Institut für Politikwissenschaft

Aktuell

13.06.2022

Das Institut für Politikwissenschaft trauert um Prof. Dr. Gerhard Lehmbruch

Gerhard Lehmbruch war ein Urgestein der Tübinger Politikwissenschaft. Bereits ein Jahr nach der Institutsgründung begann Lehmbruch seine Arbeit am Institut (damals noch als wissenschaftliche Hilfskraft), an dem er 1962 promoviert wurde. Während seiner Zeit als Assistent (1960 – 1969) habilitierte er sich hier, bevor er seine erste Professur (in Heidelberg) annahm. 1973 kehrte er nach Tübingen zurück, um für fünf weitere Schaffensjahre am Tübinger IfP die Nachfolge des Institutsgründers Theodor Eschenburg auf dessen politikwissenschaftlichem Lehrstuhl anzutreten. 1978 nahm er eine Professur an der Universität Konstanz an, wo er nach Tübingen zum zweiten Mal am Aufbau eines politikwissenschaftlichen Instituts beteiligt war. Lehmbruch prägte er somit die Nachkriegs-Politikwissenschaft in Baden-Württemberg nicht nur an den Standorten Tübingen, Heidelberg und Konstanz, sondern auch darüber hinaus in ganz Deutschland. Wohnsitz blieb auch nach seiner Emeritierung Tübingen, wo er mit über zwei Jahrzehnten am längsten wirkte und bis ins hohe Alter an Veranstaltungen des Instituts und an dessen Entwicklungen teilnahm.

Lehmbruch prägte jedoch auch über Deutschland hinaus wichtige Entwicklungen des Faches, insbesondere mit seinen Forschungen zur Demokratie, wo von ihm geformte Begriffe wie „Konkordanzdemokratie“ oder „Verhandlungsdemokratie“ sogar Eingang in die Alltagssprache erhielten. Seine parallel zu Arend Lijphart entwickelten Untersuchungen zur Rolle von Konsensfindung als Wesensmerkmal eines Typus von Demokratien bleiben ebenso wie seine gemeinsam mit Philippe Schmitter betriebenen Forschungen aus den 1970er und 1980er Jahren zu Formen des Korporatismus fester Bestandteil des Kanons der Vergleichenden Politikwissenschaft. Zum Standardwerk für das Verständnis des deutschen politischen Systems wurde sein Buch „Parteienwettbewerb im Bundesstaat“ (1976), während zu den wichtigsten unter seinen Auslandsaufenthalten die Inhaberschaft des Theodor-Heuss Lehrstuhls an der renommierten New School for Social Research in New York 1990 zählt. Zuletzt erschien 2021 seine Autobiographie unter dem Titel „Erinnerungen eines ‚Fünfundvierzigers‘: Eine Jugend unter dem Hakenkreuz vor dem Hintergrund einer märkisch-ostpreußischen Familiengeschichte“.

Lehmbruch wirkte zudem als Vorsitzender der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft (DVPW) sowie als Vize-Präsident der International Political Science Association (IPSA), und sein Werk wurde 2003 mit dem Theodor-Eschenburg-Preis der DVPW sowie, 2009, mit dem Lifetime Achievement Award des European Consortium of Political Research ausgezeichnet. Er war darüber hinaus Ehrenmitglied verschiedener weiterer nationaler Fachverbände wie etwa der Österreichischen Gesellschaft für Politikwissenschaft und der Schweizerischen Vereinigung für Politikwissenschaft.

Sein klarer Geist und scharfer Verstand, seine kraftvolle Schreibweise und jugendliche Neugier, die ihm bis zuletzt eigen waren, bleiben ein Vorbild für künftige Generationen von Studierenden und Lehrenden der Politikwissenschaft. Wir nehmen Anteil an seinem Tod, der menschlich und fachlich eine schwer zu füllende Lücke hinterlässt. Das Institut wird ihn in dankbarer Erinnerung behalten.

Back