Uni-Tübingen

Forschung zum Coronavirus an der Universität Tübingen

An der Universität Tübingen wird in mehreren Projekten zum Coronavirus SARS-CoV-2 und der durch den Coronavirus ausgelösten Infektionskrankheit COVID-19 geforscht. Weitere Forschungsvorhaben beschäftigen sich mit ökonomischen und gesellschaftlichen Auswirkungen der Corona-Krise.

Forschungsprojekte in der Medizin

23.11.2021 (Update): Eigenentwickelter Impfstoff gegen SARS-CoV-2 zeigt starke Immunantwort 

Update 23.11.2021:

Eigenentwickelter Impfstoff gegen SARS-CoV-2 zeigt starke Immunantwort 

Ergebnisse der Phase-I-Studie in Fachzeitschrift Nature publiziert

Am Universitätsklinikum Tübingen wurde im November 2020 unter Leitung von Prof. Dr. Juliane Walz in der KKE Translationale Immunologie der Medizinischen Klinik (Ärztlicher Direktor Prof. Dr. Helmut Salih) die klinische Erprobung eines eigenentwickelten Impfstoffs (CoVac-1) gegen SARS-CoV-2 begonnen. Nun liegen die Ergebnisse der Phase-I-Studie vor und belegen eine potente Aktivierung der T-Zell-Antwort gegen das Coronavirus. Die Ergebnisse sind aktuell in der renommierten Fachzeitschrift Nature publiziert. Derzeitig befindet sich die Studie in der zweiten Phase. Ziel ist, in Patienten und Patientinnen mit Antikörpermangel eine breite und starke T-Zell-vermittelte Immunantwort gegen SARS-CoV-2 zu induzieren, um so schwere Covid-19-Krankheitsverläufe zu verhindern.

T-Zellen spielen eine bedeutende Rolle bei der Covid-19-Erkrankung. Das konnte das Forschungsteam um Prof. Walz, Leiterin der klinischen Studie, bereits in mehreren wissenschaftlichen Publikationen belegen. Im Rahmen dieser Forschungsarbeiten wurden im Blut von Personen mit überstandener Covid-19-Erkrankung diejenigen Peptide identifiziert, die für eine Erkennung und Langzeitschutz durch T-Zellen speziell beim SARS-CoV-2-Virus von Bedeutung sind. „Genau die Peptide, die eine bedeutende Rolle bei der Langzeitimmunität nach durchgemachter SARS-CoV-2-Infektion spielen, werden nun in unserem CoVac-1 Impfstoff eingesetzt“, erklärt Juliane Walz. Als Peptide werden kurze Eiweiße bezeichnet, die auf der Oberfläche von Tumorzellen, aber auch auf Virus befallenen Zellen dem Immunsystem und hier speziell den T-Zellen präsentiert werden. Dies ermöglicht dem Immunsystem, „fremde“ und infizierte Zellen zu erkennen und diese zu eliminieren. Die Idee für den Impfstoff kommt aus der Krebsimmuntherapie, einem der Hauptforschungsschwerpunkte der Tübinger Immunologen. 

Ergebnisse der Phase-I-Studie

CoVac-1 wurde in einer klinischen Phase-I-Studie in gesunden Probanden und Probandinnen zwischen 18 und 80 Jahre eingesetzt. Hier konnte bei guter Verträglichkeit eine äußerst potente Aktivierung der T-Zell-Antwort gegen SARS-CoV-2 belegt werden. 

Insgesamt wurden 36 Probandinnen und Probanden im Rahmen der Studie einmalig geimpft. Bei wenigen Teilnehmenden wurden leichte Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen und Müdigkeit beobachtet, schwerwiegende Nebenwirkungen traten nicht auf. Bei allen Probandinnen und Probanden entwickelte sich an der Impfstelle eine lokale Verhärtung. „Diese Lokalreaktion wird für unseren Impfstoff erwartet und gewünscht. Sie ist Ausdruck der Bildung eines Depots an der Impfstelle, das einen schnellen Abbau des Impfstoffs verhindert und so eine langanhaltende Immunreaktion ermöglicht“, erklärt Dr. Jonas Heitmann, einer der Erstautoren der Studie.  

Bei allen Studienteilnehmenden lag vier Wochen nach der Impfung die gewünschte breite und starke T-Zell-Immunantwort gegen SARS-CoV-2 vor. In ersten Folgeuntersuchungen blieben diese Immunantworten in unveränderter Stärke bestehen. Darüber hinaus sind die durch CoVac-1 aktivierten T-Zell-Antworten deutlich stärker ausgeprägt als die bei Genesenen nach natürlicher Infektion und auch potenter als die T-Zell-Immunität, die durch zugelassene mRNA- oder Vektorimpfstoffe erzeugt wird. Anders als bei den bislang zugelassenen Impfstoffen richtet sich die CoVac-1-induzierte T-Zell-Immunität nicht nur gegen das Spike Protein, sondern gegen verschiedene Virusbestandteile. Die Wirksamkeit des Impfstoffes wird durch keine der bekannten SARS-CoV-2-Varianten negativ beeinflusst. 

Eigene Impfstoffentwicklung, Herstellung und Erprobung

CoVac-1 wird im Wirkstoffpeptidlabor und der sogenannten GMP-Einheit des Universitätsklinikums und der Medizinischen Fakultät Tübingen hergestellt. Auch hier wird auf die langjährige Erfahrung und Expertise bei der Produktion von Impfstoffen für Krebserkrankte zurückgegriffen. Die klinische Evaluation des Impfstoffs erfolgt in der KKE Translationale Immunologie, einer deutschlandweit einzigartigen Einrichtung im Department Innere Medizin des Universitätsklinikums. Diese wurde etabliert, um innovative Immuntherapiekonzepte möglichst rasch in ersten klinischen Studien erproben zu können, damit Patienten und Patientinnen schnellstmöglich von neuen Erkenntnissen der Forschung profitieren. 

Weitere Entwicklung von CoVac-1

Auf Grundlage dieser Studienergebnisse wurde bereits im Juni die Phase-II-Studie gestartet, die CoVac-1 in Patienten und Patientinnen mit angeborenem oder erworbenem Immunglobulinmangel untersucht. Hierzu gehören beispielsweise Leukämie- oder Lymphompatientinnen und -patienten, die auf Grund ihrer Erkrankung oder einer Therapie keine ausreichende durch antikörpervermittelte Immunität aufbauen können.  

Titel der Originalpublikation

A COVID-19 Peptide Vaccine for the Induction of SARS-CoV-2 T-Cell Immunity; doi: https://www.nature.com/articles/s41586-021-04232-5 

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Update 01.12.2020:

Neuartiger Impfstoff zur Aktivierung von T-Zell-Antworten gegen SARS-CoV-2 in Erprobung – Universitätsklinikum Tübingen startet Impfstudie gegen das Coronavirus mit eigenentwickeltem Impfstoff

Am Universitätsklinikum Tübingen startet die klinische Erprobung eines eigenentwickelten Impfstoffs gegen SARS-CoV-2. Im Gegensatz zu den meisten aktuell in Erprobung befindlichen Impfstoffen gegen die COVID-19-Erkrankung zielt der durch die Abteilung für Immunologie (Direktor Prof. Hans-Georg Rammensee) der Universität Tübingen konzipierte Impfstoff CoVAC1 hochspezifisch auf die Stimulierung einer T-Zell-vermittelten Immunantwort gegen SARS-COV-2 ab. Die durch das baden-württembergische Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst finanzierte klinische Studie erfolgt basierend auf den Arbeiten und unter Leitung von PD Dr. Juliane Walz in der KKE Translationale Immunologie der Medizinischen Klinik (Ärztl. Direktor Prof. Helmut Salih) des Universitätsklinikums. Das für die Zulassung von klinischen Studien zuständige Paul-Ehrlich-Institut gab am Mittwoch, 25.11.2020, grünes Licht für den Impfstudienstart, ebenso erfolgte die obligatorische Zustimmung der Ethikkommission. 

Pressemitteilung Universitätsklinikum Tübingen (01.12.2020)

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Unser Immunsystem kann Viruserkrankungen effizient abwehren. Hierbei kommt zwei Zellarten eine wichtige Rolle zu: Den T-Zellen, die erstens virusbefallene Zellen direkt zerstören können und zweitens die Bildung von effizienten, Virus-neutralisierenden Antikörpern durch B-Zellen ermöglichen. Diese beiden Zelltypen spielen auch für die Abwehr der SARS-CoV-2-Infektion eine entscheidende Rolle. Während Antikörpertests bereits routinemäßig durchgeführt werden, ist über die T-Zellantwort gegen SARS-CoV-2 bislang wenig bekannt.

Der Arbeitsgruppe (AG) von Privatdozentin Dr. Juliane Walz in der Klinischen Kooperationseinheit Translationale Immunologie (KKE) am Universitätsklinikum Tübingen und der Abteilung für Immunologie des Tübinger Interfakultären Instituts für Zellbiologie konnte in einer aktuellen Studie die Zielstrukturen (T-Zell-Epitope) für eine T-Zellantwort gegen SARS-CoV-2 identifizieren. Für die in der renommierten Fachzeitschrift Nature Immunology publizierte Arbeit wurden insgesamt mehr als 180 Probanden nach überstandener COVID-19-Erkrankung untersucht. Die im Rahmen der Studie identifizierten T-Zell-Epitope ermöglichten den Nachweis, dass bei 100 Prozent der Patienten nach Infektion T-Zell-Immunantworten gegen SARS-CoV-2 erfolgt sind. Dies traf auch auf Patienten zu, bei denen keine Antikörperantwort nachweisbar war.

Vorerfahrungen mit zwei anderen Coronaviren - SARS-CoV-1 und MERS-CoV-2 - sowie erste Berichte über Genesene nach durchgemachter COVID-19 Erkrankung legen nahe, dass T-Zellantworten tatsächlich eine bedeutende Rolle auch bei der Abwehr von SARS-CoV-2 spielen, wie das bei allen anderen Virusinfektionen der Fall ist. Um diese T-Zellantworten untersuchen zu können, müssen zunächst die Bestandteile des Virus, sogenannte Epitope, identifiziert werden, die von den T-Zellen erkannt werden können. „Diese Epitope sind nicht nur für die Untersuchung und Diagnostik der Immunabwehr von Bedeutung, sondern können auch die Grundlage für die Entwicklung von Impfstoffen bilden“, sagt Forschungsgruppenleiterin Juliane Walz.

Darüber hinaus wurden im Rahmen der Studie, die durch die Sonderfördermaßnahme COVID-19 des Bundesministeriums für Bildung und Forschung finanziert wurde, Blutproben von Personen, die vor Ausbruch der Pandemie gesammelt wurden, und somit keinen Kontakt zu SARS-CoV-2 hatten, untersucht. Dabei zeigte sich, dass auch bei 81 Prozent der untersuchten Spender ohne Kontakt zu SARS-CoV-2 kleine Mengen an T-Zellen, die Virusbestandteile erkennen, nachweisbar sind.

Diese könnte auf einen vorangegangenen Kontakt der Spender mit anderen humanen Erkältungs-Coronaviren (HCoV-OC43, HCoV-229E, HCoV-NL63 und HCoV- HKU1) zurückzuführen sein.

Eine solche kreuzreaktive T-Zell-Erkennung ist jedoch nicht gleichzusetzen mit einer Immunität gegen SARS-CoV-2. „Wie sich diese kreuzreaktive T-Zell-Erkennung in 81 Prozent der Bevölkerung auf eine Infektion mit SARS-CoV-2 sowie auf die Schwere der Erkrankung auswirkt, werden wir in weiteren Studien prospektiv untersuchen“, kommentiert Walz dieses Ergebnis.

Basierend auf den Erkenntnissen dieser Studie entwickelt das Team der KKE Translationale Immunologie (Ärztlicher Direktor: Prof. Dr. Helmut Salih) gemeinsam mit der Immunologie (Direktor: Prof. Dr. Hans-Georg Rammensee) aktuell eine klinische Studie, die einen Impfstoff gegen SARS-CoV-2 untersuchen wird, welcher aus den hier identifizierten T-Zell-Epitopen besteht. Dass ein solcher Ansatz, der primär darauf abzielt, T-Zellantworten gegen SARS-CoV-2 zu induzieren, erfolgsversprechend sein könnte, wird durch erste „Langzeitdaten“ der AG Walz unterstützt. In einer bisher unveröffentlichten Follow-up Untersuchung der Probanden – nun sechs Monate nach der Infektion – ließen sich immer noch starke T-Zellantworten gegen SARS-CoV-2 nachweisen, während die Antikörperantworten insbesondere gegen das so genannte Spike-Protein, über das das Virus in eine Zelle eindringen kann, bereits deutlich abgefallen waren.

Originaltitel der Publikation: 

Nelde, A., Bilich, T., Heitmann, J.S. et al. SARS-CoV-2-derived peptides define heterologous and COVID-19-induced T cell recognition. Nat Immunol (2020).

DOI: 10.1038/s41590-020-00808-x 

Die Publikation ist unter der folgenden URL verfügbar: https://www.nature.com/articles/s41590-020-00808-x.

Medienkontakt

Universitätsklinikum Tübingen
Medizinische Klinik
KKE Translationale Immunologie
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Otfried-Müller-Straße 10, 72076 Tübingen
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15.10.2021: Gestaltung von Arbeitsbedingungen während der COVID-19 Pandemie

Während der COVID-19-Pandemie mussten Unternehmen und ganze Branchen mit aufwändigen Infektionsschutzmaßnahmen ihre betrieblichen Tätigkeiten verändern und anpassen, einschränken oder sogar völlig einstellen. Auch das erneute „Hochfahren“ der Wirtschaft, die Fortführung bzw. Wiederaufnahme der Tätigkeiten stellt eine große Herausforderung dar, weil Einschränkungen bestehen bleiben und die Unternehmen nicht einfach zu den Zeiten vor der Pandemie zurückkehren können. In diesem vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg geförderten Projekt sollen die Fortführung bzw. Wiederaufnahme betrieblicher Tätigkeiten in verschiedenen Firmen und Institutionen wissenschaftlich begleitet werden. Zentraler Baustein der Studie ist die enge Zusammenarbeit mit betrieblichen Akteuren. Es wird analysiert, wie Beschäftigte und Führungskräfte ihre veränderten Arbeitsbedingungen sowie die Maßnahmen zum Infektionsschutz am Arbeitsplatz erleben und wie das Infektionsrisiko während der Pandemie eingeschätzt wird. Des Weiteren sollen Best-Practice-Beispiele für die Anpassung von arbeitsbezogenen Schutz- und Hygienemaßnahmen abgeleitet werden, um die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf ähnliche betriebliche Settings zu ermöglichen.

Publikationen

Rind et al. (2020): Adjusting working conditions and evaluating the risk of infection during the COVID-19 pandemic in different workplace settings in Germany: a study protocol for an explorative modular mixed methods approach. BMJ Open 2020;0:e043908. doi:10.1136/bmjopen-2020-043908; https://bmjopen.bmj.com/content/10/11/e043908.long (08.10.2021)

Kontakt

Dr. Esther Rind (PhD, UK)
Leitung Forschungsschwerpunkt Gesundheitsversorgung für Menschen im Erwerbsalter
Institut für Arbeitsmedizin, Sozialmedizin und Versorgungsforschung, Universitätsklinikum Tübingen
E-Mail: esther.rindspam prevention@med.uni-tuebingen.de 

03.06.2021: Pandemie und subjektives Wohlbefinden: Mädchen und Kinder aus sozial benachteiligten Familien besonders betroffen

Eine internationale Studie unter Beteiligung des Tübinger Erziehungswissenschaftlers Sascha Neumann untersuchte in Brasilien, Deutschland und Luxemburg, wodurch das Wohlbefinden von Jugendlichen in der Coronakrise beeinflusst wird. Die wichtigsten Determinanten sind dabei in allen drei Ländern überraschend ähnlich.

Junge Menschen im Alter zwischen 10 und 16 Jahren in Luxemburg, Deutschland und Brasilien verzeichneten während der ersten Welle der Pandemie einen deutlichen Rückgang der Lebenszufriedenheit. Das haben erste Analysen aus der internationalen Studie COVID KIDS bereits im letzten Jahr gezeigt, über die auch die Universität Tübingen seinerzeit berichtete (https://uni-tuebingen.de/fakultaeten/wirtschafts-und-sozialwissenschaftliche-fakultaet/forschung/newsfullview-forschung-top-aktuell/article/wie-kinder-und-jugendliche-unter-der-pandemie-leiden-1/). Nun hat das Forschungsteam von den Universitäten Luxemburg, und Tübingen gemeinsam mit Partnern der Universidade Presbiteriana Mackenzie und der Universidade Federal da Bahia in Brasilien auf Basis der Daten aus derer Online-Befragung von 2020 den Zusammenhang zwischen 20 potenziellen Faktoren und dem subjektiven Wohlbefinden von Jugendlichen während der Pandemie untersucht.  Die Ergebnisse der Analysen sind jetzt im Journal of Adolescent Health erschienen.

Ein geringeres Wohlbefinden seit Beginn der Pandemie war in den jeweiligen Ländern damit verbunden ein Mädchen zu sein, einen niedrigeren sozioökonomischen Status zu haben und bereits vor der Pandemie weniger zufrieden gewesen zu sein. Darüber hinaus wurden eine Reihe weiterer Faktoren ermittelt, die mit dem Wohlbefinden der Befragten in Zusammenhang stehen, darunter die Angst wegen des Virus zu erkranken, die Menge an Schularbeiten, die Zufriedenheit mit der eigenen Freiheit sowie die Zufriedenheit mit der Art und Weise, wie Erwachsene zuhören. 

Die Forschenden entwickelten statistische Modelle unter Verwendung einer Reihe von Risiko- und Schutzfaktoren, um die Einflussfaktoren auf das Wohlbefinden bei den über 1.600 befragten 10-16-Jährigen während der Pandemie einzuschätzen. Im Mittelpunkt stand dabei die Frage, ob bei jungen Menschen mit unterschiedlichem geografischem und kulturellem Hintergrund gemeinsame Prädiktoren für das Wohlbefinden auftreten würden. Zu den wichtigsten Prädiktoren gehörten dabei Geschlecht, sozioökonomischer Status, die Beziehung zu Erwachsenen oder die Angst davor krank zu werden.

Die beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler waren überrascht über die Ähnlichkeiten in den drei Ländern, die unterschiedliche Infektionskurven und unterschiedliche Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung aufweisen. „Dies deutet darauf hin, dass die Faktoren, die das Wohlbefinden von Jugendlichen beeinflussen, trotz der unterschiedlichen Kontexte, ähnlich sind“, sagt Sascha Neumann. Die Ergebnisse können dazu beitragen, die Entwicklung gezielter Interventionen zur Förderung der mentalen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen während der globalen Pandemie voranzutreiben. 

„Wenn sich die Menge und Art der Schulaufgaben eindeutig auch auf das Wohlbefinden auswirkt, dann ist es wichtig, dies bei der Unterrichtsplanung zu berücksichtigen, insbesondere in Situationen von Fernunterricht“ so Erziehungswissenschaftlerin Claudine Kirsch von der Uni Luxemburg. „Ängste und Stress, die durch die Sorge vor einer Erkrankung hervorgerufen werden können, und die Art und Weise, wie Erwachsene Jugendlichen zuhören, sind weitere Faktoren, die möglicherweise Gelegenheitsfenster für pädagogische und psychologische Unterstützung eröffnen“ ergänzt ihre Kollegin Pascale Engel de Abreu. 

Nicht zuletzt zeigt die Studie auch die signifikanten Auswirkungen der Pandemie auf das Wohlbefinden von Mädchen sowie jungen Menschen aus sozial weniger privilegierten Familien. Daher hält Sascha Neumann insbesondere gezielte Interventionen für notwendig, „die auf die besonderen Bedürfnisse dieser vulnerablen Gruppen zugeschnitten sind“.

