Prof. Dr. Dorothee Kimmich

Wintersemester 2018/19

Leitfaden für Prüfungsleistungen

Den Leitfaden für Prüfungsleistungen - dieser betrifft insbesondere auch die formale Gestaltung der Hausarbeit - können Sie hier herunterladen.

Die Frist für die Einreichung der Hausarbeiten im Wintersemester 2018/19 ist der 15. April 2019.

Lehrveranstaltungen im WS 2018/19

Ethnologie und Literatur in der klassischen Moderne (OS)

Auf die Frage, wieso ethnologische Berichte und ethnologische Theorien in der Kultur- und Literaturtheorie, ja in der Literatur selbst eine so umfassende und prägende Rolle spielen, gibt es viele Antworten. Sie sind nicht alle in der Theoriebildung der letzten 80 Jahre zu finden. Die verschiedenen Dimensionen dieser Fragestellung zeigen sich erst dann, wenn man weiter zurückgreift und sich fragt, welche Rolle der Blick auf das so genannte „Andere“ oder eben auch der Blick des so genannten „Anderen“ auf die eigene Kultur für eine Funktion haben bzw. welche Wünsche, Vorstellungen und Zuschreibungen mit diesem anderen verbunden werden. Die Überlegung, dass Erkenntnis mit verschiedenen Verfahren der Verfremdung im Sinne einer Distanzierung und Verobjektivierung zu tun haben, ist keine nur moderne und schon gar nicht eine rein philosophische Position. Vielmehr handelt es sich um eine Art narrativen Wissens, das sich in den verschiedensten Formen von Literatur und in den unterschiedlichsten literarischen Gattungen auffinden lässt. Jede Art von Aufbruch, Abschied, jede Form der Reise und der Wiederkehr betont die Notwenigkeit, nicht nur in die Fremde zu gehen, sondern dann auch als ein Fremder in die Heimat zurückzukehren.

Der Historiker Carlo Ginzburg nannte die Begegnung mit der fremden Welt die „Mutter aller Erzählungen“.

Allein die Frage, was jeweils als „fremd“ oder „anders“ bestimmt wird, bewegt nicht nur die Ethnologie. Die Auseinandersetzung mit ethnologischen Texten ist unabdingbare Grundlage für alle aktuellen Theorien der Globalisierung und deren Auswirkungen auf Kulturkonzepte und Literaturgeschichte.

Es werden u.a. Texte von Aby Warburg, Bronislaw Malinowski, Claude Levi-Strauss, Fritz Kramer, Viveiros de Castro, Alfred Döblin und Joseph Conrad gelesen.

 

Raumtheorie und Narratologie (HS/OS)

Die Frage nach dem Raum und seinen Funktionen in der Literatur ist längst nicht mehr neu. Den ersten “spatial turn” erlebten die Kulturwissenschaften in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts. Seitdem haben sich Raumkonzepte mehrfach verändert und sind dabei wechselnde Verbindungen mit der Soziologie, den Medienwissenschaften oder der Philosophie und der Physik eingegangen.

In erster Linie geht es um eine Globalisierung des Raumes, eine “Marginalisierung” europäischer Perspektiven und eine neuen Agency des Raumes etwa im Rahmen des Ecocriticm. Es werden vor allem Aktionsmöglichkeiten (agency) im menschlich erlebten Raum thematisiert – als Zusammenwirken von räumlichen Gegebenheiten, Bedeutungszuschreibungen und Erfahrungen.

Aktuelle Thesen greifen auf ältere Theorien zurück: Es sollen daher Texte aus dem frühen 20. Jahrhundert (Simmel, Lotman, Kracauer) gelesen werden, dann aber auch aktuellere Texte (Appadurai, Latour, Braidotti).

 

Kulturtheorien (VL)

1952 erschien in den USA ein Buch mit dem schlichten Titel „Culture”: Über zweihundertvierzig verschiedene Werke bzw. Kulturkonzepte werden darin vorgestellt. Die Autoren versuchen eine Systematisierung des komplexen Feldes und suchen Theorien, die sich mit den „moeurs”, den „customs” beschäftigen, „which are variable, particular, plural, and empirical”. Der Zugang zu den Phänomenen sei „historical, pluralistic, relativistic, and yet aiming to cover the totality of the known world of custom and ideology.” Das ist ein großes Unterfangen und kaum zu leisten.

Mit diesen Begriffen ist allerdings das Spannungsfeld umschrieben, in dem sich alle Kulturtheorien ansiedeln. Als Konzepte haben sie einen universalistischen Anspruch, wie ihn Theorien und Begriffe generell erheben; zugleich geschieht dies aber auf einem Feld, das sich einem solchen Zugriff grundsätzlich zu entziehen scheint und Partikularität verlangt und einfordert. Versteht man Kulturtheorien also nicht als Teil der philosophischen Begriffs- oder Ideengeschichte, befindet man sich in einem theoretischen Bereich, der relativistisch, pluralistisch und partikular organisiert ist und heute global gedacht werden muss.

