Institute of Political Science

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11.10.2021

Todesfall am Institut: Prof. Dr. Hans-Georg Wehling verstorben

Das Institut für Politikwissenschaft trauert um seinen Honorarprofessor Hans-Georg Wehling, der am 7. Oktober 2021 überraschend verstorben ist.

Hans Georg Wehling wusste wie Kommunal- und Landespolitik in Baden-Württemberg funktionieren. Er war bestens mit vielen Schlüsselfiguren in Gemeinderäten,  Kreistagen und Landtagfraktionen vernetzt und kannte ihre Positionen, roten Linien und  Ambitionen. Dieses Wissen hat er in feinsinnige Analysen lokaler und regionaler Politik umgesetzt,  die zeigen, wie konkrete Entscheidungsprozesse von unten nach oben – und dann wieder zurück – verlaufen.
Hans-Georg Wehling hat in Münster, Freiburg und Tübingen Geschichte, Germanistik, Philosophie, Pädagogik, Politikwissenschaft und Soziologie studiert und 1965 die Prüfungen zum  Lehramt für Gymnasien abgelegt. Im November 1968 wurde er mit einer Arbeit zur Weingesetzgebung und den damit verbundenen Aushandlungsprozessen zwischen Produzenten, Verbänden, Bürokratien und Politik promoviert. Die Arbeit wurde von Theodor Eschenburg betreut. Anschließend ging er an die Landeszentrale für Politische Bildung in Stuttgart. Dort war er  Referent für Publikationen. In dieser Funktion hat er die Zeitschrift „Bürger im Staat“ zum  bundesweit führenden Diskussions- und Publikationsforum der Politischen Bildung gemacht. 
Im Juni 1978 wurde Hans-Georg Wehling zum Honorarprofessor am Institut für Politikwissenschaft ernannt. In seinem Ernennungsgutachten würdigt Dieter Oberndörfer die analytische Schärfe, Ausgewogenheit und Integrationskraft der Arbeiten von Hans-Georg Wehling, der zu diesem Zeitpunkt schon sieben Bücher vor allem zu kommunal- und landespolitischen Themen  veröffentlicht hatte.
Genau zu diesen Themen lehrte Hans-Georg Wehling auch am Tübinger Institut für  Politikwissenschaft. Seine Seminare haben Generationen von angehenden  Politikwissenschaftlerinnen und Politikwissenschaftlern mit der Dynamik politischer Prozesse in  interpersonellen Netzwerken zwischen Parteien, Verbänden, Rathäuser und Landtagen vertraut  gemacht. Gleichzeitig hat er die Entwicklung der Studiengänge am Institut über Jahrzehnte  mitgeprägt und für außerordentlich enge Kooperationsbeziehungen mit der Landeszentrale für  Politische Bildung gesorgt. Er war zudem viele Jahre lang Mitglied im Vorstand des Europäischen  Zentrums für Föderalismusforschung (EZFF) und hat dessen Profil und Renommee entscheidend  mitgeprägt.
Hans-Georg Wehling wurde nicht zuletzt auch mit einem Aufsatz zu einer wissenschaftlichen Tagung über politische Bildung in Beutelsbach 1976 bundesweit bekannt. Auf  dieser Tagung identifizierte er einen zarten Konsens unter den Fachvertreterinnen und Fachvertreter zum sogenannten Überwältigungsverbot in der politischen Bildung, zur  Notwendigkeit, politische Kontroversen als solche im Unterricht zu thematisieren, und zur  gemeinsamen Aufgabe, Schülerinnen und Schüler die notwendigen Kompetenzen zur Entwicklung eigener politischer Standpunkte zu vermitteln. Diese Beobachtung Hans-Georg Wehlings wurde zu dem, was wir heute Beutelsbacher Konsens nennen – einem Konsens, der weithin geteilt wird und der die Alltagspraxis an deutschen Schulen und in der politischen Bildung bis heute maßgeblich prägt.
Das Institut für Politikwissenschaft verliert mit Hans-Georg Wehling einen sehr geschätzten  Kollegen und bei den Studierenden beliebten akademischen Lehrer. Wir verabschieden uns von einem profunden Kenner der Kommunal- und Landespolitik, der immer auf Individuen in Entscheidungskontexten schaute und auf diese Weise politische Prozesse anschaulich und außerordentlich detailreich vermitteln konnte.

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