Moritz Strohschneider

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Projektbeschreibung

„Konfigurationen des Göttlichen. Friedrich Hölderlins späte Gedichte nach 1800“

Das Wissen um die Existenz göttlicher Mächte ist die grundlegende Überzeugung der zwischen 1800 und 1806 geschriebenen Gedichte Hölderlins, die gemeinhin als seine ‚späte Lyrik‘ bezeichnet werden und im Zentrum meiner Untersuchung stehen. Die Texte gehen davon aus, dass das Göttliche, auch wenn es in der Gegenwart nicht mehr auf der Erde körperlich anwesend sei, in jedem Fall in vielfältigen Naturzeichen erkannt werden könne. Allerdings entwickeln die Gedichte keine systematische und stringent geordnete theologische Konzeption über das Agieren des Göttlichen auf der Erde. Vielmehr stehen sich unterschiedliche Vorstellungen gegenüber, die in einzelnen Gedichten je anders konnotiert. Die Texte beziehen sich nicht nur auf unterschiedliche religiöse Traditionen, wie sie in der griechischen Antike, dem Christentum oder dem Pantheismus spinozistischer Prägung vorliegen, sondern greifen auch auf zeitgenössische Wissensbestände, beispielsweise die Geologie oder die Reiseliteratur, zurück.
Meine Dissertation untersucht dementsprechend in fünf exemplarischen Interpretationen anhand der Gedichte Der Nekar, Der Wanderer, Heimkunft, Der Einzige und Germanien, wie in Hölderlins später Lyrik die göttlichen Wirkkräfte am Schnittpunkt unterschiedlicher Diskurse konfiguriert werden. Sie versucht, die religions- und diskursgeschichtlichen Hintergründe der in den Texten beschriebenen göttlichen Mächte zu erarbeiten und fragt nach den strukturellen Grundlagen, auf denen diese Konfigurationen beruhen. Dafür ist weniger die synkretistische Verknüpfung unterschiedlicher Wissensbestände als vielmehr die Vielschichtigkeit der religiösen Begriffe und Konzepte von besonderer Bedeutung. Die These, die meine Arbeit verfolgt, lautet daher, dass die Konfigurationen des Göttlichen in Hölderlins später Lyrik immer wieder mithilfe assoziativer und ambiger Verweisstrukturen operieren. Diese ambigen Begriffe und Konzepte sind gleichsam ‚Kippfiguren‘, die in einem Text unterschiedliche Konnotationsräume eröffnen, innerhalb derer das Göttliche beschrieben wird. Dies kann auf eine in den Texten Hölderlins zwischen 1800 und 1806 allgegenwärtige Thematik zurückgeführt werden: Das Nennen und Sagen wird, sowie es um die Götter geht, zu einem Problem des sprechenden Ich. Die Arbeit zeigt, wie die Ambiguitäten der Gedichte eine Möglichkeit ist, mit dem traditionellen Wortmaterial religiöser Sprache die neuartigen Konfigurationen des Göttlichen zu beschreiben, die sich aus der Beobachtung der Natur und der Verbindung unterschiedlicher Diskursbereiche ergeben.

(Die Arbeit wurde am 16. März 2017 an der Philosophischen Fakultät der Eberhard Karls Universität Tübingen als Dissertation im Fach Neuere deutsche Literaturwissenschaft eingereicht.)