Institute of Media Studies

Erinnern – Vergessen – Speichern: Erinnerungskulturen als medienwissenschaftliches Forschungsfeld

Dienstag, 5. Mai 2020, ab 9.30 Uhr
Uhlandsaal der Museumsgesellschaft Tübingen, Wilhelmstraße 3

Wie beeinflussen Medien die Art und Weise, wie wir uns erinnern und woran? Was wird im kollektiven Gedächtnis einer Gesellschaft gespeichert? Wie formt die Medialität des Erinnerns und Vergessens kollektive Identitäten?

Das Institut für Medienwissenschaft veranstaltet den öffentlichen Forschungstag „Erinnern – Vergessen – Speichern“. Ausgehend von ihren jeweils unterschiedlichen Forschungsansätzen loten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Instituts das Forschungsfeld der Erinnerungskultur aus der Perspektive der Medienwissenschaften aus.

Das Symposium soll damit einen Austausch fördern: innerhalb des Kollegiums, mit Studierenden und Gästen. Es bietet insbesondere den Studierenden die Möglichkeit, ihre Dozentinnen und Dozenten außerhalb von Lehrveranstaltungen und jenseits des üblichen universitären Betriebs kennenzulernen – in den Diskussionen, aber auch in den gemeinsamen Pausen. Die Studierenden erhalten damit die Chance, Medienwissenschaft einmal anders wahrzunehmen und wertvollen Input zu sammeln.

Für Getränke und einen Mittagssnack ist gesorgt.

Abschluss und Höhepunkt des Forschungstages bildet ein Gastvortrag der renommierten Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann.

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Worum geht es? Das Fachkonzept zur Tagung

Erinnerung, Gedächtnis, Vergessen und auch die Imagination von Zukunft sind Themen der Memory Studies, an denen sich Kulturwissenschaft, Soziologie, Geschichte, Psychologie, Erziehungswissenschaft, Bildwissenschaft und seit der letzten Jahrtausendwende auch die Medienwissenschaft beteiligen. Wie Astrid Erll in ihrem Buch Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen bemerkt, ist „kulturwissenschaftliche Gedächtnisforschung (…) häufig zugleich eine Medienforschung“ (S. 123), ein Zusammenhang, der unter Einbeziehung der Arbeitsgebiete des Tübinger Instituts und des Zentrums für Medienkompetenz (Theorie und Medienpraxis, Print, Bild, Fotografie, Radio, Film, TV, Games, Onlinemedien, Digitalisierung, Social Media, Animation, Künstliche Intelligenz, Virtuelle Realität, Wissenschaftskommunikation) bearbeitet werden soll.

Ursprünglich bezieht sich der Begriff der Erinnerungskultur in Deutschland vor allem auf die Aufarbeitung des Holocaust und der individuellen und kollektiven Traumatisierung durch die beiden Weltkriege (vgl. die Arbeiten von Aleida und Jan Assmann). Auch dieser Zusammenhang findet immer wieder einen neuen Ausdruck in Büchern und Filmen, Fotografien und Texten. 2018 fanden in diesem Kontext u.a. zwei Werke international Beachtung, die als Collagen aus den Beständen privater und öffentlicher Archive gebildet wurden: Das Buch Heimat. Ein deutsches Familienalbum von Nora Krug und der mit dem Grimmepreis gekrönte Dokumentarfilm Kulenkampfs Schuhe von Regina Schilling. Seit einigen Jahren häufen sich außerdem Werke, die sich mit der Aufarbeitung der Geschichte der DDR befassen. Spielfilme wie Andreas Dresens Gundermann (D 2018), in dem die politisch und moralisch ambivalente Lebensgeschichte des ostdeutschen Liedermachers und Baggerfahrers Gerhard (Gundi) Gundermann aufgearbeitet wird, orientieren sich ‚hautnah‘ an dokumentarischem Bild- und Tonmaterial und bilden Bausteine zu einer gesamtdeutschen Erinnerungskultur.

Ziel des Forschungstages ist eine medientheoretische und exemplarische Auseinandersetzung mit den Formen und Folgen der Transformation analoger (und somit materiell, zeitlich und räumlich fixierter Schrifterzeugnisse, Bild- und Tondokumente) in digitale Datenströme. Eine allseitige Verfügbarkeit von Wissen, unendlich viele verschiedene Konfigurationen von Zeit(er)zeugnissen, eine permanente Präsenz, Gleichzeitigkeit und Re-Aktualisierung von Inhalten, die Unmöglichkeit des Vergessens sowie die damit verbundene Gefahr der ‚Unsterblichkeit‘ falscher und gefälschter Nachrichten (Fake News, Hasskommentare) prägen die Netzkultur seit der Einführung des Web 2.0 im Jahr 2003. Das exponentielle Wachstum der Datenströme im Netz hat sich zu einem ungeordneten, chaotischen Archiv mit juristisch unbeherrschbaren Dunkelzonen entwickelt, mit enormem Einfluss auf Politik, Gesellschaft, Kultur, Kommunikationsprozesse, soziale Gruppen und den einzelnen Menschen. Zu den prekären Aspekten dieser Praxis gehören die permanente Verfügbarkeit von Fake News, Skandalen, falschen Zitaten, gefälschten Bildern und Hassbotschaften sowie die Unklarheit der Quellen, aus denen diese Inhalte stammen.

