus Preisliedern werden so Spottlieder, die Beschimpfungen gegen hässliche, bösartige und inkompetente Charaktere enthalten. Dadurch entwickeln sie auch eine apotropäische Wirkung, die die Missetaten der Besungenen bannen soll. Neben Anklängen an Beschwörungen lassen sich intertextuelle Anspielungen auf sämtliche Genres der sumerischen Literatur nachweisen: von Sprichwörtern bis hin zu rituellen Klagen, Gebeten, Epen und Liebesliedern. Die Spotthymnen gewähren daher wichtige neue Einblicke nicht nur in die Rezeption traditioneller sumerischer Literaturwerke aus dem 3. Jahrtausend v. Chr., sondern auch in die Praktiken der Textproduktion in den intellektuellen Milieus Babyloniens im frühen 2. Jahrtausend v. Chr.

Das Athene-Programm unterstützt mich in meinem Vorhaben nicht nur finanziell, sondern bietet Rahmen und Möglichkeiten für die Vernetzung innerhalb der Universität Tübingen und darüber hinaus. Dies ist insbesondere in Zeiten der Pandemie überaus wertvoll und gewinnbringend.

Katharina Krause - Gottesdienste mit Menschen mit Demenz

Im Rahmen meines Habilitationsprojektes exploriere ich Gottesdienste mit Menschen mit Demenz als Situationen, in deren Vollzug liturgische agency über unterschiedliche Akteurskonstellationen hinweg emergiert. Um diesen Wirkzusammenhängen auf die Spur zu kommen, widme ich mich auch Fragen der praktischen Herstellung von ‚Demenz‘ und ‚Gottesdienst‘ und untersuche beide Prozesse in ihrer wechselseitigen Verwobenheit. Mein Interesse gilt dabei gleichermaßen den Wirkpotentialen von Körpern und Dingen, Räumen, Diskursen und Emotionen. Zu diesem Zwecke schließe ich an praxistheoretischen Heuristiken an und bediene mich einer Vielfalt ethnografischer Zugänge, die neben verschiedenen Formen der teilnehmenden Beobachtung und des Feldgesprächs auch Dokumenten- und Artefaktanalysen umfassen. Das Hauptaugenmerk liegt auf der prozessualen Entfaltung von Handlungsmacht, der methodisch durch tiefe Immersion und sensible Teilnahme an verschiedenen Situationen Pflegeheimalltags entsprochen werden soll.

 

Die Förderung durch das Athene-Programm eröffnet mir Freiräume zur Verwirklichung dieses Projekts, wertvolle Möglichkeiten des solidarischen Austauschs und der Vernetzung mit Wissenschaftlerinnen anderer Fachkulturen und nicht zuletzt auch vielfältige Mittel und Wege zur Positionierung meiner Forschung im internationalen Kontext.

 

Ines Wolz - Klinische Psychologie und Psychotherapie

Transdiagnostische und störungsspezifische selektive Reizverarbeitung bei dimensionaler Erhebung von Depressivität, Essstörungspsychopathologie und Nikotinabhängigkeit

Psychische Störungen sind mit Veränderungen im Denken, Wahrnehmen und Fühlen verbunden, was auch zur Aufrechterhaltung dieser Störungen beitragen kann. Diese Prozesse können als „transdiagnostisch“ bezeichnet werden, da sie für unterschiedliche psychische Störungen relevant sind. Bisherige Forschungsergebnisse zeigen, dass das Vorliegen einer psychischen Erkrankung mit einer veränderten Wahrnehmung von Umweltreizen einhergeht, was als „selektive Verarbeitung“ benannt wird. Eine selektive Verarbeitung von bestimmter Information führt zu entsprechenden Konsequenzen für Verhalten, Stimmung und Gedanken, beispielsweise könnte die selektive Wahrnehmung negativer Informationen zu sozialem Rückzug und niedergeschlagener Stimmung führen.

In der aktuellen Studie soll untersucht werden, in wie fern sich Depressivität, Essstörungspsychopathologie und Nikotinabhängigkeit auf die Verarbeitung von unterschiedlichen Bildern auswirken. Ein Verständnis der diesen Störungen zugrundeliegenden Mechanismen kann helfen, die Therapie der genannten Störungen zu verbessern und somit Betroffenen helfen aus dem Teufelskreis zwischen Beachtung bestimmter Reize und den damit verbundenen Konsequenzen herauszukommen.

