Lehrveranstaltungen im Sommersemester 2019

Vorlesung: Fundamentale Sozialethik
Prof. Dr. Möhring-Hesse

In den vergangenen Zeiten katholischen Naturrechtsdenkens konnte die theologische Sozialethik ihre theologischen und normativen Grundlagen noch ganz über die Moraltheologie absichern und deshalb auf eine »Fundamentale Sozialethik« verzichten. Seitdem das einheitsstiftendes Band des Naturrechts in der katholischen Theologie zerrissen ist, muss sie nun selbst für ihre eigenen Grundlagen Sorge tragen – und dabei insbesondere klären, welchen Gegenstand unter welchen Hinsichten auf welchem Wege sie als ein theologisches Fach bearbeitet. In der Vorlesung werden die notwendigen Klärungen einer »Fundamentalen Sozialethik« mit Bezug auf ein analoges Problem gesucht, nämlich auf das praktische Problem von Glaubenden, in Antwort auf Gottes Heilszusage etwas von dem zugesagten Heil in ihren säkularen Gesellschaften anbrechen zu lassen und dazu »Politik aus dem Glauben« betreiben zu müssen. Auf diesem Wege lassen sich die theologischen und normativen Grundlagen der Sozialethik so sichern, dass ihr Anschluss an theologische, politisch-philo­sophische, gesellschaftstheoretische und religionssoziologische Diskurse gesichert werden kann.

 

Vorlesung: Stand und Zukunft der Europäischen Integration
Prof. Dr. Möhring-Hesse

Am 26. Mai werden in den Ländern der EU, mit Ausnahme von Großbritannien, die Wahlen zum Wahl zum 9. Europäischen Parlament stattfinden. Es ist zu befürchten, dass im Europäischen Parlament nach dieser Wahl der Anteil der Abgeordneten größer sein wird, die das Projekt der Europäischen Integration grundsätzlich in Frage stellen. So könnte es sein, dass die Rechtspopulisten – so lässt Italiens Innenminister und Führer der Lega, Matteo Salvini, verlauten – »gemeinsam mit Viktor Orban Europa regieren«, zumindest aber als größte Fraktion vertiefende Schritte der Europäischen Integration verhindern und wichtige Entscheidung des Parlaments blockieren werden. Dann würde sich die Renationalisierung auf dem europäischen Kontinent weiter verschärfen, die allerdings schon seit Jahren schleichend stattfindet. Ausdruck davon ist u.a. der Austritt des Vereinigten Königsreichs, der am 29. März um 23 Uhr britischer Zeit rechtskräftig vollzogen werden soll. Die Vorlesung wird den Stand der Europäischen Integration sowie die Krisen und Schwachstellen der Europäischen Union, nicht zuletzt deren exekutivlastige und autoritäre Charakter reflektieren; sie wird die Zukunft der wirtschaftlichen, politischen und sozialen Integration in Europa in normativer Perspektive bedenken. Dabei wird auch die religionspolitische Seite der Europäischen Integration angesprochen werden – und nicht zuletzt danach gefragt, ob gerade auch aus dem Christentum heraus der Renaissance der »Vaterländer« widersprochen werden sollte.

 

Vorlesung: Grundbegriffe der Sozialethik
Prof. Dr. Möhring-Hesse

Als ein wissenschaftliches Unterfangen arbeitet die theologische Sozialethik mit besonderen Begriffen, um ihrem Gegenstand, die richtige Ordnung von Gesellschaften und gesellschaftlichen Zusammenhängen, zu »begreifen«. Allerdings ist sie nicht »Herr im eigenen Hause«, also nicht souverän über ihre zentralen Begriffe. Sie muss einerseits ihre Begriffe mit anderen, vor allem nicht-theologischen Wissenschaftsfächern teilen, andererseits als Ethik den Anschluss an die Erstbenutzung ihrer Begriffe in den politischen Auseinandersetzungen um die richtige Ordnung von Gesellschaften und gesellschaftlichen Zusammenhängen halten. Mit einer doppelten Aufmerksamkeit auf die Begriffswelten »außerhalb« der Sozialethik sollen in der Vorlesung deren zentrale Begriffe, wie Gesellschaft und Gerechtigkeit, Inklusion und Solidarität, vorgestellt werden.

 

Vorlesung: Pastoral- und Religionssoziologie
Dr. Winkler, Dr. Schweighofer, Prof. Dr. Schüssler

Was ist Religion? Verschwindet Religion im Laufe der Modernisierung einer Gesellschaft oder kehrt sie wieder? Wie leben Menschen heute ihre Religiosität und wie verhalten sie sich zu traditionellen kirchlichen Religionsgemeinschaften? Wie verändern sich diese religiösen Institutionen gegenwärtig? Wie misst man Glaube und Religiosität?

Das und noch mehr sind Grundfragen der Pastoral- und Religionssoziologie, in die diese Vorlesung einführen möchte. Dabei wird auf zentrale Konzepte und aktuelle Themen der soziologischen Auseinandersetzung mit Religion eingegangen und diese anhand konkreter Textbeispiele illustriert bzw. erarbeitet.

