Institute of Historical and Cultural Anthropology

Helen Ahner: Planetarien - Über Wunder der Technik und Techniken des Wunderns (Arbeitstitel)

Erstbetreuer: Prof. Dr. Thomas Thiemeyer

Moderne Planetarien sind Orte, an denen Technik und deren Errungenschaften als Wunder präsentiert und bestaunt werden. Nicht nur die Projektionsaparturen und Laserinstallationen sind Gegenstand dieses Staunens, auch das vorgeführte Wissen über den Weltraum wird Besucher*innen als Ergebnis des technischen Fortschritts in der Weltraumfahrt und -forschung präsentiert. Planetarien sind insofern prototypische Orte der Moderne, als dass sie der Vernunft, dem menschlichen Erfindergeist und der Wissenschaft ein Monument setzen, die Unbegrenztheit der menschlichen Mobilität simulieren (Flug durchs All) und sich mit erzieherischem Impetus an Besucher*innen wenden – sie sollen etwas lernen.

Gleichzeitig sind Planetarien auch Orte, an denen Techniken des Wunderns praktiziert werden. Im Angesicht der Erzählung vom unfassbaren Ausmaß des Weltalls und all der ungelösten und unerforschten Fragen, die dieses aufwirft, werden Besucher*innen in ehrfurchtsvolles Staunen versetzt. Monumentale Projektionen, dramatische Soundkulissen und epische Erzählungen erzeugen eine erhabene Stimmung. Das Bild von der eigenen Welt und Existenz wird vor dem Hintergrund einer rationalen Unendlichkeit (neu) skaliert. Das Publikum erbaut sich im semi-sakralen Raum unter der Kuppel und setzt sich auf ‚moderne‘ sprich: wissenschaftliche Art und Weise mit den diktierten Existenzfragen auseinander. In Planetarien geht die Entzauberung des Weltalls einher mit einer neuen – als rational markierten und vermarkteten – Verzauberung.

Noch deutlicher als Museen sind Planetarien irgendwas zwischen Entertainmentzentren und Bildungsstätten. Sie sind irgendwie veraltet und inzwischen zu Orten einer retrofuturistischen Nostalgie geworden und doch auch Räume für die Erfahrung innovativer Präsentations- und Raumfahrttechnik. Dieser Zwischenstand (und nicht nur er) machen sie zu attraktiven Gegenständen kulturwissenschaftlicher Forschung.

Diese Forschungsarbeit befindet sich noch im Anfangsstadium – um eine astronomische Metapher zu bemühen – im Zustand der Ursuppe. Fragestellung, Zuschnitt und Forschungsdesign werden in den nächsten Monaten konkretisiert. Der Gegenstand jedoch steht fest: Planetarien – kulturwissenschaftlich gesehen. Eine Kulturgeschichte der Planetarien ist gleichzeitig eine Geschichte der Beziehungen von Menschen und Technik und den technisch und wissenschaftlich hervorgebrachten und vermittelten Weltbildern. Damit ist diese Betrachtung prädestiniert für die Perspektive der Science and Technologie Studies, die hier unter anderem angelegt werden soll.

Kurzvita

Geboren 1990 in Oberndorf am Neckar. Studierte Empirische Kulturwissenschaft und Allgemeine Rhetorik in Tübingen und Rennes (B. A. 2014, M. A. 2017). Arbeitete während des Studiums als Tutorin am LUI und als studentische/wissenschaftliche Hilfskraft im Projekt Sprachalltag (Klausmann, Johler), im Projekt Religion and Public Memory in Multicultural Societies (Scheer, Klassen) und im Projekt Shoah-Gedenken in der Migrationsgesellschaft (Thiemeyer).

Kontakt

helen.ahnerspam prevention@uni-tuebingen.de