Chinese Studies

Die Übertragung westlicher Naturwissenschaft, Technologie und Medizin ins China der späten Ming-Zeit: Konvergenzen und Divergenzen im Lichte des Kunyu gezhi (1640) und des Taixi shuifa (1612)

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat Prof. Hans Ulrich Vogel, Lehrstuhl für Geschichte und Gesellschaft Chinas, Abteilung für Sinologie (Asien-Orient-Institut, Philosophische Fakultät), der Eberhard Karls Universität Tübingen eine Sachmittelbeihilfe in Höhe von über 0,5 Mio. Euro für ein neues Projekt für die Jahre 2018-2021 bewilligt. Die Arbeiten zu diesem Vorhaben wurden im Juni dieses Jahres aufgenommen.

Anlass für diesen Antrag war die sensationelle Wiederentdeckung der chinesischen Version von Georgius Agricolas (1494-1555) De re metallica (1556). Über 350 Jahre lang war diese vom Ming-Beamten Li Tianjing 李天經 (1579-1659) initiierte und vom berühmten Kölner Jesuitenmissionar Johann Adam Schall von Bell (Tang Ruowang 湯若望, 1592-1666) beaufsichtigte Übertragung dieses Bergbau- und Hüttenklassikers verschollen. Ein Ziel des Vorhabens ist es, das Kunyu gezhi 坤輿格致 (Untersuchungen des Erdinnern; 1640), so der chinesische Titel, samt aller wichtigen Begleitdokumente ins Englische zu übersetzen. Damit soll die höchst selektive und komplexe jesuitische Vorgehensweise bei der Übertragung dieses Werkes geklärt werden, sowohl hinsichtlich der Auswahl der westlichen Referenztexte als auch der Berücksichtigung neuer geologischer und mineralogischer Ideen und Konzepte. Dies wird uns einmalige Einblicke in die Strategie der damaligen Übertragung von nützlichem und verlässlichem europäischen Wissen nach China geben. Weiterhin ist zu erkunden, wie die Übersetzung auf chinesischer Seite aufgefasst und rezipiert wurde und was das Schicksal dieses bergbaulichen und metallurgischen Manuskripts bis zu seiner kürzlich erfolgten Wiederentdeckung war.
Als Vergleich zum Kunyu gezhi werden wir in methodisch ähnlicher Vorgehensweise einen anderen wichtigen, bis jetzt wenig beachteten Text, das Taixi shuifa 泰西水法 (Hydromethoden des Großen Westens; Vorwort 1612), eingehend untersuchen. Dieses auf heterogenen Quellen beruhende Werk wurde vom Jesuitenmissionar Sabatino de Ursis (Xiong Sanba 熊三拨, 1575–1620) mündlich formuliert, vom berühmten Beamten und christlichen Konvertiten Xu Guangqi 徐光啓 (1562-1633) in Chinesisch niedergeschrieben und von Li Zhizao 李之藻 (1565-1630), einem anderen bedeutenden christlichen Gelehrten-Beamten, überarbeitet. Es handelt sich um eine systematische, aristotelisch geprägte Abhandlung sowohl der theoretischen als auch praktischen Aspekte von Wasser und Wasserwirtschaft, darunter Wasserhebemaschinen und meteorologische Phänomene, aber auch der medizinischen Nützlichkeit von heißen Quellen und der Destillation von Heilpflanzen.
Die umfassende Beschäftigung mit den beiden ungewöhnlichen Traktaten des Kunyu gezhi und des Taixi shuifa, die unterschiedlichen technischen und wirtschaftlichen Sektoren gewidmet sind, aber Überschneidungen vor allem bezüglich Wasserhaltung und Naturphilosophie aufweisen, erfolgt vor dem Hintergrund von Erkenntnissen, wie sie von der Forschung über den Wissenstransfer von West nach Ost während des Zeitalters der frühen Globalisierung erarbeitet wurden. Zudem werden diese Ereignisse des frühen 17. Jh. mit denjenigen aus späterer Zeit verglichen werden, insbesondere den Aktivitäten der protestantischen Missionare im späten 19. Jh. Unsere Fallstudien werden umfassend die historische Kontextualisierung, d.h. die politischen, sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Bedingungen und Entwicklungen, berücksichtigen und Konvergenzen und Divergenzen zwischen China und Europa beleuchten. Ein abschließendes Ziel ist es, auf der Basis dieser mikrohistorischen Fallstudien und der Herangehensweise einer komparatistischen makrohistorischen Soziologie zur Klärung der Frage nach der Entstehung der "Großen Divergenz" zwischen Europa und China in der Frühen Neuzeit beizutragen.
Innerhalb dieses DFG-Projektes werden Prof. Hans Ulrich Vogel (Fu Hansi 傅漢思) und Frau Dr. Cao Jin 曹晉 für das Teilprojekt Kunyu gezhi, Frau Sabine Kink (Jin Xiabi 金霞筆), M.A., für dasjenige des Taixi shuifa zuständig sein. Es handelt sich um ein bereits in der Zusammenarbeit erfahrenes Team, das in Kürze die Forschungs- und Lehrbuchmonographie Die Falschmünzerbande vom Alten Rabenhorst in Guizhou (1794) in Texten und Kontexten: Chinesische Dokumentensprache der Qing-Zeit (1644-1911) veröffentlichen wird.