Zu den ausdrucksstarken Elementen der Erinnerungskultur gehören aber auch analoge Objekte in ihrer haptischen und Alterungsprozessen unterworfenen Materialität, Schriftstücke (Briefe, Schulhefte, Tagebücher, Rezeptbücher, Skizzen, Gekritzel), Malereien und Skulpturen, Musikkassetten, Fotografien und Filme, Spielzeuge, Räume, Orte und Dinge des täglichen Gebrauchs. Dazu kommt die Inszenierung immaterieller Aspekte des Erinnerns, des Geistigen und Sinnlichen, die narrative und imaginäre Bearbeitung von persönlichen Erlebnissen innerhalb der multimedialen Erinnerungskulturen. Insbesondere Kindheitserinnerungen, tief in der Psyche verankerte Wahrnehmungsfragmente, Bilder, Töne und Gerüche, aus denen sich die unverwechselbare Identität jedes einzelnen Menschen bildet, bestimmen durch die Digitalisierung der Medien nicht mehr nur das private Gespräch, sondern auch den öffentlichen Austausch. Persönliche Erinnerung und öffentliche Medienpraxis stehen in vielfältigen Beziehungen zueinander. Mit Mobilfunkgeräten zeichnen Menschen auf der Flucht ihre Erlebnisse auf oder berichten Erkrankte von ihrem schwierigen Alltag und ihren Ängsten. Immer stärker wird auch das ‚Banale‘ und scheinbar ‚Nebensächliche‘ zu einem Teil des öffentlichen Diskurses. Soziale Medien und frei zugängliche Distributionskanäle enthüllen in einer schier endlosen und offenen Textur die privaten Befindlichkeiten mediatisierter Gesellschaften. Die mit der Digitalisierung verbundene, allgegenwärtige Verfügbarkeit von Aufzeichnungsgeräten bereitet der ‚Schattengeschichte‘ (Theodor W. Adorno) von einzelnen Menschen, Familien und anderen sozialen Gruppen jenseits offizieller Geschichtsschreibung eine neue Bühne. Diese Entwicklung ermöglicht es marginalisierten Gruppen, die eigene unerzählte Geschichte in die offizielle Geschichtsschreibung einzubringen und somit sichtbar werden zu lassen.

Zu beobachten ist außerdem eine Zunahme der Medien-Nostalgie, deren Dimensionen noch auszuloten sind. Menschen sammeln Fotografien, Schallplatten und Musikkassetten, laden historische Werbespots auf Youtube hoch, teilen TV-Kindheitserinnerungen via Facebook, kommentieren und „liken“ diese Beiträge. Die Digitalisierung und die damit verbundene, allumfassende Verfügbarkeit von Inhalten haben zur Bildung alternativer Interessengemeinschaften geführt, die nicht mehr an die räumliche Nähe der Beteiligten gebunden sind. Dadurch entstehen andere, fluide Kommunikationsräume und Gegenöffentlichkeiten, bilden sich z.B. kulturübergreifende, nicht selten globale Fangruppen oder Protestgemeinschaften, die wiederum eigene Ströme der Erinnerungskultur pflegen. Diesen, aus der sogenannten ‚Graswurzelkultur‘ (Henry Jenkins) stammenden Impulsen stehen professionell erzeugte Medienformen gegenüber, die zum Teil die gleichen Quellen nutzen, wobei die Aufarbeitung der Fernsehgeschichte besonders produktiv zu sein scheint. Vor der Installation von Videoplattformen wie Youtube waren die Archive der Fernsehanstalten oftmals sogar im wissenschaftlichen Zusammenhang nur schwer zugänglich.

Wie dieser kurze Überblick über aktuelle Entwicklungen zeigt, bietet das Thema „Erinnerungskulturen im Medienwandel“ viele Fragestellungen und Gegenstände für eine interdisziplinäre Medienforschung, bei der die beiden methodischen ‚Schulen‘ der Medienwissenschaft gleichermaßen gefordert sind, die im Tübinger Institut unter einem Dach zusammenarbeiten. Die Ergebnisse des Forschungstages werden in einer systematisch aufgebauten Publikation dokumentiert, welche bis zum zehnjährigen Jubiläum des Instituts im Frühjahr 2021 vorliegen soll. An eine jährliche Fortsetzung des Tübinger Forschungstages mit einem jeweils neuen thematischen Schwerpunkt und die Entstehung einer Publikationsreihe ist gedacht. 
 

Tagungsprogramm

9.30 | Get together

Mit Kaffee. In den Räumen der Museumsgesellschaft.

10.00 | In Erinnerung bringen: Begrüßung

10.15 | Geschichte: Erinnern in Bildern

12.00 | Gegenwart: Logiken des Vergessens

12.30 | Mittagspause

13.30 | After-Lunch-Shorts: Persönliche Zugänge

14.00 | Zukunft: Mediale Imaginationen

16.00 | Erinnern für eine gerechtere Zukunft in medialen Öffentlichkeiten: Perspektiven für ein postmigrantisches Deutschland

17.15 | Festvortrag im Kino Museum

Der Vortrag von Aleida Assmann wird live gestreamt und auch in den Räumen der Museumsgesellschaft gezeigt.