Die Vorlesung soll einen Überblick über Kulturkonzepte und Kulturtheorien geben, die den Reflexionsraum des 20. und 21. Jahrhunderts geprägt haben. Es wird unter anderem um Sigmund Freud und Friedrich Nietzsche, Claude Levi-Strauss und Pierre Bourdieu, Marshall McLuhan, Michel Foucault und Bruno Latour gehen.

 

 

 

 

   

Aktuelle Lehrveranstaltungen

OS: Robert Walser

„Ich schreibe das Prosastück, das mir hier entstehen zu wollen scheint, in stiller Mitternacht, und ich schreibe es für die Katz, will sagen, für den Tagesgebrauch.“ Schreiben für die Katz: So könnte die Poetologie von Robert Walser lauten. Was die „Katz“ sein könnte, gilt es allerdings erst herauszufinden. 

Robert Walser wurde erst in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts wiederentdeckt. Seine Biographie, aber auch die Publikationsgeschichte seiner Werke haben zu dieser späten Rezeption beigetragen. Mittlerweile ist Walsers Werk sorgfältig ediert und umfassend kommentiert. Walser wurde mit Kafka verglichen, Walter Benjamin, Thomas Mann, Alfred Polgar und viele andere waren Bewunderer seiner eigenwilligen Prosa. Walsers Texte sind oft komisch und unheimlich zugleich, sie verschränken Vertrautes und Fremdes auf provozierende Weise. Sie stellen eine Herausforderung für das methodische Herangehen dar und lassen sich nicht umstandslos in die Literatur der Moderne einordnen.

Die Texte Robert Walsers stellen für die literaturwissenschaftliche Betrachtung immer noch eine Herausforderung dar.

 

OS: Erinnerungstheorien von Aristoteles bis Assmann

Die Reflexion über Erinnerung ist ein konstitutiver Teil der Kulturwissenschaften und der Kulturtheorie geworden. Gedächtnis und Erinnerung gehören heute zu den Schlüsselkategorien der Geistes- und Sozialwissenschaften.

Für die Konjunktur dieses Forschungsfeldes in den vergangenen drei Jahrzehnten werden dabei meist als Gründe genannt: Historische Transformationsprozesse (Generationenwechsel, insbesondere bei der Generation der Überlebenden des Holocaust, Ende des Kalten Krieges) und der rasante Wandel der Medientechnologien (technische, elektronische und digitale Revolutionen im 20. Jahrhundert).

Die Bedeutung von Erinnerung und die Definition von Kultur sind eng miteinander verbunden. Wir sprechen von „Erinnerungskulturen”. Erinnerung und Gedächtnis bedürfen der Vermittlung. Erinnerung kann individuell oder kollektiv sein, spontan oder institutionalisiert. Sie können an Orte, an Texte, an Rituale, an Musik und an Personen gebunden sein.

Theorien und Konzepte von Erinnerung und Gedächtnis haben nicht nur die Wissenschaften, sondern auch die politische Öffentlichkeit nachhaltig geprägt.

 

VL: Moderne

Die Vorlesung bietet einen einführenden Überblick über Literatur- und Kulturgeschichte der klassischen Moderne. Ein Schwerpunkt wird auf der Entwicklung und Bedeutung der modernen europäischen Großstadt liegen: Die modernen Metropolen Paris, Wien und Berlin werden nicht nur zu den Zentren des literarischen Lebens, vielmehr sind sie auch die Orte, an denen die wissenschaftlichen, medientechnischen und sozialen Veränderungen stattfinden. Sie bilden in mehrfacher Hinsicht den „Kontext” der literarischen Jahrhundertwende. Ein weiterer Schwerpunkt der Darstellung liegt auf den Entwicklungen in den Naturwissenschaften seit Mitte des 19. Jahrhunderts. Sie haben entscheidend zur Entstehung eines neuen Weltbildes, eines neuen Menschenbildes und damit auch zur Entstehung einer modernen Ästhetik und Kunst beigetragen. Es wird dann vor allem die Literatur der „Wiener Moderne” (z. B. Hugo Hofmannsthal, Ein Brief, die Essays von Herrmann Bahr, Arthur Schnitzlers Dramen und Prosawerke und Robert Musils Novellen) vorgestellt und analysiert. Weiter werden repräsentative Texte von Rainer Maria Rilke, Thomas Mann, Alfred Döblin und Franz Kafka erarbeitet. Neben den eher literaturgeschichtlichen Aspekten werden auch philosophische und kulturgeschichtliche Entwicklungen berücksichtigt (dazu Texte von u. a. Ernst Mach, Sigmund Freud, Georg Simmel, Walter Benjamin, Siegfried Kracauer).