Internationales Zentrum für Ethik in den Wissenschaften (IZEW)

Warum Ethik die Wut braucht

von Katharina Wezel

19.07.2022 · Wut hat einen schlechten Ruf. Ethik viel zu oft auch. Auf den ersten Blick scheinen dabei alle Gemeinsamkeiten aufgezählt zu sein. Die rational und nüchtern wirkende ethische Reflexion geht nicht auf Anhieb Hand in Hand mit der starken Emotion der Wut und des Ärgers. Ich möchte dafür plädieren, produktive, angemessene Wut nicht von ethischer Wissenschaft zu trennen, denn um zu irritieren und zu verändern, braucht die Ethik auch die Wut.

Emotionen und Affekt sind Themen, die in der Ethik seit Aristoteles und in den Sozialwissenschaften ganz besonders in den vergangenen Jahren verstärkt diskutiert werden. Im Angesicht tiefgreifender sozio-ökologischer Veränderungen durch den menschengemachten Klimawandel steht die Rolle von Emotionen für politische Entscheidungsfindung nicht mehr am Rande gesellschaftlicher Diskurse. Besonders das Auftreten von Poli-Krisen und kaskadierenden Katastrophenereignissen, wie der Corona-Pandemie, Kriegen, daraus resultierenden Ernährungskrisen und der übergreifenden Klimakrise, legt den wissenschaftlichen Umgang mit Emotionen in diesen komplexen Weltlagen nahe. Es stellen sich Fragen zum Umgang mit Trauer (Willox 2012), ausgelöst durch exzessiven Biodiversitätsverlust, zur Bewältigung massiver Ängste vor der Zukunft in einer unsicheren Welt („Climate-Anxiety“ (Panu 2020)) und auch zur Macht der Leugnung dieser Emotionen aus Selbstschutz (Norgaard 2006). Die Frage nach der Veränderbarkeit sozialer Ordnungen in Zeiten vieler komplexer Krisen und der „Intelligence of Emotions“ (Nussbaum 2001) darin ist zugleich dringend wie wissenschaftlich randständig. Dekoloniale Ansätze kritisieren dementsprechend die Verankerung wissenschaftlicher Arbeit an die Idee von Rationalität, welche emotionale Lesarten ausgrenzen und eurozentrische Wissensproduktion weiter zementieren (Quijano 2007).

Es stellt sich also die Frage danach, wie unterschiedliche Wissenschaften die Dringlichkeit und die Veränderbarkeit von sozialen Ordnungen verhandeln und welche Rolle eine Theorie der Emotionen dabei spielen kann. In diesem Beitrag möchte ich mich dafür aussprechen, Wut als mächtige und die Macht thematisierende Emotion in ethischer Wissenschaftspraxis noch mutiger und prominenter zu thematisieren. Die Wut, als reflexive Komponente, die erkenntnistheoretisch zur Analyse von sozialen Ordnungen, aber auch explizit zur normativen Agenda-Setzung anregen kann, ist gerade in Zeiten, da die Relevanz der Ethik für Wissenschaft und Gesellschaft in Frage gestellt wird, von enormer Hilfe.

Das Zusammenspiel zwischen Wut und Ethik kann greifbar gemacht werden, wenn wir über Wut und seine produktive Kraft sprechen. Wut hat häufig einen schlechten Ruf, insbesondere wenn wir selbst Adressat*innen von Wutausbrüchen und Ärger sind. Ärger kann umschwenken in Zorn und so destruktive Kraft haben, als unkontrollierte Aggression wahrgenommen werden und lösungsorientiertes Handeln zuweilen unmöglich machen. Diese Form der Wut ist menschlich, aber sie muss analysiert werden, um zielgerichtet und konstruktiv eingesetzt zu werden. Um die destruktive Seite der Wut soll es für dieses Argument primär aber nicht gehen. Stattdessen möchte ich auf die produktive, generative Seite von Ärger und Wut abzielen, die eine transformative Kraft für Wandel und konstruktive Veränderung in sich tragen kann. Emotionen sind laut Sara Ahmed (2004, S.10) dabei keine psychologischen Zustände, sondern sozio-politische Praktiken, die bei der Aushandlung von Grenzen im gesellschaftlichen Miteinander rahmengebend sind. Wut muss demnach nicht automatisch als „Prototyp negativer Emotionen“ (Hess 2014, S. 55) gelesen werden. Stattdessen können der Ärger und die etwas stärker wirkende Wut auch produktiv sein und befähigen. Anders als im destruktiven Sinne des Sich-Ärgerns, bei dem die Emotion dazu beitragen kann, lähmend oder zerstörend zu wirken, kann ein offenerer Umgang mit der Emotion Wut stattdessen der Antrieb sein, sich und andere aus einer ärgerlichen Situation zu befreien. Im Kontext der psychologischen Konfliktforschung und der Konflikttransformation deutet sich an, dass Wut dann destruktiv auftritt, wenn sie punktuell unterbunden wird. Angemessen adressiert kann sie aber auch im Gegenteil konstruktiv sein, gewaltlose Politiken stärken und deeskalierend wirken (Tagar et al. 2011). In diesem befähigenden Sinn kann Wut zielgerichtet eingesetzt werden und dabei unterstützen, Aufmerksamkeiten zu fokussieren, Missstände klar zu benennen und so zu konstruktiver Veränderung beizutragen (Roseman et al. 1994). Sie kann also dazu beisteuern, Energie freizusetzen, um Schieflagen anzumahnen und gesellschaftlichen Wandel anzutreiben. Mit anderen Worten, sie kann – im richtigen Maß und zielgerichtet eingesetzt – dafür sorgen, dass Systeme irritiert werden, wo ungerechte Spannungsverhältnisse herrschen.

