Prof. Dr. Jörg Robert

Paula Furrer

Kontakt: paula.furrerspam prevention@uni-tuebingen.de
SFB 1391 „Andere Ästhetik“, TP C06: „Augentrug, Traum und Täuschung – Der dämonische Ursprung der Illusion“

Projektbeschreibung

Zwischen Hexenhammer und Faustbuch
Religiöses Wissen und ästhetische Reflexion in der deutschen Literatur der Frühen Neuzeit

Die Frühe Neuzeit ist das Zeitalter der Hexenverfolgung. Zwischen dem 15. und dem 17. Jahrhundert erscheinen im Gefolge des Malleus maleficarum (1487) zahlreiche dämonologische Traktate, die religiöses Wissen unterschiedlichster Provenienz systematisieren und v.a. für juristische Zwecke verfügbar machen. Dabei bestehen immer wieder Beziehungen zu literarischen Formen: Einerseits werden vielfach kurze, oft schwankhaft-anekdotische Formen aufgeboten, die oft populäres religiöses Wissen kondensieren und als exempla die dämonologische Theorie untermauern. Andererseits werden literarische Texte (z.B. Ovids Metamorphosen oder Apuleius‘ Goldener Esel) als quasi-historische Quellen dämonischer Aktivitäten vorgelegt. Fiktion und Narration sind auf diese Weise in den dämonologischen Traktaten allgegenwärtig.

Das Dissertationsprojekt knüpft an solchen Wechselbeziehungen zwischen argumentativem und narrativem Wissen vom Dämonischen an. Leitend ist dabei das Konzept des ‚religiösen Wissens‘, das geeignet ist, die vermeintliche Trennung zwischen faktualen und fiktionalen Texten zugunsten eines integralen, praxeologischen Wissenskonzeptes aufzuheben. Entsprechend soll zweierlei gezeigt werden: wie dominant pragmatische Texte narrative Verfahren oder Textsorten aufnehmen, andererseits wie dominant fiktionale Texte dämonologisches Wissen narrativieren. Bekanntes Beispiel für letzteres ist die Historia von D. Johann Fausten (1587), die nachweislich zeitgenössische dämonologische Wissensbestände in ihre Erzählung integriert. Von solchen Austauschbeziehungen ausgehend nimmt das Projekt insbesondere die Frage nach der Legitimität und Ambiguität von Schein und Illusion in den Blick, die innerhalb der Frühen Neuzeit eine bezeichnende Verschiebung und Aufwertung von der Dämonologie zur Ästhetik erleben, was sich an der Resemantisierung dämonologischer Konzepte wie illusio/Täuschung, praestigiae oder fascinatio zeigt.