Katholisch-Theologische Fakultät

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Sommersemester 2019

Studientag 2019: Sexualisierte Gewalt in der Kirche - Zur Verantwortung theologischer Konzepte und deren notwendiger Veränderung

Begrüßung und Einführung des Dekans Prof. Dr. Michael Schüßler

Sehr geehrte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der diözesanen Pastoral,
liebe Studierende,
liebe Kolleginnen und Kollegen,
sehr verehrte Gäste,

als Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät darf ich sie alle ganz herzlich zu unserem Studientag begrüßen.

Um was geht es heute? Die psychologische und sozialwissenschaftliche Literatur definiert sexuelle Gewalt als einen Missbrauch von Macht und Überlegenheit. „Die Täter/Täterinnen nutzen ihre Macht- und Autoritätsposition aus, um eigene Bedürfnisse auf Kosten des Kindes [oder des bzw. der Schutzbefohlenen, M.S.] zu befriedigen.“1

Gerade in Institutionen wie der Kirche ist dabei das soziale und kulturelle Umfeld zu beachten. Im Film Spotlight heißt es an einer Stelle: Um ein Kind zu erziehen braucht es ein ganzes Dorf, um ein Kind zu missbrauchen ebenfalls.

Für manche in Kirche und Theologie ist es immer noch schwer zu ertragen, wenn von Strukturen und einem System des Missbrauchs in der Kirche die Rede ist. Das sei zu einfach und pauschal und verzwecke die Opfer für andere, egoistische Ziele.

Die Konsequenz ist dann meist, auf Einzelfälle und andere Ort zu deuten, an denen auch Missbrauch passiert. Aber an der Odenwaldschule und anderen Orten findet man nur vergleichbare Zusammenhänge von Machtgefälle und Intransparenz. Das Gewicht der Gewalt an kirchlichen Orten wird dadurch nicht leichter.

Der dualistische Ausweg einer Abspaltung steht der Kirche jedenfalls nicht mehr offen. Beide Päpste sind daran gescheitert. Weder ist es einfach das „Böse“, das die Kirche befallen hat (amtierender Papst Franziskus), noch ist es die Abkehr der 68er von einer vermeintlich guten Ordnung des Moralischen (Papst Emeritus). Der Zusammenhang ist tragischer Weise umgekehrt – um der göttlich-klerikalen Ordnung willen wurde Missbrauch geduldet und vertuscht. Man wird also die konzeptionelle Identität des Katholischen selbst befragen müssen.

Wer dazu im universitären Bereich lehrt und forscht weiß eigentlich: Denken ist nie unschuldig. Und theologisches Denken ist nicht unschuldig am Missbrauch in der Kirche. Die notwendige Konsequenz wäre, genau hinzuschauen, wie dieses katholische Dorf aussieht. Welche konzeptionellen, theologischen Diskurse eben gerade nicht präventiv gewirkt haben, sondern viktimisierend. Und wie das verändert werden kann! Soweit wird man Schutzkonzepte in Zukunft denken müssen, will Kirche nicht weiter ein Hochrisiko-Ort für sexuelle Gewalt sein.

Die Tübinger Fakultät kann und will dem nicht ausweichen. Wenn wir heute über die Verantwortung theologische Konzepte nachdenken, dann muss aber der Kompass klar sein. Und das beginnt mit einer vielleicht irritierenden Wirklichkeit: Missbrauch ist empirisch gesehen transideologisch. Täter gibt es links wie rechts, in progressiven und konservativen Milieus. Die notwendige Veränderung muss von der verwundeten Wirklichkeit, vom Schmerz der Betroffenen ausgehen, nicht von der Ideologie.

Es geht uns deshalb primär um die fachliche Unterscheidung, welche Denk- und Kulturmuster präventiv wirken und welche Denk- und Kulturmuster umgekehrt Missbrauch, Übergriffigkeit und Gewalt womöglich befördern. Das Stichwort institutioneller Prävention lautet „Kulturwandel“: An welchem Kulturwandel in Kirche kann und muss die Theologie mitarbeiten? Welche theologischen Konzepte sind Risikofaktoren und welche könnten als Schutzfaktoren wirken?

Aus diesem Grund in der Sache sexueller Gewalt kommt man dann aber in der Katholischen Kirche nicht um die Verbindung von Sexualität und Macht herum, kommt man um übersteigert sakralisierte Amtsverständnisse nicht herum, und kommt man auch nicht um den klerikalistischen Chorpsgeist herum, in den auch viele nichtgeweihte Gläubige gemeindlich einsozialisiert sind.