Publikation: 

Pascale M.J. Engel de Abreu, Sascha Neumann, Cyril Wealer, Neander Abreu, Elizeu Coutinho Macedo und Claudine Kirsch (2021). Subjective well-being of adolescents in Luxembourg, Germany, and Brazil during the COVID-19 pandemic. Journal of Adolescent Health 68 (2021).  https://doi.org/10.1016/j.jadohealth.2021.04.028

Kontakt:

Prof. Dr. Sascha Neumann
Universität Tübingen
Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät 
Institut für Erziehungswissenschaft
 +49 7071 29-76750
sascha.neumann@uni-tuebingen.de

25.05.2021: SARS-CoV-2 Varianten im Blick behalten

Studie im renommierten Fachjournal „Nature Communications“ veröffentlicht

Der Covid-19 Erreger entwickelt sich stetig weiter. Aus dem ursprünglichen SARS-CoV-2 haben sich Virusvarianten entwickelt, die durch Veränderungen in ihrem Oberflächenprotein potenziell infektiöser sind und eventuell gefährlichere Krankheitsverläufe auslösen könnten. Außerdem ist nach wie vor unklar, ob eine Impfung oder durchgemachte Infektion auch gegen die Virusvarianten wirkt. Ein Team aus Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern vom NMI Naturwissenschaftlichen und Medizinischen Institut in Reutlingen und dem Universitätsklinikum Tübingen haben diese Veränderungen deshalb genau unter die Lupe genommen. Ihre Erkenntnisse zeigen, dass die meisten Virusvarianten effizient neutralisiert werden. Sorge bereitet den Forscherteams allerdings die sogenannte „Südafrika“- Variante von SARS-CoV-2. An diese binden Antikörper, wie sie nach der Impfung gebildet werden, nicht mehr effizient, und die Virusvariante wird nur unzureichend neutralisiert. Daraus verdeutlicht sich zunehmend, dass die SARS-CoV-2 Varianten in ihrem Gefährdungspotential nicht zu unterschätzen sind. Die neuen Erkenntnisse wurden jetzt im renommierten Fachjournal „Nature Communications“ veröffentlicht.

MULTICOV-AB zeigt Antikörpermenge nach zweiter Impfung deutlich stabiler 

Vor allem in Hinblick auf aktuell laufende Impfkampagnen beschreibt die Studie inwiefern das Immunsystem auch eine Antwort gegen Virusvarianten entwickelt. Grundsätzlich besteht die Immunantwort, die einer Infektion oder Impfung folgt, aus Antikörpern. Besonders die neutralisierende Wirkung der Antikörper verhindert aktiv das Eindringen des Virus in körpereigene Zellen. In der Studie wurde mit Hilfe des am NMI entwickelten Antikörpertests MULTICOV-AB die Immunantwort in Serum- und Speichelproben von geimpften, infizierten, und nicht infizierten Patienten bestimmt. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler um Dr. Nicole Schneiderhan-Marra, Leiterin des Bereichs Pharma und Biotech am NMI, fanden heraus, dass die gemessenen Antikörpermengen nach Infektion mit einer Corona-Variante prinzipiell sehr unterschiedlich sind. „Wir konnten zeigen, dass Serumproben von Patienten, die bereits zum zweiten Mal mit dem Impfstoff von Biontech/Pfizer geimpft wurden, eine stabile Antikörperantwort aufweisen“, so Schneiderhan-Marra. „Diese zeichnet sich durch hohe IgG Antikörperspiegel im Blut und im Speichel aus, was auf ein vermindertes Übertragungsrisiko geimpfter Personen hindeutet“ führt sie weiter aus. Gleichzeitig wurde aber festgestellt, dass die gebildeten Antikörper bezüglich der südafrikanischen Variante nur eine bedingte Bindung an neutralisierende Bereiche im Oberflächenprotein des Virus aufweisen. In Kooperation mit der Virologie des Universitätsklinikums Tübingen (Prof. Dr. Michael Schindler) konnten die Teams außerdem mit Virusvarianten, die aus Patienten isoliert wurden, eine verminderte Neutralisation bestätigen. „Aus Daten anderer Forscherteams haben wir diesen Effekt erwartet“, so Schindler zu dem Befund, „allerdings war das Ausmaß der verminderten Neutralisation der Südafrika-Varianten nach Immunisierung oder durchgemachter Infektion schon bemerkenswert“, kommentiert der Forscher die Ergebnisse. Da das Immunsystem Krankheitserreger durch unterschiedliche Mechanismen bekämpft ist unklar, ob dieser Effekt zu einer verminderten Schutzwirkung führt, schreiben die Forscherteams in ihrer Studie.

Aus der Studie wird deutlich, wie wichtig es ist, die festgelegten Impftermine einzuhalten, um eine ausreichende Grundimmunisierung zu forcieren. Zudem ist es von höchster Relevanz Virusvarianten weiterhin im Blick zu behalten, um die Wirksamkeit der Impfstoffe stets einschätzen zu können.

Ermöglicht wurde das Forschungsprojekt unter anderem durch die Förderung der Baden-Württembergischen Landes-Ministerien für Wirtschaft, Arbeit und Tourismus sowie Wissenschaft, Forschung und Kunst, der Initiative and Networking Fonds der Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren (FörderkennzeichenSO-96), der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG-KO 3884/5-1) sowie dem EU-Forschungs- und Innovationsprogramm Horizon 2020 (Grant Agreement Nummer 101003480-CORESMA).

Titel der Originalpublikation

Becker et al. (2021). Immune response to SARS-CoV-2 variants of concern in vaccinated individuals. NATURE COMMUNICATIONS https://doi.org/10.1038/s41467-021-23473-6

Pressemitteilung des Universitätsklinikums Tübingen und des NMI Naturwissenschaftliches und Medizinisches Institut an der Universität Tübingen: https://www.medizin.uni-tuebingen.de/de/das-klinikum/pressemeldungen/376?press_str=

24.05.2021 (Update): SARS-CoV-2: Ein Computermodell macht mögliche Angriffspunkte von Virus und Virusmutanten sichtbar

Update: SARS-CoV-2: Ein Computermodell macht mögliche Angriffspunkte von Virus und Virusmutanten sichtbar

Wirksame Medikamente gegen das neue Coronavirus werden immer noch dringend benötigt. Dies umso mehr, als das Aufkommen von Virusmutanten die Impfstoffe an ihre Grenzen bringen könnte. Andreas Dräger, Forschungsgruppenleiter im Exzellenzcluster „Kontrolle von Mikroorganismen zur Bekämpfung von Infektionen“ (CMFI) der Universität Tübingen und DZIF-Wissenschaftler, arbeitet seit mehr als einem Jahr an einem Computermodell, das Schwachstellen und damit mögliche Angriffspunkte des Virus erkennt. So identifizierte er bereits ein menschliches Enzym als möglichen Angriffspunkt. In seiner neuesten Studie bestätigt sich dieses Ergebnis und der Bioinformatiker macht neue Angriffspunkte sichtbar und zeigt, dass sie auch die momentan verbreiteten Mutanten betreffen.

„Wir haben schon Anfang des Jahres in unserem Modell gesehen, dass ein menschliches Enzym – die Guanylatkinase 1 – für die Virusvermehrung unabdingbar ist“, erzählt Dr. Andreas Dräger. Werde diese Kinase ausgeschaltet, könne das Virus sich nicht mehr vermehren. „Die Zelle aber wird nicht geschädigt, was für einen möglichen Wirkstoff von großer Bedeutung ist“, ergänzt Dräger. Mit einer Juniorprofessur des DZIF an der Uni Tübingen betreibt der Bioinformatiker rechnerbasierte Systembiologie. Für diesen Ansatz entwickelte er gemeinsam mit seinen Teamkolleginnen Alina Renz und Lina Widerspick ein integriertes Computermodell weiter, das mit dem neuartigen Coronavirus SARS-CoV-2 und menschlichen Zellen, den Alveolarmakrophagen arbeitet. Letztere sind in den Lungenbläschen für die Abwehr von Fremdstoffen zuständig.

Ein Stoffwechselmodell auf Genomebene

Die Ausgangssituation im Modell ist, dass das Virus in den Wirt, hier die menschliche Alveolarmakrophage, eingedrungen ist und diese bereits umprogrammiert hat. Das Modell geht nun davon aus, dass das Virus neue Viruspartikel herstellen und sich ausbreiten will. Dazu nutzt es Materialien aus dem Wirt und zwingt die Wirtszellen zur Produktion neuer Virusbestandteile. „Wenn man die Zusammensetzung des Virus kennt, kann man verschiedene Szenarien durchspielen und sehen, wie sich die biochemischen Reaktionen in den Wirtszellen während einer Virusinfektion verändern.“

Mehr Wissen über das Virus verbessert das Modell

In der aktuellen Studie konnte die Forschungsgruppe ihr Computermodell mit neuen Informationen zu den Strukturproteinen und zum Fettstoffwechsel von SARS-CoV-2 verfeinern und damit auch neue mögliche Angriffsziele im Nukleotid- und Lipidstoffwechsel identifizieren. Darüber hinaus ergänzte er die Informationen zu den neuen Virusmutanten und analysierte, ob auch hier die bereits erkannten Schwachpunkte vorhanden waren. Das Ergebnis war bei allen getesteten Mutanten gleich: Wurde die Gyanylatkinase 1 (GK1) ausgeschaltet, wurde die Vermehrung des Virus gestoppt.    

Das Team um Andreas Dräger geht davon aus, dass diese Ergebnisse eine wichtige Grundlage für die Entwicklung von Hemmstoffen des neuen Coronavirus darstellen. Sowohl die Guanylatkinase 1 als auch einige der gefundenen Wirkstoffziele im Nukleotid- oder Fettstoffwechsel könnten auf antivirale Substanzen ansprechen, ohne dem Menschen zu schaden. „Es sind bereits einige Hemmstoffe des Enzyms bekannt und wir wollen nun möglichst bald mit unserem Hamburger Kooperationspartner Dr. Bernhard Ellinger vom Fraunhofer IME ScreeningPort (IME) bereits zugelassene Hemmstoffe auf ihre Wirksamkeit gegen das neue Coronavirus testen“, erklärt Andreas Dräger.

Pressemitteilung Deutsches Zentrum für Infektionsforschung (DZIF)

Publikation:

Renz A, Widerspick L, Dräger A. Genome-Scale Metabolic Model of Infection with SARS-CoV-2 Mutants Confirms Guanylate Kinase as Robust Potential Antiviral Target. Genes 12: 796. (2021) doi: https://doi.org/10.3390/genes12060796.

Kontakt:

Dr. Andreas Dräger
Universität Tübingen
Exzellenzcluster „Kontrolle von Mikroorganismen zur Bekämpfung von Infektionen“ (CMFI)
Institut für Biomedizinische Informatik (IBMI) Rechnerbasierte Systembiologie der Infektionen und antimikrobiell-resistenten Krankheitserreger
 +49 70 71 29-70459
draeger@informatik.uni-tuebingen.de

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Die Tübinger Bioinformatiker Juniorprofessor Dr. Andreas Dräger, Alina Renz und Lina Widerspick vom Lehrstuhl für Rechnerbasierte Systembiologie der Infektionen konnten ein mögliches Wirkstoffziel zur Bekämpfung der Infektionskrankheit COVID-19 finden. In sogenannten Flussbilanzanalysen (FBA) stoppte das Ausschalten eines menschlichen Enzyms die Vermehrung des Virus, ohne das Zellwachstum zu beeinträchtigen. Für ihren Ansatz haben sie ein integriertes Computermodell mit dem neuartigen Coronavirus SARS-CoV-2 und menschlichen Alveolarmakrophagen verwendet. Bei dem dabei identifizierten Wirkstoffziel handelt sich um das Enzym Guanylatkinase (GK1). GK1-Inhibitoren sind bereits in der Literatur beschrieben; ihre potenzielle therapeutische Wirkung für COVID-19-Infektionen soll jetzt experimentell überprüft werden. 

Artikel COVID-19 Disease Map, building a computational repository of SARS-CoV-2 virus-host interaction mechanisms (Sci Data)

Interview mit Juniorprof. Dr. Andreas Dräger (Uni Tübingen aktuell 2/2020)

19.05.2021: Untersuchung der Immunität gegen SARS-CoV-2 in Krebspatienten

Studie in Cancer Discovery publiziert

An Krebs erkrankte Patientinnen und Patienten haben bei einer Infektion mit dem Coronavirus ein erhöhtes Risiko für einen schweren Covid-19-Krankheitsverlauf. Eine neue Studie der Klinischen Kooperationseinheit (KKE) Translationale Immunologie und der Abteilung für Immunologie am Universitätsklinikum Tübingen sowie des Robert Bosch Centrums für Tumor-erkrankungen (RBCT) in Stuttgart zeigt nun, dass eine eingeschränkte Immunantwort, bedingt durch die Krebserkrankung selbst oder die Krebstherapie, die Ursache hierfür sein kann. Mithilfe der neuen Erkenntnisse hat das Forschungsteam einen Impfstoff entwickelt, der in Krebspatientinnen und -patienten eine gezielte T-Zell-Antwort gegen das Coronavirus induzieren soll. Die Forschungsergebnisse der neuen Studie sind aktuell in der Fachzeitschrift Cancer Discovery publiziert.

Für Krebspatientinnen und -patienten, insbesondere diejenigen mit malignen Erkrankungen des Blut- und Lymphsystems wie Leukämien oder Lymphomen, besteht bei einer Infektion mit dem Coronavirus ein erhöhtes Risiko für einen schwereren Verlauf. Eine mögliche Ursache hierfür, so legt die neue Studie dar, könnte in einer eingeschränkten Immunantwort liegen, die in Tumorpatienten durch die Erkrankung selbst und bzw. oder die Krebstherapie bedingt wird. „Die Bildung einer Immunantwort nach einer Infektion mit SARS-CoV-2 oder einer prophylaktischen Impfung ist essenziell für den Schutz vor der Covid-19-Erkrankung und letztendlich für die Entwicklung einer Langzeitimmunität“, erklärt Privatdozentin Dr. Juliane Walz. Für die Entwicklung einer Immunität spielen zwei Komponenten des Immunsystems eine entscheidende Rolle: Die B-Zellen, die Antikörper bilden welche das Virus neutralisieren können, und die T-Zellen, die virusbefallene Zellen zerstören und die Bildung von Antikörper unterstützen. Die Forschergruppe um Dr. Walz hat die Immunantworten gegen SARS-CoV-2 in Tumorpatientinnen und -pa­tienten untersucht und wichtige Erkenntnisse zur Pathophysiologie und für die Vorhersage des Schweregrads der Viruserkrankung gewonnen. Diese ermöglichen die Entwicklung gezielter therapeutischer Maßnahmen und Impfstoffe für diese gefährdete Patientenpopulation.

Für die Forschungsarbeit, die durch die Sonderfördermaßnahme Covid-19 des Bundesministeriums für Bildung und Forschung finanziert wurde, wurden Krebspatientinnen und -patienten mit einer SARS-CoV-2-Infektion untersucht und die Immunantwort gegen das Virus mit der von Genesenen verglichen. „Wir konnten zeigen, dass die Antikörperantwort gegen SARS-CoV-2 in Tumorpatienten vergleichbar mit der von Covid-19-Genesenen ohne Krebserkrankung ist. Im Gegensatz hierzu zeigen Tumorpatienten – und hier insbesondere Menschen mit Krebserkrankungen des Blut- und Lymphsystems – jedoch deutlich schwächere und weniger häufig T-Zell-Antworten gegen SARS-CoV-2. Ebenso erkennen die T-Zellen von Tumorpatienten weniger unterschiedliche Bestandteile des Coronavirus. Diese reduzierte sogenannte Diversität der T-Zell-Antwort ist mit einem schweren Verlauf der Covid-19-Erkrankung in Tumorpatienten assoziiert“, so Dr. Walz. 

Darüber hinaus wurden im Rahmen der Studie, die in Zusammenarbeit mit den Abteilungen für Hämatologie und Onkologie in Tübingen und Bonn sowie der Frauenklinik, Hautklinik und Abteilung Urologie des Uniklinikums Tübingen entstanden ist, Blutproben von Krebserkrankten untersucht, die vor Ausbruch der Pandemie gesammelt wurden und somit keinen Kontakt zu SARS-CoV-2 hatten. In Vorarbeiten konnten die Tübinger Forscherinnen und Forscher bereits zeigen, dass sogenannte kreuzreaktive T-Zellen gegen SARS-CoV-2 in bis zu 81 Prozent der gesunden Spender durch vorherigen Kontakt mit anderen humanen Erkältungs-Coronaviren vorkommen. Es wird vermutet, dass solche kreuzreaktive T-Zell-Antworten einen gewissen Schutz vor SARS-CoV-2 und der Covid-19-Erkrankung bieten. Die Tübinger Forschergruppe fand nun heraus, dass nicht nur die SARS-CoV-2 spezifische T-Zell-Antwort, sondern auch diese kreuzreaktiven T-Zell-Antworten in Patientinnen und Patienten mit Leukämien und Lymphomen deutlich reduziert sind. Ursächlich hierfür ist eine generelle Erschöpfung der T-Zell-Antwort in diesen Patienten, was sich auch durch reduzierte T-Zell-Antwort gegen andere Viruserkrankungen zeigt.

Basierend auf den Erkenntnissen dieser Studie etabliert das Team der KKE Translationale Immunologie (Ärztlicher Direktor: Prof. Dr. Helmut Salih) gemeinsam mit der Abteilung für Immunologie (Direktor: Prof. Dr. Hans-Georg Rammensee) in Tübingen eine klinische Studie, die in Kürze einen SARS-CoV-2-Impfstoff zur gezielten Induktion einer T-Zell-Antwort in Krebserkrankten einsetzen wird. Der Impfstoff (CoVac-1) wurde bereits in einer ersten Studie in gesunden Probanden evaluiert; vorläufige Ergebnisse zeigen, dass mit diesem Impfstoff sehr starke T-Zell-Antworten erzeugt werden können.

Titel der Originalpublikation:

Pre-existing and post-COVID-19 immune responses to SARS-CoV-2 in cancer patients; https://cancerdiscovery.aacrjournals.org/content/early/2021/05/14/2159-8290.CD-21-0191 

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Universitätsklinikum Tübingen
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KKE Translationale Immunologie 
Prof. Dr. Juliane Walz 
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06.05.2021: Corona: Rückfall bei Essstörungen

Tübinger Studie untersucht Essverhalten in der Pandemie

Die Corona-Pandemie birgt für Menschen mit einer Essstörung ein großes Risiko, einen Krankheitsrückfall zu erleiden. Das belegt eine neue Studie der Abteilung für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Universitätsklinikum Tübingen. Die Ergebnisse der Studie mit dem Titel „Eating behaviour and symptom trajectories in patients with a history of binge eating disorder during COVID‐19 pandemic“ sind aktuell in der Fachzeitschrift European Eating Disorders Review publiziert und beziehen sich auf Daten aus dem ersten Lockdown in Deutschland.

Der Ausbruch des neuartigen Coronavirus hat nicht nur zu erheblichen Einschränkungen im wirtschaftlichen und öffentlichen Leben geführt, sondern auch im privaten. Dabei haben die neuen Lebensumstände einen großen Einfluss auf die psychische Gesundheit. So zeigen Daten einen Anstieg der psychischen Belastung in der Allgemeinbevölkerung schon kurz nach Pandemie-Ausbruch. Um mit dem emotionalen und psychischen Stress umzugehen, greifen viele Menschen zum Essen. Menschen, die an einer Essstörung wie Binge-Eating leiden oder litten, zählen daher zu einer besonders vulnerablen Gruppe, die ungesunde Bewältigungsstrategien gegen den Stress entwickelt. 

Um herauszufinden, ob und wie sehr sich die Pandemie auf Personen, die in der Vergangenheit an einer Essstörung wie Binge-Eating litten, auswirkt, hat die Arbeitsgruppe um Professorin Dr. Katrin Giel eine Studie durchgeführt. Mithilfe Interviews und Selbstberichten der Teilnehmenden wurden unter anderem die Häufigkeit von Essanfällen, Stress und psychischem Leidensdruck während der Pandemie klinisch bewertet. Die Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer hatten schon zuvor bei IMPULS, einer Behandlungsstudie bei Essanfällen, mitgemacht. 

Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass mit Beginn der Corona-Pandemie die Häufigkeit von Essanfällen, depressive Symptome und allgemeine Krankheitssymptome von Essstörungen deutlich zugenommen haben. Bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern konnte im Vergleich zu unmittelbar vor dem Ausbruch von Covid-19 während der ersten vier Wochen des Lockdowns ein signifikanter Anstieg von Essanfall-Episoden festgestellt werden. Auch zeigten die Befragungen, dass depressive Symptome als so schwer empfunden wurden wie bei Eintritt in die Behandlungsstudie IMPULS vor drei Jahren.  

