Prof. Dr. Carolin Führer

1.    Tübinger Kinder- und Jugendmedien-Lecture

Im Rahmen der von Frau Prof. Dr. Carolin Führer (Deutsches Seminar) initiierten 1. Tübinger Kinder- und Jugendmedienlecture fand am Freitag, den 10. Dezember 2021, eine Lesung mit Uwe-Michael Gutzschhahn in der Aula des Uhland-Gymnasiums Tübingen statt. Finanzielle Unterstützung erfuhr das Projekt durch den Friedrich-Bödecker-Kreis sowie das Deutsche Seminar der Universität Tübingen. 
Veranstaltet wurde die Lesung von Schüler*innen des Uhland-Gymnasiums unter Mitwirkung einiger Lehramtsstudierender eines germanistischen Seminars von Studienrätin Marisa Eifler, das sich mit der Frage nach Autorschaft in Literaturtheorie und -didaktik beschäftigt. Frau Eifler ist als Lehrerin am Uhland-Gymnasium tätig und unterrichtet die an der Veranstaltung mitwirkenden Schüler*innen einer 7. Klasse im Fach „Mensch-Welt-Wissenschaft“, das hochbegabten Schüler*innen ermöglichen soll, Kompetenzen über fachliche Inhalte hinaus zu erwerben. Ein zentraler Bestandteil ist dabei die Planung und Durchführung von Projekten im Klassenverband. Geplant war zunächst, ein breites schulisches und außerschulisches Publikum anzusprechen und die Lesung an der Universität durchzuführen. Es sollten Schulen des Regierungspräsidiums Tübingen angeschrieben und auch zahlreichen weiteren Gästen die Teilnahme ermöglicht werden. Coronabedingt erfolgte die Einladung ausschließlich an die fünften Klassen des Uhland-Gymnasiums, einige Studierende der Universität Tübingen sowie weitere Lyrik-Begeisterte. Die Veranstaltung fand unter Einhaltung von 2G+ statt.

Der Autor Uwe-Michael Gutzschhahn studierte Anglistik und Germanistik an der Ruhr-Universität Bochum und promovierte dort 1978 mit einer Arbeit über den zeitgenössischen Schriftsteller Christoph Meckel. Zunächst schrieb Gutzschhahn Gedichte für Erwachsene, die unter Titeln wie „Windgedichte“ (1978), „Fahrradklingel“ (1979) und „Das Leichtsein verlieren“ (1982) erschienen und das Interesse des Autors an synästhetischen Eindrücken verdeutlichen. „Die Bilder sind das, was den Ton ausmacht“, formulierte Gutzschhahn in einem Interview mit Gina Weinkauff anlässlich der Heidelberger Kinderliteraturgespräche und der Oldenburger Poetikvorlesung 2016. Die Sprache als zentrales Ausdrucksmedium, als existenzielle Notwendigkeit spielt in Gutzschhahns Werken eine wichtige Rolle. Die besondere Bedeutung des Wortes, Welt und Wirklichkeit zu erschaffen und zu verwandeln, rückt in Gutzschhahns Lyrik immer wieder in den Fokus. In den letzten Versen des Gedichts „Der Name des Glücks“ schreibt er: „Ich will dem Glück einen Namen geben / das Wort soll geschrieben stehen / damit ich drin wohnen kann.“
Über zwei Jahrzehnte als Lektor in verschiedenen Kinder- und Jugendbuchverlagen tätig, wandte sich Gutzschhahn zunehmend der Kinderlyrik zu. 2012 erschien der erste Kindergedichtband unter dem Titel „Unsinn lässt grüßen“. 2015 folgte die Nonsenslyrik-Anthologie „Ununterbrochen schwimmt im Meer der Hindundhering hin und her“, die für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert wurde. Die Anthologie „Sieben Ziegen fliegen durch die Nacht“, die aus seiner Blog-Reihe „Lyrik für Kinder“ der Literaturzeitschrift „Das Gedicht“ hervorgegangen ist, erschien 2018. Im gleichen Jahr veröffentlichte er den Gedichtband „Die Muße der Mäuse“, zwei Jahre später das Buch „Mäusekino. Ein Versfest für Kinder“, das er mit Schüler*innen in Einzelgesprächen und Workshops entwickelt hat.
Bekannt ist Gutzschhahn ferner für zahlreiche Übersetzungen im Bereich der Kinder- und Jugendliteratur, darunter etwa 20 Bücher des englischen Schriftstellers Kevin Brooks und „Ich weiß, heute Nacht werde ich träumen“ von Steven Herrick (2018), das, wie auch zwei der Brooks-Bücher, den Deutschen Jugendliteraturpreis erhielt. 2018 wurde Gutzschhahn schließlich mit dem Sonderpreis des Deutschen Jugendliteraturpreises für sein übersetzerisches Gesamtwerk ausgezeichnet.