In Kirche und Theologie reagieren auf diesen zunehmenden Transformationsstress zu viele noch wie ein Student, der bei der anstehenden Abgabefrist einer Hausarbeit prokrastiniert. Es wird noch ein wenig aufgeschoben, man weicht aus, andere Dinge werden vorgeschoben. Beim Diakonat der Frau wird die nächste Arbeitsgruppe eingesetzt. Man schaut noch eine Folge „Game of Thrones“. Der nächste synodale Weg wird eröffnet.

Diese Prozesse sind wichtig, aber nur, wenn sie die Dringlichkeit wirklich voranbringen und nicht verschleppen. Wirksame Schutzkonzepte werden wohl nicht an einer Entkopplung von Macht und Sexualität in den kirchlichen Leitungsstrukturen herumkommen.

Wie das gehen kann? Im Rahmen institutioneller Schutzkonzepte macht eine Erzählung die Runde, die aus der Forschung zu Hochrisiko-Orten stammt. Amerikanischen Feuerwehrmännern wird beigebracht, niemals ihre Ausrüstung abzulegen. Doch wenn sie vom Feuer in den Wäldern fast eingeschlossen sind, dann hilft nur eine Anweisung: „Drop your tools“ – Lass das liegen, von dem du geglaubt hast, es würde dich rettet. Denn es gibt Situationen, in denen schweres Gerät den Tod bedeutet. Welche Konzepte müssen wir heute fallen lassen – wo muss es heißen: „Drop that theological tool“, damit Leben gerettet werden kann?

Ich danke schon einmal allen, die mithelfen, dass dieser Studientag so stattfinden kann. Ganz besonders freue ich mich, dass das Fortbildungsinstitut der Diözese wieder als Kooperationspartner an Bord ist. Uns allen einen spannenden Tag.

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1 Andreas Jud, Sexueller Kindesmissbrauch – Begriffe, Definitionen und Häufigkeiten, in: Fegert, J.M., Hoffmann, U., König, E., Niehues, J., Liebhardt, H. (Hrsg.), Sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen. Ein Handbuch zur Prävention und Intervention für Fachkräfte im medizinischen, psychotherapeutischen und pädagogischen Bereich, Heidelberg 2015, 41-49, 42.

 

Bericht des Reutlinger General Anzeigers

Am Freitag, den 7. Juni, erschien im Reutlinger General Anzeiger ein Bericht zum Studientag 2019. Mit freundlicher Erlaubnis der Chefredaktion können Sie den Bericht hier lesen.

 

Leserbrief von Dekan Prof. Dr. Michael Schüßler
Die Katholische Fakultät der Universität Tübingen nimmt Stellung.

In ihrem Leserbrief vom 18. April vermisst Dorothea Vollmer Stellungnahmen der Tübinger Katholisch-Theologischen Fakultät zu den aktuellen Problemen der Katholischen Kirche. Zugleich vermutet sie, dass „eventuell disziplinarische Maßnahmen im Hintergrund stehen“. Das wäre ein echtes Problem. Als Dekan der Fakultät kann ich versichern, dass beides nicht der Fall ist: weder Angst, noch Schweigen.

Viele der Kolleginnen und Kollegen sind in Kirche, in Lehrveranstaltungen und in verschiedenen Öffentlichkeiten mit den anstehenden Fragen beschäftigt: Welche Konsequenzen sind aus dem sexuellen Missbrauch durch Priester zu ziehen? Welche Rolle spielt es, dass bei der Auswahl des geistlichen Leitungspersonals bisher die Kriterien Sexualität (Zölibat) und Geschlecht (nur Männer empfangen gültig die Weihe) als wesentlich galten? Welche Vorstellungen von Kirche haben lange zu einer Kultur des Schweigens beigetragen? Welche Verantwortung kommt bei alldem theologischen Konzepten zu, die offenbar nicht zum Schutz von Kindern und Jugendlichen beigetragen haben?

Genau zu diesen Themen veranstaltet die Fakultät am 6. Juni einen Studientag. Dort wird unter anderem der Leiter der MHG-Studie, Prof. Harald Dressing, sprechen. Am Nachmittag finden Workshops mit den Professoren und -innen und anderen Experten und -innen zur notwendigen Veränderung in Kirche und Theologie statt. Und nein, es war noch nie die Tradition Tübinger Theologie, sich bei den heißen Eisen in Kirche und Gesellschaft „in Schweigen zu hüllen“.


