Institute of Historical and Cultural Anthropology

Benjamin Gehring: Europäisierungsprozesse von Erasmus-Studierenden als Europäer zwischen Anspruch und Wirklichkeit. (Arbeitstitel)

Erstbetreuer: Prof. Dr. Reinhard Johler

„Europäische Identität“ oder ein „europäisches Selbstverständnis“ existiert laut der Forschung nicht in der gleichen Form bzw. bekam „nie das Gewicht einer nationalen Identität“ (Kälble 2001). Dennoch herrscht ein wie auch immer geartetes Verständnis von Europa vor.
Im Jahr 1987 hat die Europäische Union, damals noch die Europäische Gemeinschaft, mit dem Erasmus-Programm ein Austauschprogramm auf den Weg gebracht, durch das mittlerweile mehr als 3 Millionen Studierende ihre Heimatuniversität für ein oder zwei Semester verlassen haben, um an einer anderen Universität im Ausland zu studieren. In der aktuellen Programmgeneration, sog. Erasmus+, wendet die EU insg. 14,7 Mrd. Euro auf, um Studierende zum „Homo Europaeus“ (Shore 2001) zu machen, um eine „europäische Identität“ zu stiften, durch die Förderung der jungen Eliten die europäische Integration voranzutreiben und auf einen europäisch bzw. international ausgerichteten Arbeitsmarkt vorzubereiten.
Vor dem Hintergrund des Narrativs der EU untersucht dieses Dissertationsprojekt die vorherrschenden Europäisierungsprozesse von deutschen Erasmusstudierenden, die ein oder zwei Semester im europäischen Ausland verbracht haben. Durch qualitative Interviews sollen europäische Identifikationsmerkmale, mögliche europäische Praktiken, Selbstverortungen und Einstellung zu Europa herausgearbeitet und analysiert werden. Es fragt nach Intentionen für Auslandsaufenthalte zwischen Anspruch und Wirklichkeit, zwischen Studium und „Erasmus-Party“, zwischen möglichen EU-Utopien und Erasmus-Blasen, aber auch nach den Begrifflichkeiten von Europa und seinen Werten für heranwachsende Eliten.

Benjamin Gehring, Studium der Europäischen Ethnologie und Mittelalterlichen Geschichte in Freiburg i. Br. und Birmingham (Großbritannien). Magisterabschluss zur Thema „Fest und Migration. Zum Verhältnis schwäbisch-alemannischer Fastnacht und türkischen Migranten der zweiten Generation“ (2007). Seit 2009-12 Mitarbeiter am International Office der Universität Freiburg, seit 2012 im Akademischen Auslandsamt der Universität Hohenheim, seit 2015 Abteilungsleiter.