Praktische Theologie III

Forschungsverbundprojekt 'De/Sakralisierung von Texten'

Das interdisziplinäre Forschungsprogramm ist Texten gewidmet, die in Gesellschaften insgesamt oder für bestimmte Gruppen einen normativen und identitätsstiftenden Charakter haben und denen eine signifikante Autoritäts- und Relevanzdifferenz zu anderen Texten zugeschrieben wird. Eben diese Differenz wird zum Gegenstand der Forschung und zwar im Kontext kultureller und religiöser Praktiken des Gebrauchs, der Auslegung, der Inszenierung und Attribuierung, durch die ihre Besonderheit und ihre Geltungsansprüche hervor- und zum Ausdruck gebracht werden. Diese Prozesse bezeichnen wir als Sakralisierung. Neben den vermeintlich offensichtlichen Beispielen für sakralisierte Schriften, den kanonischen Büchern von Religionsgemeinschaften, interessieren wir uns für Schriften im Bereich der Literatur, des Rechts und der Politik. Sakralisierung ist zunächst als ein heuristischer Begriff zu verstehen, dessen Tragfähigkeit für den Textgebrauch überprüft werden soll. 

Eine weitere  Pointe des Forschungsprogramm besteht darin, dass Texte ihre Sakralität ganz oder teilweise aber auch wieder verlieren könne, wenn die entsprechenden Praktiken sich ändern oder nicht mehr greifen bzw. im Kontext historischer Wandlungsprozesse Autoritätsansprüche nicht mehr anerkannt werden. Insofern geht es um die Erforschung von prozesshaften Dynamiken von De/Sakralisierung, die ein intuitivesVerständnis von vermeintlich säkularen oder vermeintlich sakralen Texten überwinden. Das Forschungsvorhaben zielt auf funktionale und prozesshaft zu verstehende Differenzmerkmale von kulturell prägnanten Texten, indem diese etwa identitätsstiftend für ihre jeweiligen Auslegungsgemeinschaften wirken, Orientierungskraft für die Gestaltung des individuellen und sozialen Lebens entfalten und eine diskursive Referenzgröße für gesellschaftliche Verständigungsprozesse über Werte und Normen bilden. Ihre Funktionsweisen sind zugleich in hohem Maße ambivalent, denn diese Texte erscheinen in bestimmten Kontexten als nicht verhandelbar und sie treten in Konkurrenz zueinander. 

Beteiligt sind Klaus Antoni (Abteilung für Japanologie), Matthias Bauer (Englisches Seminar), Jochen von Bernstorff (Juristische Fakultät), Lejla Demiri (Zentrum für Islamische Theologie), Andreas Hasenclever (Institut für Politikwissenschaft), Christof Landmesser (Neues Testament), Jürgen Leonhardt (Latinistik), Jan Stievermann (Heidelberg Center for American Studies) und Birgit Weyel (Praktische Theologie).