Internationales Zentrum für Ethik in den Wissenschaften (IZEW)

Bericht vom Workshop: Zum Zusammenhang von Populismus und Bildung (13. und 14. Februar 2020)

Der zunehmende Einfluss rechtspopulistischer Parteien in Europa beschäftigt sowohl die breite Öffentlichkeit als auch die Wissenschaften. Vertreter*innen unterschiedlicher Disziplinen haben sich am IZEW zusammengefunden, um aus ihren jeweiligen Perspektiven rechtspopulistische Entwicklungen und Strategien sowie den Bezug zu Bildungsfragen in den Blick zu nehmen.

Die Idee zu dieser Tagung im Ethikzentrum entstand aus einer Kooperation des Arbeitsbereichs „Ethik und Bildung“ mit Kolleg*innen des „Seminars zur Ausbildung der Lehrkräfte in Tübingen“. Eine genauere Betrachtung der Beziehung zwischen populistischen Strömungen und ihren Strategien und Fragen der Bildung war ein wichtiges Ziel während des Workshops.

Die ersten Vorträge hatten populistische Kommunikationsstrategien im Fokus: Mit Hilfe von Beispielen aus Reden europäischer Rechtspopulist*innen konnte Olaf Kramer (Tübingen) in seiner Präsentation „Rhetorik des Populismus“ zeigen, welche Strategien europäische Rechtsparteien verwenden, um Wähler*innen zu gewinnen und Anhänger*innen zu mobilisieren. Dazu gehören das Erzeugen von Emotionen, wie Angst und Neid, das Vorbringen von viel zu einfachen Lösungen für komplexe Probleme, das gegenseitige Ausspielen von gesellschaftlichen Gruppen, wie etwa „Volk“ gegen „Eliten“, und gezielte Tabubrüche, die sich dann langsam in den öffentlichen Diskurs einschleichen. Dagegen können rhetorische Taktiken eingesetzt werden, die auch in Schule und anderen Bildungseinrichtungen vermittelt werden können: Etwa, dass man in Diskussionen auf einem (konkreten) Thema besteht, dass Dramatisierungen vermieden werden, dass man Polarisierungen ausweicht und auch Empathie gezeigt wird. Die rhetorischen Diagnosen wurden bestätigt durch kommunikationstheoretische Forschungen von Nayla Fawzi (München), die u.a. die Strategien populistischer Akteure empirisch untersucht hat. Ihr Vortrag über „Populismus und Medien“ hat gezeigt, welche Medien von Seiten der Populist*innen vorrangig genutzt werden, und wie insbesondere die sozialen Medien verwendet werden, um Fake News in die Welt zu setzen und glaubwürdige Quellen des Journalismus zu diskreditieren. Allen Mediennutzer*innen sollte möglichst früh deutlich gemacht werden, welche Funktion die Medien in einer demokratischen Gesellschaft haben, wie digitale Medien funktionieren, und schließlich sollte Medienbildung dazu führen, das eigene Verhalten zu reflektieren und Medienkritik zu äußern. Klaus-Peter Hufer (Duisburg/Essen) konnte in seinem Vortrag „Mit Bildung gegen ‚Rechts‘?“ hier anschließen und von vielfältigen Erfahrungen in der Erwachsenenbildung berichten. Wie im Bereich von Schule und Hochschule sind auch hier kontroverse Diskussionen zu führen, die klar das normative Ziel unserer Demokratie verteidigen.

Dass sich das IZEW mit dem Thema Populismus auseinandersetzt, passt zur Grundidee des Ethikzentrums, nicht nur wissenschaftliche, sondern auch aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen aus ethischer Perspektive zu untersuchen. Das Verbundprojekt „Populismus – Demokratie – Stadt“ (PODESTA) setzt sich im Bereich der Stadt mit der Herausforderung des Populismus auseinander. Anne Burkhardt und Luzia Sievi haben an einem konkreten Beispiel in Stuttgart aufzeigen können, wie rechtspopulistische Akteure von der AfD ein aktuelles Thema, nämlich den Protest gegen Dieselfahrverbote, für sich zu vereinnahmen versuchen. Es zeigten sich wieder die Strategien des Populismus, wie die Schaffung von Ängsten und nicht begründete Dramatisierung. Dieses Beispiel passte gut zum Vortrag von Maren Behrensen (Münster) über „Populismus und die Rede von der bedrohten Identität“. Die Angst vor dem Verlust von Identität wird vielfach geschürt, etwa auch durch das angebliche „Wegnehmen“ des Autos als Symbol eines „männlichen Lebensgefühls“. Die Rede von Identität wird in der rechtspopulistischen Kommunikation stark emotionalisiert, dabei werden nationalistische, ökonomische und kulturelle Dimensionen von Identität angesprochen und für Parteiinteressen nach Belieben eingesetzt.

In der Abschlussdiskussion kamen Fragen nach der Vermittlung moralischer Werte, der Rolle von Wissenschaft in den populistischen Kommunikationsstrategien und die Frage nach der Rolle der Identität zur Sprache. Die Teilnehmenden waren sich einig, dass alle drei Themen sowohl für die Forschung relevant sind als auch im Bildungskontext eine zentrale Rolle spielen sollten.

Uta Müller