Aktuelles

Bewilligung einer DFG-Forschungsgruppe

 

Es ist uns eine ganz außerordentliche Freude, mitteilen zu können, dass die DFG mit Schreiben ab dem 28. April die Forschungsgruppe FOR 2973/1

„Katholischsein in der Bundesrepublik Deutschland.

Semantiken, Praktiken und Emotionen in der westdeutschen Gesellschaft 1965-1989/90“

bewilligt hat.

Mit einem Gesamt-Finanzvolumen von knapp 3 Mio. € für die kommenden drei Jahre ist das Forschungsvorhaben gut ausgestattet, um große Schritte in der Zeitgeschichtsforschung zu gehen.

Das Projekt ist ein Unternehmen der Kommission für Zeitgeschichte (Bonn). Andreas Holzem als Sprecher wird mit der dortigen Geschäftsstelle eng zusammenarbeiten. Beteiligt sind insgesamt zehn universitäre Einrichtungen. Das Bewilligungsvolumen für Tübingen beläuft sich auf gut 600.000 €.

Inhalte und Ziele

Die Kommission für Zeitgeschichte ist bekannt für Katholizismusforschung. Wenn wir als deren Mitglieder nun eine DFG-Forschungsgruppe starten, wollen wir dezidiert etwas Anderes machen als die kirchengebundene, sozial formierte und gesellschaftspolitisch nach außen wirksame Gruppe der Katholiken zu erforschen. Ein grundlegender Paradigmenwechsel steht an: Es ist der Wandel

(1) unseres Forschungsgegenstandes, und

(2) unserer Fragestellung, die uns dazu veranlassen.

(1) Der Gegenstand: 1950 sind 50% der Katholiken regelmäßige Kirchgänger, 2018 sind es unter 10%. Die Anzahl der Katholikinnen und Katholiken – um die 25 Mio. – hat sich jedoch kaum verändert. Zunächst in einem Zeitraum zwischen 1965 und 1989/90 will „Katholischsein“ Prozesse der Öffnung fassen: plurale Wandlungsdynamiken und erweiterte Räume zivilgesellschaftlicher und politischer Vernetzung. Im Englischen wäre „Katholischsein“ nicht „being catholic“, sondern „doing catholicisms“ – im Plural. Was sind die vielen Formen des „Katholischseins“, wenn sie nicht mehr als organisierte Kirchlichkeit stattfinden? In welcher Weise sind diejenigen, die nicht mehr zur Kirche, aber zu den Grünen gehen, auf ihre Art katholisch? „Katholischsein“ als Forschungsgegenstand rechnet nicht mehr mit einem soziopolitischen und religionskulturellen Milieu, das sich vom Rest der Gesellschaft signifikant unterscheiden will.

(2) Die Fragestellung: Die zentristische Kirche und ihre sinnbildenden Deutungen wandelten sich durch das II. Vatikanische Konzil grundlegend. Dessen Rezeption konzipierte den Zusammenhang von Religion und Gesellschaft völlig neu. Religion verschwindet nicht. Vielmehr verändert sich der soziale Ort, an dem sie sich ereignet und in diesem Prozess mithin die Semantiken, die Praktiken und die Emotionen des Religiösen. Diesen Wandel zu analysieren, fordert einen Wandel des Forschungsparadigmas – nicht mehr Zeitgeschichte eines konfessionellen Milieus, sondern Religion eingeschrieben in die zeitgeschichtliche Veränderungsdynamik. Welchen spezifischen Beitrag – das ist unsere neue Fragestellung – leistete das „Katholischsein“ zur Sozialgestalt der Bundesrepublik seit den 1960er/70er Jahren?

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