Institute of Sports Science

Visuelle Antizipation und Entscheidungshandeln in den Sportspielen

Überblick

Kognitiven Prozessen wie der visuellen Antizipation ist eine hohe Bedeutung für die Leistungsfähigkeit im Sportspiel beizumessen, die im Spitzensport – bei technisch und konditionell bestens ausgebildeten Spielern – sogar noch zunehmen dürfte (Abernethy, 1999). Dies gilt sowohl für offensives taktisches Entscheidungshandeln einzelner Spieler in kleingruppentaktischen Situationen (vgl. Höner, 2005) als auch für Defensivhandlungen zur Abwehr eines gegnerischen Angriffs. Insbesondere für Torhüter ist die Bedeutung der visuellen Antizipation offensichtlich, da ohne sie ein erfolgreicher Torhüterspiel unter dem gegeben Zeitdruck nicht möglich erscheint.

Entscheidungshandeln

Im Zusammenhang mit dem Entscheidungshandeln in den Sportspielen liegt die grund-legende Problemstellung darin, dass die Athleten im Verlauf eines Spiels mit einer Vielzahl von möglichen Handlungsoptionen konfrontiert werden, aus denen jeweils eine günstige bzw. die günstigste ausgewählt werden muss, um erfolgreich zu agieren. Zu diesem Zweck werden individuell kognitive, situative Problemlöseprozesse eingesetzt, um die eigenen (z. B. konditionellen, taktischen und/oder technischen) Voraussetzungen unter Zeit-, Präzisions- und Komplexitätsdruck optimal nutzen zu können. Daraus ableitbar ergibt sich u.a. die (sport)psychologische Fragestellung, was die Ursachen dafür sind, dass sich ein Spieler für eine bestimmte Option entscheidet. Diese Parameter einer Entscheidung werden in dem Grundmodell der „subjektiven Situationsdefinition“ (Nitsch, 2004) beschrieben, das die Basis für ein „Erwartungs (Kompetenz) x Wert (Valenz)-Modell“ liefert. Je höher die Einschätzungen der eigenen Kompetenz und des erreichbaren Wertes sind, umso wahrscheinlicher wird die Entscheidung für die entsprechende Handlungsoption (vgl. Höner, 2012).

Antizipation

2013 wurde ein vom Deutschen Fußball Bund (DFB) finanziertes Forschungsprojekt zur Antizipation von Fußballtorhütern abgeschlossen. Ein zentraler Bestandteil des Projekts lag in der Durchführung einer empirischen Studie zur Konzeption und Evaluation einer kognitiven Leistungsdiagnostik für Fußballtorhüter. Dabei standen inhaltliche Analysen des Antizipations- und Blickverhaltens (behaviorale und kognitive Ebene) sowie die Entwicklung und testtheoretische Überprüfung eines Diagnostikinstruments im Mittelpunkt. Hierfür wurde eine zweiteilige Laboruntersuchung konzipiert, in der den Probanden Stimulusvideos mit Torschüssen auf Großbildleinwand gezeigt wurden, anhand derer sie die Schussrichtung des Balles per Tasterdruck vorhersagen mussten.

Die Videos zeigten Torschüsse aus vier unterschiedlich komplexen Situationen (1:0 mit Schuss eines ruhenden Balles, 1:0 mit Schuss aus dem Dribbling, 1:1 und 2:2). In Teilstudie 1 wurden die Videos zu unterschiedlichen Zeitpunkten abgebrochen (temporal occlusion Paradigma), in Teilstudie 2 bestimmten die Probanden den Zeitpunkt ihrer Antwort und damit den Videoabbruch selbst (Reaktionszeitparadigma). In beiden Teilstudien wurden neben der Antizipationsleistung die Blickbewegungen der Probanden mittels Eye Tracking System erfasst.

Als Probanden (n=76) fungierten Landesverbandsauswahltorhüter der U15 und U18 sowie Torhüter verschiedener Alters- und Leistungsklassen aus dem Großraum Tübingen.