So besteht für Personen, die in der Vergangenheit an einer Essstörung litten, nicht nur das Risiko für eine Symptomverschlechterung, sondern auch für einen Rückfall. Für Betroffene, so sprechen sich die Expertinnen und Experten der Studie aus, sind Interventions- und Versorgungsstrategien nötig, um sie bestmöglich während der Pandemie zu unterstützen. Dies ist besonders wichtig für Patientinnen und Patienten, die an einer Binge-Eating-Störung leiden, da Adipositas als einer der Risikofaktoren für schwere Verläufe von Covid-19 gilt.  

Titel der Originalpublikation:

Eating behaviour and symptom trajectories in patients with a history of binge eating disorder during COVID‐19 pandemic; https://doi.org/10.1002/erv.2837 

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Prof. Dr. Katrin Giel
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Psychosomatische Medizin und Psychotherapie
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21.04.2021: Klinischer Studienstart mit neuem Antikörper gegen Sars-CoV-2 in Tübingen

Moderat bis schwerer erkrankte Patienten können behandelt werden

Wirksame Medikamente gegen COVID-19 sind in der aktuellen Coronavirus-Pandemie nach wie vor rar. Auch wenn sich der Blick seit Wochen vorrangig auf die Ermöglichung einer raschen Impfung richtet, wird es künftig viele Menschen geben, die z. B. aufgrund von Begleiterkrankungen nicht geimpft werden können oder bei denen die Impfwirkung versagt. Deshalb ist es unerlässlich, spezifische Medikamente zur Behandlung der COVID-19-Erkrankung zu entwickeln. Einen vielversprechenden Ansatz verfolgt das Braunschweiger Biotechnologie-unternehmen Corat Therapeutics GmbH. Dieses hat gemeinsam mit der Klinischen Kooperationseinheit (KKE) Translationale Immunologie des Universitätsklinikums und der Medizinischen Fakultät sowie der Abteilung für Immunologie der Universität Tübingen einen monoklonalen Antikörper gegen das so genannte Spike-Protein von Sars-CoV-2 entwickelt. Die behördliche Genehmigung durch das Paul-Ehrlich-Institut sowie die Ethikkommission erfolgte in den vergangenen Tagen und die klinische Phase-I Studie hat in Tübingen bereits begonnen.

Der nun in der Erprobung befindliche Antikörper wird, anders als der Antikörper, den Bundesgesundheitsminister Jens Spahn vor Monaten erworben hat, nicht in einem frühen Krankheitsstadium gegeben, sondern soll bereits schwerer erkrankten Patienten helfen. „Mit unserem Antikörper möchten wir erwachsene Patienten, die wegen COVID-19 stationär aufgenommen werden müssen und eventuell auch bereits Sauerstoff benötigen, behandeln“, erklärt Professor Dr. Helmut Salih, Ärztlicher Direktor der KKE Translationale Immunologie und Leiter der klinischen Prüfphase, „Patienten, die bereits auf einer Intensivstation maschinell beatmet werden, können dagegen nicht in die Studie eingeschlossen werden.“ Die Verabreichung erfolgt als Infusion mit einer einmaligen Gabe über drei Stunden. 

Der monoklonale Antikörper COR-101 wurde an der TU Braunschweig im Team von Professor Hust und Professor Dübel und der YUMAB entwickelt und in Kooperation mit Professor Dr. Gundram Jung, Abteilung für Immunologie, in Tübingen Fc modifiziert: „Alle Antikörper bestehen aus einem Bindungsteil, der zum Beispiel an einen Virusbestandteil bindet, und aus einem so genannten Effektorteil, dem Fc-Teil, der bestimmte Immunzellen und Entzündungsmoleküle aktivieren kann“, erklärt Professor Jung. 

Während der Bindungsteil in Braunschweig entwickelt wurde, konnte der Effektorteil mithilfe der Tübinger Wissenschaftler gentechnisch so abgeschwächt werden, dass der Antikörper keine unerwünschten Immunreaktionen mehr auslösen kann, die speziell bei COVID-19 gefährlich sind. „Eine überschießende Reaktion des Immunsystems müssen wir insbesondere bei der Entwicklung von Antikörpern gegen Sars-CoV-2 unbedingt vermeiden. Dann können diese Medikamente auch in einem späteren Stadium der Erkrankung gegeben werden“, so Professor Jung. 

Die präklinische Entwicklung und Herstellung des Antikörpers für die klinische Prüfung wurde von der Corat Therapeutics in einer Rekordzeit von acht Monaten durchgeführt. „Wir sind froh, dass wir nach so kurzer Zeit nun in der Lage sind, COR-101 den Patienten zur Verfügung stellen zu können“, sagt Dr. Andreas Herrmann, Geschäftsführer der Corat Therapeutics. „Ich freue mich auch insbesondere, dass die Kollegen der KKE Translationale Immunologie um Professor Salih mit uns die klinische Studie so schnell konzipieren konnten und durchführen werden“.

Detailablauf der klinischen Studie 

Studienzentren befinden sich in Tübingen sowie an den weiteren Standorten Braunschweig, Stuttgart (Robert-Bosch-Krankenhaus), Leipzig und Dresden. An diesen wir die Phase-I/II durchgeführt. 

In Phase-I wird zunächst in vier Dosiskohorten die Verträglichkeit des Antikörpers untersucht. „Selbst in der niedrigsten Dosisstufe erwarten wir eine therapeutische Aktivität“, betont Professor Salih. Die zweite Phase der klinischen Studie soll international durchgeführt werden und insgesamt 250 Patientinnen und Patienten umfassen. Die Ergebnisse dieser Phase-II sollen die Grundlage für einen möglichen Zulassungsantrag für das Medikament bilden. 

Kontakt:

Prof. Dr. Helmut Salih 
Universitätsklinikum Tübingen
Medizinische Klinik 
KKE Translationale Immunologie 
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09.04.2021: Chinin als mögliche Therapieoption bei COVID-19

Aktuell in der Fachzeitschrift Viruses publiziert

Ein Forscherteam der Universitätskliniken Tübingen und Erlangen-Nürnberg ist mit einem vielversprechenden Ansatz einer Therapieoption für COVID-19 auf der Spur. Das aus dem tropischen Cinchona-Baum gewonnene Alkaloid Chinin stellte sich als antiviral wirksame Substanz in verschiedenen menschlichen Zellkultursystemen heraus. Da chininhaltige Präparate bereits seit langer Zeit auf dem Markt sind, könnten diese eine einfache und kostengünstige Behandlungsmöglichkeit darstellen.

Bereits zu Beginn der Corona-Pandemie hatte es Hinweise auf eine Wirksamkeit der artverwandten Substanzen Hydroxychloroquin und Chloroquin gegeben, welche vor allem als Malariamedikamente verwendet werden. Nachdem diese frühen in vitro Daten mit Affen-Zellen zunächst enorme Hoffnungen geweckt hatten, konnten jedoch nachfolgende klinische Studien keine entscheidende Wirksamkeit auf das Krankheitsgeschehen bei COVID-19-Patienten nachweisen. Chinin besitzt Eigenschaften, die es für die Behandlung der Malaria weniger effektiv machen als zum Beispiel Hydroxychloroquin und Chloroquin. 

Ebendiese Unterschiede könnten aber vorteilhaft bei der Therapie von SARS-CoV-2 sein. Hydroxychloroquin und Chloroquin sind synthetische Abkömmlinge des natürlich in der Rinde des Chinarindenbaums vorkommenden Chinins. Chinin gehört zu den bekanntesten und ältesten Malariawirkstoffen und wurde schon seit jeher zur Behandlung von fiebrigen Erkältungskrankheiten eingesetzt. Zudem ist es als Nahrungsergänzungsmittel in bestimmten Getränken bekannt, denen es einen bitteren Geschmack verleiht. „Chinin ist weniger toxisch als zum Beispiel Hydroxychloroquin und es erreicht sehr viel schneller höhere Plasmaspiegel“, so Professor Michael Schindler vom Institut für Virologie des Universitätsklinikums Tübingen. „Deshalb testeten wir in verschiedenen Zellkultursystemen, ob Chinin antivirale Aktivität gegen SARS-CoV-2 hat und wie potent der Wirkstoff im Vergleich zu Hydroxychloroquin und Chloroquin abschneidet“.   

Die Experimente des Forschungsteams zeigten, dass Chinin in verschiedensten menschlichen Zellkultursystemen SARS-CoV-2 hemmt. Dabei gab es relativ große Unterschiede in den benötigten Konzentrationen, je nach Art der Zellen. „Wichtig hierbei ist jedoch anzumerken, dass Chinin in allen Systemen ähnlich effektiv wie Hydroxychloroquin die Vermehrung von SARS-CoV-2 hemmt“, so Professor Ulrich Schubert, Virologe aus Erlangen. „Und dabei ist Chinin weit weniger toxisch als seine chemischen Verwandten“, führt er weiter aus. Die Wissenschaftler berechneten die zur Virushemmung notwendigen Konzentrationen und verglichen diese mit der Menge an Chinin, die man nach der Einnahme im menschlichen Blutplasma findet. Dabei kommen sie zu dem Schluss, dass Chinin bis zu 20-fach höhere Plasmaspiegel im Vergleich zu Hydroxychloroquin erreicht. „Somit hat Chinin eine deutliche antivirale Wirkung gegen SARS-CoV-2, ein besseres Toxizitätsprofil in vitro und eine vorhersagbar bessere Plasmaverfügbarkeit im Vergleich zu Hydroxychloroquin und Chloroquin“, schreibt das Forscherteam in seiner Veröffentlichung. Deshalb, so schlagen sie vor, könnte Chinin eine breit anwendbare und günstige Therapieoption darstellen, um bei Menschen mit einer milden Covid-19 Symptomatik schwere Krankheitsverläufe zu verhindern.

Titel der Originalpublikation

Quinine Inhibits Infection of Human Cell Lines with SARS-CoV-2; https://doi.org/10.3390/v13040647

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Prof. Dr. Michael Schindler
Universitätsklinikum Tübingen
Institut für Medizinische Virologie und Epidemiologie der Viruskrankheiten 
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12.03.2021: Studienteilnehmende gesucht: Künstliche Intelligenz soll Früherkennung von schweren COVID-19 Erkrankungen ermöglichen

Künstliche Intelligenz soll Früherkennung von schweren COVID-19 Erkrankungen ermöglichen

Von symptomlos bis schwer erkrankt – COVID-19 Erkrankungen nehmen sehr unterschiedliche Verläufe. Alter und Vorerkrankungen gehören zu den bekannten Risikofaktoren, doch warum manche Personen schwer erkranken und andere noch nicht einmal merken, dass sie mit dem Virus infiziert sind, darüber ist nach wie vor wenig bekannt.

Grundlagenforschende des Max-Planck-Instituts für Intelligente Systeme (MPI-IS) in Tübingen starten zusammen mit Medizinern des Universitätsklinikums Tübingen und unterstützt durch die Gesundheitsämter der Landkreise Reutlingen, Tübingen und des Zollernalbkreises eine Studie mit dem Titel „Früherkennung einer klinischen Verschlechterung einer SARS-CoV-2 Infektion mithilfe von Maschinellem Lernen“. Dafür suchen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler möglichst viele Patienten, bei denen SARS-CoV-2 neu nachgewiesen wurde. Ziel ist es herausfinden, welche Vitalparameter (z.B. Blutdruck, Puls) und Beschwerden und vor allem in welcher Kombination auf einen schweren Krankheitsverlauf hindeuten.

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nutzen die Angaben der Patienten, um durch statistische Methoden Muster in diesen Daten zu erkennen. Auch als Maschinelles Lernen bekannt, ist diese Forschungsrichtung ein Teilgebiet der Künstlichen Intelligenz (KI). Maschinelles Lernen ermöglicht, Zusammenhänge in großen, komplexen Datenmengen zu erkennen, was Menschen aufgrund der großen Anzahl an Daten unmöglich ist. Genau diese Fähigkeit soll für die Vorhersage des Krankheitsverlaufes einer COVID-19 Erkrankung genutzt werden. Das Max-Planck- Institut für Intelligente Systeme ist weltweit führend auf diesem Forschungsgebiet.

„Obwohl wir nach über einem Jahr Pandemie bereits viele Erkenntnisse über das Virus gewonnen haben, so ist es immer noch schwierig, den Krankheitsverlauf einer COVID-19 Erkrankung vorherzusagen. Umso wichtiger ist die Studie, damit in Zukunft Risikopatienten früher identifiziert werden können“, so Privatdozent Dr. Jürgen Hetzel, Pneumologe in der Abteilung Medizinische Onkologie und Pneumologie am Universitätsklinikum Tübingen und klinischer Studienleiter.

„Vorhersagen treffen zu können aufgrund statistischer Modelle, welche Personen möglicherweise schwer erkranken werden, könnte Ärztinnen und Ärzten helfen, diese Menschen früher medizinisch zu versorgen und ihre Behandlung individueller zu gestalten. Gleichzeitig könnten die Erkenntnisse dazu dienen, die im Gesundheitswesen vorhandenen Ressourcen gezielter einzusetzen, um das Risiko für Engpässe zu verringern“, sagt der Initiator der Studie, Prof. Dr. Bernhard Schölkopf, Direktor der Abteilung für Empirische Inferenz am MPI-IS.

Die Kreisgesundheitsämter Reutlingen und Tübingen sowie weitere Gesundheitsämter in Baden-Württemberg sind in das Projekt eng eingebunden und unterstützen bei der Suche nach Studienteilnehmenden. Hierbei werden die Gesundheitsämter auf SARS-CoV-2 positiv getestete Personen über die Studie informieren. Interessierte Personen mit neu nachgewiesener Infektion können sich unmittelbar mit der Studienzentrale am Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme in Verbindung setzen, um an der Studie teilzunehmen (Kontaktdaten siehe unten).

„Wir sind froh, bei solch einer wegweisenden Studie die Forschenden zu unterstützen und gemeinsam mit weiteren Gesundheitsämtern einen zusätzlichen Beitrag zur langfristigen Eindämmung der Pandemie zu leisten”, so Dr. Gottfried Roller, ehemaliger Leiter des Gesundheitsamtes Reutlingen und derzeit Leiter des Landesgesundheitsamtes Baden-Württemberg.

Neben bestehenden Vorerkrankungen dokumentieren die Studienteilnehmer und -teilnehmerinnen täglich ihre Beschwerden während der COVID-19 Erkrankung. Zudem messen die Personen zweimal täglich ihren Blutdruck, Puls und die Sauerstoffsättigung im Blut. Hierzu werden ihnen ein Blutdruckmessgerät und ein Pulsoxymeter von der Studienzentrale kostenlos zur Verfügung gestellt. Die erhobenen Daten werden dann in der Studienzentrale pseudonymisiert gesammelt und analysiert

Die Studienzentrale können Patientinnen und Patienten per Email erreichen oder telefonisch unter  +49 7071 601-535 (Mo-Fr zwischen 9-12 Uhr und 14-16 Uhr).

Alle Informationen finden Interessierte zudem auf der Webseite des Max-Planck-Instituts für Intelleigente Systeme.

Nach der Anmeldung erhalten Teilnehmende weitere Informationen. Die Messgeräte und Dokumentationsbögen sowie eine ausführliche Patienteninformation werden per Post zugesandt.

09.03.2021: Neue Studie belegt Nutzen von COVID-19-Impfungen vor Operationen

Um dem erhöhten Sterblichkeitsrisiko von mit dem Coronavirus infizierten Patientinnen und Patienten bei chirurgischen Eingriffen entgegenzuwirken, hat das Forschungsnetzwerk COVIDSurg eine neue Studie durchgeführt. Im Rahmen dieser internationalen Modellierungsstudie konnte das Forschungsteam, an dem auch die Klinik für Allgemeine, Viszeral- und Transplantationschirurgie des Uniklinikums Tübingen beteiligt ist, nun den Nutzen von COVID-19-Impfungen vor operativen Eingriffen belegen. Mit den Ergebnissen sprechen sie sich für eine COVID-19-Impfpriorisierung vor dringend erforderlichen aber planbaren Operationen aus.

Nicht infizierte Patientinnen und Patienten sollten vor einer Operation gegen COVID-19 geimpft werden, um das postoperative Sterberisiko im Zusammenhang mit SARS-CoV-2-Infektionen zu verringern. Das belegt eine neue Studie des Forschungsnetzwerks COVIDSurg, die aktuell in der Fachzeitschrift British Journal of Surgery publiziert ist. Dementsprechend sollten Menschen, die auf eine planbare, aber erforderliche Operation warten, ihre Impfung gegen COVID-19 früher als nach der bisherigen Impfreihenfolge vorgesehen, erhalten. An dieser internationalen Modellierungsstudie, für die Daten von über 56.000 Patientinnen und Patienten ausgewertet wurden, war auch die Universitätsklinik für Allgemeine Chirurgie in Tübingen beteiligt.

Die Studie zeigt, dass sich weltweit 0,6 Prozent bis 1,6 Prozent der Patientinnen und Patienten im Rahmen oder kurz nach einer geplanten Operation mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 infizierten. Das Sterblichkeitsrisiko während des ersten Monats nach einer Operation ist für sie um das vier- bis achtfache erhöht. Insbesondere bei älteren Personen ab 70 Jahren steigt die Sterblichkeitsrate an: Hier ist mit einer Mortalität von zwölf Prozent zu rechnen, die nach Eingriffen wegen einer Krebserkrankung sogar noch ansteigt.

Angesichts dieser Risiken berechneten die Forschenden den potenziellen Nutzen einer COVID-19-Impfung bei den zu behandelnden Personen vor geplanten Operationen. Insbesondere bei älteren Patientinnen und Patienten, bei denen sich Operationen wegen maligner Tumoren aufschieben lassen oder die über 70 Jahre alt sind, könnten Todesfälle durch eine entsprechende Priorisierung vermieden werden. Diesen Berechnungen zufolge müssten, basierend auf den gemittelten globalen Inzidenzraten von 2020, insgesamt 1.840 Personen über 70 Jahren geimpft werden, im Gegensatz dazu aber nur 351 gleichaltrige Patientinnen und Patienten vor Tumoroperationen eine Impfung erhalten, um jeweils einen Todesfall in Verbindung mit COVID-19 zu vermeiden.

Die Studienautoren gehen davon aus, dass durch eine globale Impfpriorisierung von Patientinnen und Patienten vor operativen Eingriffen weltweit etwa 60.000 Todesfälle weniger zu verzeichnen wären. Insbesondere in Ländern mit geringem oder niedrigem mittlerem Einkommen, in denen sich Maßnahmen zur Eindämmung des Virus (wie Abstrich-Screenings etc.) nicht flächendeckend umsetzen lassen, würden mit dieser Strategie weniger schwere Erkrankungen und Todesfälle auftreten. Da bereits seit Beginn der aktuellen Pandemie viele planbare Operationen weltweit verschoben oder abgesagt wurden, bleibt die sichere Versorgung chirurgischer Patientinnen und Patienten eine wichtige Herausforderung. Eine Priorisierung ebendieser bei der COVID-19-Impfung könnte somit dazu beitragen, planbare aber erforderliche Operationen sicher abzuarbeiten. Insbesondere in Weltregionen, in denen vermutlich noch lange Zeit ein Mangel an COVID-19-Impfstoffen herrschen wird, wäre eine entsprechende Priorisierung von Hochrisikogruppen eine wichtige Maßnahme. „Die Sicherstellung der chirurgischen Versorgung weltweit ist eine ganz wesentliche Aufgabe für uns als Ärzte und Wissenschaftler. Zu dieser Studie haben deshalb mehr als 15.000 Kolleginnen und Kollegen aus 116 Ländern beigetragen, was eine bisher beispiellose Zusammenarbeit bedeutet“, so Professor Dr. Alfred Königsrainer, klinischer Leiter der Studie in Tübingen und Ärztlicher Direktor der Universitätsklinik für Allgemeine, Viszeral- und Transplantationschirurgie. „Entsprechende Daten sollten deshalb von politischen Entscheidungsträgern aufgegriffen werden, um chirurgische Patientinnen und Patienten für COVID-19-Impfungen zu priorisieren und den Rückstand an planbaren Operationen sicher abzuarbeiten“.

