Musikwissenschaftliches Institut

„Jetzt erst verstehe ich den Sinn des Lebens“.

Der Briefwechsel Alma Mahler – Walter Gropius 1910–1964:

Erschließung der Quellen und kommentierte Hybrid-Edition. Teil 1: 1910–1915

Laufzeit: 1. März 2019 – 28. Februar 2022

Projektleitung (Universität Tübingen): Prof. Dr. Jörg Rothkamm
Projektleitung (Bauhaus-Archiv Berlin): PD Dr. Annemarie Jaeggi

Drittmittelförderung: Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)


Arbeitsstelle Universität Tübingen

Prof. Dr. Jörg Rothkamm, Leitung
Dr. Fabian Kurze, Akademischer Mitarbeiter
Elke Steinhauser, B.A., Wissenschaftliche Hilfskraft 
Jannik Franz, Studentische Hilfskraft
Bettina Schuster, Studentische Hilfskraft

Arbeitsstelle Bauhaus-Archiv Berlin

PD Dr. Annemarie Jaeggi, Leitung
Dr. des. Adriana Kapsreiter, Wissenschaftliche Mitarbeiterin
N.N., Sonst. Wissenschaftliche MitarbeiterIn


Projektbeschreibung

Im Sommer 1910 lernte die junge, musikalisch ausgebildete Alma Mahler (1879–1964) den damals noch unbekannten Architekten und späteren Gründer des Bauhauses Walter Gropius (1883–1969) kennen. Als Gustav Mahler von der Liaison erfuhr, hob er das Komponierverbot auf, das er der jungen Braut als Bedingung zur Eheschließung auferlegt hatte, und förderte nun ihre musikalische Entwicklung als Komponistin.

Der ca. 850 Briefe von Alma Mahler und ca. 700 Briefentwürfe von Walter Gropius umfassende Briefwechsel der Jahre 1910 bis 1964 aus dem Bauhaus-Archiv Berlin erklärt nicht nur ihre Tätigkeit und ihr Selbstverständnis als Komponistin näher, sondern vor allem ihre Aktivitäten als Kunstmäzenin und Organisatorin des Musik- und Kulturlebens in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Bereits ihr jüngst edierter Briefwechsel mit Alban Berg und Arnold Schönberg hat zeigen können, welch großen Einfluss Alma Mahler als kulturell Handelnde im Bereich der Musik zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte. Auch die Rezeption der Werke Gustav Mahlers wäre ohne sie anders verlaufen. Werke dieser drei Komponisten sind auch Gegenstand des größtenteils noch unpublizierten Briefwechsels mit Gropius.

Dieser erhellt in auch bei Alma Mahler seltener Offenheit nicht nur näher ihre, durch spätere Selbstdarstellungen teils verunklarte Biographie, sondern neben der Musik- auch die Architekturgeschichte der 1910er bis 50er Jahre. Alma Mahlers großer Einfluss wird hier deutlich in ihrer aktiven Auseinandersetzung mit den frühen Entwürfen von Gropius, ihrer Anregung durch Zusendung von ausländischer Literatur und Vermittlung von Aufträgen bzw. Kontakten sowie ihre Forderung nach herausragenden Leistungen. Ebenso erschließt der Briefwechsel auch die Entwicklung des theoretischen Schaffens von Gropius sowie seiner biographischen Entscheidungen näher. 

Insbesondere die Phase vom Beginn der Beziehung mit Walter Gropius 1910 bis zur Eheschließung mit Gropius 1915 stellt hier ein zentrales Zeugnis dar. Die Quellen sind größtenteils vollkommen unsortiert und undatiert überliefert, die überwiegend lediglich stichwortartigen Briefentwürfe von Gropius größtenteils unzusammenhängend und äußerst schwierig zu entziffern. Die Erschließung des Materials stellt eine philologisch sehr anspruchsvolle Aufgabe dar, die nach langjähriger Vorarbeit nun möglich ist. 

Alle Quellen sollen möglichst vollständig ediert werden. Die Edition erscheint erstens in einer Buchpublikation als Transkription mit überleitenden und einzelnen Kommentaren in knappster Form, und zweitens online im open archive walter gropius als Image-Digitalisate der Briefe und Briefentwürfe nebst Transkriptionen, normierten Metadaten, wissenschaftlichem Apparat, Themen- und Einzelkommentaren. In Kooperation mit dem Zuse Institute Berlin werden die Daten im TEI-Standard, der auf XML basiert, langfristig gesichert und frei zugänglich gemacht. Sie können mittels Kalliope durchsucht werden. 

In einem zweiten, separaten Projektteil  ist ein analoges Vorgehen für den Briefwechsel von 1916–1964 vorgesehen. 

Project Description in English

In the summer of 1910 the young, musically trained Alma Mahler (1879–1964) became acquainted with the then unknown architect and later founder of the Bauhaus, Walter Gropius (1883–1969). When Gustav Mahler learned of the liaison, he abolished the prohibition on composing that he had imposed on the young bride as a condition of marriage, and promoted her musical development as a composer.

