Lehrveranstaltungen im Sommersemester 2024

Vorlesungen

Vorlesung: Grundbegriffe der Sozialethik

Prof. Dr. Möhring-Hesse

Um ihrem Gegenstand, die richtige Ordnung gesellschaftlicher Verhältnisse, zu »begreifen«, arbeitet die theologische Sozialethik mit besonderen Begriffen. Dabei teilt sie Ihre Grundbegriffe erstens mit anderen, vor allem mit den sozialwissenschaftlichen Wissenschaftsfächern; zweitens muss sie als Ethik den Anschluss an die Erstnutzung dieser Begriffe in den politischen Auseinandersetzungen halten. Mit einer doppelten Aufmerksamkeit auf die Begriffswelten »außerhalb« der Sozialethik sollen in der Vorlesung deren zentrale Begriffe vorgestellt werden: Gesellschaft und Gerechtigkeit, Inklusion und Solidarität, Handeln und Politik.

Literatur:
Anzenbacher, Arno (1998): Christliche Sozialethik. Paderborn: Schöningh 1998.
Gosepath, Stefan (2005): Handbuch politische Philosophie und Sozialphilosophie, Berlin [u.a.]: deGruyter.
Hübenthal, Christoph/Wils, Jean-Pierre (Hg.) (2006): Lexikon der Ethik, Paderborn: Schöningh.
Schwietring, Thomas (2011): Was ist Gesellschaft? Einführung in soziologische Grundbegriffe, Konstanz: UVK-Verlagsgesellschaft.
Düwell, Marcus/Hübenthal, Christoph/Werner, Micha H. (Hg) (2011): Handbuch Ethik, 3. Auflage, Stuttgart: J.B. Metzler.

Vorlesung: Ökologische Sozialethik

Prof. Dr. Möhring-Hesse

Seit den 1970er Jahren wird gesellschaftlich bewusst, dass durch Art und Umfang des Wirtschaftens die ökologisdchen Ressourcen aufgezehrt werden, auf die Menschen in der Gegenwart, aber auch in der Zukunft angewiesen sind. Wie in den Gegenwartsgesellschaften der Wohlstand produziert, wie er verteilt und »genossen« wird, das untergräbt die Voraussetzungen dafür, dass Menschen in der Gegenwart, erst recht in der Zukunft in Wohlstand leben können. Dementsprechend sah der Erste Senats des Bundesverfassungsgerichtes in seinem Urteil vom 24. März 2021 den Staat verpflichtet, „Leben und Gesundheit vor den Gefahren des Klimawandels zu schützen. Sie kann eine objektivrechtliche Schutzverpflichtung auch in Bezug auf künftige Generationen begründen.“ (1. Leitsatz)
Ein nachhaltiger Umgang mit den natürlichen Ressourcen ist aber nur zu haben, wenn die Nutzung ökologischer Ressourcen und Belastung der Umwelt mit Emissionen drastisch eingeschränkt und wenn dazu die Lebensformen der Menschen sowie Art von Produktion und Konsum deutlich verändert werden. Diese ökologische Frage ist zugleich eine soziale Frage – und kann deshalb weder richtig gestellt, geschweige denn: überzeugend beantwortet werden, wenn ökologische Transformation nicht als eine Forderung der Gerechtigkeit zwischen Menschen begründet und entsprechend orientiert wird. Die dazu notwendige Vermessung der »Umweltfrage« als einer »sozialen Frage« ist Aufgabe einer »Ökologischen Sozialethik«.

Literatur:
Ekardt, Felix (2005): Das Prinzip Nachhaltigkeit. Generationengerechtigkeit und globale Gerechtigkeit. München: Beck.
Ott, Konrad / Dierks, Jan / Voget-Kleschin, Lieske (Hg.) (2016): Handbuch Umweltethik, Stuttgart: J. B. Metzler.
Vogt, Markus (2010): Prinzip Nachhaltigkeit. Ein Entwurf aus theologisch-ethischer Perspektive (Hochschulschriften zur Nachhaltigkeit Bd. 39), 2. Aufl., München: Oekom-Verlag.
Reder, Michael/Gösele, Andreas/Köhler, Lukas/Wallacher, Johannes (2019): Umweltethik: Eine Einführung in globaler Perspektive, Stuttgart: Verlag W. Kohlhammer.
Gottschlich, Daniela/Hackfort, Sarah K./Schmitt, Tobias/Winterfeld, Uta (Hg) (2022): Handbuch Politische Ökologie: Theorien, Konflikte, Begriffe, Methoden, Bielefeld: transcript.
Noller, Jörg (2023): Ethik des Anthropozäns. Überlegungen zur dritten Natur, Basel: Schwabe Verlag.

