Internationales Zentrum für Ethik in den Wissenschaften (IZEW)

BedenkZeiten – Ein Ethik-Blog in Zeiten der Corona-Pandemie

In den letzten Monaten hat sich die Welt, wie wir sie kennen, verändert. Während die Deutungshoheit der Krise zunächst ausschließlich bei Virolog*innen in Kombination mit medienaffinen Politiker*innen lag, ist die Diskussion mittlerweile vielfältig geworden. Sie dreht sich im Kern immer wieder um das, was auch der Kern unseres Handwerks am Tübinger Ethikzentrum ist: Wertfragen. Als interdisziplinär arbeitende Ethiker*innen haben wir keine fertigen Handlungsanweisungen in den Schubladen oder auf den Desktops liegen. Wir schauen aber mit Neugierde und Fürsorge in die Welt und nutzen normative Wissensbestände für unser Denken und Schreiben. Dennoch möchten wir einen Beitrag zu den aktuellen Debatten leisten und haben uns entschlossen, hierzu Texte der Mitarbeiter*innen des Tübinger Ethikzentrums zu veröffentlichen. Es werden Texte sein, die das Spektrum von Alltagsbeobachtungen bis hin zu stärker wissenschaftlich orientierten Debattenbeiträgen umfassen. Sie sind, wie das Ethikzentrum insgesamt, interdisziplinär und stellen die ethischen Fragen der alltäglich werdenden Ausnahmesituation in den Vordergrund. Sie sollen einen Beitrag dazu leisten, inmitten von Aufregungen und Ängsten, Anordnungen und Widersprüchen dem Be-Denken Zeit einzuräumen. Jetzt ist keine Zeit für Denkpausen! Herzlich Willkommen bei unserem Blog:

Regina Ammicht Quinn und Thomas Potthast

Dieser Blog soll Diskurse anregen, in diesem Sinne freuen wir uns über Anregungen, Kritik und Leserbriefe. Hierzu kann gerne das Kontaktformular genutzt werden.

23. Juni 2020

Nachhaltigkeitspolitik-Thesen

Die Zeit der Covid-Pandemie war auch eine Zeit der Rückbesinnungen unter der Frage, welche Reformen überfällig sind und für die nähere Zukunft anstehen sollten. Dies mag den Anschein erwecken, als wolle man bloß am Virus sein politisches Süppchen aufwärmen. Wenn sich jedoch Gründe, die schon vor der Pandemie zugunsten bestimmter Reform-Agenden gesprochen haben, nunmehr a fortiori als triftig erweisen, dann darf die Covid-bedingte Ausnahmesituation berechtigterweise zum Anlass genommen werden, eine überfällige Agenda in der Hoffnung zu aktualisieren, dass sie nunmehr auf Gehör und Resonanz stoßen möge.

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09. Juni 2020

Wissenschaft in der Corona-Pandemie: Zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Seit Wochen werden in allen Medien wissenschaftliche Expert*innen zu ihren Forschungen und Kenntnissen über das Corona-Virus befragt. Von ihnen wird auch erwartet, dass sie Einschätzungen geben, wie gehandelt werden soll – mit möglichst klaren Empfehlungen für politische Entscheidungen, aber auch für das Handeln von uns Bürger*innen. Mein Interesse in diesem Beitrag ist ein nicht vorrangig ethisches, sondern wissenschaftstheoretisches – ich betrachte die Rolle der Wissenschaft als Praxis, d.h. in Handlungs- und Entscheidungskontexten unserer Gesellschaft.

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26. Mai 2020

Harry Potter in Corona-Zeiten

Bundeskanzlerin Angela Merkel mahnt in ihrem Umgang mit der Corona-Krise immer wieder zur Vorsicht. Auch bei der Verkündung maßgeblicher Lockerungen der Corona Schutzmaßnahmen (6.05.), zeigte sie sich nur vorsichtig optimistisch. Im Hintergrund steht dabei eine Debatte, die seit einiger Zeit intensiv geführt wird: Steht der Schutz des Lebens vor allen anderen wertvollen Gütern, allen voran der Freiheit oder der Würde?

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03. Juli 2020

Rassismus geht uns alle an

Krisen können wie ein Brennglas auf soziale Missstände und strukturelle Ungerechtigkeit in Gesellschaften hindeuten. Das ist auch mit COVID-19 der Fall: Rassismus gegenüber als asiatisch gelesenen Menschen nahm zu, in Brasilien, Großbritannien und den USA ist die COVID-19 bedingte Gefährdung und Sterberate von PoC und Schwarzen Menschen unverhältnismäßig hoch, und auch die Bedingungen unter denen ausländische Arbeiter*innen in der deutschen Lebensmittel-, allen voran Fleischproduktion, arbeiten, müssen durch eine rassismussensible Linse gelesen werden. Und dies sind nur drei bekannte Beispiele. Wir müssen über Rassismus sprechen - nicht mal wieder, sondern immer wieder. Nach der Ermordung George Floyds bei einem Polizeieinsatz und der zahlreichen Proteste der Black Lives Matter Bewegung weit über die Grenzen der USA hinaus, nimmt auch in Deutschland die Debatte um Anti-Schwarzen Rassismus zu. Hierzu folgen einige Gedanken.

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20. Juni 2020

Über Zerrissenheit

Sei es beim Ansehen der Bilder von vollen Ostseestränden, bei den eigenen Überlegungen zum Besuch von Freunden und Familie oder im Zuge der weltweiten Demonstrationen gegen Rassismus, die aktuelle Lockerungswelle und das Verhalten von Menschen in Deutschland lösen bei mir ein Gefühl innerer Zerrissenheit aus. Diese Zerrissenheit ist nicht zuletzt eine moralische Zerrissenheit, denn mein eigener Anspruch verantwortungsvoll zu handeln und andere nicht zu gefährden, ist konfrontiert mit einer Wirklichkeit, in der mir das Wissen fehlt, um eben dies zu beurteilen. Der folgende Beitrag gibt einen Einblick in meine Auseinandersetzung mit der Frage verantwortungsvollen Handels im Kontext einer abflauenden Pandemie. Dabei komme ich nicht umhin, dass eben diese Zerrissenheit aktuell jeden meiner Kontaktversuche begleitet. Dieser Beitrag repräsentiert meine persönliche Auseinandersetzung mit der Frage und ist an der ein oder anderen Stelle bewusst etwas zugespitzt.

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02. Juni 2020 

Das Ende der Kleinparteien?

Deutschland bietet den Wahlberechtigten eine große Bandbreite an unterschiedlichsten Parteien. Um bei Wahlen antreten zu können, muss eine Partei jedoch entweder bereits in deutschen Parlamenten vertreten sein, oder genügend Unterstützerunterschriften sammeln. Letzteres ist durch die Pandemie praktisch unmöglich geworden. Droht hier ein Verlust an Heterogenität und Vielseitigkeit in unserer Demokratie?

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