Drei bedeutende historische Akteure dieses Projektes, von links nach rechts Johann Adam Schall von Bell, Georgius Agricola und Xu Guangqi.

Im Umkreis dieses Projektes werden in Tübingen weitere wissenschaftliche Arbeiten im Rahmen von Master-, Dissertations- und Habilitationsvorhaben entstehen. In seiner Habilitationsschrift wird sich Dr. Alexander Jost (Cao Dalong 曹大龍) mit einem ebenfalls kürzlich entdeckten, vom berühmten Jesuitenmissionar Matteo Ricci (Li Madou 利瑪竇, 1552-1610) und dem nicht minder bekannten christlichen Beamten Xu Guangqi (1562-1633) stammenden Manuskript, dem Kaicheng jiyao 開成紀要 (Aufzeichnung über das Essentielle von Anfang und Vollendung [von Dingen]) beschäftigen, in dem über verschiedene Gewerbebereiche und die darin zur Anwendung kommenden Prinzipien berichtet wird. Anna Strob (Wan Ting 萬婷), M.A., untersucht in ihrer Doktorarbeit die Einführung aristotelischer Naturphilosophie ins China der späten Ming Zeit auf der Grundlage einer kommentierten Übersetzung von Alfonso Vagnones (Gao Yizhi 高一志, 1568-1640) Kongji gezhi 空際格致 (Untersuchung der Phänomene in der Atmosphere; nach 1624). Die Masterarbeit von Patrick Aberle (Li Like 李理克), B.A., hat Riccis und Xu Guangqis Celiang fayi 測量法義 (Die Bedeutung der Methoden des Messens; 1608), diejenige von Anja Chen 陳安雅, B.A., Johann Schrecks (alias Terrenz; Deng Yuhan 鄧玉函, 1575-1630) Dace 大測 (Großes Messen; 1631) zum Thema, während Katharina Viklenko (Wei Rulan 魏如蘭), B.A., anhand chinesischer und altrussischer Originalquellen die Auswirkungen der Russisch-Orthodoxen Mission auf das Qing-zeitliche China, insbesondere die Aktivitäten des Archimandriten Palladius (P. I. Kafarov, 1817-1878) untersucht. Weiterhin wird Dr. Ailika Schinköthe als assoziierte Wissenschaftlerin an einer kommentierten Übersetzung von Nian Xiyaos 年希堯 (1671-1738) Shixue 視學 (Lehre von der Sicht), einer Einführung in die westliche Kunst der Linearperspektive, arbeiten. In fast allen diesen Projekten bildet die Übersetzung jesuitischer oder jesuitisch beeinflusster, auf Chinesisch verfasster Traktate ins Englische ein wichtiger Teil der Vorhaben. Die Thematik des Projektes und insbesondere die Übersetzungen sind zudem in Veranstaltungen unterschiedlichen Formats ins sinologische Curriculum integriert, so dass eine enge Verbindung zwischen Forschung und Lehre entsteht.
Ein weiteres organisatorisches und strategisches Kennzeichen des Vorhabens ist die internationale Kooperation, die mit Forschern und Einrichtungen in Deutschland, Europa, US und Asien gepflegt wird. Eine besondere Stellung nimmt hierbei Macau ein, d.h. das Macau Ricci Institute und speziell die University of Macau (UMAC). An der Abteilung für Geschichte der UMAC wird unter der Leitung von Prof. Beatriz Puente-Ballesteros (Bai Yashi 白雅詩) ein Parallelprojekt durchgeführt, welches als Multi-Year Research Grant von der Universität Macau gefördert wird und sich mit Johann Schrecks (Deng Yuhan, 1575-1630) Taixi renshen shuogai 泰西人身說概 (Ein Abriss von Erläuterungen über den menschlichen Körper aus dem Großen Westen; nach 1620, von Bi Gongchen 畢拱辰 1643 publiziert) auseinandersetzt. Zudem werden auch dort akademische Abschlussarbeiten entstehen, die im Umfeld der Thematik des Gesamtvorhabens angesiedelt sind. Weitere Projektpartner an der UMAC sind Prof. António Vasconcelos de Saldanha (Sa Andong 薩安東) mit einer Studie über das Beijinger Tagebuch von Sabatino der Ursis und Prof. Tang Kaijian 湯開建 mit einer Zusammenstellung von in chinesischen Quellen enthaltenen Nachrichten über die Aktivitäten der jesuitischen China-Missionare.

