A. Dialogpraxis konkret

Seit dem Sommersemester 1997 werden im Rahmen der Lehrveranstal-tungen des Instituts für Ökumenische Forschung meist in Blockform dia-logpraktische Seminare mit christlichen und muslimischen Studierenden durchgeführt. Ziel der Seminare ist es, den Teilnehmenden Grundfähigkei-ten zu vermitteln, die sie befähigen, an ihrem späteren Einsatzort, in Schu-le, Gemeinde, Moschee oder Betrieb Menschen mit unterschiedlicher kul-tureller und weltanschaulicher Orientierung kompetent miteinander ins Gespräch zu bringen. Besonders wichtig für das methodische Konzept der »Interreligiösen Dialogpraxis« ist die Herausforderung der Gemeindepra-xis, sogenannte ›einfache Gläubige‹ anzusprechen und Verfahrensweisen zu entwickeln, die geeignet sind, auf einem nichtfachtheologischen Level mit christlichen und muslimischen Menschen zu arbeiten. Dies erübrigt natürlich nicht den - ebenso notwendigen! - wissenschaftlichen Dialog zwi-schen christlichen und muslimischen Fachleuten, der an den Universitäten zu führen ist. Denn nur die genaue Kenntnis der anderen Religion kann letztlich bestehende Mißverständnisse überwinden und die Vorurteile aus-räumen, welche heute noch vor allem das christlich-muslimische Verhält-nis in der Öffentlichkeit belasten.

Zielsetzung:

Die Dialogseminare sollen Gelegenheit geben, im praktischen Dialog Er-fahrungen zu sammeln und von den eigenen religiösen Erfahrungen aus-gehend gemeinsam über die eigene und die fremde Religion zu lernen:

- Die Studierenden lernen von- und miteinander ihre Religionen kennen und arbeiten gleichzeitig an ihren Gesprächsführungskompetenzen.

- Sie reflektieren ihre Erfahrungen im Blick auf die Anleitung zur Dialog-praxis in Schule, Gemeinde und Erwachsenenbildung.

- Sie tauschen sich im konkreten und praktischen Dialog aus über Religio-sität, Glaube und Kultur.

Die Dialogseminare verfolgen das Ziel, die »ökumenische/interreligiöse Dialogkompetenz« der Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu entwickeln. An den Seminaren sollen in der Regel etwa gleichviele christliche wie musli-mische Dialogpartner teilnehmen. Auf Anfrage können auch interessierte Nichtstudierende (Pfarrgemeinderäte, Lehrkräfte, Seelsorger, Imame usw.) zur Teilnahme zugelassen werden.

Methode und Didaktik:

Christliche und muslimische Studierende sollen nicht nur gemeinsam über ihre eigene und die Religion der anderen Teilnehmer lernen, Vorurteile überwinden und zu einem verständnisvollen Verhältnis zueinander finden. Sie sollen gleichzeitig mit wichtigen Regeln und Methoden der Gesprächs-führung vertraut gemacht und in sie eingeübt werden, die sie befähigen, an ihrem späteren Einsatzort: Schule, Kirchengemeinde, Moschee, interre-ligiöse und interkulturelle Verständigungsprozesse in Gang zu bringen und anzuleiten. Gearbeitet wird mit Regeln und Methoden der Gesprächsfüh-rung wie sie im Rahmen der »Themenzentrierten Interaktion« (TZI) und des Methodenpakets des »Neurolinguistischen programing« (NLP) entwi-ckelt wurden.

Literaturhinweise:

Zu Konzeption, Methode und Verlauf vgl.: - Urs Baumann, Bernd Jaspert (Hg.), Glaubenswelten. Zugänge zu einem Christentum in multireligiöser Gesellschaft, Frankfurt 1998, Teil C. - Matthias Vött, .Interreligiöse Dialog-kompetenz. ein Lernprogramm für den muslimisch-christlichen Dialog, Frankfurt/M. 2002.

Kontaktadressen:

Prof. Dr. Urs Baumann, T.: 07472/25916, e-Mail: urs.baumann@uni-tuebingen.de

Hussein Hamdan, T.: 0177/6023367, e-Mail: husseinhamdan@gmx.de

(Nähere Informationen zu den Seminaren sind jeweils dem aktuellen Vor-lesungskommentar zu entnehmen)

B. Die religiöse Situation im Umbruch: Krisen und Chancen

Zielsetzung:

Das Projekt setzt sich in drei Schritten mit der religiösen Situation der Zeit auseinander:

- Analyse der Geistes-, kultur- und weltbildhaften Voraussetzungen: Inter-disziplinäre Analyse der religions- und wissenssoziologischen, entwick-lungs- und religionspsychologischen Rahmenbedingungen individualisier-ter (postmoderner) Religiosität, deren Auswirkungen auf das christliche Selbstverständnis der Gegenwart und heutige Konstruktionsbedingungen religiöser Wirklichkeit.