Seminare

Seminar: Kontingenz und Gesellschaft

Prof. Dr. Möhring-Hesse & Manuela Wannenmacher

›Kontingenz‹ – das klingt nach einem hochabstrakten, nein: allzu abstrakten Thema. Stinklangweilig und daher nichts, womit man sich ein ganzes Semester freiwillig beschäftigen möchte. Wenn man sich dennoch ein wenig damit beschäftigt, dann merkt man schnell, wie spannend dieses Thema und wie relevant es ist: Politik kann es nur dort geben, wo gesellschaftliche Verhältnisse nicht so sind, wie sie notwendigerweise sein müssen. Nur dort, wo gesellschaftliche Verhältnisse kontingent sind, also nicht notwendig so sind, wie sie sind, können Menschen sinnvoll darüber streiten, wie sie denn sein sollen, und sie können ihre Verhältnisse auch so ›machen‹, wie sie sein sollen. Wenn wir uns unsere gesellschaftlichen Verhältnisse erklären, dann sind wir dennoch auf Notwendigkeiten aus. Wir wollen wissen, warum etwas genau so ist, genau so wurde oder wie es denn werden wird. Sozialwissenschaften bedienen diese Erwartungen – und erzeugen durch ihre Erklärungen Notwendigkeiten. Sie treiben den gesellschaftlichen Verhältnissen ihre Kontingenz aus. In diesem Seminar wollen wir den Geheimnissen von ›Kontingenz und Gesellschaft‹ auf die Spur kommen. Wir wollen klären, wie sich die Kontingenz gesellschaftlicher Verhältnisse ›verteidigen‹ lässt, ohne deswegen auf deren Erklärung verzichten zu müssen. Dass wir uns dazu durch Theorien ›hindurcharbeiten‹ müssen, sei zugestanden. Dies als Warnung für alle Studierenden, die ›Theorie‹ stinklangweilig finden.

Literatur
Berger, Peter / Luckmann, Thomas (1980 [1966]): Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie, Fischer Frankfurt/Mainz.
Gantner, Gösta (2021): Möglichkeit. Über einen Grundbegriff der praktischen Philosophie und kritischen Gesellschaftstheorie, Bielefeld: transcript Verlag.
Joas, Hans (1992 [1987]): Pragmatismus und Gesellschaftstheorie, Frankfurt/Main: Suhrkamp.
Joas, Hans (1996): Die Kreativität des Handelns, Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Joas, Hans (2012): Das Zeitalter der Kontingenz, in: K. Toens / U. Willems [Hrsg.]: Politik und Kontingenz, Wiesbaden: Springer VS, 25-37.
Holzinger, Markus (2007): Kontingenz in der Gegenwartsgesellschaft: Dimensionen eines Leitbegriffs moderner Sozialtheorie, Bielefeld: Transcript.
Kaufmann, Franz-Xaver (1973): Die Funktion des Naturrechtsdenkens für die Stabilisierung des Katholizismus, in: ders.: Theologie in sozialethischer Sicht, Freiburg/Breisgau: Herder, 78-92.
Peukert, Helmut (2015 [1982]):Kontingenzerfahrung und Identitäsfindung. Bemerkungen zu einer Theorie der Religion und zur Analytik religiös dimensionierter Lernprozesse , in: ders. [Hrsg.]: Bildung in gesellschaftlicher Transformation, Paderborn: Ferdinand Schöningh, 235-257.
Reichlin, Susanne (2010): Kontingenzkonzeptionen in der mittelalterlichen Literatur. Methodische Vorüberlegungen, in: Herberichs, Cornelia / Reichlin, Susanne [Hrsg.]: Kein Zufall. Konzeptionen von Kontingenz in der mittelalterlichen Literatur, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 11-49.
Rorty, Richard (1989): Kontingenz, Ironie und Solidarität, Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Vogt, Peter (2011): Kontingenz und Zufall. Eine Ideen- und Begriffsgeschichte, Berlin: Akademie Verlag.

