Practical Theology III

Un/Doing Gender – Un/Doing Religion. Lokale Praktiken der Religion und des Geschlechts in der postsäkularen Weltgesellschaft

Interdiszipläner Workshop, gefördert durch P 4 "Global Encounters" der Universität Tübingen, am 18.–20. November 2020.

Trotz der weltweiten Etablierung von Gleichberechtigungsnormen sowie einer zunehmenden De-Institutionalisierung des Geschlechterverhältnisses haben sich Vorstellungen einer traditionellen Geschlechterordnung im Kontext (verschiedener) Religionen als erstaunlich hartnäckig erwiesen. Auf der einen Seite fungiert Religion zwar in Folge von Säkularisierungs- und Mo-dernisierungsprozessen immer weniger als kulturelle Determinante gesellschaftlicher Geschlechterverhältnisse, und die Lebenswege und Lebenslagen von Frauen und Männern haben sich in vielerlei Hinsicht empirisch angeglichen. Auf der anderen Seite entzünden sich aber in der (post-)säkularen Weltgesellschaft zahlreiche Konflikte rund um das Thema „Geschlecht und Religion“.
Vor diesem Hintergrund interessieren wir uns für die alltäglichen sozialen Praktiken, mit denen religiöse und geschlechtliche Zugehörigkeit hergestellt werden, sich überlagern oder auch wechselseitig neutralisieren. Die beiden Personenkategorien Geschlecht und Religion werden hierbei nicht als vorgegebene oder feststehende kategoriale Unterscheidungen, sondern kulturell und historisch kontingente Formen sozialer Differenzierung verstanden. Damit knüpfen wir sowohl an praktisch-theologische Arbeiten zur alltäglichen lebensweltlichen Praxis von Religion („lived Religion“) als auch an die soziologische Forschung zu Humandifferenzierungen an. 
Die gemeinsame Arbeit basiert auf einer praxistheoretischen Perspektive, aus der nicht nur die Geschlechtszugehörigkeit, sondern auch Religion als kontingente und sozial kon-struierte Form sozialer Mitgliedschaft analysiert werden kann. Während eine solche konstruktivistische Perspektive in Bezug auf die Geschlechterdifferenzierung in den Sozialwissenschaften bereits seit längerem üblich ist (un/doing gender), wird Religion dagegen kaum als Form kategorialer Zugehörigkeit analysiert, sondern eher als eigenständiger sozialer Wirklichkeitsbereich bzw. soziales Feld. Geschlecht wird in den Sozialwissenschaften also eher als Form der personalen Differenzierung behandelt und Religion als sachliche Dimension der Differenzierung. Aus dieser Perspektive lässt sich dann jedoch immer nur nach den unterschiedlichen Geschlechter-verhältnissen innerhalb eines bestimmten religiösen Kontexts fragen, also z.B. nach der Geschlechterordnung im Islam oder im Christentum. Damit wird Religion unhinterfragt zur unabhängigen Variable bestimmt. Was genau allerdings das soziale Feld der Religion ausmacht, ist keineswegs selbstverständlich, zumal spätestens seit den 1980er Jahren eine zunehmende Entgrenzung des religiösen Felds beschrieben wird. Entsprechend wird Religion in den Sozialwis-senschaften sowie der Praktischen Theologie zunehmend konzeptionell offener angelegt und der Fokus verschiebt sich auf die beobachtbare Vollzugswirklichkeit von Glauben und Religion. 
Nimmt man praxistheoretische Überlegungen zu Humandifferenzierungen ernst, finden religiöse und geschlechtliche Zugehörigkeiten gleichzeitig statt, können sich überlagern, gegenseitig verstärken oder auch neutralisieren, und es ist letztlich eine empirische Frage, in welchen Situationen welche Form der Zugehörigkeit aktualisiert wird (doing gender/religion), latent bleibt (un-doing gender/religion) oder aber miteinander interferiert (doing gender/religion through doing religion/gender). Interessante und bislang in der sozialwissenschaftlichen Forschung kaum behandelte Fragen hierzu betreffen die Beobachtbarkeit religiöser Praktiken als soziale Zugehörigkeit: Was bedeutet doing religion und welche Formen von Ausprägungen von Religionszugehörigkeit sind hierbei denkbar bzw. lassen sich beobachten? Werden hier die Angehörigen ver-schiedener Religionen unterschieden (Muslime, Christen, Juden etc.), verschiedene konfessio-nelle Zugehörigkeiten (evangelisch/katholisch) oder vielleicht eher religiös Gläubige von Agnostikern, Atheisten und religiös Indifferenten? Auf der Basis welcher Merkmale erfolgen reli-giöse Zuschreibungen und inwiefern sind hierbei z.B. auch ethnische Zugehörigkeiten relevant? Welche Glaubensressourcen werden auf welche Weise aktualisiert oder negiert? 
Diese Fragen werden gemeinsam in einem Forschungsverbund von Marion Müller (Soziologie), Michael Schüssler (Praktische Theologie/Katholisch-Theologische Fakultät), Fahimah Ulfat (Religionspädagogik/Zentrum für Islamische Theologie), Ursula Offenberger (Soziologie/Methodenprofessur) und Birgit Weyel (Praktische Theologie/Evangelisch-THeologische Fakultät) bearbeitet.