Titel der Originalpublikation

SARS-CoV-2 vaccination modelling for safe surgery to save lives: data from an international prospective cohort study - COVIDSurg Collaborative; https://doi.org/10.1093/bjs/znab101

Über das Forschungsnetzwerk COVIDSurg

Die COVIDSurg Collaborative ist ein Forschungsnetzwerk, das die Auswirkungen der Coronavirus-Pandemie auf die chirurgische Versorgung untersucht. Am Netzwerk sind zwischenzeitlich über 15.000 Ärztinnen und Ärzte bzw. Forscherinnen und Forscher aus über 100 Ländern der Welt beteiligt. COVIDSurg hat im Oktober 2020 eine der bislang größten Beobachtungsstudien unter dem Titel COVIDSurg-Week zu chirurgischen Risiken im Zusammenhang mit Coronavirus-Infektionen durchgeführt und gleichzeitig chirurgische Vergleichsdaten und Qualitätsindikatoren erhoben, die zukünftig dabei helfen sollen, die chirurgische Versorgung weltweit zu vergleichen und zu verbessern (https://globalsurg.org/surgweek/). 

Erste wegweisende Erkenntnisse zu den Risiken chirurgischer Eingriffe bei Patientinnen und Patienten mit Coronavirus-Infektionen konnten vom Forschungsnetzwerk COVIDSurg bereits im Mai 2020 in der Fachzeitschrift The Lancet publiziert werden: https://doi.org/10.1016/S0140-6736(20)31182-X. Zudem wurde kürzlich ein Artikel zur Frage, ab wann planbare chirurgische Eingriffe nach einer Coronavirus-Infektion wieder sicher durchführbar sind, in der Fachzeitschrift Anaesthesia veröffentlicht: https://doi.org/10.1111/anae.15458.

Zu den Personen

Prof. Dr. Alfred Königsrainer und Dr. Markus Quante sind die klinischen Studienleiter in Tübingen, die gemeinsam mit weiteren Kolleginnen und Kollegen die COVIDSurg-Studien durchführen und an dieser weltweiten Initiative beteiligt sind.

Dr. Markus Löffler ist Mitglied im nationalen Leitungsgremium der COVIDSurg-Collaborative und unterstützt die Initiative und die Studiendurchführung in Deutschland.

Kontakt:

Universitätsklinikum Tübingen
Klinik für Allgemeine, Viszeral- und Transplantationschirurgie
Prof. Dr. Alfred Königsrainer
 +49 7071 29-86620
​​​​​​​alfred.koenigsrainerspam prevention@med.uni-tuebingen.de

Klinik für Allgemeine, Viszeral- und Transplantationschirurgie
Dr. Markus Löffler
 +49 7071 29 80992
​​​​​​​markus.loeffler@med.uni-tuebingen.de 

Universität Birmingham 
COVIDSurg an der Universität Birmingham
Tony Moran
Leiter Internationale Kommunikation 
 +44 782 783 2312 bzw. +44 7789 921 165 (Zentrale)
​​​​​​​t.moran@bham.ac.uk ​​​​​​​

26.01.2021: Neuer Schnelltest zum Nachweis von Corona-Antikörpern

Ergebnis in nur zwölf Minuten – Neues Testverfahren übertrifft ELISA-Methode – „Meilenstein in der Entwicklung der immunologischen Diagnostik“

Ein internationales Forschungsteam der Universitäten Paraná (Brasilien) und Tübingen hat einen Schnelltest entwickelt, der innerhalb von Minuten Antikörper gegen den Covid-19 Erreger SARS-Cov2 im Blut zuverlässig nachweisen kann. Das neue Vefahren lässt sich aufgrund eines einfachen Messprinzips ohne teure Instrumente durchführen und ist daher auch für mobile Teststationen oder für Labore in wirtschaftlich weniger entwickelten Regionen geeignet. Die neue Diagnosemethode ist zudem deutlich schneller als das sogenannte ELISA-Verfahren, das in der Labordiagnose von Antikörpern seit Jahrzehnten als Goldstandard gilt. 

Das neue Testverfahren basiert auf magnetischen Nanopartikeln, die mit viralen Antigenen beschichtet sind. Zur Durchführung des Tests wird Blutserum oder Blut auf die Testoberfläche aufgetragen. Nach ungefähr zwei Minuten werden die Nanopartikel gewaschen und mit einer Entwickler-Reagenz behandelt. Weist die Blutprobe Antikörper gegen das Coronavirus auf, kommt es zu einem Farbumschlag. Während beim traditionellen ELISA-Test das Ergebnis nach etwa drei Stunden vorliegt, benötigt die neue Methode nach den Ergebnissen der Studie nur zwölf Minuten.  

Einsatz bei akut Erkrankten und bei Genesenen möglich

Antikörper gegen das Coronavirus SARS-CoV-2 bilden sich im Allgemeinen elf bis 16 Tage nach Auftreten der Symptome aus. Einige Patienten produzieren jedoch bereits zwei bis vier Tage nach den ersten Krankheitssymptomen Antikörper in nachweisbaren Konzentrationen. Immunologische Tests können daher als zusätzliche Instrumente zur Identifizierung von Patienten in der akuten Phase der Covid-19-Erkrankung beitragen oder von Patienten, die in der PCR-Untersuchung als falsch negativ getestet wurden.

Der neue Test schnitt insbesondere bei Proben mit niedrigen Antikörpertitern besser ab als das ELISA-Verfahren. Die Methode arbeitete laut der Studie mit einer Sensitivität von 87 Prozent sowie einer Spezifität von 99 Prozent der getesteten Covid-19-Proben. Bereits mit dem bloßen Auge können dabei positive und negative Ergebnisse festgestellt werden. Durch den Einsatz zusätzlicher Instrumente, wie eines Microplate-Readers, könnte die Präzision des Tests weiter gesteigert werden. Außerdem liefert die neue Methode Daten über die Menge an Antikörpern und nicht nur über ihr Vorhandensein oder Nichtvorhandensein.

Die Autorinnen und Autoren der Studie gehen davon aus, dass das neue Verfahren künftig zu vergleichbaren Kosten für jeweils eine Diagnose wie der ELISA-Test angeboten werden kann. Die Technologie steht für Forschungs-, Entwicklungs- und Innovationspartnerschaften über die Innovationsagentur der Universität Paraná zur Verfügung, die über die gesetzlichen und Patentrechte verfügt.

Publikation: 

Luciano F. Huergo, Khaled A. Selim, Marcelo S. Conzentino, Edileusa C. M. Gerhardt, Adrian R. S. Santos, Berenike Wagner, Janette T. Alford, Nelli Deobald, Fabio O. Pedrosa, Emanuel M. de Souza, Meri B. Nogueira, Sônia M. Raboni, Dênio Souto, Fabiane G. M. Rego, Dalila L. Zanette, Mateus N. Aoki, Jeanine M. Nardin, Bruna Fornazari, Hugo M. P. Morales, Vânia A. Borges, Annika Nelde, Juliane S. Walz, Matthias Becker, Nicole Schneiderhan-Marra, Ulrich Rothbauer, Rodrigo A. Reis, and Karl Forchhammer. Magnetic Bead-Based Immunoassay Allows Rapid, Inexpensive, and Quantitative Detection of Human SARS-CoV-2 Antibodies. 
ACS Sens, January 26, 2021; https://doi.org/10.1021/acssensors.0c02544  

Kontakt: 

Professor Dr. Luciano F. Huergo 
Universidade Federal do Paraná
+55 41996765856
luciano.huergospam prevention@gmail.com   

Professor Dr. Karl Forchhammer
Universität Tübingen
Interfakultäres Institut für Mikrobiologie und Infektionsmedizin
 +49 7071 29-72096
karl.forchhammerspam prevention@uni-tuebingen.de  

Dr. Khaled Selim
Universität Tübingen 
Interfakultäres Institut für Mikrobiologie und Infektionsmedizin 
+49 7071 29-72096
khaled.selimspam prevention@uni-tuebingen.de  

22.01.2021: Covid-19: Verlust des Geruchssinns

Studie von der Anatomischen Fachgesellschaft zum „Paper of the Month (POM)“ des Januar 2021 gekürt

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Instituts für Neuroanatomie und Entwicklungsbiologie der Universität Tübingen haben zu Beginn des Jahres 2021 im Journal Cells Tissues Organs den Fachartikel “Evidence of SARS-CoV2 Entry Protein ACE2 in the Human Nose and Olfactory Bulb” publiziert. Ihre Erkenntnisse über Riechsinneszellen im olfaktorischen Epithel haben die Autoren zudem der Anatomischen Gesellschaft eingesandt. Die Fachgesellschaft hat diese Publikation zum „Paper of the Month (POM)“ des Januar 2021 gekürt. 

Die Arbeit liefert mithilfe von klassischen anatomischen Techniken den Beweis, dass die Proteine ACE2 und TMPRSS2 im respiratorischen Epithel (Flimmerepithel) der menschlichen Nase, im olfaktorischen Epithel (Riechepithel) und im olfaktorischen Bulbus (Riechkolben) exprimiert werden, jedoch nur in den Stütz- und Drüsenzellen und nicht in den Riechsinneszellen. Diese Ergebnisse legen nahe, dass der Verlust des Geruchssinns (Anosmie) nicht mit einer Schädigung der Riechsinneszellen einhergeht, sondern die Funktion der Stütz- und Drüsenzellen gestört und somit der Geruchsinn beeinträchtigt wird.

Stefanie Klingenstein

Publikation

Evidence of SARS-CoV2 Entry Protein ACE2 in the Human Nose and Olfactory Bulb
Moritz Klingenstein, Stefanie Klingenstein, Peter H. Neckel, Andreas F. Mack, Andreas P. Wagner, Alexander Kleger, Stefan Liebau, Alfio Milazzo
in: Cells Tissues Organs https://doi.org/10.1159/000513040

Kontakt:

Stefanie Klingenstein
Universitätsklinikum Tübingen
Institut für Neuroanatomie und Entwicklungsbiologie
stefanie.klingenstein@uni-tuebingen.de

12.01.2021: Hochpotente „Nanobodies“ gegen SARS-CoV-2

Die Forschungssektion Molekulare Virologie am Universitätsklinikum Tübingen unter Leitung von Prof. Dr. Michael Schindler ist an einer nun in „Science“ publizierten Studie beteiligt, die neue hochpotente sogenannte „Nanobodies“ gegen SARS-CoV-2 etabliert hat.

Nanobodies sind ähnlich zu Antikörpern, bieten aufgrund ihrer geringen Größe aber vielerlei Vorteile was deren Produktion, Stabilität und Aktivität angeht. Im vom Universitätsklinikum Bonn geleiteten Konsortium war es Aufgabe der Tübinger Virologen, die antivirale Aktivität gegen SARS-CoV-2 im Sicherheitslabor des Instituts für Medizinische Virologie und Epidemiologie der Viruserkrankungen zu analysieren. Eine besondere Expertise ist dabei die Lebendzellmikroskopie an infizierten Zellkulturen, über die die Ausbreitung des Virus in Echtzeit nachverfolgt werden kann. „Wir waren beeindruckt, wie potent die Nanobodies in sehr geringen Konzentrationen die Virusvermehrung und Ausbreitung von SARS-CoV-2 verhindern“, so Schindler zu den Ergebnissen der Studie. Die Nanobodies werden nun in einer von der Uniklinik Bonn ausgegründeten Firma für die direkte Therapie von SARS-CoV-2 weiter entwickelt.

Link zur Veröffentlichung der Studie in Science:

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29.09.2020: Tübinger Studie: Intensivtherapie bei Covid-19

Deutschlandweite multizentrische Datenerfassung

Eine deutschlandweite Studie am Universitätsklinikum Tübingen erfasst unter Koordination von Professor Dr. Peter Rosenberger und Dr. Harry Magunia strukturiert Daten von ehemaligen Covid-19 Intensivpatientinnen und -patienten, um Erfahrungen mit der Therapie von Covid-19 in Deutschland zu sammeln und auszuwerten. Interessierte Kliniken können sich ab sofort registrieren.

Schätzungsweise knapp fünf Prozent der Covid-19-Patientinnen und -Patienten müssen aufgrund ihrer Infektion mit dem SARS-CoV-2-Virus intensivmedizinisch behandelt werden. Im Rahmen der deutschlandweiten Erhebung werden aktuell rückblickend für den Zeitraum 01.01.2020 bis 31.07.2020 die Daten von Covid-19-Erkrankten, die auf der Intensivstation behandelt wurden, strukturiert erfasst und charakterisiert. Eine prospektive Erweiterung ist bereits in der Planung. Ziel der Studie ist es, Erfahrungen mit der Therapie von Covid-19 zusammenzufassen und Inzidenzen bestimmter Therapien wie antivirale Medikation auszuwerten. Die Studie erfasst die Daten pseudonymisiert mit bereits vorhandenen klinischen Behandlungsdaten. Es finden keine Therapieänderungen oder zusätzliche Untersuchungen statt. 

Kontakt:

Universitätsklinikum Tübingen
Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin
Prof. Dr. Peter Rosenberger
 + 49 7071 29-86622
Peter.Rosenbergerspam prevention@med.uni-tuebingen.de​​​​​​​

 

22.09.2020: Corona-Viren mit UV-C-Strahlung unschädlich machen

Gemeinsames Projekt des Universitätsklinikums Tübingen mit der Hochschule Heilbronn zur Inaktivierung von Corona-Viren in Aerosolen

Professor Michael Schindler vom Universitätsklinikum Tübingen (UKT) und Professorin Jennifer Niessner von der Hochschule Heilbronn (HHN) und erforschen die Wirksamkeit von UV-Strahlung bei der Inaktivierung von Corona-Viren in Aerosolen. 

Können UV-C-Strahlung Corona-Viren in der Luft unschädlich machen? Bereits nachgewiesen haben dies die Tübinger Virologen, wenn die Corona-Viren auf festen Oberflächen sitzen. Nicht jedoch für Viren in luftgetragenen Partikeln, also Aerosolen, die das öffentliche Leben in Deutschland nach wie vor stark einschränken. Dieser wichtigen Aufgabe gehen nun Ingenieure der Hochschule Heilbronn und Virologen vom Universitätsklinikum Tübingen in einem einzigartigen interdisziplinären Projekt nach. 

Das Team um HHN-Professorin Jennifer Niessner konzipiert und baut daher einen Aerosolprüfstand, der in die Sterilbank eines Hochsicherheitslabors an der Universitätsklinik Tübingen integriert wird. Die dortigen Projektpartner um Prof. Michael Schindler arbeiten mit infektiösen SARS-CoV-2 Viren und überprüfen erstmals, ob und mit welcher UV-C-Bestrahlungsdosis Coronaviren in Aerosolen inaktiviert werden können. 
Die aktuell erforschten Technologien mit UV-C-Strahlung könnten nämlich ein weiterer technologischer Baustein sein, um die Ausbreitung des Corona-Virus zu minimieren. Außerdem könnten sie eine energieeffiziente und leise Alternative zu heute genutzten Luftreinigungstechnologien wie z.B. leistungsfähigen Filtern darstellen. 

Mit UV-C-Einheiten könnten persönliche Kontakte des öffentlichen Lebens in Schulen, Kindergärten, Hochschulen, aber auch das Zusammentreffen von Menschen in Büros, Krankenhäusern und Praxen, in Verwaltungs- und Produktionsstätten, oder in Hotels, Gaststätten und kulturellen Einrichtungen sicherer werden.

Das Land Baden-Württemberg fördert das Projekt „Testaerosole“ mit knapp 1,6 Millionen Euro. Beteiligt sind die Universität Stuttgart, das Karlsruher Institut für Technologie, das Universitätsklinikum Tübingen und die Hochschule Heilbronn.

Kontakt:

Universitätsklinikum Tübingen
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21.07.2020: Strahlendosisreduktion und Entwicklung eines Ultra-Low-Dose-CT Protokolls des Thorax bei COVID-19

Zielsetzung der bewilligten Studie:

Die wissenschaftliche Zielsetzung dieser Studie ist die Evaluation der Strahlendosisreduktion der Thorax-CT und ihre Effekte auf die Erkennung von typischen Lungenbefunden und auf die korrekte Einteilung klassifizierter Schweregrade des Lungenbefalls bei COVID-19 Patienten.

In der aktuellen Pandemie hat die Computertomographie (CT) bei der Triagierung, Früherkennung, Verlaufsbeurteilung sowie Prädiktion von schweren Verläufen eine zentrale Rolle eingenommen. Aufgrund der im Krankheitsverlauf häufig mehrfach durchgeführten CT-Untersuchungen entsteht für die betroffenen Patienten dabei eine signifikante Strahlenbelastung. Somit ist die Strahlendosisreduktion dieser CT-Untersuchungen ein wichtiges Ziel, dies führt jedoch durch Erhöhung des Bildrauschens zu möglichen Einschränkungen der diagnostischen Aussagekraft. In diesem Projekt werden die Effekte der Dosisreduktion in der Thorax-CT bei COVID-19 evaluiert, um ein adäquates Protokoll mit optimierter, reduzierter Dosis zu entwickeln.

Hintergrund, besondere Qualifikation und Vorarbeiten für dieses Vorhaben:

Da Lungenveränderungen bei COVID-19 sehr subtil, z.B. in Form diskreter milchglasartiger Verdichtungen, sein können, besteht bei unangemessener Reduktion der Strahlendosis das Risiko von falsch-negativen Befunden. Deshalb sollten die Effekte der Strahlendosisreduktion auf die diagnostische Genauigkeit der Thorax-CT bei COVID-19 im Detail evaluiert werden, bevor sogenannte Ultra-Low-Dose CT (ULD-CT) Protokolle in der klinischen Routine eingesetzt werden können. In dieses Projekt sollen dafür alle Patienten eingeschlossen werden, die eine Thorax-CT bei Verdacht auf COVID-19 oder im weiteren Krankheitsverlauf erhalten haben. Aus den vorhandenen Thorax-CT Daten werden mittels validierter Algorithmen Datensätze mit geringerer Strahlendosis simuliert und rekonstruiert, ohne die Patienten tatsächlich wiederholt zu untersuchen. So können die unterschiedlichen Dosisstufen inter- und intraindividuell evaluiert werden.

Das vorliegende Kooperationsprojekt wird federführend von der Abteilung für Diagnostische und Interventionelle Radiologie am Universitätsklinikum Tübingen (PD Dr. Ahmed Othman, Dr. Saif Afat, Prof. Dr. Konstantin Nikolaou) in Kooperation mit den weiteren radiologischen Universitätskliniken in Baden-Württemberg koordiniert. An diesen Standorten existieren eine große Expertise im Bereich der Thoraxradiologie sowie etablierte Arbeitsgruppen zum Thema Strahlendosisreduktion in der CT, auf Basis derer mehrere prospektive und z.T. multizentrische Projekte bearbeitet wurden und werden.

Fragestellungen und Endpunkte:

Mit der Unterstützung von insgesamt 5 teilnehmenden universitären Zentren in Baden-Württemberg sollen folgende Fragestellungen untersucht werden:

  • Untersuchung der Effekte der Strahlendosisreduktion auf die Bildqualität und diagnostische Genauigkeit der Thorax-CT bei COVID-19 in Bezug auf die Bewertung COVID-typischer Befunde und des Schweregrades des Lungenbefalls.
  • Entwicklung eines optimalen Ultra-Low-Dose (ULD-) CT Protokolls mit hoher diagnostischer Genauigkeit bei geringstmöglicher Strahlendosis

Hierbei werden folgende Endpunkte definiert:

  • Bewertung der diagnostischen Genauigkeit der dosisreduzierten Thorax-CT zur Detektion von COVID-19 mit Virusnachweis auf Basis einer PCR als Referenzstandard
  • Grad der Übereinstimmung zwischen originaler und dosisreduzierter CTs hinsichtlich des Lungenbefalls und Bewertung des Schweregrades bei COVID-1

Kontakt:

Universitätsklinikum Tübingen
Radiologische Universitätsklinik, Abteilung für Diagnostische und Interventionelle Radiologie
Prof. Dr. med. Konstantin Nikolaou
 Tel. 07071 29-82087
konstantin.nikolaouspam prevention@med.uni-tuebingen.de 

21.07.2020: Die Rolle der Thrombozyten-Apoptose in der Blutgerinnungsaktivierung bei COVID-19

Die Sterblichkeitsrate (Letalität) unter beatmeten COVID-19 Patienten ist gegenüber nicht beatmeten Patienten deutlich erhöht. Die Mediziner beobachten häufig eine unkontrollierte Aktivierung der Blutgerinnung (Koagulopathie) bei schweren COVID-19 Erkrankungen, die mit einer hohen Letalität einhergeht. Ein Tübinger Forschungsteam unter Leitung von Professor Dr. Tamam Bakchoul aus der Tübinger Gerinnung- und Transfusionsmedizin hat in einer Studie bei COVID-19 Patienten eine starke Assoziation zwischen der Thrombozyten-Apoptose, also dem Absterben von Thrombozyten, und thromboembolischen Ereignissen (z.B. Lungenembolien, Pfortaderthrombosen, Niereninfarkte) sowie der Gerinnungsaktivierung beobachtet. In dem jetzt vom Land Baden-Württemberg bewilligten Projekt sollen molekulare Mechanismen und genetische Einflussfaktoren dieser COVID-19 induzierten Thrombozyten-Apoptose untersucht werden. Ziel ist die Entwicklung therapeutischer Ansätze und ihre präklinische Erprobung.

