Institute of Political Science

1. Bericht zu Moskau

Erfahrungsbericht Moskau (SS 01)

von Daniel Plankermann dplankermannspam prevention@gmx.de

Das Studium am Moskauer Staatsinstitut für Internationale Beziehungen (MGIMO) - Nützliches für deutsche Austauschstudenten -

Das Moskauer Staatsinstitut für Internationale Beziehungen (Moskovskij Gosudarstvennij Institut Meždunarodnych Otnošenii, MGIMO) ist eine dem Außenministerium der Russischen Föderation unterstehende Hochschule, auf der früher der Diplomaten- und anderer Beamtennachwuchs ausgebildet wurde. Aufgrund der internationalen Ausrichtung und ihres auch in den übrigen GUS- und ehemaligen Ostblockstaaten hohen Bekanntheitsgrades gilt sie auch heute noch als eine der prestigeträchtigsten Universitäten des Landes. Neben den traditionellen Fächern wie Internationale Beziehungen, Internationale Wirtschaftsbeziehungen und Internationales Recht werden auch bereits Politologie, Betriebswirtschaftslehre und Journalismus angeboten.

Das Studium

Ähnlich wie an den meisten russischen Universitäten dauert das erste Studium vier Jahre und wird mit einem Bachelor (Bakkalavr) abgeschlossen. Daran schließt sich entweder ein einjähriges Vertiefungsstudium mit Praktikum an, das zum Titel "Specialist" führt, oder eine zweijährige Magistratur (mit dem Abschluß "Magister"). Danach gibt es noch die Möglichkeit, in die Aspirantur einzutreten ("Aspirantura"), die einem Promotionsstudium vergleichbar ist. Dabei ist zu beachten, daß die Studenten und Absolventen i.A. deutlich jünger sind, als in Deutschland: Bereits nach 10 bis 11 Jahren verlassen sie die Schule und können ihr Studium beginnen. Studienanfänger sind somit 16/17 Jahre alt und schließen ihr Studium teilweise bereits mit 20 Jahren ab.

Entsprechend verschult ist auch die Ausbildung. Studienanfänger wählen von vorneherein eine Studienrichtung und haben von da an praktisch keine Wahlmöglichkeiten mehr, sondern folgen in einem klassenähnlichen Verband dem vorgeschriebenen Studienplan. Somit fühlt sich jeder Student eindeutig einer Fakultät, einem Studienjahr, einer sogenannten "Akademischen Gruppe" (vergleichbar einem größeren Klassenverband) und einer Sprachgruppe (2 Fremdsprachen sind Pflicht) zugehörig. Ein typischer Student könnte sich etwa wie folgt vorstellen: Internationale Beziehungen, 3. Studienjahr, 1. Akademische Gruppe, Spanisch und Chinesisch.
Anwesenheitspflicht in Seminaren und Vorlesungen und Frontalunterricht erinnern ebenso an die Schule wie das entsprechende Schwänzen, Lesen unter der Bank und Abschreiben von Hausaufgaben in der Pause. Das Studium ist dennoch arbeitsintensiv, und vor allem die sehr intensive Fremdsprachausbildung fordert die Studenten sehr.

Die Studenten

Eine typische russische Universität ist das MGIMO sicher nicht, aber wahrscheinlich an keiner anderen prallen das "neue", reiche und versnobbte, und das "alte" sowjetische Rußland so aufeinander wie hier. Die sehr schwierigen Aufnahmeprüfungen bestehen nur die Intelligentesten und die Reichsten. Somit herrscht nicht nur eine ganz andere Atmosphäre als an anderen russischen Hochschulen, sondern auch als in der Tübinger Universität. Wer am MGIMO mit kurzen Hosen und dem Lieblingssweatshirt zur Vorlesung ginge, fiele wahrscheinlich genauso auf wie ein Student im Armani-Anzug in einem Tübinger Hörsaal.