- Phänomenologie Postchristlicher Religiosität: Krisenerscheinungen tradi-tioneller Religiosität: Tradierungskrise, religiöse Erfahrungskrise und ethi-sche Orientierungskrise; Auflösung der traditionellen religiösen Sprach-gemeinschaft biblisch-kirchlich geprägter christlicher Metaphern und Sym-bole; religiöse Individualisierung und Wertewandel; Religiosität zwischen Selbstverwirklichung, Erlebniswelt und fundamentalistischer Ereiferung. Krise der neuzeitlichen Gottesfrage und die Wiederkunft der Esoterik; Synkretismus im Christentum. Funktionswandel und Wandel der religiösen Erwartungen in der multikulturellen und multireligiösen Gesellschaft; die Relativität der christlichen Sinn- und Orientierungsangebote.

- Chancen des Christentum in der Gegenwartsgesellschaft: Chancen und Aufgaben einer religiösen Weltinterpretation im Kontext heutiger Wirklich-keitserfahrung. Ökumenische Perspektiven, Akzente und Anliegen: Ange-bot und Themen zeitgenössischen Christentums. Religiöses Selbstver-ständnis, Gemeinschaft und christliche Lebenspraxis. Das Anliegen der Menschlichkeit: Welt, Ethos und Religion.

Aktivitäten:

Studium Generale-Veranstaltungen an der Universität Tübingen:

- Licht und Dunkel - Weltreligionen im Film (1), SS 2007.

- Licht und Dunkel - Weltreligionen im Film (2), SS 2011 (beide Veranstal-tungen gem. mit Dr. Andreas Reichert).

Publikationen:

Urs Baumann, Bernd Jaspert, Glaubenswelten. Zugänge zu einem Chris-tentum in multireligiöser Gesellschaft, Frankfurt 1998, Teil A.- Urs Baumann, Christentum und Wirklichkeitserfahrung. Was heißt Glauben in einer Zeit des Epochenwandels?, in: Diskussionen. Zeitschrift für Freunde der Akademiearbeit 31 1994, 8-20. - Ders., Fundamentalismus heute, Ka-tholisches Forum Koblenz Heft 7 1995. - Ders., The Experience of Reality in the Natural Sciences an in Religion, in: The European Legacy Vol. 1, No. 4 1996, 1498-1501. - Ders., Postchristliche Religiosität als Herausfor-derung an den Religionsunterricht, in: Schöneberger Hefte 3 1997, 2-11. - Ders., Ökumene ohne Konfessionen? Postmoderne Religiosität und die Suche nach der Einheit der Christen, in: evangelische aspekte 9/1 1999, 31-36. - Ders., »Wenn wir sagen, Gott sei in der Sprache der Theologie verstorben ...«, in: Toine von den Hoogen, Hans Küng, Jean-Pierre Wils (Hg.), Die widerspenstige Religion, Kampen 1997, 185-202. - Ders., »Sand in meiner Hand«. Ein imaginäres Gespräch über die Schwierigkeit von Gott zu reden, in: Georg Langenhorst (Hg.), Auf dem Weg zu einer theologischen Ästhetik, Münster 1998, 15-28. - Stefan Schumacher, Wenn Sprache sich entfaltet. Sprache, Theologie und Spiritualität; Plötzlich er-wacht Sprache zum Leben. Ein sprachpsychologisches Training für Theo-logiestudierende, in: Urs Baumann, Bernd Jaspert (Hg.), Glaubenswelten. Zugänge zu einem Christentum in multireligiöser Gesellschaft, Frankfurt 1998, 115-135; 135-157. - Ders., Die Architektur von Sinn. Ein empirisch gewonnenes Meta-Modell der menschlichen Sinnerfahrung, Marburg 1999. - Urs Baumann, Christentum. eine Einführung, aktualisierte Neu-ausgabe, Fischer TB 19261, Frankfurt/M. 2012.