Wintersemester 2017 / 2018

Gastprofessur Frau PD Dr. theol. Sonja Angelika Strube zum Thema "Neurechtes Christentum"

Im Rahmen der TEAching Equality-Programm der Universität Tübingen wird
Frau PD Dr. theol. Sonja Angelika Strube
im Wintersemester 2017/2018 und Sommersemester 2018
als Gastprofessorin zum Thema »Neurechtes Christentum«
lehren und forschen.

Mit dem »Neurechten Christentum« hat die Gastprofessur einen (nicht nur) in der Bundesrepublik auffälligen Sachverhalt zum Thema: Jenseits von Konfessionsgrenzen erstarken unter Christinnen und Christen xenophobe Einstellungen und Überzeugungen, überhaupt eine »Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit«; Christinnen und Christen beteiligen sich zur Verteidigung des »christlichen Abendlandes« an rechtspopulistischen und rechtsextremen Bewegungen und Strömungen; im Internet betreiben sie Seiten mit radikalen und reaktionären Inhalten, hetzen gegen abweichende Einstellungen und Überzeugungen, z.T. auch gegen kirchliche Institutionen und Amtsinhaber. Diese Form des Christentums und dessen gesellschaftliche Präsenz wird Frau PD Dr. Strube während ihrer Gastprofessur in Forschung und Lehre untersuchen, die darin liegende theologische Herausforderung bearbeiten und die Studierenden auf die praktisch-seelsorglichen Herausforderungen durch rechtsextreme ChristInnen, deren Zirkel und deren Medienpräsenz vorbereiten. Da das rechtsextreme Christentum – neben Fremden- und Islamfeindlichkeit – einen Anti-Feminismus und Anti-Genderismus sowie reaktionäre Frauen- und Familienbilder auszeichnet und gerade auch diese Momente in der Lehre der Gastprofessur bearbeitet werden, stehen ausdrücklich auch frauenpolitische Themen auf der Agenda der beantragten Gastprofessur.

Durch Forschungsprojekte und Veröffentlichungen ist Frau PD Dr. Strube als Expertin für das Thema »Neurechtes Christentum« im Bereich der Katholischen Theologie ausgewiesen. Sie arbeitet und veröffentlicht zu diesem Themenfeld bereits seit vielen Jahren – und für den Bereich der Katholischen Theologie als erste Theologin. Entsprechend liegen zahlreiche Veröffentlichungen von ihr zum Thema vor.
 

Im Wintersemester 2017/2018 wird Frau PD Dr. Strube folgende Lehrveranstaltungen anbieten:
Werte einer offenen Gesellschaft und deren Feinde. Gesellschaftskonzepte neurechter und rechts-christlicher Milieus im Spiegel christlicher Sozialethik
(Vertiefungslehrveranstaltung = Vorlesung und Kolloquium) Zeit: 14-tägig, Mi 16-18 Uhr und Do 10-12.
Nicht ohne die Anderen: Christliche Praxis zwischen Diversität und Rechtspopulismus.
(Hauptseminar) Zeit: Mi 14-16 Uhr.
Promotionskolloquium: Rechtspopulismus und Christentum.

Und im Sommersemester 2018:
»Wie lesen Rechtspopulisten welche Bibel?«. Die Bibel in rechtspopulistischen Argumentationszusammenhängen
(Hauptseminar)
Politisches Engagement aus christlicher Motivation – für und gegen die »Demo für alle«
(Oberseminar für Promovierende und Studienfortgeschrittene)
 

Informationen zum TEAching Equality-Programm der Universität Tübingen:
https://www.uni-tuebingen.de/einrichtungen/gleichstellung/gleichstellungsbeauftragte/gleichstellungsbuero/tea-programm/tea-gastprofessur.html

TEA-GastprofessorInnen an der Universität Tübingen:
https://www.uni-tuebingen.de/einrichtungen/gleichstellung/gleichstellungsbeauftragte/gleichstellungsbuero/tea-programm/tea-gastprofessorinnen.html

Veröffentlichungen von Frau PD Dr. Strube:
https://www.kath-theologie.uni-osnabrueck.de/fachgebiete/pastoraltheologie_religionspaedagogik/pd_dr_theol_sonja_angelika_strube/ankuendigung/publikationen.html