Internationales Zentrum für Ethik in den Wissenschaften (IZEW)

Kinder als oder in Gefahr? Über mögliche Folgen der Corona-Maßnahmen auf kindliche Entwicklung und Werteverständnis

von Dr. Anne Burkhardt

12.05.2020 · Am vergangenen Donnerstag, den 30.04.20, entschieden sich Bundesregierung und Ministerpräsidenten zu einer lang ersehnten wie überfälligen Geste an die von den Corona-Maßnahmen stark belasteten Familien: Ab der darauffolgenden Woche dürfen Spielplätze sowie auch Zoos und Museen wieder öffnen. Für entnervte Eltern und gelangweilte Kinder kommt das einer Erlösung gleich – die hoch verdiente Belohnung für gute Führung und eine Entschädigung für die Entbehrungen der letzten Wochen.

Neben spontaner Freude stellt sich bei den Betroffenen jedoch häufig auch ein Gefühl der Überrumpelung ein: gerade erste Ladenöffnungen, und keine zwei Wochen später schon die nächsten Lockerungen? Ist das nicht zu früh, ist das nicht gefährlich, das Risiko unkalkulierbar? Die Maßnahmen im Kampf gegen Corona haben unser Sicherheitsempfinden in unschätzbarem Ausmaß verändert und unser Urteilsvermögen über einst alltägliche Situationen ins Wanken gebracht. Die banale Vorstellung, in einem voll besetzten Flugzeug oder Bus zu reisen – plötzlich unvorstellbar. Einen runden Geburtstag im Beisein von Freunden und Bekannten zu feiern – ein Frevel. Oder gar dicht gedrängt, leicht bekleidet, betrunken und schwitzend in einem überfüllten Nachtclub in den nächsten Morgen tanzen – ein Anschlag auf Leib und Leben. Die letzten Wochen haben vieles auf den Kopf gestellt: unsere Gewohnheiten, unsere Einstellung zum Zusammenleben, und nicht zuletzt unser Gespür für richtiges oder falsches Verhalten, für gut oder schlecht. Die Auswirkungen dieser Veränderungen auf unser Zusammenleben werden dabei individuell ganz unterschiedlich wahrgenommen und bewertet. Während die einen von Entschleunigung und mehr Zeit für die Familie schwärmen, die Krise gar als Potenzial für eine bessere Welt interpretieren, leiden andere unter der Mehrfachbelastung durch Arbeit, Home-Schooling und Home-Kindergardening oder dem Zusammenbruch des Hausfriedens. Was in der öffentlichen Debatte um die Situation von Familien und Kindern in der Corona-Krise bisher zu kurz kam, ist eine kritische Auseinandersetzung mit der Frage, wie sich Maßnahmen wie Social Distancing und Schulschließungen mittel- oder langfristig auf kindliche Entwicklung und Werteverständnis auswirken könnten. Der vorliegende Beitrag möchte bewusst eine wenig optimistische Perspektive auf diese Fragen einnehmen, um den Blick auf diesen blinden Fleck in der Debatte zu lenken. Er verbindet dabei eigene Beobachtungen mit daran anknüpfenden Überlegungen und Schlussfolgerungen.

An unserem Urteilsvermögen arbeiten wir ein Leben lang, besonders entscheidend aber ist unsere (frühe) Kindheit. Kleine Kinder ahmen das Verhalten der Erwachsenen nach. Was Eltern und andere Bezugspersonen tun, das ist richtig. Wofür die Eltern ihr Kind loben und liebhaben, das ist gut. Was Eltern ihren Kindern verbieten, weswegen sie mit ihnen schimpfen oder sie sogar bestrafen, das ist schlecht. Wie muss es folglich auf ein Kleinkind wirken, wenn wir plötzlich einen großen Bogen um unsere Mitmenschen machen? Wenn andere die Straßenseite wechseln, um uns nicht begegnen zu müssen? Wie sollen wir ihm erklären, dass es schlecht ist, mit anderen Kindern zu spielen? Dass es nur noch im Nachbarsgarten spielen darf, wenn die Nachbarskinder ausgeflogen sind? Dass alles, was wir anfassen, potenziell gefährlich ist, dreckig, verseucht? („Hände waschen, schnell Hände waschen. Happy Birthday to you…“). Kleinkinder lernen zur Zeit, dass viele gewohnte Dinge, ihre Mitmenschen, und nicht zuletzt sie selbst, gefährlich sind. Dass sie andere Menschen, etwa die Erzieherin im Kindergarten und sogar die eigene Oma „krank machen“ können. Töten können. Und dass eben diese Erzieherin und die Oma sie ausgerechnet dann im Stich lassen (müssen), wenn Kinder und Eltern sie am nötigsten bräuchten.