 

Interdisziplinäres Kolloquium: Christliches Handeln in Kultur und Gesellschaft
Prof. Dr. Möhring-Hesse, Prof. Dr. Boschki, Prof. Dr. Schüssler

Das Kolloquium dient dazu, die Lehrveranstaltungen in dem Modul „Christliches Handeln in Kultur und Gesellschaft“ (MGP 7) interdisziplinär zu vernetzen und so die interdisziplinäre Modulprüfung vorzubereiten. Beteiligt sind insbesondere die Fächer Theologische Sozialethik, Praktische Theologie und Religionspädagogik.

 

Hauptseminar: Scham und Beschämung. Sozialethische Reflexionen
Prof. Dr. Ammicht Quinn

Scham wir in der psychoanalytischen Forschung immer wieder als „the cinderella of emotions“ bezeichnet: genauso wenig hoffähig wie Aschenputtel. Scham ist vielleicht das heimlichste Gefühl in unserer Gesellschaft, das nicht nur den Wunsch erweckt, uns zu verbergen, sondern das selbst verborgen wird, weil es sich mit den Maximen der Selbstachtung und Selbstdarstellung überhaupt nicht verträgt. Es gibt heute eine normative Erwartung auf Schamlosigkeit hin: Sich zu schämen ist beschämend geworden. Höchstens über ein „Fremdschämen“, ein Wort, das 2009 in den Duden aufgenommen wurde, kann man sich noch verständigen.

Welcher Zusammenhang aber besteht zwischen Scham und einem guten Leben? In welcher Hinsicht ist Scham eine moralische Kategorie, die dem individuellen und gesellschaftlichen Leben unterliegt und es steuert? Welche Arten der Scham lassen sich unterscheiden und welche Rolle spielt Beschämung für das Aufrechterhalten gesellschaftlicher Grenzen?

Das Seminar wird sich mit psychologischen und soziologischen Schamtheorien befassen, nach Scham in Kulturen und Religionen fragen, nach dem Zusammenhang von Scham und Schuld, und es wird die Rolle von Gefühlen für moralisches Handeln reflektieren. Dabei können Kompetenzscham, Körperscham und Sexualscham unterschieden werden. Die entscheidende Frage dabei wird sein, welche Wirkung Beschämung und Beschämungsrituale auf Individuen und Gruppen haben – und welche Art der Scham zu einem guten Leben gehört.

 

Hauptseminar: Gerechtes Wohnen
Prof. Dr. Möhring-Hesse

Wohnen ist ein konditionales Gut, heißt: ist für alle Menschen Bedingung dafür, anständig und mit vergleichbaren Chancen leben zu können. Doch gerade dieses Gut ist in der Bundesrepublik, ist vor allem im Süden der Republik, extrem ungleich verteilt: Vielen Menschen bleibt dieses Gut mit angemessener Ausstattung oder in angemessener Lage verwehrt; andere Menschen werden durch die Kosten dieses Gutes, in der Regel durch die Miete, in prekäre Lebenslagen gebracht. Wohnen ist zur zentralen Frage der sozialen Gerechtigkeit geworden. In dem Seminar wollen wir den Schieflagen bei der Wohnraumversorgung auf den Grund gehen, deren Ungerechtigkeit vermessen und politische Orientierungen prüfen.

 

Grundkurs: Theologische Ethik – im Gerechtigkeitskurs
Dr. Winkler

Christinnen und Christen wissen sich durch ihren Glauben zu einem Engagement für ihre Mitmenschen, die ihnen zu ihren Nächsten werden, herausgefordert und engagieren sich deswegen auch für eine gerechtere Ordnung ihrer sozialen Verhältnisse. Sie nehmen an den politischen Auseinandersetzungen teil, in denen die Ordnungen ihrer sozialen Verhältnisse ausgehandelt werden. Die Theologische Sozialethik ist Reflex dieses Engagements. Sie klärt die Notwendigkeit von »Politik aus dem Glauben« (Ernst Michel) und die jeweiligen Situationen solcher Politik theologisch auf und prüft als normative Ethik entsprechendes Engagement und darüber politische Fragen der gerechten Gesellschaftsordnung. Sie orientiert subsidiär  das politische Engagement von Glaubenden und macht darüber Vorschläge für die gerechte Ordnung ihrer sozialen Verhältnisse. Der Grundkurs geht auf den theologischen wie auf den ethischen Aspekt der christlichen Sozialethik ein. Zum einen wird durch Lektüre  grundlegender theologischer Texte der Frage nachgegangen, was Glaube mit Politik und mit Gerechtigkeit zu tun hat; zum anderen werden einschlägige Texte der zeitgenössischen politischen Philosophie zur Gerechtigkeit bearbeitet.

 

Lektürekurs: Die Theologie von Edward Schillebeckx
Prof. Dr. Möhring-Hesse

Die Theologie des flämischen Dominikaners Edward Schillebeeckx (1914 – 2009) ist einer der originellsten theologischen Entwürfe des 20. Jahrhunderts. Auch wenn sie das II. Vatikanische Konzil nicht hat prägen können, kann sie als eine organische Weiterentwicklung der mit dem Konzil angestoßenen theologischen Aufbrüche gelten. Aus der Dogmatik kommend hat Schillebeeckx OP einen auf Erfahrung und Offenbarung aufsitzenden Entwurf christlicher Theologie vorgelegt, der in den unterschiedlichen theologischen Disziplinen aufgegriffen und produktiv fortgeschrieben wurde. Gerade in der theologischen Sozialethik ist diese Theologie ungemein anschlussfähig, mehr noch: verhilft diesem Fach zu theologischer Sprachfähigkeit.