Institute of Historical and Cultural Anthropology

Francesco Toncich - Teilprojekt G03: Istrien als "Versuchsstation" der kulturellen Hybridität als (bedrohte) Ordnung – TP 1: Ethnographisches Wissen und die kulturelle Produktion von Differenz (1850-1914)

Innerhalb des Tübinger SFBs 923 „Bedrohte Ordnungen“ entwickelt die Dissertation die Frage um den Multikulturalismus und kulturellen Hybridismus auf der istrischen Halbinsel zwischen den 1850er Jahren und 1914. Istrien galt bezogen auf kulturelle, ethnische und sprachliche Aspekte als eine der kompliziertesten Regionen der Habsburgermonarchie. Nach der Revolution 1848 und dem Beginn der konstitutionellen Phase seit den 1860er Jahren beschäftigte sich der zentrale österreichische Staat mit einem komplizierten inneren ‚re-ordering‘-Prozess seiner politischen, sozialen und wirtschaftlichen Strukturen. Das Wiener Zentrum begann in den 1850er Jahren einen systematischen Prozess, um Kenntnisse über die verschiedenen Bevölkerungsanteile der Monarchie zu gewinnen und verfolgte damit auch das Ziel ein effizienteres und moderneres Amts- und Politikwesen zu bilden. Aus diesem Grund wurden Volkszählungen organisiert und durchgeführt, die auf ethnolinguistischen und ethnohistorischen Klassifikationen der früheren österreichischen Statistiken und später ethnologischen Wissenschaft beruhten. Bei den Volkzählungen und Spracherhebungen wurde es lediglich nach einer „Alltagsprache“ gefragt und wurde an keine Möglichkeit für mehrsprachige oder sprachlich hybride Individuen gedacht, ihren Sonderstatus zum Ausdruck zu bringen: Sie waren gezwungen, sich für eine der offiziell anerkannten Nationalsprachen zu entscheiden. Diese nicht-klassifizierbaren Identitäten wurden nicht nur als ein Problem, sondern sogar als eine Bedrohung von den staatlichen Behörden und insbesondere auch den nun entstehenden lokalen national orientierten, ethnozentrischen Bewegungen gesehen. Verschiedene österreichische Wissenschaftler – wie etwa Volkskundler, Sprachwissenschaftler, Anthropologen und Historiker –, die vom zentralen Staat am meisten unterstützt wurden, führten in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts und am Anfang des 20. Jahrhunderts immer genauere Forschungen über diese unbekannten, oft rätselhaften, gemischten Bevölkerungen und Personen auf der istrischen Halbinsel durch. Das Ziel dieser Forscher war ausdrücklich, die multinationale oder übernationale österreichische Staatsidentität zu fördern und zu legitimieren. In diesem Sinn wurde Istrien als eine Miniatur und ein positives Beispiel der multinationalen habsburgischen „melting pot“ betrachtet. Diese bunte ethnische und kulturelle Vielfalt Istriens wurde in wissenschaftlichen Studien sowie durch Bilder, Veröffentlichungen und museale Praktiken für ein breiteres Publikum dargestellt.

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