Die Förderung durch Athene ermöglicht mir die Verwirklichung dieses Projekts, den Austausch und die Vernetzung mit anderen Wissenschaftlerinnen und die Einbettung meiner Forschung in einen größeren Kontext.

https://uni-tuebingen.de/de/97566

Anna Katharina Heiniger - Skandinavistik

Nú er at segja frá: Von der Analyse der Erzählstimme hin zu einer Poetologie des altnordischen Sagaerzählens

In meinem Postdoc-Projekt befasse ich mich mit einer Untersuchung der Erzählstimme in den altnordischen Sagas. Im Fokus steht dabei die Frage, ob mittels einer Analyse der scheinbar zurückhaltenden Erzählstimme eine Poetologie der Sagas extrahiert werden kann. Der Innovationscharakter des Projektes liegt einerseits in der Spannweite der berücksichtigten Äusserungen der Erzählstimme und andererseits in der Methodologie. Es werden Kommentare der Erzählstimme miteinbezogen, die ein breites Spektrum an narratologischen Funktionen abbilden. Auf Grund dieser Datengrundlage wird es mir möglich sein, Aussagen über die narratologische Gestaltung einzelner Sagas und Sagagenres zu treffen. Methodisch werde ich in einem ersten Schritt die Erzählstimme in einer Auswahl von Sagas mittels einer Software quantitativ kategorisieren und erfassen (> siehe Bild). Danach möchte ich durch die qualitative Analyse eine Poetologie des Sagaerzählens herauskristallisiere; weder ist eine Poetik des Sagaerzählens überliefert, noch ist bislang eine solche Poetologie erarbeitet worden. Meine ersten Ergebnisse legen nahe, dass die Sagas differenziert narratologisch und poetologisch gestaltet sind. Die Erzählstimme ist sich ihrer Wirkmacht als strukturierende und lenkende Instanz bewusst und unterstreicht mit ihrer Vielgestaltigkeit zusätzlich den individuellen Charakter einer Saga.

Meine Motivation für die Athene-Bewerbung:

Ich war noch relativ neu an der Uni Tübingen als ich mich im Oktober 2019 für Athene bewarb und sah/sehe darin ein tolles Angebot für promovierte Wissenschaftlerinnen, sich ausserfachlich gezielt weiterzubilden, zu vernetzen und Beratung und Unterstützung zu erhalten. Die zugesprochenen Gelder animieren dazu, eigene Veranstaltungen o.ä. auf die Beine zu stellen und sich auch auf diese Weise im akademischen Milieu zu präsentieren und etablieren.

https://uni-tuebingen.de/de/161572

 

Silvia Amicone - Geowissenschaften

GRAPHTEC Projekt. Graphitbemalte Keramik des Balkans aus neolithischer/chalkolithischer Zeit: Eine archäometrische Untersuchung zur Keramiktechnologie und Innovationsprozessen im prähistorischen Europa

Graphitverzierungen sind ein markantes Dekorelement, das nahezu im gesamten Balkanraum während des 5. Jahrtausends v. Chr. auf Keramiken angetroffen werden kann. Ziel dieser interdisziplinären Studie ist, die Technologie der graphitverzierten Keramik sowie ihre Verbreitung auf dem Balkan besser zu verstehen. Dabei liegt der Fokus auf den spätneolithischen und chalkolithischen Keramikfunden mehrerer archäologischer Stätten entlang des Struma-Tals (Griechenland und Bulgarien) sowie der angrenzenden Regionen. Besonders die dabei erkennbaren Adaptions- und Transferprozesse hinsichtlich der Technologien und des Ideenguts sind für die Archäologie von großem Interesse. Ermöglicht werden solche Einblicke durch die Untersuchung kultureller und ökonomischer Netzwerke, insbesondere unter Berücksichtigung der zugrundeliegenden technologischen Merkmale und der notwendigen Fähigkeiten innerhalb gesellschaftlicher Gruppen. Durch die Fokussierung auf Innovations-, Adaptions- und Transferprozesse von technologischem Wissen wird dieses Projekt nicht nur denjenigen, die den prähistorischen Balkan untersuchen, sondern auch anderen archäologischen Disziplinen als Referenzwerk dienen können.

Das Athene-Programm war beim Start dieses Projekts eine wichtige Unterstützung und bot hervorragende Möglichkeiten meine Karriereentwicklung durch Coaching-Maßnahmen zu stärken. Darüber hinaus gab es mir die einmalige Gelegenheit, meine Netzwerke mit anderen Wissenschaftlerinnen über verschiedene Disziplinen hinweg zu erweitern.

