Internationales Zentrum für Ethik in den Wissenschaften (IZEW)

Was bedeutet allein leben in Zeiten von Corona?

von Vanessa Weihgold

28.04.2020 · Auch wenn der Duden „allein“ und „einsam“ als Synonyme definiert, unterscheiden die meisten Menschen in ihrem Sprachgebrauch positives Alleinsein und negatives Einsamsein. Über lange Zeit gab es hier das Bild des Gelehrten, der sich in der Einsamkeit seines Elfenbeinturmes dem Denken hingibt und nur so kreativ werden kann. Diese romantische Form des Einsamseins gehört zum Menschen ebenso wie das Gemeinsamsein. Wir müssen manchmal Abstand nehmen, um ein Problem aus einem anderen Blickwinkel betrachten zu können. Oder um zu uns selbst zu finden. Ohne den sozialen Druck können wir den Seiten unseres Ichs Raum geben, die in der Gesellschaft wenig Anerkennung finden würden, die aber auch gelebt werden wollen (Svendsen 2016).1

Fay Bound Alberti beschreibt die Einsamkeit als die Epidemie des 21. Jahrhunderts (A Biography of Loneliness 2019, 7). Aber was genau ist Einsamkeit? Neben dem physischen Aspekt des Abgeschiedenseins von Anderen bezeichnet das Wort Einsamkeit auch einen psychischen Zustand: Die Traurigkeit und der Schmerz darüber, dass die Zahl oder Intensität der erwünschten sozialen Kontakte nicht erreicht wird. Im Laufe des 20. Jahrhunderts ist die Zahl der alleinlebenden Menschen deutlich gestiegen. Neben einer wachsenden Zahl an Single-Haushalten ist es heute auch nicht mehr üblich, dass ältere Menschen bis zu ihrem Tod mit der Familie zusammenleben. Alleine leben bedeutet noch nicht Einsamkeit, denn – wie bereits erwähnt – kann der Abstand gewollt sein. Umgekehrt gilt natürlich ebenso, dass man sich inmitten von Menschen unglaublich einsam fühlen kann, weil eben der Kontakt mit diesen Menschen nur oberflächlich ist. Der entscheidende Unterschied ist die Qualität der Kontakte. Die Neigung zur Depression, die für Menschen, die alleine leben, nachgewiesen wurde, wurde in einer anderen Studie durch den Hinweis auf die Qualität der Beziehungen der Betroffenen relativiert.

Unsere Gesellschaft hat sich seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mehr und mehr zu einer Gesellschaft der Individualist*innen entwickelt. Wie Axel Honneth ausführlich beschreibt, werden Kontrollmechanismen auf dem globalisierten Markt zurückgeschraubt, Großanleger werden stärker und Unternehmen tragen gegenüber ihren Angestellten und den Investor*innen oder Aktionär*innen die Verantwortung für ihre Vermarktung (Das Recht der Freiheit 2013, 466). In der Folge verbreitet sich auch unter den Arbeitnehmer*innen der Glaube, dass allein ihr Durchsetzungsvermögen und ihr Einsatz Einfluss auf ihren beruflichen Erfolg haben und die Herkunft keine Rolle spielt (468f.). Alain Ehrenberg sieht einen Zusammenhang zwischen dieser Verantwortung, die jede*r für ihre/seine Selbstverwirklichung übernimmt und der steigenden Zahl depressiver Störungen, die die diesbezügliche Überforderung widerspiegeln (Das erschöpfte Selbst 2004). Diese Selbstverwirklichung betrifft nicht nur unsere Berufswahl, sondern alle Bereiche, in denen das Individuum sich ausdrückt, seien sie kreativ, physisch oder sozial. Entsprechend können sich Depressionen als Folge eines Gefühls der Unzulänglichkeit im Berufsleben (z.B. als Burn-out) oder eines Gefühls der Unzulänglichkeit in Beziehungen und in der mangelnden Pflege von Freundschaften (Gefühl der Einsamkeit und Isolation) zeigen.

In Zeiten von Kontaktverbot und social distancing gelten diese allgemeinen Erkenntnisse natürlich nach wie vor. Jedoch kommen einige Besonderheiten hinzu. Menschen, die normalerweise arbeiten, sind momentan zu einem guten Teil im Home Office oder durch Kurzarbeit ganz oder teilweise freigestellt zu Hause. Wenn sie alleine leben, bedeutet das für sie nicht nur mehr Zeit, sondern auch ein Verlust an Struktur. Diejenigen, die normalerweise vor allem mit den Arbeitskolleg*innen in Kontakt sind, sind besonders betroffen. Aber aktuell müssen die persönlichen Kontakte von Angesicht zu Angesicht grundsätzlich massiv eingeschränkt werden. Für Emanuel Levinas sind es aber gerade diese Begegnungen, in denen wir den Anderen als uns ähnlich erleben, die die Grundlage unserer Ethik bilden (Totalité et Infini). Mit der Entwicklung der Videotelefonie ist es nicht mehr der Mangel an Augenkontakt, der den Unterschied zur analogen Kommunikation ausmacht. Dennoch ist der Bildausschnitt klein und die nonverbale Kommunikation eingeschränkt. Berührungen sind nicht möglich. Der Andere bleibt hinter einem Video-Filter ein unvollständiges Alter Ego.

