Institute of Historical and Cultural Anthropology

Jan Lange: Kollaborative Quartiere. Allianzen zwischen Stadtverwaltung und Zivilgesellschaft im Politikfeld der Integration von Geflüchteten (Arbeitstitel)

Erstbetreuer: Prof. Dr. Reinhard Johler
Zweitbetreuerin: Prof. Dr. Brigitta Schmidt-Lauber (Wien)

Das Dissertationsprojekt beschäftigt sich mit Prozessen kooperativer Stadtentwicklung am Beispiel dreier Quartiere in Tübingen. Es fragt nach dem Verhältnis von kommunaler Verwaltung und der Zivilgesellschaft sowie den Aushandlungen eines 'guten Miteinanders‘ im Quartier unter der Bedingung des Ankommens von Geflüchteten und verortet sich damit an der Schnittstelle von Stadt- und Migrationsforschung.

Quartieren wird in der nationalen Stadtentwicklung angesichts lebensweltlicher Differenzierung, räumlicher Polarisierung sowie Diversifizierung der Bevölkerung ein hohes soziales Potential zugeschrieben, das oftmals auch den Ausgangspunkt kommunaler Politiken zur Integration von Geflüchteten bildet. Unter der Zielstellung der gesellschaftlichen Teilhabe soll dieses für den im Alltag stattfindenden Austausch zwischen Geflüchteten und bereits ansässiger Bevölkerung nutzbar gemacht werden. Quartiere verfügen diesem Ansatz folgend über angestammte und lokal spezifische Ressourcen. Die Forschungsarbeit begreift Quartiere hingegen als Ergebnis sozialer Praktiken, bzw. als das Produkt des Wechselspiels aus materialisiertem Raum und dessen Aneignung durch deutende und wahrnehmende Subjekte. Entsprechend wird gefragt, wie unterschiedliche Gruppen das Miteinander von Menschen mit und ohne Fluchterfahrung im Quartier vor dem Hintergrund spezifischer Nutzungs- und Identifikationsweisen des Stadtraumes deuten. Die Arbeit zielt folglich nicht darauf ab einen Beitrag zur „Integration von Flüchtlingen“ zu leisten. Vielmehr wird „aus der Perspektive der Migration“ (Römhild 2009) danach gefragt, wie das Ankommen von Geflüchteten durch die Stadtgesellschaft verhandelt und erlebt wird.

Damit wird zugleich die Frage nach der praktischen Umsetzung kommunaler Integrationskonzepte berührt. Diese bildet den zweiten Untersuchungsschwerpunkt der Arbeit. Grundlegend wird damit ein Modus des Regierens von Städten reflektiert, der Entwicklungsstrategien nicht top-down, sondern mittels Netzwerken zwischen Zivilgesellschaft und städtischer Verwaltung umsetzt. Im ethnografischen Zugriff liegt der Fokus hierbei auf der Frage, wie in solchen Allianzen Quartiere als Orte des Zusammenlebens gewusst und mit gemeinschaftsfördernden Projekten bespielt werden. Dieses übergeordnete Erkenntnisinteresse lässt sich in folgende Unterfragen aufspalten: Welche lokalen Wahrnehmungsweisen der Veränderungen herrschen im Quartier vor? Wie werden in den Projekten unterschiedliche Wissensstände aufgenommen, miteinander konfrontiert und verarbeitet? Wie wird in den partizipativen Formaten Teilhabe hergestellt und (nicht) verstetigt und welche Interessen und Narrative setzen sich auf Basis welcher Legitimierungsstrategien durch? Zur Beantwortung dieser Fragen greife ich auf die Agenda der urban assemblages zurück, welche die reziproke Strukturierung der Handlungspotentiale von Akteuren auf verschiedenen städtischen Ebenen nachvollziehbar macht.

Forschungspraktisch werden die Ethnografie und weitere Methoden der qualitativen Sozialforschung mit solchen der Organisationsforschung verbunden.

Projektbeginn: Oktober 2017

Kurzvita

Geboren in Oldenburg. Studium der der Empirischen Kulturwissenschaft und Soziologie an der Eberhard Karls Universität Tübingen (B.A. 2013) sowie der Europäischen Ethnologie an der Humboldt-Universität zu Berlin (M.A. 2016). Während des Studiums u.a. studentische Hilfskraft im Sonderforschungsbereich 923 „Bedrohte Ordnungen“, am Forschungsinstitut für Arbeit, Technik und Kultur, in der Institutsbibliothek des Ludwig-Uhland-Instituts und am Leibniz-Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung. Seit Oktober 2017 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Ludwig-Uhland-Institut.

Kontakt

jan.langespam prevention@uni-tuebingen.de