Auch für etwas größere Kinder, im Grundschulalter etwa, sind die Maßnahmen problematisch. Zwar verstehen sie den Grund für ihre Isolation und die Schulschließungen und bangen daher selbst um die Gesundheit nahestehender Verwandter. Viele kommen aber nicht umhin, diese und andere Maßnahmen als Strafe zu empfinden. Und sich selbst als Schuldige. Wenn Geschäfte, Frisöre, Autohäuser und Kirchen wieder öffnen, wenn selbst die Bundesliga wieder starten darf und schwitzende Fußballer in den Nahkampf gehen, Schulen und Kitas aber geschlossen bleiben, dann verschärft sich der Eindruck bei den Kindern, dass sie gefährlicher sind als andere, verseuchter als andere. Dass sie für die Ausbreitung der Krankheit maßgeblich verantwortlich sein könnten, und daher weggesperrt werden. Und weggesperrt bleiben. Und das, obwohl sie selbst am wenigsten Gefahr laufen, schwer zu erkranken. Erzwungene Isolation und Kontaktverbote (Stichwort: Hausarrest) sind Kindern obendrein aus Kinderbüchern, Filmen oder gar von zu Hause als klassische Strafmaßnahmen bekannt, als Sanktionen für Fehlverhalten und andere Vergehen. Nur dass in diesem Fall für die Kinder nicht ersichtlich ist, worin ihr Fehlverhalten eigentlich besteht bzw. bestand – es sei denn, all das, was sie in jener fernen Zeit vor Corona als „gut“ und „richtig“ gelernt haben (fleißig zur Schule gehen, im Sportverein aktiv sein, Freundschaften aufbauen und pflegen), ist jetzt nicht mehr gültig. Und wird zukünftig vielleicht auch nicht mehr gültig sein?

Für Jugendliche, die bereits über eine langjährige Erfahrung in unserem leistungsorientierten Schulsystem verfügen, könnte die Corona-bedingte 180-Grad-Wende im Ideal des „guten“ Verhaltens vielleicht sogar noch verwirrender sein. Jahrelang wurde ihnen von Lehrer*innen, Eltern und Verwandten eingetrichtert, wie wichtig es ist, dass sie „am Ball bleiben“, dass sie drei Fremdsprachen lernen, das Periodensystem auswendig wissen und die inneren Organe des Regenwurms aufsagen können, dass sie sich politisch engagieren und bitte nicht so viel Zeit mit elektronischen Geräten verbringen sollen (denn „das macht dumm und man bekommt viereckige Augen davon“). Und nun soll es plötzlich okay sein, ein halbes Jahr lang gar nicht zur Schule zu gehen, und wenn, dann auch nur zwei Stunden am Tag, ein bisschen Mathe, ein bisschen Deutsch, den Rest dann bitte daheim am Rechner. Mit Google Classroom und der Anton-App. Und wenn es mal nicht so läuft, ist es auch nicht schlimm, wenn ihr mal ein bisschen früher aufhört („In Zeiten der Krise muss man auch mal fünf gerade sein lassen“). Schön, denkt sich so manche*r Schüler*in, dann chill‘ ich doch einfach ´ne Runde Netflix, im Sonder-Corona-Abo. Was diese Jugendlichen wohl sagen werden, wenn wir ihnen irgendwann im post-corona-bedingten Wir-retten-die-Konjunktur-Sprint wieder erzählen werden, wie ach so wichtig ein guter Abschluss für ihre (und unsere) Zukunft ist?

Wie sich die beschriebene Umkehrung der erwünschten Verhaltensnormen mittel- und langfristig auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen auswirken wird, ist noch nicht abzuschätzen. Dass die aktuelle Situation für Kinder jedoch in besonderem Maße verwirrend und belastend ist, und dass die implizit erfolgende Zuschreibung von Täterschaft (Kinder als Gefahr) und die daraus erfolgende Konsequenz der Bestrafung (Hausarrest) das Selbstwertgefühl der Kinder bedrohen könnten, kann wohl kaum bestritten werden. Klar ist, dass Kinder Rechte haben, z.B. ein Recht auf Bildung, ein Recht auf Spiel und ein Recht auf freie Entfaltung, und dass diese laut Grundgesetz sogar unter einem besonderen Schutz stehen sollten. Klar ist aber auch, dass Kinder keine Stimme haben. In der Politik nicht, und zu Hause manchmal auch nicht. Sie vor den psychischen und gesellschaftlichen (Langzeit-)Folgen der Corona-Maßnahmen zu schützen, ist Teil dessen, was Politik, Eltern und Pädagog*innen derzeit leisten müss(t)en. Die Öffnung von Spielplätzen (die im übertragenen Sinne auch als Belohnung für „richtiges“ Verhalten, sprich gelungene Isolation, gelesen werden kann) ist schön. Aber letztlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Von Seiten der Politik und der öffentlichen Debatte fehlt es an Bewusstsein für die unterschwelligen Nebenwirkungen der Krise und für die weniger sichtbaren Opfer der lebensrettenden Schutzmaßnahmen. Diese stärker in den Blick zu nehmen und auch Strategien zu ihrem Schutz zu entwerfen, auch das wäre Verantwortung in Zeiten von Corona.

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