Ausländische Studierende

Während vor allem viele Asiaten (Chinesen, Koreaner), Osteuropäer und Jugendliche aus den GUS-Republiken meist ihr komplettes Studium am MGIMO absolvieren, gibt es relativ wenige "Weststudenten", die nur für ein oder zwei Semester in Moskau studieren. Zuständig für sie ist das Dekanat für die Arbeit mit ausländischen Studierenden (Dekanat po rabote s inostrannimi ucašciimsja, DRIU), der Hauptanlaufstelle für Austauschstudenten, in dem man für alle Sorgen und Probleme ein offenes Ohr hat. Einführungsveranstaltungen oder organisierte Betreuung über das Semester gibt es jedoch nicht. Dafür ist man im Dekanat sehr flexibel und geht bereitwillig auf individuelle Probleme und Fragen ein.

Als Tübinger Austauschstudent gilt man zwar nicht als vollwertiger MGIMO-Student (d.h. man bekommt leider auch keinen Studentenausweis), erhält aber den günstigen Status eines "Praktikanten" ("Stažer") mit dem Recht, alle Lehrveranstaltungen nach vorheriger Genehmigung durch das zuständige Dekanat besuchen zu dürfen. Der entsprechende Ausweis ("propusk") berechtigt ebenfalls zur Benutzung der Internet- und Multimediaräume.

Fächerwahl

Das Dekanat für die Arbeit mit ausländischen Studierenden ist bei der Wahl der Kurse und dem Ausstellen des Bibliotheksausweises, der gesondert beantragt werden muß, behilflich. In der Wahl der Kurse ist man als Austauschstudent völlig frei, allerdings ist das Fächerangebot unübersichtlich und auf den ersten Blick unverständlich. In der Regel kann man das Angebot auch erst vor Ort einsehen, doch im Internet kann man sich ungefähr über die Art der Veranstaltungen informieren. Wenn man sich dann doch für seine Wunschkurse entschieden hat, so sorgt das Ausländerdekanat für die Genehmigung seitens des entsprechenden Fachdekanats, was allerdings reine Formsache ist. Es empfiehlt sich jedoch, um nicht unnötig Zeit zu verlieren, selbstständig die entsprechenden Dozenten um Erlaubnis zu fragen und an den Veranstaltungen teilzunehmen

Ort und Zeit der Veranstaltung entnimmt man dem Aushang der jeweiligen Fakultät ("raspisanie"), den man sich am besten gleich zu Anfang zeigen läßt (unbedingt den Ort aufschreiben!). Der Plan für die Magistratur hängt meist noch an einem anderen Ort, so daß es einige Laufarbeit erfordert, bis man sich seinen Stundenplan zusammengestellt hat.

Die Einordnung der Veranstaltungen nach Schwierigkeitsgrad ist pauschal nicht möglich, da sich die Vorkenntnisse russischer Abiturienten von denen deutscher genauso stark unterscheiden wie das Alter. Im Allgemeinen sollte man jedoch keine Veranstaltungen unterhalb des dritten Studienjahres besuchen, nach abgeschlossenem Grundstudium wird man sich nur noch im vierten Studienjahr oder den Magistraturveranstaltungen intellektuell gefordert fühlen. Selbst diese zeichnen sich dennoch oft durch eine regelrechte "Theorieleere" aus. Die Wissensvermittlung als rein deskriptiv abzutun, würde jedoch zu kurz greifen, denn man gewinnt eher den Eindruck einer "praxisnahen" Ausbildung, die einem angehenden Mitarbeiter des Außenministeriums das notwendige Wissen und Handwerkszeug für seinen Beruf vermitteln soll.

Dennoch immer zu empfehlen sind die Veranstaltungen zur Geschichte der Internationalen Beziehungen der Fakultät für Internationale Beziehungen und die Veranstaltung des Magisterstudiengangs "Internationale Beziehungen" in Zusammenarbeit mit dem IEP Paris (von dem auch immer einige Studenten in Moskau studieren). Es zahlt sich jedoch aus, möglichst viel auszuprobieren und alle Angebote wahrzunehmen. Diese Freiheit, die einem der "Praktikantenstatus" bietet, sollte man ausnützen.