The correspondence of approximately 850 letters by Alma Mahler and about 700 draft letters by Walter Gropius between the years 1910 and 1964 from the Bauhaus-Archive Berlin not only explains her activity and self-understanding as a composer in more detail, but above all provides insight into her activities as a patron of the arts and organizer of musical and cultural life in the first half of the twentieth century. The recently edited correspondence of Alma Mahler with Alban Berg and Arnold Schönberg has shown how much influence she had as a cultural activist in the field of music at the beginning of the twentieth century. Without this influence, even the reception of Gustav Mahler’s works would surely have differed. Works by these three composers also appear as the subjects of the largely unpublished correspondence with Gropius.

Due to Alma’s rare openness, the correspondence also clarifies not only her biography that is partly misunderstood by later self-representations, but also architectural and musical history from the 1910s to the 1950s. Alma Mahler’s considerable influence is evident in her active discussion with Gropius on early design concepts, her suggestions of relevant foreign literature, her efforts in arranging assignments and contacts, and her demands for outstanding achievements. Furthermore, the correspondence provides detail on the development of Gropius’s theoretical work as well as his biography.

In particular, the phase from the beginning of the relationship with Walter Gropius in 1910 to the marriage with Gropius in 1915 represents a central testimony. The sources are, for the most part, completely unsorted and undated, and the largely key-worded draft letters by Gropius are mostly incoherent and difficult to decipher. The development of the material is a demanding task in the field of philology, which is only possible as a result of many years of preparation.

All sources will be edited as completely as possible and the publication of the edition will comprise of two stand-alone components. Firstly, a book publication of the transcriptions, with an introduction to each letter and select extracts from the commentary in shortened form. Secondly, an online publication in open archive walter gropius of the digitized letters and drafts, alongside the transcriptions, normalized metadata and the critical apparatus, as well commentary on individual letters and overarching themes. In cooperation with the Zuse Institute Berlin, the longevity of the open source data will be guaranteed by using XML, encoded to current TEI standards. The letters will be searchable through the Kalliope information portal. 

In a future stage of the project an analogous procedure for the correspondence between 1916 and 1964 will be undertaken.
 

Bisherige Publikationen mit Bezug zum Briefwechsel (in chronologischer Folge)

  • Reginald R. Isaacs: Walter Gropius. Der Mensch und sein Werk. Bd. 1. Berlin: Mann 1983, vor allem S. 100–105, 109–116, 139–147, 218f., 447–451, 454f.
  • Annemarie Jaeggi: Adolf Meyer – der zweite Mann. Ein Architekt im Schatten von Walter Gropius. Ausstellung zum 75jährigen Gründungsjubiläum des Bauhauses 1919/1994. Berlin: Argon 1994, vor allem S. 70, 73, 435, 459, 461–463.
  • Annemarie Jaeggi: Fagus. Industriekultur zwischen Werkbund und Bauhaus. Berlin: Jovis 1998, vor allem S. 22, 45, 47f., 50 und 52 (englische Ausgabe: Fagus. Industrial Culture from Werkbund to Bauhaus. New York: Princeton Architectural Press 2000).
  • Jörg Rothkamm: Wann entstand Mahlers Zehnte Symphonie? Ein Beitrag zur Biographie und Werkdeutung. In: Gustav Mahler. Durchgesetzt? Hg. Heinz-Klaus Metzger / Rainer Riehn. München 1999, S. 100–122.
  • Jörg Rothkamm: Wer komponierte die unter Alma Mahlers Namen veröffentlichten Lieder? Unbekannte Briefe der Komponistin zur Revision ihrer Werke im Jahre 1910. In: Die Musikforschung 53, 2000, H. 4, S. 432–445.
  • Jörg Rothkamm: Gustav Mahlers Zehnte Symphonie. Entstehung, Analyse, Rezeption. Frankfurt am Main u.a.: Peter Lang 2003, Reprint und ebook 2012, vor allem S. 30–53, 205, 308–310.
  • Oliver Hilmes: Witwe im Wahn. Das Leben der Alma Mahler-Werfel. München: Siedler 2004, vor allem S. 104–106, 108, 111–119, 163–167.
  • Henry-Louis de La Grange: Gustav Mahler. Bd. 4: A New Life Cut Short (1907-1911). Oxford: Oxford University Press 2008, vor allem S. 838–844, 858–885, 899–905, 910, 919, 925–937, 1027–1033, 1051, 1059, 1084–1100, 1121, 1132, 1157, 1224–1226, 1243f., 1254–1256, 1262.
  • Jörg Rothkamm: „Ein componierendes Ehepaar“? Eine unpublizierte Liedfassung des sogenannten Erntelieds (Gesang am Morgen) in der Handschrift Gustav Mahlers im Lichte des Briefwechsels von Alma Mahler und Walter Gropius. In: Nachrichten zur Mahler-Forschung 72, 2018, S. 7–34 (englische Version: 'A husband and wife who are both composers'? An unpublished song version of the so-called 'Erntelied' ('Gesang am Morgen') in the hand of Gustav Mahler in light of the correspondence between Alma Mahler and Walter Gropius. In: News about Mahler Research 72, 2018, S. 7–34.)

Publikationen der Projektleiter im Umfeld des Forschungsprojekts