Die Reliabilitätsanalysen der beiden Teilstudien ergaben eindeutig, dass sich das Reaktions-zeitparadigma für einen zukünftigen Einsatz als Leistungsdiagnostik besser eignet. Bzgl. der inhaltlichen Ergebnisse zeigte sich zudem, dass die eingesetzte Untersuchungsmethode einen großen Einfluss auf die Resultate besaß. Auf behavioraler Ebene konnte nachgewiesen werden, dass sich die Antizipationsleistung mit steigendem Informationsgehalt verbessert, dass die Schussseite besser zu antizipieren ist als die Schusshöhe und dass die Antizipationsleistung von der Situationskomplexität abhängt. Gruppenvergleiche konnten sehr konstant einen Antizipationsvorteil der erfahreneren Torhüter nachweisen. Auf kognitiver Ebene wurden Differenzen im Blickverhalten zwischen korrekt und falsch antizipierten Schüssen gefunden, die Abhängigkeit des Blickverhaltens von der Situationskomplexität bestätigt sowie ebenfalls Altersgruppenunterschiede festgestellt. Das Standbein des Schützen wurde als relevantestes Areal für eine korrekte Antizipation identifiziert. Eine weitere zentrale inhaltliche Erkenntnis lag darin, dass die in der Forschungsliteratur berichteten Befunde aus Elfmeterstudien nicht problemlos auf komplexere Situationen übertragbar sind (vgl. Schultz, 2013).

Publikationen

Schultz, F. (2013). Antizipation von Fußballtorhütern – Untersuchung zur Konzeption einer kognitiven Leistungsdiagnostik im Kontext der sportwissenschaftlichen Talentforschung. Zugriff unter: http://tobias-lib.uni-tuebingen.de/volltexte/2013/6986/

Höner, O. (2012). Entscheidungshandeln im Fußball: Eine sportpsychologische Betrachtung. In Bund Deutscher Fußball-Lehrer (Hrsg.), Neue Trends bei der Euro 2012: Entscheidungskompetenz in Abwehr und Angriff (Internationaler Trainer-Kongress 2012) (S. 16-23). Wiesbaden: Dinges & Frick. [http://www.bdfl.de/images/ITK/2012/Hoener.pdf]

Schultz, F., Daniel, J., Huff, M., Papenmeier, F. & Höner, O. (2012). Der Einfluss von Informations-gehalt und Situationskomplexität auf die Antizipation von Fußballtorhütern. In C. T. Jansen, C. Baumgart, M. W. Hoppe & J. Freiwald (Hrsg.), Trainingswissenschaftliche, geschlechtsspezifische und medizinische Aspekte des Hochleistungsfußballs – Beiträge und Analysen zum Fußballsport XVIII (S. 214-220). Hamburg: Czwalina.

Schultz, F., Papenmeier, F., Huff, M., Daniel, J. & Höner, O. (2012). Analyse behavioraler und kognitiver Merkmale der Antizipation von U18-Verbandsauswahl-Fußballtorhütern. In S. König, D. Memmert & M. Kolb (Hrsg.), Sport-Spiel-Unterricht (S. 197-198). Berlin: Logos.

Schumacher, G., Kredel, R., Koedijker, J., Höner, O. & Hossner, E.-J. (2011). Decision-making and gaze behavior in young football players: “Quiet eye” as a characteristic of sport talent? In S. Serpa, N. Teixeira, M. J. Almeida & A. Rosado (Eds.), Sport and Exercise Psychology: Human Performance, Well-Being and Health (Proceedings of 13th European Congress of Sport Psychology, p. 368). [Online available under http://www.fepsac2011madeira.com/

Höner, O. (2007). Entscheidungshandeln im Fußball – Von der Theorie zur Praxis. In F. Hänsel (Hrsg.), Sportpsychologie zwischen Fußballweltmeisterschaft und Olympischen Spielen (S. 77-103). Darmstadt: IfS.

Höner, O. (2006). Vom „body of information“ zum „object for investigation“ – Wie lässt sich das Fußballspielen theorieorientiert analysieren? In E. Thaler (Hrsg.), Fußball – Fremdsprachen – Forschung (S. 56 – 67). Aachen: Shaker.

Höner, O. (2006). Das Abschirmungs-Unterbrechungs-Dilemma im Sportspiel – Eine Eye-Tracking-Studie zum Konzept der kognitiven Orientierungen. Zeitschrift für Psychologie, 214 (4), 173-184.

Höner, O. (2006e). Der Einfluss von Realisierungsintentionen auf das Blickverhalten im Sportspiel. In H. Hecht, S. Berti, G. Meinhardt & M. Cramer (Hrsg.), Beiträge zur 48. Tagung experimentell arbeitender Psychologen (S. 116). Lengerich: Pabst.

