Institute of Historical and Cultural Anthropology

Helen Franziska Veit: Zwischen Stigma und Show – Wie Formen des Scheiterns verhandelt werden (Arbeitstitel)

Erstbetreuerin: Prof. Dr. Monique Scheer
Zweitbetreuer: Prof. Dr. Thomas Thiemeyer

Gefördert im Rahmen der Landesgraduiertenförderung Baden-Württemberg (LGFG)


Von der alltäglichen Tollpatschigkeit, bis zum Ereignis, das den Alltag aus den Fugen reißt, kann Scheitern überall vorkommen, wo es eine irgendwie geartete Vorstellung vom erfolgreichen Ablauf oder Ausgang einer Sache gibt. Politische Reformen, Fußballmannschaften, Geschäftsideen, Beziehungen, Erziehung, Karrieren oder der Kampf gegen eine Krankheit – wer oder was als ‚gescheitert‘ gilt, hängt von Blickwinkeln und Kontexten ab, die kulturell verhandelt werden.

In einer an Leistung und Erfolg orientierten Gesellschaft erscheint ‚Gescheitert‘ als Stigma, als kulturelles Deutungsmuster, das ‚Gescheiterte‘ marginalisiert. Während Scheitern als das „Tabu der Moderne“ (Sennett) gilt, wird aber auch Kritik laut, dass glattgebügelte Erfolgsgeschichten allerorts sichtbar seien und zum unrealistischen Maßstab gemacht werden. In solcherart Gegenbewegungen sind z.B. Veranstaltungsreihen zu verorten, die Scheitern öffentlich Raum geben wollen, wie die sogenannten „FuckUp Nights“. Hier werden Geschichten von Misserfolgen auf Bühnen gebracht, Scheitern wird ästhetisiert und mit scheinbar paradoxen Semantiken des schönen, besseren oder gescheiten Scheiterns zelebriert. Ist dies ein Wandel von Kultur, der Gescheiterten neue Selbstbilder und Handlungsmöglichkeiten anbietet, gar Aufmerksamkeiten für sie generiert?

Unter dem Arbeitstitel „Zwischen Stigma und Show – Wie Formen des Scheiterns verhandelt werden“, widmet sich das hier umrissene Promotionsprojekt gegenwärtigen Repräsentationen, Praktiken und AkteurInnen, die Scheitern aus der Tabuzone holen wollen und fragt, zu welcher Art von Gefühlen und Narrativen diese einladen. Ausgangspunkt sind mit der Methode der Grounded Theory erhobene empirische Daten, die erkennen lassen, welche Bedingungen den Umgang mit Scheitern im deutschsprachigen Raum formen, erleichtern oder erschweren. Das Material wird inhaltlich qualitativ analysiert und auf Kategorien und größere Sinnzusammenhänge zurückgeführt. Ziel der Arbeit ist, durch Beschreibung impliziter Regeln und Bedingungen, nachvollziehbar zu machen, wie Scheitern in diesen Ausschnitten sozialer Wirklichkeit gerahmt und verhandelt wird. Dieser Blick auf Logiken des Scheiterns trägt zum Verstehen von Kultur und Gefühlsregimen bei.

Abstract English:
From everyday clumsiness to events that turn everyday life upside down; failure can occur where there is an idea of a successful course or outcome of something. Political reforms, football teams, business ideas, relationships, education, careers or the fight against a disease - who or what is considered 'failed' depends on perspectives and contexts that are socially and culturally negotiated.
In a society that values success, 'failed' appears as a stigma, as a cultural pattern of interpretation that marginalises ‘the Failed’ (Scholz). While failure is regarded as “the great modern taboo" (Sennett), there is also criticism against the high visibility of success stories which is seen as the cause for unrealistic demands. Such counter-movements include, for example, series of events which aim to free failure from taboos, the so calles “FuckUp Nights”. Stories of failure are brought on stage, failure is aestheticized and celebrated with seemingly paradoxical semantics of good or better failing. Can this be seen as a cultural change, that offers failed people new possibilities for awareness, agency, and attention?
The PhD project, titled "Between Stigma and Show – Negotiating Forms of Failure", inquires into contemporary representations, practices and movements who seek to free failure from taboos. What kind of feelings and narratives do they offer? The starting point is empirical data collected following a Grounded Theory approach which helps to reveal conditions and cultural frames that shape, facilitate or complicate handling experiences of failing in German-speaking countries. By qualitative content analysis and systematic Coding, the data material can be traced back to categories and larger cultural contexts. The aim of the PhD project is to describe implicit rules and conditions in order to understand and explain how failure is framed and negotiated in the inquired sections of social reality. Looking at those implicit “logics of failure” contributes to the understanding of culture and emotional regimes.


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