C. Das neue Bild der Welt. Theologie im Gespräch mit Physik, Biologie, Psychologie und Soziologie

Problembeschreibung:

In keiner Zeit haben sich die Vorstellungen von Kosmos, Welt und Wirk-lichkeit so rasant und so nachhaltig geändert wie heute. Vollzog sich der Wandel von einem Weltbild zu einem anderen früher in Jahrhunderten, so fordert ein geradezu exponentieller Zuwachs an Weltwissen immer neue geistige Anpassungsleistungen. Auch unsere religiösen Vorstellungen und das theologische Denken werden durch die Wissenschaften immer neu herausgefordert. Menschen denken heute überwiegend in naturwissen-schaftlichen und technischen Kategorien, während die Sprache von Theo-logie und Verkündigung sich nach wie vor hauptsächlich an philosophi-schen und literarischen Denkmustern orientiert. Die Folge ist, daß die tra-ditionelle religiöse Sprache weithin unverständlich geworden ist.

Unter Naturwissenschaftlern galt lange Zeit das szientistische Dogma, daß Religion und empirische Forschung sich nicht vertrügen. Erst in den letz-ten Jahrzehnten ist auch in den empirischen Wissenschaften die Frage nach den eigenen hermeneutischen Voraussetzungen zunehmend virulent geworden. Auch Naturwissenschaften sind keine ›voraussetzungslosen Wissenschaften‹, sondern abhängig von Interessen und Vorentscheidun-gen. Nach einer langen Epoche überwiegend analytischer und reduktionis-tischer Forschung bewegt heute die philosophisch-theologische Frage nach dem Ganzen und seiner Bedeutung viele bedeutende Physiker und Biologen. Sie versuchen die uralte Frage nach der Transzendenz von ih-rem Fach her zu beantworten und sich auch der Gottesfrage neu zu stel-len. Gleichzeitig stellt sich im Blick auf den heutigen Wissenstand die Fra-ge nach der Bestimmung und Aufgabe des Menschen neu.

In Bewegung geraten ist auch die psychologische und soziologische Ein-schätzung der Bedeutung von Religion. Bald ein Jahrhundert nach Sig-mund Freuds psychoanalytischer Kritik: Religion sei Illusion, d. h. interes-sengeleitete Vertröstung und Projektion, ist sein Vorwurf zwar immer noch nicht aus der Welt, aber die Problematik hat sich unter dem Einfluß ande-rer psychologischer Entwürfe doch wesentlich verändert. Vor allem wird seit Carl Gustav Jung, Victor E. Frankl, Paul Watzlawick, Heinz Müller-Pozzi, James W. Fowler - um nur einige Namen zu nennen - die religiöse Dimension sehr viel positiver beurteilt. Dies gilt gleichfalls für den religi-onssoziologischen Befund.

Auch auf der theologischen Seite hat ein Prozeß des Umdenkens einge-setzt. Theologie kann sich - will sie nicht wichtige Aspekte menschlicher Wirklichkeitserfahrung außer acht lassen - nicht mehr ausschließlich in philosophisch-metaphysischen und literarischen Kategorien artikulieren. Sie muß lernen, sich auch in der heute das Denken beherrschenden Welt empirischer Welterfahrung verständlich zu machen.

Aktivitäten:

Studium Generale-Veranstaltungen an der Universität Tübingen:

- Gott, Mensch und Welt in der Perspektive der Wissenschaften. Die Aktu-alität theologischen Denkens, WS 2001.

- Was heißt Leben? Antworten aus den Geisteswissenschaften, WS 2005.

Publikationen:

Urs Baumann, Projektion und Symbolbildung. Thesen zur »Konstruktion« religiöser Wirklichkeit, in: Religionspädagogische Beiträge Nr. 32 1993, 3-20. - Ders., Christentum und Wirklichkeitserfahrung. Was heißt Glauben in einer Zeit des Epochenwandels?, in: Diskussionen. Zeitschrift für Freunde der Akademiearbeit 31, 1994, 8-20. - Ders., Evolutionstheorie und Theolo-gie, in: J. Mey, R. Schmidt, S. Zibulla (Hg.), Streitfall Evolution (Stuttgart 1995) 185-199. - Ders., Der Mensch als Schöpfer neuen Lebens?, in: P. Brandt (Hg.), Zukunft der Gentechnik, Basel 1997, 243-253.

Urs Baumann (Hg.), Gott im Haus der Wissenschaften. Ein interdisziplinä-res Gespräch, Frankfurt/M. 2004. - Ders. (Hg), Was bedeutet Leben? Bei-träge aus den Geisteswissenschaften, Frankfurt/M. 2008.