Kontakt:

Universitätsklinikum Tübingen
Institut für Transfusionsmedizin
Prof. Dr. Tamam Bakchoul
Ärztlicher Direktor
 Tel. 07071 29-81602
tamam.bakchoulspam prevention@med.uni-tuebingen.de 

21.07.2020: Lessons Learned - Entwicklung einer Strategie zur ambulanten Versorgung in Pandemiesituationen in Baden-Württemberg

Um eine Überlastung der notfall- und intensivmedizinischen Versorgung während einer Pandemiesituation zu vermeiden, ist die Sicherstellung der ambulanten Versorgung essenziell. In Baden-Württemberg entstanden zu Beginn der Covid-19-Pandemie innerhalb kürzester Zeit 51 Corona-Ambulanzen (CA), 206 Coronaschwerpunktpraxen (CSP) und 16 Abstrichstellen (AS). In diesen Behelfseinrichtungen und den bestehenden hausärztlichen Praxen konnten ca. 85% der Covid-19 Patienten*innen rein ambulant versorgen.

Ziel dieses Verbundprojektes ist es, die in diesen Strukturen gesammelten Erfahrungen und Daten zusammenzutragen und zu analysieren, um Empfehlungen für zukünftige Pandemie-/Krisensituationen abzuleiten. Darüber hinaus sollen durch Nachbefragung von an Covid-19 Erkrankten Erkenntnisse zu Ausprägung und Häufigkeit des Post-COVID-Syndroms gewonnen werden.

Antragstellerin für das Verbundprojekt der universitären Einrichtungen für Allgemeinmedizin in Baden-Württemberg ist Prof. Dr. Stefanie Joos vom Institut für Allgemeinmedizin und Interprofessionelle Versorgung am Universitätsklinikum Tübingen, außerdem Kooperationspartner an den Unikliniken Freiburg, Heidelberg und Ulm. Weitere mögliche Kooperationspartner sind die KV Baden-Württemberg (angefragt) sowie die Gesundheitsämter der Landkreise (werden bei spezifischem Bedarf angefragt).

Konkrete Fragestellung - besondere Qualifikation und Vorarbeiten für dieses Vorhaben 

Die ambulanten Versorgungsstrukturen und insbesondere die CA/CSP/AS werden im Hinblick auf die folgenden fünf Kernfragestellungen systematisch untersucht: 

1. Mapping der strukturellen Merkmale der CA/CSP/AS (Allgemeinmedizin Ulm) 

Welche Strukturen wurden wie und von wem etabliert? Wie haben diese kommuniziert? (Zugangswege, Patient*innenpfade, Abrechnung, Verteilung der Aufgaben etc.) 

2. Dokumentation und Informationswege in CA/CSP/AS (Allgemeinmedizin Freiburg) 

Welche Formate wurden zur Dokumentation benutzt? (elektronisch/papierbasiert, Systematiken, Standardisierungsgrad etc.) Wie wurde Informationen ausgetauscht z.B. intersektoral? 

3. Versorgungsperspektive der CA/CSP/AS (Allgemeinmedizin Heidelberg) 

Welche Erfahrungen, hat das medizinische Personal in den CA/CSP/AS gemacht? (Inanspruchnahme, Akzeptanz, Zuweisung, Ausstattung, Zusammenarbeit mit Hausarztpraxen/Gesundheitsämtern/Kliniken, Quarantäne-Regelungen etc.) 

4. Patient*innencharakteristika in den CA/CSP/AS (Allgemeinmedizin Tübingen) 

Welche Patient*innen wurden in den CA/CSP versorgt? (Anteil SARS-CoV-2 positiver Patient*innen klinische Charakterisierung, potentielle Prädiktoren für Klinikeinweisung und Auftreten eines Post-COVID-Syndroms) 

5. Perspektive der nicht an den CA/CSP beteiligten hausärztlichen Teams (alle Standorte, Koordination Allgemeinmedizin Tübingen) 

Welche Erfahrungen wurden in der Zusammenarbeit mit den CA/CSP/AS gemacht? Wie wird die Versorgungssituation der Nicht-Covid-19 Patient*innen eingeschätzt? 

Die Ergebnisse der 5 Teilprojekte werden mit dem Ziel aufbereitet, konkrete Handlungsempfehlungen im Hinblick auf ambulante Versorgungsstrukturen und deren Schnittstellen in zukünftigen pandemischen Krisensituationen geben zu können. 

Kontakt:

Prof. Dr. med. Stefanie Joos
stefanie.joosspam prevention@med.uni-tuebingen.de 

30.06.2020: Welche Rolle spielen Immunreaktionen und die Gerinnungsaktivierung bei tödlich verlaufendem COVID-19?

Komplementaktivierung, Thromboinflammation und proinflammatorische Zytokine

Es ist nachgewiesen, dass das Coronavirus SARS-CoV-2 auch die Endothelien, die Zellen der innersten Wandschicht von Lymph- und Blutgefäßen, infiziert und zerstören kann. Eine solche floride Endothelialitis mit einer systemischen Aktivierung der Blutgerinnung und der Bildung von Mikro- und Makrothrombosen wird als Schlüsselereignis bei schweren Verläufen von COVID-19 mit tödlichem Ausgang erachtet. Aktuell ist unklar, welche Faktoren neben der direkten Infektion von Endothelien in diesen Fällen zur Endothelialitis mit ihren Folgeerscheinungen beitragen. Anhand von ausführlich dokumentierten Autopsiefällen der vier universitären Pathologie-Institute in BW mit Autopsiematerial der Lunge, des Herzens und lymphatischer Organe auf folgende Aspekte untersucht werden: 

  • Rolle der Komplement- (Aktivierung von Immunreaktionen) und Gerinnungsaktivierung sowie Zusammensetzung des entzündlichen Mikroenvironments bei COVID-19-assoziierter pulmonaler Vaskulitis, also Entzündungen im Bereich der Lunge.  
  • Entzündliche/immunologische Reaktionsmuster von Herz und lymphatischen Organen, wie zum Beispiel der Milz. 

Das beantragte Projekt wird wichtige Erkenntnisse zu Pathogenese der vaskulären Inflammation und der Immunpathologie von COVID-19 liefern, also der durch die Krankheit ausgelösten Entzündungsprozesse in den Blutgefäßen und organischen Schädigungen durch Immunreaktionen. Antragsteller sind Prof. Dr. Falko Fend, Prof. Dr. Karin Klingel und PD Dr. Hans Bösmüller vom Institut für Pathologie und Neuropathologie am Universitätsklinikum Tübingen (UKT). Beteiligt sind weitere Mediziner des UKT sowie der Universitätsklinika Freiburg, Heidelberg und Ulm. Es handelt sich um ein Teilprojekt in der Förderung obduktionsbasierter Forschung an den vier Universitätsinstituten für Pathologie in Baden-Württemberg. 

Publikationen:

Kontakt:

Prof. Dr. med. Falko Fend
Ärztlicher Direktor, Institut für Pathologie und Neuropathologie
 +49 7071 29-82266
falko.fendspam prevention@med.uni-tuebingen.de

16.06.2020 (Update): Kinder seltener infiziert als Eltern

Vorläufige Ergebnisse der Eltern-Kind COVID-19-Studie in Baden-Württemberg: Insgesamt geringe Zahl von unbemerkten Infektionen

Rund 2.500 Kinder im Alter von einem bis zehn Jahren und jeweils ein Elternteil wurden zwischen dem 22. April und dem 15. Mai 2020 auf aktuelle oder bereits überstandene SARS-CoV-2-Infektionen untersucht / Ein Eltern-Kind-Paar war in diesem Zeitraum infiziert, 64 Personen hatten weitgehend unbemerkt bereits zuvor eine SARS-CoV-2-Infektion durchlaufen / Kinder stellten weniger als ein Drittel der Betroffenen und scheinen nicht nur seltener an COVID-19 zu erkranken, sondern auch seltener mit SARS-CoV-2 infiziert zu sein.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der vier Universitätsklinika in Freiburg, Heidelberg, Tübingen und Ulm haben in der vom Land Baden-Württemberg initiierten und finanzierten COVID-19-Kinder-Studie untersucht, wie viele Paare aus je einem Elternteil und einem Kind unbemerkt zum Zeitpunkt der Testung infiziert waren oder bereits Antikörper nach einer überstandenen, aber unbemerkt gebliebenen Corona-Virus-Infektion gebildet hatten.

Acht Wochen nach Start der Studie liegen nun die vorläufigen Ergebnisse vor: ein Eltern-Kind-Paar unter den circa 5.000 Studienteilnehmern wurde zum Zeitpunkt des Tests positiv auf das Corona-Virus getestet. Bei 45 Erwachsenen und 19 Kindern fanden sich Antikörper gegen SARS-CoV-2. Die getesteten Kinder im Alter von einem bis zehn Jahren waren also seltener infiziert als Erwachsene. Weniger als ein Drittel der auf Antikörper positiv getesteten Personen sind Kinder. Bei 13 Eltern-Kind-Paaren waren beide infiziert, d. h. die Erkrankung eines Elternteils führt nicht zwingend zur Erkrankung des Kindes und umgekehrt. 

Kein Hinweis auf Kinder als Treiber des Infektionsgeschehens 

Anlässlich der Regierungspressekonferenz des Landes Baden-Württembergs am 16. Juni präsentierten Prof. Dr. Hans-Georg Kräusslich, Sprecher des Zentrums für Infektiologie am Universitätsklinikum Heidelberg und Prof. Dr. Klaus-Michael Debatin, Ärztlicher Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Universitätsklinikum Ulm die bisherigen Ergebnisse. „Zwar gab es Unterschiede zwischen den vier Standorten, aber die Zahl der Personen mit durchgemachter Infektion war an allen vier Standorten niedrig und überall wurden weniger Kinder als Erwachsene positiv getestet“, erläutert Hans-Georg Kräusslich. „Zu beachten ist jedoch, dass die Ergebnisse nicht unmittelbar auf die Gesamtbevölkerung übertragbar sind, da die Teilnehmer sich zwecks eines schnellen Studienstarts auf einen Aufruf gemeldet haben und nicht zufällig ausgewählt worden sind“, ergänzt er. „Die Daten tragen gemeinsam mit den Ergebnissen anderer Studien aus dem In- und Ausland zur Einschätzung bei, welche Rolle Kinder bei der Ausbreitung der Corona-Pandemie spielen“, sagt Klaus-Michael Debatin. „Insgesamt scheinen Kinder demnach nicht nur seltener an COVID-19 zu erkranken, was schon länger bekannt ist, sondern auch seltener durch das SARS-CoV-2-Virus infiziert zu werden.“

„Die Studie liefert belastbare Daten zum unerkannten Infektionsgeschehen bei Eltern und Kindern zwischen einem und zehn Jahren in Baden-Württemberg. Auf dieser Grundlage können wir weitere Öffnungsschritte von Kindertagesstätten und Grundschulen verantworten. Es ist mir wichtig, dass wir bei derart drängenden und weitreichenden politischen Entscheidungen auf die hervorragende und hochaktuelle Expertise unserer baden-württembergischen Wissenschaftlerinnen und -wissenschaftler bauen können“, fasst Ministerpräsident Winfried Kretschmann zusammen.

Wissenschaftsministerin Theresia Bauer würdigte die Leistung der vier Universitätskliniken im Land: „In beeindruckender Geschwindigkeit wurde das Design der Studie entwickelt, wenige Tage später startete bereits die Probennahme bei Eltern und Kindern. Dass die Ergebnisse bereits jetzt, nach wenigen Wochen, vorliegen, ist eine großartige Leistung und zeugt von der gewinnbringenden Kooperation und den herausragenden Forschungsleistungen an allen vier Universitätsmedizin-Standorten. Um einschätzen zu können, ob und welche Rolle Kinder bei der Verbreitung von COVID-19 spielen, haben unsere Unikliniken mit ihrem Ansatz einen wertvollen Baustein für die weltweite Forschung und den weiteren Erkenntnisgewinn geliefert.“ Die Studie sei auch ein hervorragendes Beispiel dafür, wie eng Politik und Wissenschaft im Kampf gegen das Corona-Virus zusammenarbeiten. 

Die Studie, deren Kosten von rund 1,2 Millionen Euro vom Land getragen werden, war vom   wissenschaftlichen Beraterkreis zur Corona-Pandemie des Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann angeregt worden. Studienstart war am 22. April.

Erfolgreiche Zusammenarbeit der baden-württembergischen Universitätsklinika

Die Teams der vier baden-württembergischen Universitätsklinika haben die Studie gemeinsam konzipiert. Zunächst sollten 2.000 Eltern-Kind-Paare, jeweils 500 pro Standort, eingeschlossen werden. Aufgrund des großen Interesses in der Bevölkerung wurde jedoch aufgestockt. Teilnehmen konnten jeweils ein Elternteil mit Kind im Alter von einem bis zehn Jahren, die im selben Haushalt leben und zuvor nicht an COVID-19 erkrankt oder positiv auf SARS-CoV-19 getestet worden waren. Von beiden wurden je ein Nasen-/Rachenabstrich, um eine aktuelle Virusbelastung festzustellen, und eine Blutprobe entnommen. 

Die Tests zur Bestimmung von SARS-CoV-2-Antikörpern im Blut als Nachweis einer überstandenen Infektion waren zum Zeitpunkt des Studienbeginns noch neu und unvollständig validiert. Aus diesem Grund wurden alle Blutproben mit mindestens zwei verschiedenen Testverfahren untersucht und positive beziehungsweise zunächst unklare Ergebnisse mit weiteren Tests bestätigt oder ausgeschlossen. 

„Die außerordentliche Resonanz und Unterstützung, die diese Studie von unterschiedlichsten Stellen erfahren hat, hat uns zutiefst beeindruckt. Dadurch konnten wir die Untersuchung in kürzester Zeit durchführen“, so Prof. Dr. Philipp Henneke, Leiter der Abteilung für Pädiatrische Infektiologie und Rheumatologie am Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin des Universitätsklinikums Freiburg. 

Prof. Dr. Axel Franz und Dr. Corinna Engel, Leiter der Studienzentrale für Kinderstudien am Universitätsklinikum Tübingen, ergänzen: „Für die Durchführung solcher vergleichsweise großen Studien benötigen wir im Regelfall mindestens ein halbes Jahr Vorlauf. Dass diese Studie nun in weniger als einer Woche auf die Beine gestellt wurde und nach weiteren knapp zweieinhalb Wochen die Rekrutierung der Studienteilnehmer abgeschlossen war, verdanken wir zahlreichen extrem engagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die alles in ihren jeweiligen Bereichen gegeben haben und den vielen tapferen Kindern sowie deren Eltern.“ 

Methoden und vorläufige Ergebnisse online verfügbar, Publikation in Vorbereitung

Eine Veröffentlichung der Ergebnisse der Studie ist in Vorbereitung und wird voraussichtlich im kommenden Monat eingereicht werden. „Die Frage der Öffnung der Kitas, Kindergärten und Schulen ist von so hoher gesellschaftlicher Relevanz, dass wir es für angemessen halten, die vorläufigen Ergebnisse öffentlich vorzustellen, obwohl der übliche Prozess der wissenschaftlichen Prüfung bis zur Publikation noch nicht abgeschlossen ist“, erläutert Hans-Georg Kräusslich, Sprecher des Zentrums für Infektiologie am Universitätsklinikum Heidelberg und einer der Studienleiter. Eine zusammenfassende Beschreibung der Methoden und vorläufigen Ergebnisse wurden parallel online in den Newsroom des Universitätsklinikums Heidelberg gestellt, um Forschenden und der interessierten Öffentlichkeit die Möglichkeit zu geben, die Grundlage der getroffenen Aussagen zu bewerten (https://www.klinikum.uni-heidelberg.de/newsroom/vorlaeufige-ergebnisse-der-eltern-kind-covid-19-studie-in-baden-wuerttemberg/).

Die bislang international veröffentlichten Studienergebnisse zur SARS-CoV-2-Infektion bei Kindern sind teilweise widersprüchlich, was ein Anlass für die baden-württembergische Studieninitiative war. In einer bevölkerungsbasierten Studie aus Island fand sich bei keinem Kind unter zehn Jahren eine Corona-Virus-Infektion, während knapp ein Prozent der Erwachsenen positiv getestet wurde (Gudbjartsson et al. 2020). Aus China gibt es dagegen Berichte, dass Kinder vergleichbar häufig infiziert sind wie Erwachsene, jedoch seltener Symptome entwickeln (Bi et al. 2020). Dies führte zu der Befürchtung, dass unerkannte Infektionen von Kindern wichtige Treiber der Ausbreitung sein könnten. 

Die Ergebnisse der Studie aus Baden-Württemberg lassen keine Aussage darüber zu, wer sich in einer Familie zuerst angesteckt hat und inwieweit Wohnsituation und Beruf der Eltern hierbei eine Rolle spielen. Eine Fragestellung der Studie war, ob Infektionen bei Kindern, die in Notbetreuungen waren, häufiger auftraten als bei denjenigen, die ausschließlich in der Kernfamilie gelebt hatten. Aufgrund der insgesamt geringen Anzahl von Kindern mit überstandener Infektion unter den Studienteilnehmern war es jedoch schwierig, hierzu signifikante Unterschiede zu finden. Dies muss in einer Folgestudie untersucht werden.

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27.04.2020: Covid-19-Studie zur Virusverbreitung bei Kindern

Welche Rolle spielen Kinder bei der Ausbreitung des Coronavirus? Die Tübinger Universitätsklinik für Kinder- und Jugendmedizin will im Rahmen einer neuen Studie, zusammen mit drei weiteren baden-württembergischen Universitätsklinika unter Federführung von Heidelberg, Antworten auf diese Frage finden. Die Initiative zur Studie ging von Ministerpräsident Winfried Kretschmann aus, die Kosten der Studie belaufen sich auf rund 1,2 Millionen Euro, die das Land Baden-Württemberg übernehmen wird.

Mit einer gemeinsam konzipierten Screening-Studie untersuchen das Universitätsklinikum Tübingen und die drei Uniklinika in Freiburg, Heidelberg und Ulm, wie viele Kinder und deren Eltern gegenwärtig mit SARS-CoV2 infiziert sind und wieviele bereits Kontakt zum Coronavirus hatten und daraufhin Antikörper als Abwehrstoffe gebildet haben. Insgesamt werden 2.000 Haushalte, also 2.000 Kinder und 2.000 Elternteile, für diese Studie befragt und untersucht.

Eingeschlossen werden gesunde Kinder im Alter von 1-10 Jahren und dazu jeweils ein Elternteil. Ausgeschlossen sind Kinder und Elternteile, bei denen in der Vergangenheit das SARS-CoV2 im Nasen-Rachenabstrich nachgewiesen worden war. (Familien mit sogenannten Indexpatienten (mit SARS-CoV2) sollen in einem Nachfolgeprojekt separat gezielt angesprochen werden.)

„Der Verlauf einer Coronavirus-Infektion unterscheidet sich möglicherweise zwischen Kindern und Erwachsenen. Welche Rolle Kinder bei der Ausbreitung des Coronavirus spielen, wäre in den aktuellen Debatten um die Wiedereröffnung von Kindertagesstätten und Schulen sehr relevant. Eventuell lassen sich aus dieser Studie Empfehlungen abgeleiten, die dem Schutz von Kindern und Erwachsenen dienen“, so Professor Axel Franz, Leiter des Zentrums für pädiatrische klinische Studien der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendmedizin.

