Uni-Tübingen

Dr. Rebekka Nöcker

Mitglied im Vorstand des SFB, Wissenschaftliche Mitarbeiterin (Postdoc)

Teilprojekt A02: Vom Fest zum Aufruhr. Fastnachtstheater als Bedrohung städtischer Ordnung in Spätmittelalter und Reformation

Beruflicher Werdegang

Forschungsschwerpunkte

Post-Doc-Projekt im Rahmen des SFB 923

Thema: Fastnachtstheater und Ordnungsdiskurs in süddeutschen Reichsstädten

Abstract: Die Feier der Fastnacht war ein wichtiges Element der mittelalterlichen urbanen Festkultur. Im 14. und 15. Jahrhundert formte sich in den Städten das Fastnachtstheater mit seinen komplexen öffentlichen Spiel- und Schaubräuchen aus (textfrei: Schauläufe und Umzüge, Fastnachtsturniere, szenische Darstellungen, Tanzrituale, Heischgänge, Festmähler, weitere Bräuche und Festpraktiken; textiert: Einzelvorträge, Aufführungen von Fastnachtspielen). Insofern der Fastnacht die verkehrte Welt inhärent ist, setzten die fastnächtlichen Aktivitäten die Verkehrung der geltenden sozialen Ordnung in Szene. Dadurch gerieten nicht nur die ordnungssichernden Normen und Regeln in den Blick, sondern auch die Defizite der sozialen Mechanismen. Die spielerische Ordnungsüberschreitung konnte in reale Entgrenzung umschlagen und bewirken, dass unterschwellige Konflikte zum offenen Ausbruch kamen.

Als stadtgesellschaftliches Handeln standen die theatralen Fastnachtsaktivitäten daher stets unter offizieller Kontrolle: Einerseits förderte die politische Führungsschicht Festrituale, insoweit sie dem städtischen Repräsentationsbedürfnis dienten (besonders bei Großveranstaltungen wie Turnieren, Schauläufen, Schautänzen oder Maskenumzügen). Wo allerdings Normenverstöße und Ordnungsverletzungen die öffentliche Sicherheit, die Belange einzelner Bürger oder der politischen und kirchlichen Institutionen und ihrer Autoritäten betrafen, suchte die städtische und kirchliche Obrigkeit andererseits, das Fastnachtstheater durch eine entsprechende Ordnungsgesetzgebung zu disziplinieren.

Die Einzelstudie zielt darauf, die komplexen Bezüge zwischen theatralen Darbietungen, Zuspitzungen situativer Bedrohung und ordnungssichernden Maßnahmen herauszuarbeiten. Insofern gerade unter dem Deckmantel der Fastnacht soziale Spannungen und Unruhen offenbar wurden, lässt sich das Fastnachtstheater und seine kulturelle Einbindung in Prozesse sozialer Ordnung als Indikator für eben jene sozialen Spannungen begreifen. Im Fokus steht daher insbesondere der Schnittpunkt zwischen den kommunikativen Mechanismen des städtischen Ordnungsdiskurses und jenen Mechanismen symbolisch-sozialer Kommunikation des theatralisch-ritualisierten Fastnachtshandelns.

Gegenstand der Studie ist das Fastnachtstheater in solchen Städten, aus denen keine textierten Fastnachtspiele erhalten sind (wie dies nur für Nürnberg der Fall ist; s. dazu die Einzelstudie von Beatrice von Lüpke), für die aber intensiv betriebene theatrale Fastnachtsaktivitäten belegt sind. Den Ratsprotokollen des Stadtregiments lassen sich Hinweise sowohl auf Formen wie Träger des Fastnachtstheaters, auf das städtische Ordnungsdenken, auch auf akute Konfliktsituationen und Bedrohungszusammenhänge entnehmen. In der Studie sollen daher die erhaltenen Archivalien in Ulm, Regensburg und Straßburg sowie weitere relevante Quellentypen (Chroniken, Predigten, literarische Werke) unter Ordnungs- und Bedrohungsaspekten ausgewertet werden. Die drei Reichsstädte bieten sich für die Analyse ästhetisch-kultureller, sozialhistorischer und ordnungspolitischer Interaktionsprozesse im Rahmen der Fastnacht deshalb an, weil zwar intensive Theatertraditionen bekannt und in Teilen erforscht sind, jedoch in der Fastnachtsforschung bislang nicht systematisch im Blickpunkt standen. Der Blick liegt hier außerdem auf dem Fastnachtstheater als Medium politisch-religiöser Agitation während der Reformationszeit. In ihr nutzte man zunächst die Ausdruckformen der Fastnacht, um reformatorische Ideen durchzusetzen, schaffte den Festtermin dann aber vielfach ab, weil man die Fastnacht als Negativsymbol der alten kirchlichen Ordnung sah. Untersucht wird der Zeitraum von 1450 bis 1550.

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