Auszüge aus drei wichtigen jesuitischen Traktaten, von links nach rechts Kunyu gezhi, Taixi shuifa und Taixi renshen shuogai.

Es wird angestrebt, beim Brill-Verlag eine besondere wissenschaftliche Reihe zu gründen, die sich speziell der Thematik der Übertragung westlicher naturwissenschaftlicher, technischer und medizinischer Traktate ins Reich der Mitte vom 17. bis ins frühe 20. Jh. widmet.
Dieses Projekt, welches nicht nur von außerordentlicher Bedeutung für die Geschichte der Ost-West-Beziehungen, sondern auch für die deutsche Kulturgeschichte ist, steht unter der Schirmherrschaft des UNESCO Sub-Committee on Education and Research (SCEaR), Memory of the World Programme.

Tübingen, den 24.7.2018

Prof. Dr. Hans Ulrich Vogel
Abteilung für Sinologie
Geschichte und Gesellschaft Chinas

阿格里科拉《De re metallica》中译本《坤舆格致》惊人重现:德国图宾根大学汉学研究新课题

1638 至1640年间,来自德国科隆的耶稣会士汤若望(Johann Adam Schall von Bell,1592-1666)将阿格里科拉(Georgius Agricola,1494-1555)著名的矿冶经典之作《De re metallica》(《矿冶全书》,1556)中的重要篇章译为中文,名为《坤舆格致》。此项翻译工作由汤若望的顶头上司、时任光禄寺卿的李天经 (1579-1659)倡议,目的在于通过发展矿冶业,为当时内外交困、财政窘迫的明王朝增加额外的收入。然而,1644年春,在农民起义和清兵入侵接踵 而来的打击下,明朝灭亡,这项计划最终搁浅。一直以来,学界普遍认为,该书译稿以及复制本都在明清之际的兵火中散佚。可是最近,在沉寂了三百五十多年之 后,《坤舆格致》的一个抄本出人意料地在南京图书馆被重新发现。这立刻引起了德国图宾根大学汉学系教授傅汉斯(Hans Ulrich Vogel)的高度重视。傅教授专攻中国历史与社会研究,是中国矿业史专家,早在25年前就发表过有关《坤舆格致》的研究专论。傅教授随即建立了以其为首 的研究小组,囊括了图宾根大学汉学系中国古代史研究组的全体成员,一齐致力于这一富有雄心的计划。研究课题名为“翻译会通西方科学、技术与医学至晚明中 国:《坤舆格致》(1640)与《泰西水法》(1612)”,主要目的有三:第一,将《坤舆格致》完整地翻译为英文和德文;第二,重现《De re metallica》传输和译为中文的历史;第三,对这一中西文化邂逅的政治、社会、经济、文化条件进行多层面解析,以及对早期全球化比较历史框架内的相 关历史事件做出评价。来自德国乃至全世界的众多研究机构和学者也将加入到这一课题中来,从而研究阿格里科拉这位德国文艺复兴知识巨人在欧洲之外至今鲜为人 知的成就及其影响。
本研究课题之缘起和内容的详细信息即将向德国科研资助机构提交,请见以下链接:课题叙录

(上文由曹晋译为中文)