Roth, K., Schorer, J., Höner, O. & Forstner, U. (2006). Antizipation als Prädiktor für die Talentsichtung von Hockeytorhütern und ihre Entwicklung bis in die Adoleszenz. In Bundesinstitut für Sportwissenschaft (Hrsg.), BISp-Jahrbuch Forschungsförderung 2005 (S.117-121). Bonn: Bundesinstitut für Sportwissenschaft.

Höner, O. (2005). Entscheidungshandeln im Sportspiel Fußball – Eine Analyse im Lichte der Rubikontheorie. Schorndorf: Hofmann.

Höner, O. (2005). „Denken lähmt, und Handeln macht gewissenlos!“ [Vortrag anlässlich der Ver-leihung der Carl-Diem-Plakette 2003/04 (DSB-Wissenschaftspreis)]. Sportwissenschaft 35, 71 - 76.

Höner, O. & Sudeck, G. (2004). Mit Vorsatz – Über den Einfluss von Vorsätzen auf die Wahr-nehmungsbereitschaft bei taktischen Entscheidungen. Volleyball-Training 11, 17-19.

Höner, O. (2003). Die Informationsaufnahmebereitschaft im individualtaktischen Entscheidungs-prozess. In J. Munzert, S. Künzell, H. Maurer, M. Reiser, N. Schott & K. Zentgraf (Hrsg.), PsychoMotorische Entwicklung: Sport und Bewegung im Lebenslauf (S. 22). Justus-Liebig-Universität Gießen, Institut für Sportwissenschaft.

Höner, O. (2003b). Individualtaktisches Entscheidungshandeln im Fußball: „Denken lähmt, und Handeln macht gewissenlos!“. In G. Neumann (Hrsg.), Fußball vor der WM 2006 – Spannungs-bogen zwischen Wissenschaft und Organisation (S. 91- 105). Köln: Sport und Buch Strauß.

Höner, O. & Koesling, H. (2003). Bend it like Beckham – Mindsets and Visual Attention in Decision-Making in Soccer. In A. Kennedy, M. Fischer, R. van Gompel, R. Hill & W. Murray (Eds.), Proceedings of the 12th European Conference on Eye Movements, Dundee, UK.

Höner, O. (2002b). Entscheidungsverhalten von Jugendnationalspielern im Fußball – Eine Eye Tracking Studie im Rahmen des Expertiseansatzes. In B. Strauß, M. Tietjens, N. Hagemann, & A. Stachelhaus (Hrsg.), Expertise im Sport: lehren – lernen – leisten (S. 76 –77). Köln: bps.

Höner, O. & Sudeck, G. (2002). Zur Wirkung von Realisierungsintentionen auf die visuelle Informationsaufnahmebereitschaft beim Entscheidungsverhalten im Volleyball. In L. Müller, D. Büsch & M. Fikus (Hrsg.), Begründungsdiskurs und Evaluation in den Sportspielen (S. 72-73). Bremen: Universitätsdruckerei.

Koesling, H. & Höner, O. (2002). VDesigner – Eine visuelle Programmierumgebung für Eye Tracking Experimente in der sportspielspezifischen Expertiseforschung. In B. Strauß, M. Tietjens, N. Hagemann, & A. Stachelhaus (Hrsg.), Expertise im Sport: lehren – lernen – leisten (S. 211 –212). Köln: bps.

Höner, O., Koesling, H. & Tackenberg, H. (2001). Kognitive Orientierungen und Blickbewegungen beim Entscheidungsverhalten im Sportspiel – Entwicklung und Validierung eines Mess-instrumentariums. In R. Seiler, D. Birrer, J. Schmid & S. Valkanover (Hrsg.), Sportpsychologie: Anforderungen, Anwendungen, Auswirkungen (S. 164 – 166). Köln: bps.

Höner, O. (2000). Handlungsfehler im Fußball - Eine analytische Betrachtung im Lichte des Rubikon-Modells. In W. Schmidt & A. Knollenberg (Hrsg.), Sportspiel-Forschung: Gestern - Heute - Morgen (S. 285 – 290). Hamburg: Czwalina.

Höner, O. & Willimczik, K. (1998). Mit dem Rubikon-Modell über das Handlungsloch - Zum Erklärungswert motivationaler und volitionaler Modellvorstellungen für sportliche Handlungen. psychologie und sport, 5, 56 - 68.