https://silviaritaamicone.academia.edu/

Jose Hurst - Augenheilkunde

Aptamer-basierte Therapien für neurodegenerative Erkrankungen der Retina

Degenerationsprozesse der Retina, wie sie unter anderem bei der altersbedingten Makuladegeneration, dem Glaukom oder der Retinitis Pigmentosa auftreten, resultieren im Tod essentieller neuronaler Zellen wie Ganglienzellen oder Photorezeptoren und können somit bis zur Erblindung führen. Aufgrund der multifaktoriellen Ursachen und der unterschiedlichen betroffenen Gene sind gezielte Therapien bei diesen Erkrankungen oft schwierig. Die Behandlung erfolgt daher meist nur symptomatisch z.B. durch Prävention oder Reduzierung des Zelltods. Aptamere, welche spezifisch an ihre Zielmoleküle binden und so neuroprotektive Effekte ausüben, bieten die Möglichkeit neue Therapieoptionen für retinale Erkrankungen zu entwickeln. Das Projekt zielt darauf ab, das Verständnis der zugrunde liegenden molekularen Pathomechanismen retinaler Degenerationserkrankungen auszubauen und neuartige Therapieoptionen auf der Basis zweier Aptamere zu generieren. Das erste Aptamer aktiviert über eine Rezeptorbindung die Signalkaskade neurotropher Wachstumsfaktoren. Die Wachstumsfaktor-basierte Therapie ist auch bei anderen neurologischen Erkrankungen ein experimentell vielfach erfolgreich untersuchter Ansatz. Das zweite Aptamer bindet und inhibiert einen zentralen Regulator der Apoptose und soll somit den finalen Zelltodweg reduzieren. An verschiedenen retinalen Organkultur-Modellen, mit denen die Pathogenese dieser Erkrankungen simuliert werden kann, wird die neuroprotektive Wirkung auf molekularer und physiologischer Ebene getestet. Eine gute berufliche Vernetzung ist aufgrund des breiten Spektrums an Methoden und Disziplinen, die dieses Projekt abdeckt, besonders wichtig. Das Athene Programm bietet mir durch Workshops, Erfahrungsaustausch und finanzielle Förderung genau die Unterstützung, die ich für die Entwicklung meiner wissenschaftlichen Karriere benötige.

http://www.eye-tuebingen.de/clinical-research-labs/schnichelslab/members/jose-hurst/

Reihaneh Mostolizadeh - Systembiologie und Mathematik

The portrayal of the nasal microbial interactome: Mathematical and Biological challenges of the nasal microbiome landscape

As the interface between the external world and the human body, the human nose is the main entry point for numerous pathogens and commensal bacteria. The composition and homeostasis of the nasal microbiome profoundly impact the development of infectious diseases. Surprisingly, the contribution of many nasal microorganisms to human health remains undiscovered. The severity of world-wide infections with hardly treatable pathogens motivates us to construct a community-level network of microbial species that populate the human nose. Our large-scale network reconstruction approach started with an extensive literature search for observed nasal microbes. By applying an analysis tool on the collected data, we created an initial interaction network of nasal microbes. This network became the foundation for formulating a mathematical model to accurately estimate the interaction parameters and get an efficient and detailed biological interpretation of the nasal microbiome. Next, we will examine the mathematical behavior of the network and its stability in response to perturbations. Furthermore, experimental data will be used to validate the predicted results. Our endeavor will ultimately deepen our understanding of the interactions within the nasal microbial community and their role in homeostasis, health, and disease. This project is driven by the vision of a future in which, based on modeling, the interspecies interactions can be controlled to benefit human health. The Athene grant can move this project forward in a timely manner. I am thankful for the beneficial training, workshops, and personal coaching about fundamental career development that it provides.

https://uni-tuebingen.de/en/134065

Beatrice von Lüpke - germanistische Mediävistik

Die Erzählung von Adam und Eva gehört zu den Geschichten, deren Kenntnis man auch heute noch voraussetzen kann. Weit weniger bekannt ist, dass es im Mittelalter bis in die Frühe Neuzeit hinein zahlreiche Erzählungen, Gedichte und Schauspiele gab, die diese biblische Geschichte über die Vertreibung der beiden Ureltern aus dem Paradies hinaus nach- und weiterdichten. Man erfährt, dass Adam und Eva Hunger leiden, dass sie beide ihr Vergehen bitterlich bereuen und Buße zu leisten versuchen, indem sie wochenlang nackt in einem Fluss stehen. Als die Buße misslingt und das Paradies für beide endgültig verloren ist, müssen sie lernen mit der Welt umzugehen und erleben Grunderfahrungen des Menschseins (Geburt, Krankheit, Tod) zum ersten Mal. Um diese mittelalterliche apokryphen Adam-und-Eva-Tradition geht es meinem Habilitations-Projekt. Ich möchte deren Zeugnisse systematisch erschließen und in Abhängigkeit von sich wandelnden historischen Kontexten interpretieren. Mein Interesse an diesen Texten ergibt sich vor allem aus ihrer sozialen Bedeutsamkeit und der anthropologischen Fundamentalität ihrer Themen: Mit dem Erzählen von den Anfängen der Menschheit verbindet sich eine Reflexion darüber, was der Ursprung des Menschen ist, was sein Wesen ausmacht und wie sich sein Verhältnis zu transzendenten Mächten beschreiben lässt.

Da ich bereits während meiner Zeit als Doktorandin das Gespräch mit Wissenschaftler*innen anderer Disziplinen als gewinnbringend erfahren habe, freut es mich sehr, dass ich diesen interdisziplinären Austausch und die Vernetzung im Rahmen des Athene-Programms fortsetzen kann und darüber hinaus in so vielfältiger und nicht allein finanzieller Form in meiner wissenschaftlichen Laufbahn unterstützt werde.