Unser aller Müll, der du bist im Himmel wie auf Erden. Zum gerechten Umgang mit den Hinterlassenschaften der Wohlstands- und Wegwerfgesellschaft

Prof. Dr. Möhring-Hesse

»Die Erde, unser Haus, scheint sich immer mehr in eine unermessliche Mülldeponie zu verwandeln«, empörte sich Papst Franziskus in seiner Öko-Sozialenzyklika »Laudao si‘« (Nr. 21). Zu Recht behauptet die Enzyklika, dass die Vermüllung unserer Umwelten grundlegend damit zu tun hat, wie in der Welt, wie vor allem in den fortgeschrittenen Gesellschaften produziert und konsumiert wird. In dem Seminar wollen wir dem Systemfehler der Gegenwartsgesellschaften auf die Spur kommen, dass sie den Müll ›im Himmel und auf der Erde‹ produzieren, an dem sie und ihre Umwelten ›ersticken‹. Vorgeschlagene Alternativen sollen diskutiert werden, die großen Alternativen: Kreislaufwirtschaft und die vielen kleinen: Müllvermeidung, Recycling und ›Recht auf Reparatur‹. Nachdem wir uns die Grundlagen zum Thema Abfall erarbeitet und die ›Geheimnisse‹ der Wegwerfgesellschaft aufgeklärt haben, werden wir uns konkreten Themen zuwenden und uns etwa um den Plastikmüll, Müllexporte, die geologische Speicherung von CO2 und die Endlagerung von Atommüll ›kümmern‹. Im Rahmen des Seminars werden wir die Mülldeponie in Dußlingen ›besuchen‹ und mit Verantwortlichen der lokalen Müllentsorgung in Tübingen sprechen.

Literatur
Hawkins, Gay (2006): The ethics of waste: how we relate to rubbish, Oxford: Rowman & Littlefield Publishers.
Seibert, Thomas-Michael (2021): Das Müllproblem: eine moralische Paradoxie, in: Jahrbuch für Recht und Ethik / Annual Review of Law and Ethics, Vol. 29 (2021), S. 117–135.
Köster, Roman (2023): Müll. Eine schmutzige Geschichte der Menschheit, München: C.H.Beck.
Süßbauer, Elisabeth/Staudacher, Cassiopea/Sattlegger, Lukas (2024): Ambivalenzen des Mülls. Soziologie der Abfallerzeugung und Abfallvermeidung, in: Sonnberger, Marco/Bleicher, Alena/Groß, Matthias (Hg.): Handbuch Umweltsoziologie, Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden, S. 377–390.

Grundkurs: Theologische Ethik: Soziologisch denken – sozialethisch urteilen // Seminar: Sozialkonstruktivismus & Sozialethik

Manuela Wannenmacher

Manuela Wannenmacher

Die theologische Sozialethik ist dasjenige Fach innerhalb der katholischen Theologie, welches sich mit gerechter Ordnung bzw. gerechten Ordnungen gesellschaftlicher bzw. sozialer Zusammenhänge auseinandersetzt. Für eine solche Auseinandersetzung ist dabei zunächst von Nöten derartige Zusammenhänge zu verstehen. Zu diesem Zwecke sollen im Grundkurs Sozialethik Ansätze soziologischen Denkens erschlossen und deren Bedeutung für eine theologische Sozialethik erkundet werden.

Leistungsnachweis

für 2 ECTS Textlektüre, Lektüreeindruck und regelmäßige Teilnahme;
für 3 ECTS Textlektüre, Lektüreeindruck und regelmäßige Teilnahme + Essays;
für 6 ECTS Textlektüre, Lektüreeindruck und regelmäßige Teilnahme + Hausarbeit [benotet]

Literatur

Berger, Peter / Luckmann, Thomas (1980 [1966]): Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie, Fischer Frankfurt/Mainz.
Möhring-Hesse, Matthias (2019): Wissenschaftlichkeit der theologischen Sozialethik, in: Göck,Benedikt Paul / Ohler, Lukas Valentin [Hrsg.], Die Wissenschaftlichkeit der Theologie. Band 2: Katholische Disziplinen und ihre Wissenschaftstheorien, Aschendorff Verlag Münster, S. 217-243.
Rawls, John (1979 [1971]): Eine Theorie der Gerechtigkeit, Frankfurt/Main: Suhrkamp.

Die Veranstaltung wird auch als Seminar am soziologischen Institut angeboten.

Oberseminar: Aktuelle Fragen der theologischen Sozialethik

Prof. Dr. Möhring-Hesse

Diskussion aktueller Theorie- und Forschungsarbeiten in der theologischen Sozialethik sowie Besprechung laufender Promotionsprojekte.

Anmeldung, möglichst in der Sprechstunde des Dozenten, ist erforderlich.

Lektüre / Kolloquien

Interdisziplinäres Kolloquium: MGP1 Schöpfungstheologie/Anthropologie

Lehrende des Moduls MGP 1

Besprechung übergreifender Themen aus den Vorlesungen des Moduls MGP 1 (Schöpfungstheologie / Anthropologie) und Prüfungsvorbereitung.