Vorgeschichte

Am 16. Juni 2005 wurde das FORUM SCIENTIARUM institutionalisiert. An diesem Tag hat der Senat der Eberhard-Karls-Universität Tübingen das "Statut für das Tübinger Zentrum für den Wissenschaftsdialog – FORUM SCIENTIARUM" beschlossen. Damit hatte ein einzigartiges Experiment – befasst mit dem Dialog und Wissenstransfer zwischen Natur- und Geisteswissenschaften – den Durchbruch geschafft. Mit der zentralen Institutionalisierung an der Universität konnte das FORUM SCIENTIARUM die inhaltliche Zielsetzung nun in Forschung und Lehre etablieren.

Das Experiment war über geraume Zeit in den Mauern der Universität vorangetrieben worden. Konstitutiv für die Fragestellung war in den frühen Siebzigerjahren zunächst die Evangelisch-theologische Fakultät. Der Systematische Theologe und Sozialethiker Ernst Steinbach und der Praktische Theologe und Mediziner Dietrich Rössler hatten interdisziplinäre Arbeiten durchgeführt und entsprechende Projekte angestoßen. Dazu gehörte auch ein Lehrauftrag, der sich mit dem Thema "Zweikulturalität" befasste. Er ging an Dieter Henke, damals noch Wissenschaftlicher Assistent in der Praktischen Theologie, anknüpfend an seine Studien in Theologie, Philosophie und Physik. Seine Arbeiten und Lehrangebote wurden inhaltlich ergänzt durch die Mitarbeit des Evolutionsbiologen Hans M. Peters bei einzelnen Veranstaltungen. Anregungen kamen zudem von Rupert Riedl, der damals an Veranstaltungen der Stuttgarter Privatgesellschaft mitwirkte. Die Lehrveranstaltungen von Dieter Henke, bis 2001 kontinuierlich fortentwickelt, waren prinzipiell ausgerichtet auf Hörer aus allen Fakultäten, in Form einer Sozietät für Fortgeschrittene, für Einsteiger jeweils in Übungen und Seminaren.

Einen starken Schub erhielt das junge Unternehmen als sich ihm die Evangelische Landeskirche in Württemberg anschloss. Im Jahr 1980 erwarb die Kirche das Haus in der Doblerstraße 33 und richtete dort eine Arbeitsstelle für Grenzfragen zu den Naturwissenschaften ein. Das Haus entwickelte sich zu einem Treffpunkt in Sachen Interdisziplinarität. Mit zunehmendem Erfolg wurde die Institutionalisierung der Arbeitsstelle notwendig, zunächst 1988 im "Arbeits- und Forschungsbereich Theologie und Naturwissenschaften" (AFTN). In Zusammenarbeit mit der Universität schuf die Kirche eine Einrichtung, die Mitarbeiter aus beiden Wissenschaftskulturen beschäftigte und eine eigene Bibliothek aufbaute. Begleitet wurde die Arbeit von einem Wissenschaftlichen Beirat, in dem Vertreter der Universitäten Stuttgart und Ulm, von Max-Planck-Instituten und Technik-Zentren der Region saßen.

Die Fragestellung offenbarte sich in der Folge mehr und mehr in ihrer gesellschaftlichen Dimension und führte folgerichtig zu Kontakten etwa zur Stuttgarter Privatstudiengesellschaft, mit der ein intensiver Gedanken- und Studienaustausch stattfand. Nicht zufällig entwickelte sich aus ihm heraus Mitte der Neunzigerjahre eine Interessengruppe um die Stuttgarter Verleger Michael und Thomas Klett. Sie gründete 1998 den Förderverein zur 'Stiftung Zwei Kulturen' e.V. Universität und Kirche fanden darin einen weiteren Partner, mit dem zusammen sie 1999 den AFTN in eine umfassendere Einrichtung überführten, das "Tübinger Zentrum für Wissenschaftskulturen" (TZW). Gründungsdirektor war wieder Dieter Henke.

Ein studiengeführtes Wohnen von Studierenden mit einer doppelten Studienausrichtung wurde im Karl-Heim-Haus gefördert. Sommerakademien dienten einer über die akademische Hörerschaft hinausgehenden Öffentlichkeit. Es war eine Plattform konstituiert, von der man annehmen durfte, dass das langfristige Experiment zum Dialog zwischen von Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften zum Erfolg führen würde.

Im Jahr 2000 wurde Udo Keller auf die Arbeit des TZW aufmerksam und nahm Kontakt zu Dieter Henke auf. Wegen großer Sparzwänge musste sich die Landeskirche dann allerdings im Jahr 2002 aus dem Projekt zurückziehen. Die von Udo Keller 2001 ins Leben gerufene Udo Keller Stiftung Forum Humanum erwarb Anfang 2004 das Haus in der Doblerstraße 33 von der Kirche und machte es nach umfassender Renovierung zum attraktiven Tübinger Studienhaus. Gemeinsam mit der Udo Keller Stiftung und dem bleibenden Engagement der Familie Klett entschloss sich die Universität zur Neugründung des FORUM SCIENTIARUM als Zentraler Einrichtung der Universität. Dieter Henke kommt das große Verdienst zu, die Koordination der verbliebenen und neuen Partner in dieser Zeit erfolgreich betrieben zu haben. Unter den neuen Bedingungen und der Trägerschaft durch die Universität konnte dann auch wieder die Kirche einen eigenen Beitrag zum FORUM SCIENTIARUM leisten. Hinzu kam schließlich die persönliche Förderung durch den Juristen Rechtsanwalt Rolf W. Thiel, selber Mitglied des Vorstands der Udo Keller Stiftung Forum Humanum.

Mit der Bestellung von Niels Weidtmann zum neuen Geschäftsführer und Wissenschaftlichen Leiter konnte das FORUM SCIENTIARUM die Arbeit im April 2006 aufnehmen.