Die Forscher erwarten unter anderem Hinweise darauf, ob es je nach Alter der Kinder Unterschiede in der Infektionsrate gibt, inwieweit sich Kinder und ihre Eltern gegenseitig mit dem Virus anstecken und inwieweit Wohnsituation und Beruf der Eltern hierbei eine Rolle spielen. Besonders wichtig ist ein möglicher Unterschied bei Kindern, welche in Notbetreuungen weiterhin mit anderen Kindern Kontakt haben im Vergleich zu Kindern, welche ausschließlich in der Kernfamilie leben. Idee, Durchführung und Auswertung der Studie erfolgt gemeinsam an den vier Standorten, aufgrund der aktuellen Lage sollen so möglichst rasch erste Ergebnisse vorgelegt werden.

Link zur Studie: 

https://www.medizin.uni-tuebingen.de/de/corona-kinderstudie

Kontakt:

Professor Dr. Axel Franz
Zentrum für pädiatrische klinische Studien (CPCS) der Universitätsklinik Tübingen für Kinder- und Jugendmedizin
E-Mail: cpcsspam prevention@med.uni-tuebingen.de

08.05.2020: Deutsche COVID-19 OMICS Initiative (DeCOI): Genomforscherinnen und -forscher schließen sich zusammen

Wie verändert das neue Coronavirus (SARS-CoV-2) seine Erbinformation? Welche weiteren Infektionen bei Patienten mit COVID-19 treten auf? Gibt es genetische Risikofaktoren, die eine Infektion begünstigen? Zahlreiche Genomforscherinnen und -forscher sind intensiv damit beschäftigt, ihre Expertise und Sequenzier-Infrastruktur zu bündeln, um einen wissenschaftlichen Beitrag zur Bewältigung der COVID-19-Pandemie zu leisten. Diese Aktivitäten werden nun offiziell in der Deutschen COVID-19 OMICS Initiative (DeCOI) zusammengeführt, um die Forschung zu beschleunigen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an mehr als 22 Institutionen sind aktiv an DeCOI beteiligt – und es werden mehr.

Die zentrale Koordination von DeCOI liegt zurzeit bei Professor Joachim Schultze von der Universität Bonn. Von der Universität Tübingen beteiligen sich Professor Oliver Kohlbacher vom Interfakultären Institut für Biomedizinische Informatik und Dr. Sven Nahnsen vom Quantitative Biology Center. Am Universitätsklinikum Tübingen sind Professor Olaf Rieß und Professor Stephan Ossowski, beide vom Institut für Medizinische Genetik und Angewandte Genomik, sowie Professorin Julia Frick vom Institut für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene Mitglieder der Initiative.

An vielen Stellen in der Welt wird inzwischen das Genom von SARS-CoV-2 sequenziert, um damit Veränderungen der Erbinformation des Virus zu charakterisieren. Je mehr solche Virusgenome sequenziert werden, desto besser können Wissenschaftler die Variation des Virus verstehen. Mit der Analyse der Verwandtschaftsstruktur einzelner Viren lassen sich Rückschlüsse auf deren Herkunft und auf unterschiedliche Formen des Virus in der Bevölkerung ziehen. 

Die Genomforschung produziert in all ihren Bereichen immense Datenmengen, die zur Auswertung der Forschungsergebnisse computergestützt analysiert werden. „Nur wenn wir klinische Daten und Genomdaten sinnvoll miteinander verknüpfen, werden wir möglichst viel zum Verständnis von COVID-19 beitragen können“, sagt Oliver Kohlbacher. Durch den Zusammenschluss zur DeCOI wollen die Forscherinnen und Forscher parallel viele Fragen gemeinsam und schneller beantworten können. DeCOI soll mit weiteren Initiativen eng vernetzt werden, um weltweit fundiertes Wissen zur Bewältigung der Krise beizutragen.

08.05.2020: COVID-19: Experteneinschätzungen zur derzeitigen Gefahrenlage und zu den getroffenen Maßnahmen

Wie schätzen Expertinnen und Experten auf den Gebieten der Virologie, Mikrobiologie, Hygiene, Tropenmedizin, Immunologie sowie der Inneren Medizin/Intensivmedizin die derzeitige Gefahrenlage und die getroffenen Maßnahmen bezüglich der aktuellen Covid-19-Pandemie ein? Wie sicher oder belastbar gilt der aktuelle Wissensstand? Das versuchen Wissenschaftler der Universitätsklinika Tübingen und Hamburg-Eppendorf mit einer Befragung herauszufinden. 

Die befragten Mediziner und Wissenschaftler befürworten die Aufrechterhaltung der Abstandsregeln und das Verbot von Großveranstaltungen – das geht aus den Zwischenergebnissen der Experten-Umfrage hervor. Bei der Befragung wurden die Rückmeldungen von 178 Probandinnen und Probanden ausgewertet und zudem mit den Ergebnissen einer Erstbefragung mit 197 Personen gegenübergestellt. Über eine anonyme online-Befragung haben Experten aus den Fachgebieten der Virologie, Mikrobiologie, Hygiene, Tropenmedizin, Immunologie, Inneren Medizin und Intensivmedizin mit abgeschlossener Berufsausbildung teilgenommen. Die Resultate sind als Meinungsbild zum aktuellen Zeitpunkt in Deutschland zu bewerten. 

Die Umfrage des Teams unter Leitung von Professor Michael Schindler (Virologie, Tübingen) und Professor Steffen Moritz (Psychiatrie, Hamburg) erfolgte mit Unterstützung der Gesellschaft für Virologie (GfV), der Deutschen Gesellschaft für Hygiene und Mikrobiologie (DGHM) und der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM). 

Erste Ergebnisse einer Zwischenauswertung

Die aktuelle Umfrage zeigt, dass mehr als 70 Prozent der Befragten die Abstandsregel von 2 Metern sowie das Verbot von Großveranstaltungen als potentielle Maßnahme zur Kontrolle und Eindämmung von SARS-CoV-2 befürworten und sogar favorisieren. Kitas- und Schulschließungen sieht dagegen nur ein relativ kleiner Teil als wichtige Maßnahme an (weniger als 5 Prozent). Die Ergebnisse bezüglich der Sinnhaftigkeit von Mund-Nasen-Bedeckung sind dagegen sehr ambivalent.

Die Zustimmung zu den von der Bundesregierung getroffenen Maßnahmen ist gesunken und wird zum aktuellen Zeitpunkt nur noch zu 50,1 Prozent befürwortet – bei einer Erstbefragung im März waren dies noch 80,7 Prozent.

Die Rolle der Medien wird zunehmend kritisch eingestuft und nur noch von 59 Prozent als sachlich empfunden (Erstbefragung 79,7 Prozent). Wenig oder gar nicht verändert hat sich die Einschätzung der Expertinnen und Experten zu Verlauf und Schwere der Erkrankung. Im Durchschnitt gehen sie von einer Ansteckung von bis zu 50 Prozent der Bevölkerung mit dem Coronavirus aus. Die Notwendigkeit einer intensivmedizinischen Behandlung wird bei etwa 5 Prozent gesehen mit einer Sterblichkeit von 1 Prozent. 

Kontakt

Universitätsklinikum Tübingen
Institut für Medizinische Virologie und Epidemiologie der Viruskrankheiten
Sektion Molekulare Virologie
Prof. Dr. Michael Schindler
michael.schindlerspam prevention@med.uni.tuebingen.de

16.04.2020: Entwicklung eines Virusvektor-basierten Impfstoffs

Die Tübinger Immunologen Ralf Amann, Ferdinand Salomon und Melanie Müller vom Interfakultären Institut für Zellbiologie (IFIZ) der Universität Tübingen arbeiten mit einer innovativen Plattformtechnologie an der Entwicklung eines Impfstoffs gegen das Coronavirus SARS-CoV-2. Dabei setzen sie in einen für den Menschen unschädlichen Virusvektor Antigene des Coronavirus ein. Bei einer Injektion dieses Virusvektors wird beim Menschen keine Erkrankung, dafür aber eine Immunreaktion ausgelöst, die bei einer späteren Infektion vor einer schweren Erkrankung schützen soll. Es besteht die Möglichkeit, dass verschiedene Antigene in den Virusvektor eingebracht werden. Daher könnte ein solcher Impfstoff auch Schutz gegen Mutationen von SARS-CoV-2 sowie gegen andere Coronaviren bieten. Das Bundeswirtschaftsministerium fördert das Projekt zusätzlich zu einer bestehenden Förderung mit 1,3 Millionen Euro, die Carl-Zeiss-Stiftung stellt weitere 150.000 Euro zur Verfügung. Im Oktober 2019 haben die drei Wissenschaftler die Firma Prime Vector Technologies GmbH gegründet.

27.03.2020: Klinische Studien zur Testung des Wirkstoffs Hydroxychloroquin gegen COVID-19

Am 27. März 2020 hat das Institut für Tropenmedizin, Reisemedizin und Humanparasitologie der Universität und des Universitätsklinikums Tübingen im Verbund mit dem Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin und dem Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf sowie dem Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart die klinische Studie "Randomized controlled trial of hydroxychloroquine versus placebo for the treatment of adult patients with acute coronavirus disease 2019 – COVID-19" gestartet. Ziel der Studie ist die klinische Testung des Wirkstoffs Hydroxychloroquin gegen das Virus SARS-CoV-2. Hydroxychloroquin wird bereits seit vielen Jahrzenten zur Therapie und Prophylaxe von Autoimmun- und Infektionserkrankungen eingesetzt, ein Wirksamkeitsnachweis bei COVID-19 steht bisher aus. Die neue Studie wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) unterstützt und ist ein Modell der in diesen Zeiten so wichtigen internationalen Zusammenarbeit. So stellte das Vietnamesisch-Deutsche Zentrum für Medizinische Forschung in Hanoi spontan 6.000 Abstrichröhrchen zur Verfügung, da diese in Deutschland nicht zu beschaffen waren.

Mehr Informationen zu der klinischen Studie

Mit der Studie “Hydroxychloroquine for the treatment of mild coronavirus disease 2019 – COVID-19 (COMIHY)” wird dasselbe Konsortium die klinische Testung des Wirkstoffs Hydroxychloroquin gegen das Virus SARS-CoV-2 auf 2700 leicht Erkrankte – die nicht stationär behandelt werden müssen – ausweiten. Weitere Prüfzentren sollen deutschlandweit hinzukommen. Diese Studie wird in enger Absprache mit dem Bundesgesundheitsminister durchgeführt und vom Bundesgesundheitsministerium (BMG) unterstützt.

09.03.2020: Entwicklung und Testung eines Impfstoffes gegen COVID-19

Ein internationales Konsortium unter Beteiligung des Instituts für Tropenmedizin, Reisemedizin und Humanparasitologie der Universität und des Universitätsklinikums Tübingen hat von der Europäischen Union einen EU Horizon 2020 Grant zur Entwicklung und Testung eines Impfstoffes gegen COVID-19 in klinischen Studien erhalten. Zu diesem Konsortium gehören außerdem die Abteilung für Immunologie und Mikrobiologie der Universität Kopenhagen (Dänemark), die beiden Unternehmen AdaptVac und ExpreS2ion Biotechnologies (beide Dänemark), die Abteilung für Medizinische Mikrobiologie des Universitätsklinkums Leiden (Niederlande) sowie das Labor für Virologie der Universität Wageningen (Niederlande). Die Projektpartner sind in ihren jeweiligen Forschungsfeldern weltweit führend und decken dabei alle relevanten Teilbereiche der Virusforschung und der Impfstoffentwicklung ab, die zur schnellen klinischen Entwicklung eines Impfstoffes gegen COVID-19 notwendig sind.

Pressemitteilung des Universitätklinikums Tübingen

Interview mit Prof. Dr. Peter Kremsner (Uni Tübingen aktuell 2/2020)

Weitere Forschungsprojekte

03.06.2021 (Update): Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Schulerfahrung und das subjektive Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen

Weltweit haben Staaten einschneidende Maßnahmen zur Eindämmung der COVID-19-Pandemie ergriffen. Dazu gehört unter anderem auch die zeitweise Schließung von Schulen, Kindertagesstätten, Sportstätten, Spielplätzen und sozialen Einrichtungen sowie die Umstellung auf digitale Formen des Lernens im Rahmen von Homeschooling.

In Kooperation zwischen Prof. Dr. Sascha Neumann vom Institut für Erziehungswissenschaft (IfE) der Universität Tübingen und der Universität Luxemburg startete am 07.05.2020 eine internationale Studie, welche die Auswirkungen dieser Maßnahmen auf das Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen in Abhängigkeit von der jeweiligen sozioökonomischen Lage ihrer Familien untersuchte. Ziel der Studie war es, Wissen über die kurz- und mittelfristigen Folgen zu gewinnen, die sich aus den Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie für Kinder und Jugendliche ergeben und bei entsprechenden politischen Entscheidungen in der Zukunft zu berücksichtigen sind. Daneben wurde von den Ergebnissen erwartet, dass sie auch für Fachkräfte in Erziehungs- und Bildungsinstitutionen sowie für Eltern eine wichtige Informationsgrundlage bilden können, um auf die sozialen Folgen der Pandemie für Kinder und Jugendliche angemessen reagieren zu können.

Die Studie „COVID KIDS - Understanding the influence of COVID-19 on children’s and adolescents’ school experience and subjective well-being” stützte sich auf einen Online-Survey in fünf verschiedenen Sprachen (Deutsch, Englisch, Französisch, Luxemburgisch, Portugiesisch), der in mehreren Ländern eingesetzt wurde. Dabei wurden Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 6 und 16 Jahren direkt befragt.

Einen Vortrag zur Thematik finden Sie hier.

Einen Bericht zu den luxemburgischen Ergebnissen der Studie finden Sie hier.

Einen Beitrag aus dem attempto! Forschungsmagazin der Universität Tübingen finden Sie  hier.

Publikationen:

  • Pascale M.J. Engel de Abreu, Sascha Neumann, Cyril Wealer, Neander Abreu, Elizeu Coutinho Macedo, Claudine Kirsch (2021). Subjective Well-Being of Adolescents in Luxembourg, Germany, and Brazil During the COVID-19 Pandemic. In: Journal of Adolescent Health 68, 8.
    https://doi.org/10.1016/j.jadohealth.2021.04.028
     
  • Kirsch, C., Engel de Abreu, P. M.J., Neumann, S. Wealer, C. (2021). Practices and experiences of distant education during the COVID-19 pandemic: The perspectives of six- to sixteen-year-olds from three high-income countries. In: International Journal of Educational Research Open 2, 2.
    https://doi.org/10.1016/j.ijedro.2021.100049

Kontakt:

Prof. Dr. Sascha Neumann
Institut für Erziehungswissenschaft
Abteilung Sozialpädagogik
E-Mail: Sascha.neumannspam prevention@uni-tuebingen.de

19.05.2021: Erster Lockdown: Ein Drittel aller Schüler hatte keinen Kontakt zur Schule

Studie befragte im Frühjahr 2020 Schulleitungen – Deutliche Unterschiede zwischen Stadt und Land

Rund 30 Prozent aller Schülerinnen und Schüler in Deutschland hatten während der ersten Corona-bedingten Schulschließungen im Frühjahr 2020 keinen regelmäßigen Kontakt zu ihren Schulen. Insbesondere in ländlichen Regionen gelang es demnach nicht, den Kontakt zu halten. Nur etwa 25 Prozent der Schülerinnen und Schüler in den ländlichen Regionen Deutschlands erhielten darüber hinaus während der Schulschließung Lernmaterialien im Rahmen von Onlineunterricht – in Städten waren es etwa 60 Prozent. Dies zeigt die für Deutschland repräsentative Schulleitungs-Studie „Leadership in German Schools (LineS)“, die gemeinsam von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Universitäten Tübingen, Lüneburg und der Pädagogischen Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz durchgeführt wird.

Die Corona-Krise traf Schulen in Deutschland unvorbereitet und stellte diese vor neue Herausforderungen. Vor allem wiederholte Schließungen und die Aufhebung des Präsenzunterrichts führten dazu, dass viele Schülerinnen und Schüler den Kontakt zu Ihren Lehrkräften verloren. Zudem mussten kurzfristig neue Formen des Lernens und Unterrichtens eingeführt werden, die sich von den traditionellen Formen des Unterrichts unterscheiden.

In der Studie wurden zwischen April und Juni 2020 insgesamt 306 zufällig ausgewählte Schulleitungen allgemeinbildender Schulen befragt. Wie diese berichteten hatten demnach bundesweit nur etwa drei von vier Schulkindern (71 Prozent) in Deutschland während der Schulschließungen im Frühjahr 2020 regelmäßigen Kontakt mit ihrer Schule, das heißt mindestens einmal pro Woche. In ländlichen Regionen (Schulstandorte mit weniger als 3.000 Einwohnerinnen und Einwohnern) waren es nur drei von fünf Schülerinnen und Schülern (60 Prozent), die regelmäßig Kontakt hatten.

Die Kommunikation mit Schülerinnen und Schülern erfolgte meist im direkten Austausch mit ihren Lehrkräften (89 Prozent), beispielsweise über Telefon, einen Messenger-Dienst oder durch das Bereitstellen von Material auf Lernplattformen (75 Prozent). Gemeinsames Lernen in Kleingruppen (41 Prozent) oder gar im Klassenverband (33 Prozent) fand während der Schulschließungen im Frühjahr 2020 hingegen eher selten statt. Diesbezüglich zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen Schulen in ländlichen und städtischen Gebieten: So fand in ländlichen Regionen ein gemeinsames Lernen in Kleingruppen nur an 19 Prozent aller Schulen, ein gemeinsames Lernen im Klassenverband nur an 16 Prozent aller Schulen statt.

Deutliche Unterschiede während der ersten bundesweiten Schulschließungen im Frühjahr 2020 finden sich mit Blick auf den Unterricht: Während in Städten und Metropolen rund 60 Prozent aller Schulen Lernmaterialien im Rahmen von Onlineunterricht anboten, wählten nur 27 Prozent der Schulen im ländlichen Raum diesen Weg. Stattdessen versorgten Sie Schülerinnen und Schüler vor allem durch die Bereitstellung von Lernmaterialien bereits vor der Schulschließung (88 Prozent) sowie durch die Bereitstellung von Material während der Schulschließung (74 Prozent).

Bundesweit berichten Schulleitungen über alle Regionen hinweg von einer mangelnden digitalen Ausstattung in Schulen und Elternhäusern, die den Fernunterricht sehr stark beeinträchtigt habe. „Inwieweit es den Schulen zwischenzeitlich gelungen ist, aus der Situation im letzten Jahr für die jüngsten Schulschließungen 2021 zu lernen, muss sich in einer Folgestudie zeigen“, sagt Prof. Dr. Colin Cramer, der die Studie an der Universität Tübingen betreut. Eine entsprechende Studie, die voraussichtlich im Sommer oder Herbst 2021 stattfinden soll, befinde sich in Vorbereitung.

Zum Hintergrund der Studie

Die vorgestellten Ergebnisse sind Teil einer Ergänzung zur Studie Leadership in German Schools (LineS), die von den Universitäten Tübingen (Prof. Dr. Colin Cramer und Dr. Jana Groß Ophoff) und Lüneburg (PD Dr. Marcus Pietsch) sowie von der Pädagogischen Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz (Prof. Dr. Pierre Tulowitzki) durchgeführt wird. Von April bis Juni 2020 wurden die hier ausgewerteten Daten während der bundesweiten Schulschließungen im Kontext der Corona- Pandemie unter 306 zufällig ausgewählten Schulleitungen allgemeinbildender Schulen durch die forsa GmbH mittels Online-Fragebogen erhoben. Die Daten und Auswertungen sind Teil einer größeren repräsentativen Studie, die im Jahr 2019 unter Schulleitungen in Deutschland begonnen wurde. Von 405 der bereits im Jahr 2019 befragten Schulleitungen konnten 218 Schulleiterinnen und Schulleiter erneut erreicht werden. Diese Daten wurden um weitere 88 Datensätze von zusätzlich für die Erhebung gewonnenen Schulleitungen ergänzt.

