Center for Interdisciplinary and Intercultural Studies

Winterakademie 2008

Vom 25. bis 28. Februar 2008 fand am Forum Scientiarum eine Winterakademie mit Professor Kwasi Wiredu zum Thema "Cultural Universals and Particulars" statt. An den vier intensiven Seminartagen stand die Frage nach den universalen Grundlagen einer interkulturellen Verständigung angesichts der Vielfalt sehr unterschiedlicher kultureller Traditionen im Mittelpunkt. Kwasi Wiredu, der selbst aus Ghana stammt und seit 21 Jahren an der University of South Florida in Tampa lehrt, beschreibt Kulturen als jenen historisch kontingenten Sozialkontext, in den hinein ein Mensch geboren wird und durch den ihm die Welt vermittelt wird. Die Mitglieder einer Kulturgemeinschaft müssen so etwas wie "shared meanings" ausbilden, wollen sie überhaupt sinnvoll miteinander kommunizieren. Die menschliche Welt ist also immer eine spezifische Lebenswelt. Zugleich argumentiert Wiredu freilich für die Existenz universaler Prinzipien, die es den Menschen ermöglichen, kulturübergreifend miteinander zu kommunizieren. Das stärkste Indiz für die grundsätzliche Möglichkeit interkultureller Verständigung findet er dabei in der Übersetzbarkeit verschiedener Sprachen ineinander. Grundlage der universalen Prinzipien ist die Biologie des Menschen. Alle Menschen haben die gleichen biologischen Voraussetzungen für kulturelle Interaktion. Da Wiredu Denken und Sprechen als Funktionen des Gehirns ansieht, gewährleistet die gemeinsame biologische Grundlage die prinzipielle Verständigungsmöglichkeit.

Im Laufe der Winterakademie bezog sich Wiredu immer wieder auf das traditionelle Denken der Akan, jener Sprachgemeinschaft im Süden Ghanas, der er selber angehört. Insbesondere mit Blick auf Descartes Unterscheidung zwischen materiellen und geistigen Dingen, an der sich das neuzeitliche Denken abarbeitet, sieht er im stärker empirisch ausgerichteten Denken der Akan ein kritisches Korrekturangebot, das es für die gegenwärtigen Diskurse in der Philosophie fruchtbar zu machen gilt. Der Dialog zwischen den Kulturen führt die Menschen in diesem Sinne auf den Weg zu größerer Wahrheit.

An der Akademie haben 23 Studierende, Doktoranden und Postdoktoranden verschiedener Fachrichtungen teilgenommen. Sie kamen außer aus Tübingen auch aus Berlin, Köln, Rom, Stuttgart und Wien. Für die Diskussion des gemeinsam Erarbeiteten und für weiterführende Gespräche gab es neben den Seminaren reichlich Zeit. Eine Exkursion führte die Teilnehmer zur Wurmlinger Kapelle, an den Abenden wurde in Tübinger Kneipen eifrig weiter diskutiert.

Abschließender Höhepunkt der Woche waren Präsentationen, in denen einige der Teilnehmer eigene Arbeiten zur Diskussion stellten. Nicola Westermann und Dr. Eike Bohlen stellten ihr gemeinsames Seminar zu anthropologischen Grundlagen einer interkulturellen Ethik vor; Dr. Marco Massoni führte in das Denken Eboussi Boulagas ein, einem Philosophen aus Kamerun. Matthias Kiesselbach schließlich sprach zu "Warring Tautologies. Or: Moral Dissent from a Cognitivist Perspective". Ausgehend von einer Theorie des Inferenzialismus (in Anlehnung an Robert Brandom) argumentierte Kiesselbach dafür, dass moralische Probleme auf einer philosophischen Ebene durch grammatische Korrekturen auflösbar seien. Die spannenden Präsentationen ebenso wie die intensiven Diskussionen der vorgestellten Thesen machten noch einmal das besonders hohe fachliche Niveau des Teilnehmerkreises deutlich.