An dieser Stelle haben Wut und Ethik wieder einige Gemeinsamkeiten: Ethik kann und soll dort verunsichern, wo der gesellschaftliche Schuh drückt. Sie kann aufzeigen, wo Gewohnheiten und Traditionen zu problematisieren, wann Gerechtigkeitsfragen zu diskutieren und moralische Akzeptabilität zu hinterfragen sind.  Ethik irritiert (Ammicht Quinn 2017). Ethik wird hier als die „kritische Reflexion und Analyse herrschender gelebter Moral, nicht nur im deskriptiven, sondern auch im präskriptiven Sinn“ (ebd., S. 118) verstanden. In diesem Sinne stellt sie automatisch die Frage nach dem guten Leben, nach einem wünschenswerten Zusammenleben und nach dafür angemessenen Strukturen. Ziel von Ethik ist es, Schieflagen, gewaltvolle Strukturen und massive Ungerechtigkeiten zu problematisieren. Sie tritt dann scheinbar als der Moralapostel auf, der gerade in Krisenzeiten so störend und müßig wirken kann. Die Wut in dieser Praxis der Machtkritik und Machtreflexion der Ethik zuzulassen, bedeutet also, die Emotion selbst zu reflektieren, sie gezielt als antreibende Kraft zu nutzen.

Trotzdem ist Wut mehr als eine strategische Analyseebene der Ethik. Sie hilft auch anzuerkennen, wo Schieflagen nicht mehr akzeptabel sind und somit eine ethisch-normative Agenda sichtbar(er) zu machen. Die Wut und Ethik haben in dieser Beziehung zueinander zwei Seiten – erstens, eine erkenntnistheoretische Funktion, die eher strategisch dabei unterstützt, Ungerechtigkeiten und gesellschaftliche Schieflagen anzuerkennen. Allerdings finden sich Wissenschaftler*innen in Zeiten globaler Krisen ebenfalls mit explizit normativen Fragen der Agenda-Setzung und des Einflusses wissenschaftlicher Arbeit für die Gesellschaft konfrontiert. Die Dringlichkeit von Veränderungen lässt sich spüren, artikulieren und explizit(er) machen mit und durch das Erspüren und Artikulieren von Wut. Die zweite Seite der Beziehung zwischen Wut und Ethik ist demnach die Unterstützung bei der normativen Agenda-Setzung von Expert*innen inmitten sozio-politischer Krisen. Ethische Arbeit als Teil interdisziplinärer Forschungsverbünde steht mitunter durch Budgetkürzungen im Bundesministerium für Bildung und Forschung, aber auch in der Ausrichtung vieler Forschungseinrichtungen auf unsicheren Beinen. In eben diesen Momenten, wenn die Rolle der Ethik für gesellschaftliches Miteinander und gute wissenschaftliche Arbeit hinterfragt wird, dann braucht die Ethik ein angemessenes Maß an Empörung, an Ärger und auch an Wut. Die Artikulation von Empörung, Ärger und Wut kann dabei helfen, die immer wiederkehrenden und die ständig neu auftretenden Problemstellungen in unserer Gesellschaft weiter zu thematisieren, neu zu denken und auf Änderungen zu pochen. Die Wut und die Ethik in ihrer wissenschaftlichen und alltäglichen Praxis können zu guten Partnerinnen werden, wenn sie nur zugelassen werden.

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Quellen:

Ahmed, Sara (2004): The Cultural Politics of Emotion. Edinburgh: Edinburgh University Press and New York: Routledge.

Ammicht-Quinn, Regina (2017): „Verantwortung als Irritation: Ethische Überlegungen.“ PVS, Sonderheft 52, 106-123.

Hess, Ursula (2014): Anger is a positive emotion. In: Parrott, W. Gerrod (ed.): “The positive side of negative emotions”. The Guildford Press: New York, S. 55-75.

Norgaard, K. M. (2006): “People want to protect themselves a little bit: Emotions, denial, and social movement nonparticipation”. Sociological inquiry, 76(3), S. 372-396.

Nussbaum, Martha (2001): Upheavals of Thought: The Intelligence of Emotions. Cambridge: Cambridge University Press.

Panu, P. (2020). Anxiety and the ecological crisis: An analysis of eco-anxiety and climate anxiety. Sustainability, 12(19), S. 7836.

Aníbal Quijano (2007): “Coloniality and modernity/rationality”. Cultural Studies, 21(2-3), S. 168-178.

Roseman, I. J., Wiest, C., & Swartz, T. S. (1994): “Phenomenology, behaviors, and goals differentiate discrete emotions”. Journal of personality and social psychology, 67(2), S. 206.

Tagar, Michal Reifen; Federico, Christopher M. & Halperin, Era (2011): “The positive effect of negative emotions in protracted conflict: The case of anger”. Journal of Experimental Social Psychology 1(47), S. 157-164.

Willox, Ashlee C. (2012): “Climate change as the work of mourning”. Ethics & the Environment, 17(2), S. 137-164