Internationales Zentrum für Ethik in den Wissenschaften (IZEW)

Digitalisierung in Afrika und der Beitrag der Ethik zu einer neuen Forschungsagenda

Ethische Fragen der Digitalisierung in Subsahara-Afrika betreffen z.B. ungleiche Machtverhältnisse zwischen global agierenden IT-Unternehmen und afrikanischen Regierungen sowie Bürger*innen, digitalen Kolonialismus, Zugangsbarrieren zu IKT, (digitalen) Analphabetismus, den “digital divide“ zwischen den Geschlechtern sowie die Marginalisierung weiterer Bevölkerungsgruppen wie ethnischer Minderheiten. Im Projekt „Ethische Implikationen des IT-Exports nach Subsahara-Afrika“ (ELISA), welches von 2016 bis 2019 durch die Plattform 4 Initiative der Universität Tübingen gefördert wurde, haben wir uns am IZEW diesen Fragestellungen gewidmet. Internationale Akteur*innen verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen haben dazu gemeinsam mit Stakeholder*innen aus der Praxis diskutiert, um den Austausch in interdisziplinären und globalen Zusammenhängen zu erweitern. Ein wichtiges Ziel bestand darin, die Perspektive der tatsächlich Betroffenen einzubeziehen. Der inter- und transdisziplinäre Dialog ist ein dringend benötigter Beitrag zur Debatte um eine gerechte Digitalisierung im Sinne Nachhaltiger Entwicklung auf dem afrikanischen Kontinent. Auch die Ethik kann und muss hier ihren Beitrag leisten. 

Digitalisierungsprozesse in Afrika stehen immer mehr im Fokus der Medien, auch im Globalen Norden: Afrika wird als Kontinent unerschlossenen digitalen Potentials und als Heimat von Start-Ups und internationalen Technologiezentren präsentiert, der nun durch eine sprunghafte Entwicklung die digitale Kluft zum Globalen Norden überwinden kann. Transnationale Unternehmen bieten auf dem Kontinent eine wachsende Zahl von Dienstleistungen an. Afrikanische wie europäische Regierungen, China, die USA, Entwicklungsorganisationen, zivilgesellschaftliche Akteur*innen und Forscher*innen fördern, implementieren oder analysieren zunehmend Digitalisierungsprozesse in Afrika.

Im Rahmen der internationalen Konferenz „Digitalisation in Africa: Interdisciplinary Perspectives on Technology, Development, and Justice“ am IZEW im September 2018 konnten sich die Mitarbeiter*innen des Projekts mit Expert*innen aus Wissenschaft und Praxis austauschen. Hierbei wurden einige konkrete Desiderata für die ethische Forschung identifiziert, die insbesondere Fragen globaler Gerechtigkeit betreffen:

(i.) Neokolonialismus: Aus postkolonialer Perspektive geben die Digitalisierungsprozesse im Globalen Süden Anlass zur Sorge, da die Dominanz nicht-afrikanischer Akteur*innen und Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) – und damit einhergehender Werte,  Ziele sowie Abhängigkeiten aus anderen kulturellen Kontexten – kolonialen Strukturen ähnelt. Entscheidend ist hierbei die technikethische Perspektive, wonach Technologien einen starken Einfluss auf Gesellschaften ausüben und sie demnach nicht wertneutral sind, sondern bestimmte Werte, Vorannahmen und Interessen in sie eingeschrieben sind, die etwa im Falle nicht-afrikanischer IKT mit nach Afrika „exportiert“ werden. 

(ii.) (Infra-)Strukturelle Zugangsbarrieren: Dazu gehören starke regionale Unterschiede im Zugang zu Internet und IKT einschließlich infrastruktureller Defizite wie eine unsichere Stromversorgung, hohe Kosten des Internets (z. B. mobiler Daten), sowie von Regierungen aus (macht-)politischen Gründen durchgeführte „Internet Shutdowns“. 

(iii.) Soziale Ungleichheiten und individuelle Zugangsbarrieren: Fertigkeiten wie (digitale) Alphabetisierung und (englische) Sprachkenntnisse sind entscheidend, um den Zugang zu IKT zu erleichtern oder gar zu ermöglichen. Da Analphabetismus und Sprachbarrieren in einigen gesellschaftlichen Gruppen wie ethnischen Minderheiten oder ländlichen Bevölkerungsgruppen nach wie vor verbreitet sind, können IKT nicht, wie von den Entwickler*innen ursprünglich beabsichtigt, genutzt werden. Bestehende soziale Ungleichheiten wie Bildungsunterschiede bedingen somit Zugangsbarrieren – und werden wiederum selbst durch den Zugang zu IKT verschärft. 

(iv.) Digitale Kluft zwischen den Geschlechtern: Eine Form der sozialen Ungleichheit, welche auf der Konferenz besonders im Fokus stand, betrifft den Zugang von Frauen zu IKT. Soziale, wirtschaftliche und politische Barrieren schränken diesen Zugang oft (gänzlich) ein. Dazu gehört auch die Aufrechterhaltung traditioneller Geschlechterrollen. Frauen haben nach wie vor geringere IKT-Fertigkeiten, besitzen weniger Geräte und daher weniger Zugang. 

Diesen Themen kann im Rahmen von zukünftigen Projekten, idealerweise in Kooperation mit Wissenschaftler*innen aus den betroffenen Ländern, nachgegangen werden. Das ELISA-Projekt hat einen Beitrag zur Stärkung des Themas „Digitalisierung in Afrika“ in der deutschen Forschungslandschaft geleistet. Weitere Berichte und Forschungsbeiträge zum Thema finden sich auch im Sonderheft "Digitalisierung im Globalen Süden" in der Zeitschrift Technikfolgenabschätzung in Theorie und Praxis (TATuP), 28/2 2019, 

https://doi.org/10.14512/tatup.28.2.s11.

Laura Schelenz, Jessica Heesen, Maria Pawelec, Kerstin Schopp