Department of History

Geschichtswissenschaft an der Universität Tübingen

Historische Anfänge

An der 1477 gegründeten Universität Tübingen bestand seit der Mitte des 18. Jahrhunderts ein zunächst universalhistorisch ausgerichteter Lehrstuhl, dessen Denomination (Funktionsbeschreibung) die Philosophische Fakultät erst 1896 auf Mittlere und Neuere Geschichte festlegte. Ein weiteres, im 19. Jahrhundert zugewiesenes Ordinariat wird seit 1898 mit quelleneditorisch und hilfswissenschaftlich geschulten Mediävisten besetzt.

Daneben erhielt die Fakultät 1865 eine Konkordats-Professur, die 1941 aufgehoben und in ein Extraordinariat für Historische Hilfswissenschaften und Landesgeschichte umgewandelt wurde. Mit der Einrichtung einer Professur für Alte Geschichte 1903 (als Lehrstuhl 1907) war schließlich die klassische Trias aus je einem Epochenvertreter erreicht, die - um wenige außerordentliche und außerplanmäßige Professoren bzw. Privatdozenten erweitert - für ein halbes Jahrhundert fortbestand.

Organisatorische Entwicklung

1954 wurden dann zwei neue Einrichtungen gegründet: das Institut für Osteuropäische Geschichte und Landeskunde sowie das Institut für Geschichtliche Landeskunde und Historische Hilfswissenschaften (das bis 1983 von einem kooptierten Geographen mit geleitet wurde). Gleichzeitig erfolgte offiziell die Unterteilung des 1875 gebildeten Historischen Seminars in drei Abteilungen (Alte Geschichte, Mittelalterliche Geschichte und Neuere Geschichte), die seit 1963 aus jeweils zwei Lehrstühlen bestanden.

Mit der Gründung des Seminars für Zeitgeschichte 1962, in dem seit 1990 auch eine Professur für Nordamerikanische Geschichte (von der Kolonialzeit bis zur Gegenwart) angesiedelt ist, waren die Strukturänderungen des Fachbereichs zunächst abgeschlossen. Zum Sommersemester 2017 hat dann das Institut für Geschichtsdidaktik und Public History seine Arbeit aufgenommen.

Das Fach Geschichte war von Anbeginn in der (alten) Philosophischen Fakultät angesiedelt. Nach deren Auflösung 1969 wurde zunächst der Fachbereich Geschichte - Geographie, dann (1971) der Fachbereich Geschichte und schließlich (1979) die Geschichtswissenschaftliche Fakultät gebildet. Gemäß den Vorgaben des baden-württembergischen Universitätsgesetzes zur Mindestgröße der Fakultäten erfolgte 2001 die Fusion mit dem Philosophischen Seminar zur Fakultät für Philosophie und Geschichte. Seit der  Bildung der sieben Großfakultäten 2010 ist der Fachbereich Geschichtswissenschaft Teil der Philosophischen Fakultät.

Integrierter Deutsch-Französischer Studiengang Geschichte („TübAix“)

Der 1991 gegründete Integrierte Deutsch-Französische Studiengang Geschichte („TübAix“) ist einer der ältesten integrierten deutsch-französischen Studiengänge und diente als Modell für andere Studiengänge dieser Art. Er bietet Studierenden des Hauptfachs Geschichte die Möglichkeit, durch ein wechselseitiges, komplementäres Studium an den Universitäten Tübingen und Aix-en-Provence die Abschlusszeugnisse beider Länder (Licence/B.A. und Master/M.A.) zu erwerben und somit die Unterschiede zwischen den beiden Ausbildungssystemen sinnvoll zu überbrücken.

Wissenschaftliches Profil

Ungeachtet seines 30 Jahre währenden institutionellen Solistendaseins hat sich das Fach Geschichte doch niemals abgekapselt, sondern stets zahlreiche Vernetzungen in Forschung und Lehre unterhalten. Dies hängt nicht zuletzt mit dem ausdifferenzierten fachlichen und interdisziplinär orientierten Profil der Tübinger Geschichtswissenschaft zusammen, das sich in der umfassenden Berücksichtigung der griechisch-römischen Antike, des europäischen Mittelalters sowie - unter Einbeziehung Mittel-, West- und Osteuropas, Nordamerikas, aber auch des südwestdeutschen Raumes - der Neuzeit bis zur unmittelbaren Gegenwart niederschlägt. Über den Lehrstuhl für Wirtschaftsgeschichte (vormals Abteilung Wirtschafts- und Sozialgeschichte) der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät, dessen Inhaber seit 1966 vom Fach Geschichte kooptiert wird, ist auch die Einbeziehung dieses wichtigen Teilfachs gewährleistet.

Starke interdisziplinäre und internationale Wirkungen gingen zunächst, von den 1960er bis in die 1980er Jahre, vom Sonderforschungsbereich "Spätmittelalter und Reformation" aus, der von den beiden Lehrstühlen für Neuere Geschichte zusammen mit dem Lehrstuhl für Kirchengeschichte an der Evangelisch-Theologischen Fakultät getragen wurde und der einer der ersten geisteswissenschaftlichen Sonderforschungsbereiche (SFB) der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) war. Das Historische Seminar war federführend bei der Durchführung des SFB 437 "Kriegserfahrungen - Krieg und Gesellschaft in der Neuzeit" (1999 - 2008). Zum 1. Juli 2011 startete der interdisziplinäre SFB 923 „Bedrohte Ordnungen“. Er untersucht ob und wie sich Ordnungen ändern, die soziale Gruppen oder ganze Gesellschaften strukturieren, sobald sie mit existenzgefährdenden Bedrohungen konfrontiert werden. Die Untersuchungen befassen sich mit Projekten die die traditionellen Raum- und Zeitkategorien infrage stellen.

Bis in die Gegenwart findet die überfachliche Zusammenarbeit im größeren Rahmen ihren Ausdruck in der Beteiligung mehrerer Historiker an Graduiertenkollegs und Schwerpunktprogrammen der DFG:

  • Graduiertenkolleg "Anatolien und seine Nachbarn. Kulturelle Wechselwirkungen und Zivilisationsentwicklung vom Neolithikum bis in die römische Kaiserzeit" (bis 2004)
  • Graduiertenkolleg "Ars und Scientia im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit" (bis 2005)
  • DFG-Schwerpunktprogramm "Formen und Wege der Akkulturation im östlichen Mittelmeerraum und Schwarzmeergebiet in der Antike" (bis 2003)
  • DFG-Schwerpunktprogramm "Frühe Zentralisierungs- und Urbanisierungsprozesse. Zur Genese und Entwicklung frühkeltischer Fürstensitze und ihres territorialen Umlandes"
  • DFG-Schwerpunktprogramm "Neue Geistesgeschichte: Ideen als geschichtliche Gestaltungskraft im Europa der Neuzeit")