Prüfungen

In Rußland unterscheidet man zwischen "Tests" ("sacet"), die man lediglich bestehen oder nicht bestehen kann, und Prüfungen ("ekzamen"), für die es eine Note zwischen 5 (der besten) und 1 (der schlechtesten) gibt. Die meisten der in einem Semester sehr zahlreichen Veranstaltungen werden mit Tests abgeschlossen, nur wenige mit Prüfungen. Das Bestehen der Tests oder die Note können dabei von mündlichen oder schriftlichen Leistungsabfragen, aber auch von Referaten oder Hausarbeiten abhängen. Um eine Veranstaltung möglichst anrechnungsfähig zu machen, empfiehlt es sich, mit dem jeweiligen Dozenten eine Sonderprüfung mit Notenvergabe zu vereinbaren, zu der diese im Regelfall auch bereit sind. Allerdings muß man auch als Austauschstudent damit rechnen, in einem Fach, das üblicherweise mit einem Test abgeschlossen wird, intensiver geprüft zu werden als seine russischen Kommilitonen. Vom Ausländerdekanat erhält man Vordrucke, in die die Prüfer die Note eintragen, sowie schließlich ein Zeugnis mit einer Auflistung der Leistungen.

Russisch

Um an den regulären Veranstaltungen teilnehmen zu können und von ihnen zu profitieren, sollte man zumindest schon sehr gut Russisch verstehen oder eine entsprechende Anlaufphase einplanen. Veranstaltungen auf Englisch oder Deutsch werden nur vereinzelt von Gastdozenten durchgeführt. Allerdings werden auf allen Niveaus Russischkurse angeboten, die man besuchen kann, und im Notfall findet man immer Studenten, Dozenten oder Mitarbeiter der Universität, mit denen man sich auf Deutsch oder Englisch verständigen kann.

Wohnen

Das Tübinger Austauschprogramm schließt die Unterkunft in einem Wohnheim mit ein, und meist bekommt man ein Zimmer (das man u.U. mit einem anderen Studenten teilen muß) in dem großen Wohnheim direkt neben dem Institutsgebäude. Die Zimmer sind weitestgehend sauber und modern eingerichtet, es gibt eine Kochgelegenheit, jedoch keinen Telefonanschluß. Leider liegen Universität und Wohnheim am äußeren Rand von Moskau ("Jugozapadnyj rajon") und genau zwischen zwei Metrostationen, was die Fahrt ins Zentrum zu einer für Tübingen Verhältnisse langen Reise werden lassen kann.

Organisatorisches

Nach der Konaktaufnahme mit dem Ausländerdekanat, welches dem Studenten eine Nummer zuweist und an das jeweilige Konsulat schickt, kann man sein Visum direkt beim Konsulat beantragen. Dazu braucht man eine Reisekrankenversicherung, die die gesamte Zeit abdeckt und einen noch lange gültigen Reisepaß. Man erhält dann ein Dreimonatsvisum, welches für die Einreise genügt. Im Institut selbst befindet sich ein Amt für Ausländerangelegenheiten (OVIR), welches die Registrierung für die gesamte Studienzeit vornimmt. Mit diesem Stempel im Paß kann man sich für diese Zeit fei im ganzen Land bewegen (offiziell muß man sich bei längerem Aufenthalt in einer andern Stadt als Moskau dort erneut registrieren lassen). Rechtzeitig vor der Abreise muß man jedoch ein Visum für die Ausreise beim OVIR beantragen.

Weitere Informationen:

Website: http://www.mgimo.ru

Dekanat für die Arbeit mit ausländischen Studierenden
Shishkin, Vladimir Nikolaevich (Dekan)
117454 Moskva
Prospekt Vernadskogo, 76
Tel. 007 095 434 9074 oder 434 9068
E-Mail: iseospam prevention@mgimo.ru