Informationen zum Download

Ein Kurzbericht zur Studie mit weiterführenden Informationen und Grafiken zur Weiterverwendung stehen zum Download bereit unter: https://www.doi.org/10.17605/OSF.IO/VWDB8 

Kontakt:

Prof. Dr. Colin Cramer
Universität Tübingen
Institut für Erziehungswissenschaft
Colin.cramer@uni-tuebingen.de

12.05.2021: Alle profitierten vom Aufschwung vor Corona: Tübinger Wirtschaftsstudie zum Armutsbericht der Bundesregierung

Tübinger Wirtschaftsstudie zum Armutsbericht der Bundesregierung: Bis 2020 stiegen die Nettoeinkommen ‒ An der Einkommensverteilung ändert sich dennoch wenig

Der lange anhaltende Aufschwung des Arbeitsmarktes nach 2005 hat vor allem den unteren Einkommensbereichen der Gesellschaft finanzielle Zuwächse beschert und zu einer gleichmäßigeren Einkommensverteilung beigetragen. Diesen Effekten wirkten allerdings andere Entwicklungen entgegen, wie beispielsweise die nach 2010 gestiegene Einwanderung sowie die stärkere Differenzierung der Gesellschaft nach Bildungsabschlüssen und Arbeitserfahrung. Das zeigen Tübinger Wirtschaftswissenschaftler in einer Studie für den aktuellen Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung. Die dem Bericht zugrunde liegenden Begleitstudien wurden bereits auf der Internetseite des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales veröffentlicht.

Eine Studie von Forschern der Universität Tübingen und des Tübinger Instituts für Angewandte Wirtschaftsforschung (IAW) für den 6. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung belegt: Durch den Arbeitsmarktaufschwung nach 2005 entstanden über weite Bereiche der Einkommensverteilung deutliche Einkommenszuwächse. Der Beschäftigungsaufschwung wurde durch steigende Vollzeitbeschäftigung von Männern und Frauen, aber in noch stärkerem Maße durch steigende Teilzeitbeschäftigung von Frauen getragen. 

Diese langanhaltende Entwicklung wurde erst durch die Corona-Krise gestoppt. Sie führte im unteren Bereich der Verteilung zu realen Einkommenszuwächsen von drei bis fünf Prozent, im mittleren bis oberen Bereich hingegen nur zu Zuwächsen von eins bis zwei Prozent. Es handelt sich hierbei um einen Nettoeffekt: Berücksichtigt wird bei der Berechnung, dass Menschen, die bei Ausbleiben des Aufschwungs arbeitslos gewesen wären, Anspruch auf Zahlungen aus der Arbeitslosen- und Grundsicherung gehabt hätten.

Neben den positiven Effekten des Aufschwungs zeigt die Studie die stark stabilisierende Wirkung des deutschen Steuer- und Sozialversicherungssystems: Es mildert die Folgen wirtschaftlicher Abschwünge, aber auch die Folgen wirtschaftlicher Aufschwünge für das verfügbare Nettoeinkommen ab. „Unsere Ergebnisse zeigen: Selbst wenn sämtliche Beschäftigungsgewinne des Aufschwungs durch die Corona-Krise rückgängig gemacht würden, hätte dies aufgrund des starken sozialen Sicherungssystems nur begrenzte Auswirkungen auf die Einkommensverteilung“, sagt Martin Biewen, Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Universität Tübingen und einer der Studienautoren. Das gelte allerdings mit Einschränkungen, so Biewen. „Von der Corona-Krise besonders betroffene Gruppen wie Selbständige und geringfügig Beschäftigte sind durch das soziale Sicherungssystem in geringerem Maße geschützt.“

Trotz des deutlichen Aufschwungs bis zur Corona-Krise, hat sich die Ungleichheit der Nettoeinkommen nur unwesentlich geändert – dies liegt an weiteren Faktoren, deren Einfluss die Autoren ebenfalls untersuchten. So zeigen sie, dass die gestiegene Einwanderung seit 2010 sowie eine stärkere Differenzierung der Gesellschaft nach Bildungsabschlüssen und Arbeitserfahrung für sich gesehen die Ungleichheit erhöhten. Diese Entwicklung überwog die günstigen Auswirkungen des Beschäftigungsaufschwungs teilweise sogar, wurde aber wieder durch einzelne politische Maßnahmen wie die Einführung der erweiterten Mütterrente oder Kindergelderhöhungen abgemildert. 

Keinen nachweisbaren Einfluss auf Einkommensungleichheit hatten Änderungen in der Höhe der Löhne oder bei den Kapitaleinkünften sowie der Trend zu mehr Einpersonenhaushalten. Zusammengenommen führten alle betrachteten Entwicklungen dazu, dass die Ungleichheit der Nettoeinkommen und die Armutsrisikoquote auf dem Höhepunkt des Arbeitsmarktaufschwungs geringfügig höher waren als zu dessen Beginn.

Die Tübinger Studie ist Teil des Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung, der einmal in jeder Legislaturperiode veröffentlicht wird. Die Studie ist Teil eines umfangreichen Gutachtens, welches in Zusammenarbeit mit dem ifo Institut München verfasst wurde. Der Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung beruht auf umfangreichen Begleitforschungen, die sich mit vielfältigen Themen der Einkommens- bzw. Vermögensverteilung und der sozialen Mobilität beschäftigen. 

https://www.armuts-und-reichtumsbericht.de 

https://www.armuts-und-reichtumsbericht.de/SharedDocs/Downloads/Service/Studien/1-studie-iaw-ifo-tuebingen.pdf?__blob=publicationFile&v=3 

Kontakt: 

Prof. Dr. Martin Biewen
Universität Tübingen
School of Business and Economics
Martin.biewen@uni-tuebingen.de

Rolf Kleimann
Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung (IAW)
rolf.kleimann@iaw.edu 

05.05.2021: Wie die Pandemie das Nachtleben der Studierenden verändert

Sozial und wirtschaftlich stark beeinträchtigt: Forschungsprojekt befragt Tübinger Studierende und Akteure der Nachtökonomie zur aktuellen Situation

Geschlossene Bars, kaum noch Freunde treffen und keine Nebenjobs: In der Pandemie hat sich die Situation Studierender deutlich verschlechtert, in sozialer wie auch in wirtschaftlicher Hinsicht. Studierende des Lehrstuhls für Wirtschaftsgeographie an der Universität Tübingen erheben in einer repräsentativen Untersuchung, wie es aktuell um das Nachtleben in Tübingen bestellt ist. Unter Leitung von Professor Sebastian Kinder befragten sie zwischen Dezember 2020 und Januar 2021 online 1243 Tübinger Studierende. Zudem wurden qualitative Interviews mit Akteuren des Tübinger Nachtlebens und der sogenannten Nachtökonomie durchgeführt ‒ darunter Inhaber von Clubs und Bars, Vertreter der Stadt Tübingen sowie Ordnungsbehörden.

Die Ergebnisse präsentierte das Projektseminar am 4. Mai in einer Online-Veranstaltung. Sie stehen zum freien Download unter https://publikationen.uni-tuebingen.de/xmlui/handle/10900/53309.

Insgesamt habe die COVID-19-Pandemie die Aktivität der Studierenden im Nachtleben deutlich reduziert und verändert, so die Autorinnen und Autoren der Studie. Studierende waren während der Lockdowns im Frühjahr 2020 und im Winter 2020/‘21 weniger als einmal pro Monat im Nachtleben unterwegs ‒ vor der Pandemie waren es mehr als sieben Abende. Auch die durchschnittliche Gruppengröße hat sich deutlich verringert; große Gruppen sind selten geworden. Alternativ setzten Studierende verstärkt auf neue Formen der sozialen Interaktion, probierten digitale Formate wie Videokonferenzen oder Online-Spieleabende aus.

Dennoch gaben mehr als 97 Prozent der Befragten an, sich durch die Pandemie eingeschränkt zu fühlen. Mehr als 66 Prozent sagten, sie empfänden die Einschränkungen sogar als sehr stark. „Das Nachtleben spielt bei Studierenden eine wichtige Rolle. Es leidet stark durch die Pandemie und kann nicht adäquat ersetzt werden“, so Professor Sebastian Kinder.

Aufgrund der Situation reduzierten mehr als 90 Prozent der Studierenden ihre monatlichen Ausgaben für das Nachtleben während der Pandemie, 73 Prozent davon stark. Das bedeutete aber nicht unbedingt mehr Geld in der Tasche, denn gleichzeitig musste der Verlust von Einkommen kompensiert werden: So stehen jenen Studierenden, die nebenberuflich in der Gastronomie, in Bars oder Clubs tätig waren, derzeit monatlich durchschnittlich 100 Euro weniger zur Verfügung.

Stark betroffen von den wirtschaftlichen Folgen der Pandemie sind die Anbieter im Bereich der Nachtökonomie. Durch die Schließungen von Gastronomie, Bars und Clubs verzeichnen sie erhebliche Einkommenseinbußen und beklagen Probleme bei den staatlichen Hilfen. Die Maßnahmen der Stadt Tübingen hingegen werden ausdrücklich gelobt. „Die vielfältigen Verflechtungen des Nachtlebens reichen weit über das einfache abendliche Ausgehen hinaus und betreffen die Studierenden und die Stadt auf vielfältige Weisen“, sagt Jan Kosok, Co-Leiter des Projekts.

Räumlich hat sich das Nachtleben, wenn es möglich war, ins Freie verlagert. Schwerpunkte sind vor allem der Alte Botanische Garten, der Holzmarkt und die Neckarinsel. Hingegen werden die Mühlstraße, die Haaggasse und andere Bereiche der Altstadt deutlich weniger frequentiert als vor der Pandemie. Gleichzeitig gibt es aber Hinweise, dass das Nachtleben nun öfters im privaten Raum stattfinden könnte. Dies passe zu den Warnungen der „Gesellschaft für Aerosolforschung“, dass die eigentliche Ansteckungsgefahr von dem Geschehen in Innenräumen ausgehe, sagen die Autoren. „In der weiteren Planung von Pandemie-Maßnahmen sollten solche Szenarien kritisch betrachtet und einbezogen werden.“

Die Auswertung der Befragungen wurde von Studierenden unter Anleitung von Professor Kinder und seinen Mitarbeitern im Rahmen eines Projektseminars durchgeführt. „Ich habe extrem viel gelernt aus dem Projekt und der Situation. Die Änderungen im Nachtleben betreffen mich in meinem Alltag und die Betroffenheit der Anbieterinnen und Anbieter spüre ich nun deutlicher“, zieht Studentin Daniela Schröder Bilanz.

Der Lehrstuhl für Wirtschaftsgeographie forscht schwerpunktmäßig in den Bereichen der Evolutionären Wirtschaftsgeographie, der Transformationsforschung und des Industrial Change. Der regionale Schwerpunkt der Forschungsarbeiten liegt in den Ländern Mittel- und Osteuropas sowie in Ost- und Südostasien.

Kontakt:

Prof. Dr. Sebastian Kinder
Universität Tübingen
Lehrstuhl für Wirtschaftsgeographie
 Telefon +49 7071 29-73938
Sebastian.kinder@uni-tuebingen.de 

08.04.2021: Wenn Schweden einen Lockdown verhängt hätte: 75 Prozent weniger Infektionen, 38 Prozent weniger Todesfälle

Tübinger Ökonomen haben analysiert, wie sich ein Lockdown in Schweden auf das Infektionsgeschehen ausgewirkt hätte

Im Gegensatz zu den meisten Ländern hat Schweden während der ersten Corona-Welle im ersten Halbjahr 2020 einen vielbeachteten und diskutierten Sonderweg gewählt und keinen Lockdown verhängt. Die Tübinger Wirtschaftswissenschaftler Alexander Dietrich und Gernot Müller vom Lehrstuhl für Geld und Währung haben den Fall Schweden zusammen mit Benjamin Born von der Frankfurt School of Finance & Management in einer Studie genauer untersucht. Sie wollten herausfinden, wie sich ein Lockdown dort auf die Ausbreitung der Infektionen, die Anzahl der Todesfälle und die wirtschaftliche Entwicklung ausgewirkt hätte. Für den Vergleich mit der tatsächlichen Entwicklung in Schweden entwickelten die Autoren mittels der synthetische Kontrollmethode einen „Doppelgänger“: ein kontrafaktisches Szenario „Schweden mit Lockdown“. Die Autoren kommen auf Grundlage der dabei ausgewerteten Daten bis einschließlich 1. September 2020 zu dem Ergebnis, dass ein Lockdown in Schweden die Anzahl der COVID-19-Infektionen und auch die Anzahl der durch COVID-19 bedingten Todesfälle deutlich verringert hätte. Die Studie erschien im April 2021 in der Fachzeitschrift PLoS ONE.

Interview mit Professor Gernot Müller

Was sind die wichtigsten Ergebnisse Ihrer Studie?

Unsere Studie zeigt, dass ein Lockdown in Schweden im untersuchten Zeitraum von Frühjahr bis Herbst 2020 die Anzahl der Infektionen um 75 Prozent und die Anzahl der Todesfälle um 38 Prozent reduziert hätte. Das wären 2.000 Tote weniger bis Ende August 2020 gewesen.

Bei den Infektionen beginnt sich der Effekt aber erst mit einer Verzögerung von drei bis vier Wochen nach dem Beginn des Lockdowns zu zeigen, bei den Todesfällen entsprechend noch später. Das ist insofern bemerkenswert, als die Methode vor allem die kurzfristigen Effekte gut abschätzen kann. Mit fortschreitender Zeit können auch andere Faktoren als der verhängte Lockdown eine Rolle spielen.

Ein weiteres Ergebnis: Die ökonomischen Kosten eines Lockdowns wären in Schweden relativ gering ausgefallen. Wir haben dazu die wirtschaftliche Entwicklung für Schweden und den synthetischen Doppelgänger verglichen – gemessen an der Veränderung des Bruttoinlandsprodukts. Wir haben zwei Erklärungen hierfür: Zum einen ist die schwedische Wirtschaftsleistung auch ohne Lockdown signifikant zurückgegangen, denn Schwedens Wirtschaft ist nicht autonom, sondern eng verzahnt mit der Weltwirtschaft. Ein Lockdown hätte diesen Rückgang nur geringfügig verstärkt. Der zweite Erklärungsansatz hat mit Verhaltensanpassungen zu tun und ist für uns Ökonomen daher besonders interessant: Anhand der Auswertung von Google COVID-19 Community Mobility Reports konnten wir feststellen, dass die Schweden auch ohne Lockdown ihr Verhalten freiwillig angepasst und ihre Kontakte reduziert haben. Auch dies hat die Wirtschaftsleistung Schwedens reduziert, so dass der zusätzliche Effekt durch einen echten Lockdown ebenfalls gering ausgefallen wäre.

Welche Faktoren haben Sie bei der Konstruktion des Doppelgängers im Modell verwendet? 

Wir haben auf Basis einer Referenzgruppe von 13 vergleichbaren europäischen Ländern einen synthetischen Doppelgänger für Schweden entwickelt – ein kontrafaktisches Szenarium „Schweden mit Lockdown“. Dabei haben wir ein einfaches statistisches Verfahren gewählt: die synthetische Kontrollmethode (synthetic control), die in den Sozialwissenschaften sehr häufig eingesetzt wird. Zum Stichtag 1 muss dieser Doppelgänger genau dieselbe Ausgangssituation wie Schweden besitzen. „Tag 1“ bezeichnet in unserer Studie den Tag, an dem in einem Land mindestens eine Person pro einer Million Einwohner infiziert war. 

Die wichtigsten Faktoren bei der Erstellung unseres Doppelgängers waren das Infektionsgeschehen in den ersten dreizehn Tagen nach „Tag 1“, die Ländergröße (Einwohnerzahl), die Bevölkerungsdichte (Urbanitätsquote) und die Demografie: wie hoch ist der Bevölkerungsanteil von Menschen über 65 Jahren? So setzt sich unser Doppelgänger im Ergebnis aus den folgenden Ländern der Referenzgruppe zusammen: 30,0% Dänemark, 25,8% Niederlande, 25,3% Finnland, 15,0% Norwegen und 3,9% Spanien. Anschließend konnten wir die Entwicklung der Infektionszahlen und der Todesfälle für Schweden und das kontrafaktische Szenarium vergleichen. 

Warum haben Sie in einer Variante auf die Infektionszahlen und parallel in der anderen auf die Todesfälle abgehoben?

Die Gutachter von PLoS ONE wollten zunächst, dass wir den demografischen Aspekt in unsere Studie mit aufnehmen, damit unser synthetischer Doppelgänger auch in Bezug auf die vulnerable Gruppe der über 65-jährigen möglichst aussagekräftig ist. Der zweite Kritikpunkt der Gutachter war, dass die genaue Anzahl der Infektionen schwierig zu ermitteln ist, da sie in Abhängigkeit von der Anzahl von Tests steht. Deswegen haben wir auf ihren Vorschlag hin ein alternatives Szenario mit der Fokussierung auf die Todeszahlen erstellt. Hier ändert sich zwar die Zusammensetzung des Doppelgängers, aber die grundlegenden Ergebnisse der beiden Ansätze sind – was die Wirkung des Lockdowns angeht – sehr dicht beieinander.

Inwieweit können Sie daraus generelle Aussagen über die Wirksamkeit eines Lockdowns ableiten?

Unsere Studie zeigt, dass ein Lockdown ein geeignetes Mittel zur Eindämmung eines Infektionsgeschehens ist. 

Der Lockdown ist aber kein Wundermittel für schnelle Effekte. Die Effekte zeigen sich vielmehr erst mit einer Verzögerung von drei bis vier Wochen. Wir hatten Ende Oktober 2020 in Deutschland die Diskussion über einen sogenannten „Wellenbrecher-Lockdown“, einen kurzen harten Lockdown zum Stoppen des Infektionsgeschehens. Unsere Analyse spricht gegen die Wirkung eines solchen Wellenbrecher-Lockdowns, das kontrafaktorische Szenario für Schweden legt vielmehr einen längeren Lockdown von acht bis zehn Wochen zur Eindämmung des Infektionsgeschehens nahe.

Nicht berücksichtigt wurden in unserer Studie die sozialen Kosten eines Lockdowns, diese müsste man gesondert abwägen.

Planen sie die Fortsetzung der Studie bzw. weitere Studien?

In einem neuen Projekt zum Thema Lockdown schauen wir – allerdings mit anderen Methoden –, wie sich der Lockdown auf die sogenannte case fatality rate auswirkt, also den Anteil der Personen mit einer COVID-19-Erkrankung, die an dieser Erkrankung sterben. Dazu haben wir sowohl europäische Länder als auch US-amerikanische Bundesstaaten untereinander verglichen. Die ersten Ergebnisse weisen darauf hin, dass die case fatality rate durch einen Lockdown sogar noch ansteigt, obwohl gleichzeitig die absolute Anzahl der an COVID-19-Infizierten und -Verstorbenen sinkt. 

In einer weiteren Studie zum Thema „Öffnen unter Sicherheit“ untersuchen wir gemeinsam mit meinem Kollegen Professor Klaus Wälde von der Universität Mainz das „Tübinger Modell“, das im Frühjahr bundesweit für Schlagzeilen gesorgt hat.

Das Interview mit Gernot Müller führte Maximilian von Platen.

Studie "The lockdown effect: A counterfactual for Sweden."

Benjamin Born, Alexander Dietrich, Gernot Müller GJ: The lockdown effect: A counterfactual for Sweden. In : PLoS ONE 16(4): e0249732. April 8, 2021. https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0249732

Kontakt:

Professor Dr. Gernot Müller
Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät
Fachbereich Wirtschaftswissenschaft
Lehrstuhl für Internationale Makroökonomie und Finanzen
 +49 7071 29-74141
gernot.muellerspam prevention@uni-tuebingen.de

01.04.2021: Twitter als Ratgeber-Medium bei Corona-Schulschließungen

Studie der Universität Tübingen zeigt Potenzial von Online-Communities und legt Defizite des Digitalisierungsprozesses in Schulen offen

Lehrkräfte haben während der Schulschließungen aufgrund der Corona-Pandemie verstärkt Social-Media-Plattformen wie Twitter als Informationsquelle und zur Fortbildung genutzt. Sie vernetzten sich in der Online Community und tauschten sich über die Herausforderungen bei der Umstellung auf den digitalen Unterricht aus. Die drängendsten Themen waren guter digitaler Unterricht, die fehlende Software und unzureichendes digitales Know-How. Gleichzeitig zeigten die Twitter-Beiträge die Defizite im Bildungssystem hinsichtlich der digitalen Ausstattung und der Vermittlung entsprechender Kompetenzen an die Lehrkräfte auf. Zu diesem Ergebnis kamen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Hector-Instituts für Empirische Bildungsforschung an der Universität Tübingen, des Leibniz-Instituts für Wissensmedien Tübingen und des Instituts für Erziehungswissenschaft der Universität Tübingen. Die Studie wurde kürzlich in der Zeitschrift für Erziehungswissenschaft veröffentlicht.