Problematisch ist außerdem, dass die Kontrolle über die aktuelle Situation den Behörden obliegt und der Einzelne die massiven Einschränkungen seiner Freiheiten nicht (legal) beeinflussen kann. Bound Alberti weist darauf hin, dass Einsamkeit besonders gesundheitsschädlich ist, wenn sie von außen auferlegt wird, und nicht selbst gewählt wurde (a.a.O. 35). Der bedeutende Unterschied zwischen dem Gelehrten Zarathustra, der auf seinen Berg steigt, den alleinlebenden Menschen vor (oder nach) der Pandemie und allein lebenden Menschen in Zeiten von Corona ist der der Wahl. Wählen bedeutet Kontrolle. Wer die Kontrolle über sich selbst hat, hat Macht und kann selbstbewusst nach vorne schauen. Die Einsamkeit kann jederzeit wieder aufgehoben werden, Zarathustra kann von seinem Berg steigen und sich unters Volk mischen. Wenn Isolation auferlegt ist – wie im Falle der aktuellen Kontaktverbote –, kommt sie einem Gefängnis gleich. Die Vorschriften lassen den Bürger*innen keine Wahl, was ihnen den Eindruck vermitteln mag, die Kontrolle über das eigene Leben zu verlieren und fremdbestimmt zu sein. Hier kann nicht mehr die Rede von selbstgewähltem Rückzug sein, der der Selbstfindung, Kreativität oder Reflexion dient. Der Verlust der Kontrolle kann zu Angst, Wut oder Reaktanz (z.B. Corona-Parties) führen, weil die Selbstwirksamkeit abhandenkommt (Ehrenberg).

Für Mitglieder der Risikogruppe ist Angst ebenfalls eine natürliche Reaktion auf die aktuelle Situation, die potentiell ihr Leben bedroht. Aufgrund der Menge an Informationen, die in aktuell in allen Medien kursieren, und den noch fehlenden wissenschaftlichen Belegen beispielsweise zum Anteil der tödlichen Verläufe der Covid-19-Erkrankungen, kann es mitunter schwerfallen, sich alleine zu beruhigen. Die weiterführenden Links im Internet sind hier auch nicht mehr nur eine Zeitfalle, sondern können besorgte Menschen von einer besorgniserregenden Nachricht zur nächsten führen.

Was bedeutet es also in Zeiten der Corona-Pandemie allein zu leben? Wir haben es mit einer sehr heterogenen Gruppe von Betroffenen zu tun, jüngere und ältere, die vor dem Kontaktverbot ihre Lebensumstände mehr oder weniger gewählt haben. Die möglichen Reaktionen auf die gesetzlichen Beschränkungen sind, wie hier dargestellt, extrem vielfältig, aber in vielen Fällen besorgniserregend. Um eine Depression zu vermeiden, gelten ganz pragmatische Hinweise, etwa seinen gewohnten Schlaf-Wach-Rhythmus beizubehalten, regelmäßig und gesund zu essen und sich sportlich und/oder kreativ zu betätigen (Selbstverwirklichung). Die Angst, die fake news verbreiten können, lässt sich eingrenzen, wenn man sich nur über eine (möglichst wissenschaftliche oder behördliche) Quelle informiert.

Um unsere psychische Gesundheit zu erhalten ist es essentiell, dass wir miteinander im Gespräch bleiben. Gerade jetzt sollten wir dabei an die alleinlebenden Menschen denken und den Kontakt mit ihnen pflegen. Bound Alberti sieht dabei eine große Chance in der Entwicklung digitaler Technologien um die Einsamkeit der (älteren) Mitglieder unserer Gesellschaft zu vermeiden (137). Digitale „intimacy at a distance“ kann eine Möglichkeit sein – in Zeiten von Corona – die Isolation zu vermeiden und Kontakt zu den uns bekannten alleinlebenden Menschen zu halten, sie an unserem Leben teilhaben zu lassen und im Gespräch zu bleiben. (Das Bundesministerium für Sicherheit in der Informationstechnik hat eine Seite eingerichtet, die die Details der Videotelefonie erklärt werden.) Ähnlich sieht das auch Elke Schilling, die die Hilfsorganisation Silbernetz e.V. gegründet hat. Sie hat bereits vor der Pandemie ein Hilfstelefon gegen Einsamkeit im Alter eingerichtet.

Auch wenn sich unsere Gesellschaft immer mehr zur Individualisierung entwickelt, haben wir als soziale Wesen eine ethische Verantwortung unseren Mitmenschen gegenüber. Gerade jetzt sollte uns das Fehlen der Begegnungen von Angesicht zu Angesicht, beziehungsweise die Unvollständigkeit des Anderen in der Videotelefonie genau das vor Augen führen.

Kurz-Link zum Teilen: https://uni-tuebingen.de/de/176865

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1Anmerkung, die hier kein Thema ist: Lebt man mit mehreren Menschen zusammen, ist es momentan schwieriger diesen Abstand und eigenen Raum zu finden, in den man sich zurückziehen und alleine sein kann. Hier ist die aktuelle Aufgabe, sich Freiräume zu schaffen und die der Anderen ernst zu nehmen.