Institute of Classical Archaeology

Ästhetik vs. Programmatik?

Perspektiven der archäologischen Stilforschung

14.-16. März 2019

Der Stil eines Bildwerkes, d. h. dessen spezifische formale Ausprägung, ist Gegenstand eines ästhetischen Diskurses zwischen Produzenten, Bildwerk und Betrachter. Der ästhetischen Qualität steht dabei die intendierte Programmatik und Semantik eines Bildwerks diametral gegenüber. Die ästhetische Qualität bestimmt jedoch einen wesentlichen Teil des intendierten und wahrgenommenen Verstehens im sozialen und kulturellen Kontext. Dabei kann die spezifische ästhetische Qualität eines Bildwerks die Programmatik nicht nur unterstützen, sondern auch überlagern oder gar konterkarieren. Stil und Form eines Bildwerkes stellen damit genauso potentiell aufrufbare Ressourcen dar wie die jeweiligen Bildthemen und ihre spezifischen ikonographischen Ausprägungen.

Um diese unterschiedlichen Aspekte beleuchten zu können, bedarf es neben einer geschärften Ikonologie eines Bewusstseins für die formalen und stilistischen Merkmale eines Bildwerks. Das Kolloquium soll daher zu einer reflektierten Standortbestimmung und partiellen Neubewertung des Stilbegriffs in der archäologischen und kunsthistorischenForschung führen, indem Stil im Interdependenzgeflecht von Ästhetik und programmatischer Semantik konzeptualisiert wird. Der Zugriff soll vorranging, aber nicht ausschließlich, am Beispiel der antiken Skulptur erfolgen. In diachroner Perspektive vom 6. Jh. v. Chr. bis zum 6. Jh. n. Chr. sollen so die medialen Spezifika stilistischer Charakteristika herausgearbeitet werden. Hierbei wird ein Desiderat aufgegriffen, die in der Forschung bislang fragmentierte Diskussion in methodologischer und kulturhistorischer Dimension zusammenzuführen und übergeordnete systemische Zusammenhänge herauszuarbeiten sowie darüber hinaus den Stilbegriff und die archäologische Formanalyse als heuristisches Werkzeug für die moderne Diskussion antiker Kulturgeschichte nutzbar zu machen.

Die Veränderung der Form bzw. des Stils der Bildwerke und deren ästhetischer Eigenwert stehen daher im Zentrum der Tagung. Der Stil soll zunächst von der spezifischen politisch-sozialen Semantik entkoppelt untersucht werden. Grundvoraussetzung hierfür ist die Erkenntnis, dass Stilveränderungen nicht notwendigerweise unvermittelt auftreten, sondern sich in unterschiedlichen Bildwerken frühzeitig
ankündigen und im Zuge einer formalen Verstetigung und eines die Veränderungen goutierenden Geschmacks des Publikums schließlich durchsetzen. Stil steht damit nicht notwendigerweise im Dienst einer konkret benennbaren ‚Ideologie‘, sondern kommt einem komplexeren Bedarf nach ästhetischen Vorlieben entgegen, die ihrerseits spezifischen, kulturell verankerten Mentalitäten entspringen.  Erwünscht sind auch Beiträge, die den unmittelbaren Zusammenhang zwischen der Programmatik eines Bildwerkes und seines formalen Habitus erläutern. Dabei bietet sich die Analyse spezifischer Fallstudien und einschlägiger, zu bestimmten Zeiten und an bestimmten Orten auftretende Veränderungen der Formensprache(n) an, die als Brüche mit vorangegangenen Konventionen aufgefasst werden können. Daraus erwächst die Frage, welche formalästhetischen Konzepte und übergeordneten, von der konkreten Funktion eines Monumentes enthobenen, mentalitätsgeschichtlich verankerten Inhalte über die Form und den Stil formuliert wurden und wie sich diese in der diachronen Perspektive veränderten. Willkommen sind ferner Beiträge zur Bedeutung des Stilbegriffs in der archäologischen und kunsthistorischen Forschungsgeschichte. Ein Ziel des Kolloquiums liegt auch darin, die in der Forschung kursierenden Vorstellungen sowie die Nutzungstraditionen der Formanalyse zu beleuchten und auf ihre Validität für gegenwärtige und zukünftige Forschungen zu überprüfen. Folgende Sektionen sind geplant:

1. Sektion: Geschichte des Stilbegriffs und der Formanalyse in den archäologischen und kunsthistorischen Disziplinen – Offene Fragen, Stand der Forschung und Probleme
2. Sektion: Stil als Phänomen der Ästhetik
3. Sektion: Stil als Phänomen der Programmatik
4. Sektion: Roundtable – Zwischenergebnisse / Diskussion
5. Sektion: Stil als diachrones und mediales Phänomen


Programm

Donnerstag, 14. März

13:00   Grußworte

13:30

Martin Kovacs (Tübingen) -

Martin Dorka Moreno (Tübingen)

Einleitung in die Fragestellung und Ziele der Tagung
Sektion 1 - Geschichte des Stilbegriffs und der Klassischen Archäologie seit dem 18. Jh.

14:00

Astrid Fendt (München) Frühe Klassik und Klassizismus. Zum Stil der Ägineten und ihrer Ergänzungen

14:45

Martin Dorka Moreno (Tübingen)

Stil und Methodenbewusstsein. Positionen zur Stilkritik

15:30 Pause
Sektion 2 - Stil als Phänomen der Ästhetik
16:15 Anne Kleineberg (Kiel) Form. Stil. Ästhetik. Innovationen und Umbrüche in hadrianischer Zeit
17:00 Verena Hoft (Tübingen) Stil mit anderen Augen betrachtet
18:15 Öffentlicher Abendvortrag
  Daniel Graepler (Göttingen) Zurück zu Winckelmann? Stilkritische Forschung in der Archäologie des 19. Jahrhunderts
  Anschließend Umtrunk und Abendessen

Freitag, 15. März

09:00 Florian Leitmeir (Würzburg) Flammende Federn statt aufgetürmter Locken. Genese und Signifikanz des sog. „a-penna-Stils“ in der spätseverischen Porträtplastik

09:45

Klaus Junker (Mainz) Der klassische Stil und die sozialen Grenzen seiner Anwendung
10:30 Pause
Sektion 3 - Stil als Phänomen der Programmatik

11:00

Vibeke Goldbeck (Berlin) Der Reiche Stil. Epoche oder Option?

11:45

Arne Thomsen (Tunis)

„Stilwandel“ revisited: Ein Versuch zu neuen Formen und neuen Inhalten in spätantoninischer Zeit

12:30 Mittagspause
14:00

Table Ronde

16:30 Martin Kovacs (Tübingen) Stil und Bildprogramm im Dialog. Der Indientriumph des Dionysos auf einem Sarkophag in Baltimore als Exemplum des antoninischen Stilwandels
17:15 Kathrin Schade (Stendal)

Hellenistische Skulpturen. Stilpluralismus und Methodendilemma

Anschließend Empfang im Rittersaal

Samstag, 16. März

Sektion 4 - Stil als diachrones und mediales Phänomen

09:15

Anna Pawlak (Tübingen) Romanismus revidiert. Stilpluralität, kulturelle Hybridität und der Kanon der niederländischen Kunst des 16. Jahrhunderts
14:20 Xenja Herren (Stuttgart) Die Argonauten in Libyen: Eine Inszenierung heroischer Passivität in Apollonios Rhodios‘ „Argonautika“
10:45 Pause
11:45 Pascal Weitmann (Kiel) Die Hagia Sophia in Konstantinopel. Summa alter Formen für neuen Inhalt wie auch Prototyp der byzantinischen und islamischen Baukunst
12:30 Sabine Feist (Halle) Grenzen und Grenzüberschreitungen in der stilistischen Erforschung der spätantiken Sarkophagplastik
13:15

Abschlussdiskussion