Den Auftakt der 1. Kinder- und Jugendmedienlecture stellte der Besuch des Autors im Seminar von Marisa Eifler dar. Gutzschhahn rezitierte klangvoll einige Gedichte, kam mit den Lehramtsstudierenden aber auch ins Gespräch über die Chancen und Herausforderungen von Lyrik für Kinder. Dabei standen Fragen nach biographischen Einflüssen in seinen Werken ebenso im Fokus wie das Verhältnis von Leser, Werk und Autor. Gutzschhahn erläuterte, dass Lesungen einen zentralen Bestandteil seiner Arbeit darstellen, da Gedichte vor allem im Vortrag klanglich erfahrbar werden. Die Lesung als performative Fortschreibung ist für Gutzschahn ferner ein zentraler Aspekt zur Vertiefung des Leseverständnisses. Zudem hob er hervor, wie bedeutsam die Rückmeldungen der Schüler*innen während einer Lesung für ihn und seine literarische Arbeit seien, welche er aufgrund der Corona-Beschränkungen seit Längerem entbehren musste.  

Am folgenden Tag las Gutzschhahn vor etwa 100 begeisterten Schüler*innen und Gästen einige seiner Gedichte vor, wobei das Lautgedicht „Krähen“ oder das Gedicht „Sonnenstich“, in dem die Buchstaben auf immer wieder neue Weise aneinandergereiht werden, besonderen Applaus erhielt. Aufmerksamkeit erzeugte der Autor, als er zum Erraten der Reimwörter in „Verträumter Hund“ aufforderte und mit den Erwartungen des Publikums kunstvoll spielte. Den Höhepunkt der Lesung stellte dann aber das gemeinsame Verfassen eines Gedichtes dar, wobei Schüler*innen und Autor über Inhalt, Form und Klang ins Gespräch kamen. 

„Ich persönlich habe die Sitzung mit Herrn Gutzschhahn und die Lesung als sehr gewinnbringend und vor allem auch inspirierend empfunden. Besonders schön war es, die Reaktionen der Schüler*innen auf die verschiedenen Gedichte und das große Engagement beim gemeinsamen Verfassen des Gedichtes mit Herrn Gutzschhahn zu beobachten.“ Elena Leuze, Lehramtsstudentin

Inhaltlich und musikalisch gerahmt wurde die Lesung von Schüler*innen der 7. Klasse von Marisa Eifler, die den Autor und den Ablauf der Veranstaltung vorstellten. Eine Projektaufgabe bestand ferner darin, die Werke des Autors in Tübinger Buchhandlungen zu präsentieren und auf besondere Inhalte aufmerksam zu machen. Die Lehramtsstudierenden halfen im Verlauf des Projekts den Schüler*innen und bereiteten gemeinsam mit ihnen ein Autorinterview vor, das im Anschluss an die Lesung geführt wurde. Dieses soll auf der Internetseite des Uhland-Gymnasiums sowie des Deutschen Seminars, Fachdidaktik Deutsch, veröffentlicht werden. 

Für das kommende Semester ist bereits die 2. Tübinger Kinder- und Jugendmedienlecture geplant, die sich dann an Schüler*innen höherer Jahrgangsstufen wenden wird.
 
Für alle Beteiligten war der Besuch von Uwe-Michael Gutzschhahn im Seminar sowie dessen Lesung ein besonderer Gewinn! Großer Dank gilt allen Beteiligten, darunter den Schüler*innen des Uhland-Gymnasiums sowie den Studierenden des Seminars von Marisa Eifler.

Link zur Homepage des Künstlers: 
https://www.gutzschhahn.de