Ausgewertet wurden unter anderem über 21.000 Beiträge, sogenannte Tweets, von mehreren tausend Nutzerinnen und Nutzern im Zeitraum vom 6. Januar bis zum 3. Juni 2020, die unter den Hashtags #twitterlehrerzimmer oder #twlz veröffentlicht wurden. Hashtags können wie Schlagworte behandelt werden und vernetzen die Mitglieder einer Community. Mit Hilfe von computerlinguistischen Methoden wurden Themen der Tweets bestimmt, sowie die Reaktionen, die sie hervorriefen, zum Beispiel, wenn sie besonders häufig weiterverbreitet wurden, starke Zustimmung erhielten oder intensiv diskutiert wurden.

Es zeigte sich, dass sich die Themen vor und während der Schulschließungen wenig unterschieden und das Twitterlehrerzimmer bereits vor den Schulschließungen für Austausch und Vernetzung hinsichtlich digitalen Unterrichts genutzt wurde. Es kann angenommen werden, dass der digital gestützte Unterricht in Deutschland vor der Corona-Pandemie bisher vor allem denjenigen Medienenthusiasten überlassen war, die sich beispielsweise aus persönlicher Überzeugung in die Thematik eingearbeitet hatten. Während der Schulschließungen erhöhte sich die Anzahl der Tweets erwartungsgemäß und das Thema wurde noch stärker in den Fokus gerückt. Vor den Schulschließungen stand eher der Wunsch nach Veränderung im Raum, der durch die häufig in Zusammenhang verwendeten Worte Bildungsnotstand und Bildungsrevolution ausgedrückt wurde. Während der Schulschließungen wurde dann die unbekannte Situation des digitalen Distanzunterrichts diskutiert. So wurde beispielsweise das Schlagwort Homeschooling in Kombination mit Worten wie Medienkompetenz verwendet, und es standen die Werkzeuge im Vordergrund, die digitalen Unterricht ermöglichen.

Um herauszufinden, welche Herausforderungen und Chancen im Twitterlehrerzimmer während der Schulschließungen thematisiert wurden, wurden diejenigen Tweets hinsichtlich ihrer Inhalte analysiert, die das größte Echo erzeugten: Sie erhielten viele Likes und wurden häufig geteilt oder kommentiert. Als die drei drängendsten Herausforderungen wurden die Gestaltung eines guten digitalen Unterrichts, die fehlende Software zum digitalen Lehren und Lernen sowie unzureichendes digitales Know-How zur Durchführung des digitalen Unterrichts genannt. Die drei größten Chancen, die sich boten, waren die Möglichkeiten für Vernetzung und Austausch, das Angebot von digitalem Material und das Angebot von Tipps und Erklärungen. Diese Angebote wurden auch am häufigsten verbreitet.

„Dies kann als Anzeichen für den großen Bedarf an Materialien, Software sowie Tipps und Erklärungen zur Nutzung und Umsetzung im digitalen Unterricht gedeutet werden“, erklärt Dr. Tim Fütterer vom Hector-Institut für Empirische Bildungsforschung und Erstautor der Studie. Beispielsweise wurde ein Tweet, der eine kostenlose Geographie-App vorstellte, am häufigsten geteilt. Am stärksten diskutiert wurden die hohe Arbeitsbelastung durch die Umstellung auf den Fernunterricht und die fehlende Software.

„Die Bildungspolitik könnte Social-Media-Plattformen wie Twitter nutzen, um einen Eindruck drängender Probleme in Echtzeit zu erhalten“, so Fütterer. Zu bedenken gibt der Wissenschaftler jedoch, dass sich die Lehrkräfte, die in der Twitterlehrerzimmer-Community aktiv sind, wahrscheinlich durch eine hohe Medienaffiniät auszeichnen. „Diese Einschränkung lässt aber auch befürchten, dass die Defizite bezüglich der Digitalisierung an Schulen, die in unserer Studie zu Tage kamen, noch größer sind.“

Publikation:

Fütterer, T., Hoch, E., Stürmer, K., Lachner, A., Fischer, C., & Scheiter, K. (2021). Was bewegt Lehrpersonen während der Schulschließungen? – Eine Analyse der Kommunikation im Twitter-Lehrerzimmer über Chancen und Herausforderungen digitalen Unterrichts. Zeitschrift für Erziehungswissenschaft. Artikel zum Download: https://doi.org/10.1007/s11618-021-01013-8 

Kontakt:

Dr. Tim Fütterer
Universität Tübingen
Hector-Institut für Empirische Bildungsforschung
 Telefon +49 7071 29 76566
tim.fuetterer@uni-tuebingen.de 

05.01.2021: Gesichtsmasken erschweren es, sich gehörte Sätze zu merken

Gesichtsmasken sind während der COVID-19 Pandemie Teil unseres alltäglichen Lebens geworden. Thanh Lan Truong, Dr. Sara Beck und Prof. Dr. Andrea Weber vom Englischen Seminar der Universität Tübingen haben jetzt untersucht, wie sich das Tragen von Masken auswirkt auf die Enkodierung von sprachlicher Information.

In der Studie wurde untersucht wieviel sich Hörerinnen und Hörer merken können von Sätzen, die in kurzen Videos von einer Sprecherin mit und ohne Gesichtsmaske gesprochen wurden. Lippen- und Kieferbewegungen enthalten linguistische Informationen. Verschlossene Lippen signalisieren zum Beispiel eine bilabiale Artikulationsstelle, wie in den Lauten /p/ oder /m/. Gleichzeitig korreliert die Offenheit des Kiefers mit der Vokalhöhe: weit geöffneter Kiefer für den Vokal /a/ und mehr geschlossener Kiefer für /i/. Diese visuelle Sprachinformation ist komplementär zum gehörten Sprachsignal und wird während der Sprachverarbeitung automatisch integriert. Gesichtsmasken verdecken nun visuelle Sprachinformationen und können so das Zuhören erschweren.

Untersucht wurde ob – unter diesen erschwerten Hörbedingungen – übergeordnete kognitive Prozesse negativ beeinflusst werden, beispielsweise die Enkodierung von Gehörtem im Gedächtnis. Dazu schauten sich die an der Studie Teilnehmenden Videoaufnahmen einer erwachsenen Sprecherin an, die kurze Sätze wie „Die Köchin hilft montags den armen Kindern“ mit und ohne Maske gesprochen hat. Nach einem Block von Sätzen wurden allen die geschriebenen Satzanfänge noch einmal gezeigt und sie mussten die Sätze vervollständigen. Dabei kam heraus, dass die Teilnehmenden signifikant weniger Wörter in den Sätzen vervollständigen konnten, wenn die Sprecherin eine Maske getragen hatte. Die Ergebnisse werden als Beleg dafür interpretiert, dass Masken die Verarbeitung von Sprache erschweren und somit weniger kognitive Ressourcen verfügbar bleiben, um Gehörtes im Gedächtnis abzuspeichern.

„Es gibt eine direkte Relevanz der Ergebnisse für viele alltägliche Kommunikationssituationen, von der Schule bis zum Arztbesuch“, erklärt eine der Autorinnen der Studie, Prof. Dr. Andrea Weber. „Interessant war für uns auch, dass die Ergebnisse nicht per se zurückzuführen sind auf schlechtere Verständlichkeit des auditiven Sprachsignals mit Maske, sondern wirklich auf das Fehlen der visuellen Informationen durch die Maske. Unsere Sprecherin hatte durchwegs deutlich gesprochen und die Aufnahmen wurden in einem schallgedämpften Raum gemacht. In weiteren Tests haben wir gefunden, dass unter diesen Bedingungen, das akustische Sprachsignal durch die Maske kaum beeinflusst wurde und Hörerinnen und Hörer keinerlei Schwierigkeiten hatten die Sätze zu verstehen. Es ist also möglich, dass bei erschwerter Verständlichkeit, zum Beispiel durch Hintergrundgeräusche, festeres Maskenmaterial oder große Abstände zwischen Sprechern, die negativen Auswirkungen von Masken auf das Behalten von Informationen noch stärker sind.“

Publikation

Die Studie "Truong, T. L., Beck, S. D., & Weber, A.: The impact of face masks on the recall of spoken sentences." wurde vom Fachmagazin Journal of the Acoustical Society of America akzeptiert und die Ergebnisse werden dort publiziert. Die Studie wurde als Teilprojekt des SFB 833 Bedeutungskonstitution von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert..

Weitere Studien in Arbeit

Seit der Einreichung der Ergebnisse beim Journal of the Acoustical Society of America, haben die drei Tübinger Forscherinnen weitere Daten erhoben. So wurde der ursprüngliche Effekt von Masken auf das Gedächtnis mit einer größeren Versuchspersonengruppe repliziert und inzwischen auch bestätigt mit einer anderen Sprecherin, in diesem Fall ein neunjähriges Kind. Weitere Untersuchungen werden aktuell durchgeführt mit einem Fokus auf die Verständlichkeit von Sprechern mit Maske in lärmbelasteten Umgebungen.

Kontakt:

Thanh Lan Truong, M.A.
Englisches Seminar
Eberhard Karls Universität Tübingen
 07071/29-74285
thanh-lan.truongspam prevention@uni-tuebingen.de

Prof. Dr. Andrea Weber
Englisches Seminar
Eberhard Karls Universität Tübingen
 07071/29-78464
andrea.weberspam prevention@uni-tuebingen.de

01.01.2021: Von der Corona-Krise zur Vertrauenskrise? Wie politisches Handeln Bewertungen des gesellschaftlichen Zusammenhalts beeinflusst

Im Rahmen eines Auswertungsprojekts der SOEP-CoV Studie (weitere Informationen unter: www.soep-cov.de ) kooperieren Forscher des Instituts für Soziologie der Universität Tübingen (Dr. Volker Lang und Prof. Martin Groß) mit Forschern am DIW Berlin und der Universität Bielefeld (Dr. Simon Kühne und Marvin Bürmann).

Sozialpolitik soll nicht zuletzt als Form institutionalisierter Solidarität helfen, gesellschaftliche Krisen zu bewältigen. In Krisensituationen wie der Corona-Pandemie zeigt sich, inwieweit staatliche Regulierungen diese Solidaritätsfunktion erfüllen. Zudem sind erfahrene und gefühlte Solidarität wichtige Einflussfaktoren für individuelle Bewertungen des sozialen Zusammenhalts von Gesellschaften. Daran anknüpfend, untersucht das Projekt die Frage inwieweit Bewertungen der politischen Maßnahmen zur Eindämmung der COVID-19-Pandemie Einschätzungen des gesellschaftlichen Zusammenhalts in Deutschland beeinflussen.

Erste Analysen anhand der für Deutschland repräsentativen SOEP-CoV Daten zeigen, dass die Sorgen um den gesellschaftlichen Zusammenhalt während der Phase der 1. Welle der Corona-Pandemie im Frühjahr 2020 im Vergleich zur Zeit davor rückläufig sind, und eine positivere Wahrnehmung des politischen Handelns zur Eindämmung der Pandemie sowie des Zustands des Gesundheits- und Wirtschaftssystems führt zu einem größeren Vertrauen in den gesellschaftlichen Zusammenhalt – auch unter Kontrolle von Sorgen um die eigene Gesundheit und finanzielle Situation. Weiterhin zeigt sich, dass der Bewertung des politischen Krisenmanagements während der Corona-Pandemie eine zentrale moderierende Rolle hinsichtlich des Zusammenhangs zwischen Sorgen um die wirtschaftliche Entwicklung und Bewertungen der sozialen Kohäsion zukommt.

Perspektivisch rückt mit der zweiten Erhebungswelle der SOEP-CoV Studie im Jahr 2021 für die Forschungskooperation auch die Frage nach der zeitlichen Stabilität der festgestellten Zusammenhänge im Verlauf der COVID-19-Pandemie ins Blickfeld.

Projektleitung

Universität Tübingen
Institut für Soziologie
Prof. Dr. Martin Groß
Dr. Volker Lang
martin.grossspam prevention@uni-tuebingen.de

01.09.2020: Wandel beruflicher Anerkennung im Kontext der Corona-Pandemie

Kaum eine Bezeichnung prägte den Diskurs um Öffnungen und auch den (Arbeits-) Alltag in der Corona-Krise so entscheidend wie die Dimension der „Systemrelevanz” von Berufen. Welche Tätigkeiten sind für die Gesellschaft unverzichtbar, wer wird vom Balkon demonstrativ beklatscht und wessen Kinder dürfen in die KiTa - und wie sieht es aus mit der Entlohnung? 

Diese öffentlichen Diskussionen sind Ausgangspunkt für das Forschungsprojekt „Wandel beruflicher Anerkennung im Kontext der Corona-Pandemie“ unter Leitung von Professor Dr. Martin Groß und Dr. Volker Lang am Institut für Soziologie der Universität Tübingen. Zwei Fragen stehen dabei im Vordergrund:

  • Wie hat sich die berufliche Anerkennung durch die Corona-Pandemie verändert?
  • Wie verhalten sich die Menschen in Deutschland gegenüber Corona-Maßnahmen?

Vorgehensweise

Zunächst ist es Ziel des Projekts, die Wahrnehmung der eigenen beruflichen Anerkennung zu ermitteln und mögliche Veränderungen dieser wahrgenommenen Anerkennung vor dem Hintergrund der Corona-Krise zu beleuchten. Fühlen sich Personen, die in diesen sogenannten systemrelevanten Berufen arbeiten, stärker anerkannt als vor der Krise oder nehmen sie im Gegenteil eher eine geringere Anerkennung als zuvor wahr?

In einem zweiten Schritt rückt die Frage in den Fokus, ob sich die wahrgenommene Anerkennung der eigenen beruflichen Tätigkeit auf die Zustimmung zu Maßnahmen der Krisenbewältigung auswirkt. In erster Linie liegt das Forschungsinteresse darin, die Akzeptanz von direkten Infektionsschutzmaßnahmen (am Arbeitsplatz) zu untersuchen. Doch auch generelle politische Maßnahmen der ökonomischen Umverteilung, der Förderung wirtschaftlicher Tätigkeit oder der Einschränkung grundrechtlich verankerter Freiheiten werden bei der Fragestellung berücksichtigt.

Um die beiden Forschungsfragen empirisch zu adressieren werden zwei standardisierte Online-Studien durchgeführt. In den beiden Erhebungen werden dazu circa 3000 Personen im Rahmen einer geografisch sowie nach Geschlecht und Alter quotierten Stichprobe aus der Erwerbsbevölkerung der Bundesrepublik Deutschland befragt. Wesentliche Informationen, die durch die Befragungen gesammelt werden, sind die Wahrnehmung der beruflichen Anerkennung, ein möglicher Wandel in dieser Wahrnehmung während der Pandemie und die Zustimmung zu Compliance-Maßnahmen in Reaktion auf die Corona-Krise sowie soziodemografische Personenmerkmale.

Webseite Forschungsprojekt: https://uni-tuebingen.de/de/197507

Projektleitung

Universität Tübingen
Institut für Soziologie
Prof. Dr. Martin Groß
Dr. Volker Lang

Kontakt

Axel Babst
axel.babstspam prevention@uni-tuebingen.de 

01.05.2020: Wie wirkt sich die Corona-Pandemie auf Menschen mit psychischen Erkrankungen aus?

Wie gehen Menschen mit Angststörungen oder Depressionen mit einem Alltag in der Corona-Pandemie um? Wie erleben Betroffene mit Ess- und Zwangsstörungen, akustischen und optischen Halluzinationen oder Panikattacken die Pandemie? Und wie ergeht es psychisch erkrankten Menschen generell im Vergleich zur gesunden Bevölkerung? Diese und weitere Fragen untersucht die Arbeitsgruppe Klinische Psychologie und Psychotherapie der Universität Tübingen unter Leitung von Professorin Dr. Jennifer Svaldi in Kooperation mit den Universitäten Münster und Osnabrück in einer Online-Studie. Daran haben mehr als 2000 Freiwillige mit und ohne Erkrankungen teilgenommen.

Kontakt:

Prof. Dr. Jennifer Svaldi
Fachbereich Psychologie
Klinische Psychologie und Psychotherapie
E-Mail: jennifer.svaldispam prevention@uni-tuebingen.de

30.04.2020: Auswirkungen der Corona-Pandemie auf den Leistungssport

Wie wirkt sich die aktuelle Corona-Pandemie auf den Leistungssport aus? Dieser Frage gehen Wissenschaftler der Abteilung Sportmedizin am Tübinger Universitätsklinikum Tübingen (UKT) unter Leitung von Professor Dr. Christof Burgstahler nach und haben dazu einen Online-Fragebogen entwickelt, der über die vier großen deutschen Sportverbände und den Landessportverband Baden-Württemberg veröffentlicht wurde. 

Seit 21. April können Leistungssportlerinnen und -sportler den Online-Fragebogen anonym ausfüllen. Allein in den ersten acht Tagen haben dies schon über 1200 Sportler (davon 600 Sportlerinnen) getan. Darunter befanden sich 278 Profisportler, 471 Bundeskaderathleten und 564 Landeskaderathleten. 406 Mitglieder einer Nationalmannschaft sind ebenfalls im Kollektiv vertreten.

Erste Zwischenergebnisse zeigen, dass im Leistungssport Infektionen nicht vermehrt auftreten. Fast 97 Prozent aller Teilnehmenden gaben in den ersten Auswertungen an, dass die Krise sie in der Ausübung ihrer Sportart zumindest mäßig beeinträchtigt. Ebenfalls groß ist der Anteil der Leistungssporttreibenden, die sich um ihre Gesundheit (33 Prozent) oder sportliche Zukunft (53 Prozent) Sorgen machen. Nur 14 Prozent geben an, sich um ihre finanzielle Situation zu sorgen.

Anfang Mai ist die Befragung auch in Österreich gestartet. Ob sich dort ähnliche Ergebnisse zeigen, werden die Wissenschaftler der Tübinger Sportmedizin in den nächsten Wochen sehen.

01.04.2020: Schutzfaktoren und psychische Gesundheit während der Covid-19-Pandemie

Für einen Großteil der Bevölkerung stellt die aktuelle Covid-19-Pandemie eine sehr große Herausforderung und Belastung dar. Empirisch belegt sind vielfältige negative Konsequenzen von Maßnahmen wie Quarantäne oder sozialer Distanzierung auf die psychische Gesundheit, wie Depressionen, Angst- oder Schlafstörungen. Gleichzeitig zeigen Studien präventive Effekte sportlicher Aktivität und sozialer Unterstützung im Hinblick auf psychische Erkrankungen. 

In diesem Kontext untersuchen Sebastian Wolf (Psychologisches Institut & Institut für Sportwissenschaft) und Professor Gorden Sudeck (Institut für Sportwissenschaft) im Rahmen einer Langzeitstudie die protektiven Effekte regelmäßiger sportlicher Aktivität und sozialer Unterstützung auf diverse Parameter wie Ängste, Depression und Schlafstörungen als Konsequenz der Covid-19-Pandemie. Auch der Einfluss der Veränderungen dieser Faktoren wird an drei Messzeitpunkten untersucht. Ein weiteres Ziel ist es eine empirische Basis zu schaffen, um zeitnah Online-Module zur Bewegungsförderung und sozialen Unterstützung entwickeln zu können. 

Die Studie wird anhand von Online-Fragebögen durchgeführt. Erhebungszeitpunkte sind: April, Mai/Juni sowie nach Ende der Pandemie.

01.04.2020: Der Einfluss der Corona-Krise auf die Einkommenserwartungen und die Konjunktur in den USA

Der Tübinger Wirtschaftswissenschaftler Professor Gernot Müller befragt in einem internationalen Forschungsprojekt seit dem 10. März 2020 täglich 200 Haushalte in den USA zu ihren Erwartungen und Befürchtungen angesichts der Corona-Krise. Beteiligt an dem Projekt sind Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universitäten Tübingen, Bonn und Brandeis (USA). Die Haushalte werden befragt, welche Folgen der Corona-Pandemie sie für das Bruttoinlandsprodukt in den USA sowie ihr persönliches Einkommen erwarten. Zudem werden die Inflationserwartungen abgefragt. Gleichzeitig wird verfolgt, ob die Pandemie das Verhalten beeinflusst, beispielsweise, ob mehr gespart wird. Im Rahmen einer Modellanalyse wird dann quantifiziert, welche Auswirkungen die abgefragten Erwartungen auf die Konjunkturentwicklung in den USA haben.

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Hygienekonzept der Universität Tübingen unter Pandemiebedingungen