Thea Zander

Die neurokognitiven Mechanismen intuitiver Entscheidungsfindung

Gemäß der Literatur werden Intuitionen als schnelle, zumeist unbewusste und wissensbasierte Entscheidungsprozesse verstanden, deren Ursprung sowie Mechanismen vorerst nicht verbalisiert werden können. Im Rahmen eines Modells der automatischen Aktivierungsausbreitung bildet tacit knowledge – das im Laufe des Lebens erlangt wird und das zumindest teilweise nicht bewusst zugänglich ist – die Basis für intuitive Prozesse. Hinweise aus der Umgebung, sogenannte environmental cues, können dieses implizite Wissen jedoch aktivieren. Je mehr Aktivierungen in diesem Sinne stattfinden, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass intuitiv erahnte Lösungen explizit und bewusst werden. Dies haben Bowers und Kollegen (1990) innerhalb ihres Zwei-Stufen-Modells der Intuition als graduelle und kontinuierliche Akkumulation von implizitem Wissen (Stufe 1) bis hin zu explizitem Wissen (Stufe 2) beschrieben. Im Gegensatz zu dieser Annahme untersucht die Mehrheit empirischer Studien intuitive Entscheidungsprozesse jedoch innerhalb eines Zwei-System Ansatzes, der zwei komplett unterschiedliche Prozesse annimmt, die intuitiver im Gegensatz zu deliberativer Entscheidungsfindung zugrundeliegen. Die vorliegende Studie forderte die Annahmen der Zwei-System-Modelle heraus und untersuchte mittels einer neurokognitiven Herangehensweise, ob intuitive Prozesse besser innerhalb eines Kontinuitäts- oder eines Diskontinuitätsmodells beschrieben werden können. Intuitive Entscheidungsprozesse wurden hierfür über semantische Kohärenzurteile operationalisiert, deren neuronale Grundlagen mittels funktionaler Magnetresonanztomographie, einem nicht-invasiven bildgebenden Verfahren, untersucht wurden. Die Ergebnisse unterstützen die Kontinuitätsannahme, da quantitativ und nicht qualitativ unterschiedliche neuronale Korrelate (Aktivierungsmuster) für die zwei Stufen intuitiver Prozesse gefunden wurden. Dieses Ergebnis kann die theoretische und anatomische Verortung intuitiver Entscheidungsprozesse innerhalb der Entscheidungsforrschung weiter voranbringen indem die konzeptuell angenommene graduelle Entfaltung intuitiver Prozesse erstmals neuronal gezeigt werden konnte.

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According to the literature, intuitive decision making appears to be quick, experience-based and, driven by an immediate process of understanding that cannot be verbally explained. Following an automatic-spread-of-activation account, tacit knowledge – involuntarily acquired during one’s lifetime and (partially) not consciously available – can be activated by environmental cues. The more tacit knowledge becomes activated in that sense, the higher likely it is that intuitive apprehensions become consciously available. Accordingly, Bowers and colleagues (1990) conceptualized intuitive decision making within a two-stage model and assumed continuity in the underlying perceptual-cognitive processes. In discordance with this approach, the majority of studies on intuitive decision making have investigated intuition within in a dual-system framework that assumes qualitatively different systems to underlie intuitive in contrast to deliberate functioning. In a neurocognitive approach, we challenged this latter assumption and tested whether a continuity or a discontinuity model holds true for intuitive processing. We operationalized intuitive processing via semantic coherence judgments and investigated its neuronal underpinnings with functional magnetic resonance imaging. Results supported a continuity model as revealed in a quantitative difference of the neural correlates between the two intuitive stages. This is a promising result that may progress the theoretical and anatomical mapping of intuitive decision making.