Uni-Tübingen

Christina Riese, Dipl. theol.

Wissenschaftliche Mitarbeiterin (Doktorandin)

Teilprojekt B02: Hungerkatastrophen als Bedrohung religiöser und sozialer Ordnungen. Bedrohungskommunikation und Bewältigungshandeln in christlichen Gesellschaften (1570 – 1980)

Beruflicher Werdegang

Forschungsschwerpunkte

Dissertationsprojekt im Rahmen des SFB 923

Thema: Hungerbedrohung und Sozialstrategie im Zeitalter der Konfrontation von katholischer Sozialmoral und kapitalistischer Moderne (1870–1929)

Abstract: In den Jahren zwischen 1870 und 1929 lassen sich im Ruhrgebiet ausgelöst durch sozio-ökonomische und sozio-politische Faktoren, immer wieder krisenhafte Einbrüche feststellen. In deren Folge kam es besonders unter den lohnabhängigen Arbeitern und in den marginalisierten Gruppen des Ruhrgebiets zu Phasen eklatanten Mangels, zu Unterernährung und Hunger. Besonders zwischen 1873 und 1895, zwischen 1915/16 und 1923 sowie 1929 können Bewältigungsstrategien im katholischen Milieu auf der Ebene theologischer Deutung und religiöser Praxis, sowie auf der Ebene der Heraus- und Weiterbildung gemeinschaftlicher Institutionen zur Existenzsicherung untersucht werden.

In der ersten Phase bildet das Hungerproblem einen Teil der Sozialen Frage und ist eng an die Frage nach einem gerechten Lohn gekoppelt. Eingebunden in die weitere Entwicklung des katholischen Milieus nach dem Kulturkampf kann anhand des Hungerproblems symptomatisch die Ausbildung des Sozialkatholizismus untersucht werden. Dieser manifestiert sich in der Genese einer eigenen katholischen Soziallehre sowie der Gründung und Ausgestaltung unzähliger kleiner und großer Institutionen der Wohlfahrt und Fürsorge bis hin zur Entstehung der großen katholischen Verbände wie der Caritas, die die zweite Phase in großem Maß prägt.

Das sich in der Folge immer weiter ausdifferenzierende Netzwerk der Bedrohungsabwehr wurde in der Phase 1915/16 bis 1923 und 1929 mit Problemen konfrontiert, die über das bisherige Maß weit hinausgehen. Die Intensivierung der Fürsorge durch den Ausbau der Institutionen und die Zusammenarbeit mit der öffentlichen Wohlfahrtspflege und Fürsorge im System der Weimarer Republik werden begleitet durch Diskurse der Infragestellung des bisherigen sozialen und sozialpolitischen Pragmatismus.

Sowohl den Institutionalisierungsprozessen als auch der Ebene theologischer und religiöser Deutung des Milieus sind (ausdrückliche) Auseinandersetzungen um die einer überzeitlichen, transzendenten Ordnung adäquate Ausgestaltung der zeitlichen Ordnung inhärent. Unter der Voraussetzung einer theonom begründeten Sozialmoral werden verschiedene Lösungen entwickelt, die sich aus einem sich verändernden Bezugsrahmen und dem Wandel der Vorstellungen von politischer, gesellschaftlicher und religiöser Verantwortung ergeben. Diese ohnehin schon rasanten Veränderungen zwischen 1870 und 1929 werden durch die Einbrüche der wirtschaftlichen und politischen Entwicklung noch einmal verdichtet, beschleunigt und emotionalisiert. So wird durch die Untersuchung des Umgangs mit Hunger der Zugriff auf die Bedrohungsfurcht und die Strategien der Bedrohungsbewältigung der Akteure ermöglicht. Die kommunikative Auseinandersetzung der Akteure mit diesen Herausforderungen und ihre Positionierung innerhalb des komplexen Prozesses theologischer und politischer, religiöser und gesellschaftlicher Entwicklungen im katholischen Milieu gilt dabei das besondere Interesse.

Die Untersuchung von Bedrohungskommunikation und Bewältigungshandeln in den beiden Phasen des Einbruchs im deutschen Industriekapitalismus stellt den Kern der Untersuchung dar. Dafür sollen in möglichst großer Breite Quellen der relevanten Bistums-, Stadt- und Verbandsarchive sowie exemplarisch Archive von Pfarreien ausgewertet werden. Besonderer Wert wird dabei auf die Multiplikatoren und die breitenwirksame Kommunikation des Milieus gelegt.

Publikationen

Vorträge

Tagungen, Workshops und Konferenzen