Praktische Theologie

Forschungsschwerpunkte des Lehrstuhls für Praktische Theologie Tübingen

Ereignisdispositiv: Veränderte Zeitstrukturen als Herausforderung für Kirche und Theologie

In welcher Gegenwart wird heute und hierzulande Praktische Theologie betrieben? Vor dem Hintergrund zeitstruktureller Analysen wird die Diagnose vom Ereignisdispositiv plausibel. Das versucht die Beobachtung auf den Begriff zu bringen, dass wir heute unser Leben, die Zeit aber auch Gott viel weniger im Griff haben, als (modern) oft unterstellt wurde. Die Grundthese lautet: Mit jedem Ereignis kann sich die Welt und die eigene Biographie radikal verändern, man weiß aber nur selten genau wohin. In jeder Gegenwart muss deshalb neu begonnen werden. Neu begonnen wird aber nie vor einer Tabula rasa, sondern in Differenz oder/und verändernder Wiederholung bisheriger sozialer Strukturen und kultureller Erfahrungsmuster. Damit driftet die Entdeckung des Evangeliums aus ihren modernen Festkörpern hinaus aufs offene Meer: Der Entdeckungshorizont des Evangeliums hat sich erneut verflüssigt. Das kommende Ereignis, der jeweils nächste Schritt in einem unsicheren Gelände, wird zum neuen Inkulturationsort des Evangeliums. Der Praktischen Theologie stellen sich dann zwei Grundsatzfragen: Wie kann sich PrTh auf die beschriebenen Verunsicherungen des Lebens im Denken konstruktiv einstellen? Und: Wie kann sie das auf der Basis ihrer eigenen Identität tun, nämlich dabei der situativen Konkretion des Evangeliums verpflichtet zu sein.

Erforschung kirchlicher Verflüssigungsprozesse und entgrenzter Präsenz des Evangeliums

Dieses Projekt ist eine weiterführende Konsequenz aus den zeittheologischen Analysen. Konfessionelle und interreligiöse Abgrenzung verschwimmen an Praxisorten und neue Kooperationen entstehen. Zugleich bilden sich offenbar ganz neue Konfliktlinien quer zu den vertrauten Identitäten. Das gilt es auch auf der Ebene des Diskurses einzuholen. Die gewohnten kirchlichen Tradierungs- und Sozialformen des Christlichen stehen unter Veränderungsdruck, während neue pastorale Orte entstehen, die theologisch nicht ausreichend reflektiert und gewürdigt sind. Wie lässt sich beides im Sinne einer verflüssigten Kirchenbildung neu zusammendenken? Welche handlungswirksamen Leitunterscheidungen pastoraler Praxis werden problematisch, welche müssten vom Evangelium her neu etabliert und gestärkt werden.

Veränderte (postheroische) Formation diakonischer Präsenz von Kirche / Theologiegenerativität von Caritasorten

An der Schnittstelle von Gemeinde und Caritas gibt es drängenden Forschungsbedarf: Wie kann eine diakonische Präsenz von Kirche in Zukunft weiter und v.a. breiter vorangetriebenen werden. Vernetzung ist das Stichwort: Was kann sie leisten? Aus Praxiskontakten mit Caritasorten entsteht grundlegender Forschungsbedarf, der explorativ und konzeptionell bearbeitet werden soll:

Theologie der Geschlechterdifferenz und Pastoral der Lebensformen nach dem Ende kirchlicher Pastoralmacht (Doing gender meets doing religion)

Das Geschlechterverhältnis markiert gegenwärtig wohl den entscheidenden Riss an der Bruchkante zwischen dem normativen Orientierungsanspruch religiöser Gemeinschaften und faktischer Lebensbewältigung in der Gegenwart. Wie Männer und Frauen ihr Leben leben sollen, das ist ein entscheidender Kampfplatz in der profilierenden Abgrenzung religiöser Identitäten gegenüber rein säkularen Lebensmodellen. Und es ist zugleich ein identitätsgenerierender Kampfplatz innerhalb des religiösen Feldes für die Vielfalt konkurrierender Religionen, Konfessionen und innerkonfessionellen Standpunkte. Doch wie irritieren diese religionspolitischen Orientierungsabsichten tatsächlich das Leben von Menschen? Das empirisch-explorativ anzugehendes Forschungsdesiderat lautet: Wie greifen Menschen mit katholischer, evangelischer und muslimischer Biographieprägung auf Diskurse und Symbole des jeweiligen religiösen Erbes zurück, um ihr eigenes Leben als Frau oder Mann vor Gott, mit Gott und manchmal wohl auch gegen Gott zu deuten? Die Ergebnisse können als Erkenntnis- und Innovationspool dienen für eine horizonterweiternde Verhältnisbestimmung von Gotteskonzepten und Geschlechterpraktiken in den religiösen Kontrasten der Gegenwartsgesellschaft.

Erkenntnistheoretische und methodische Grundlagen Praktischer Theologie (Systemtheorie, Empirische Sozialforschung, Cultural turn, Ereignis-Denken, Neuer Realismus)

Nach dem notwendigen Abschied von klassischer Hermeneutik und Handlungstheorie steht die (Praktische) Theologie vor neuen Aufgaben. Es geht um den Anschluss an den Stand sozial- und kulturwissenschaftlicher Theoriebildung im Umkreis von Systemtheorie, Dekonstruktion, Diskursanalyse, entsprechenden (empirischen) Forschungsmethodiken und deren theologische Weiterentwicklung.

Erforschung der Affektstruktur des Katholizismus

Es geht um eine Art pastoraltheologischer System- oder Strukturtheorie von religionsaffinen Gefühlen, wie also unser religiös-kirchlicher Affekthaushalt nicht nur personal, sondern auch strukturell vorgeprägt ist. Was im Bereich des Lebens und Glaubens Angst auslöst oder ein vorrationales Unbehagen, was jeweils ergreift und berührt – das folgt wohl (auch) einer noch weitgehend unentdeckten, aber offenbar sehr wirksamen Affektlogik des Katholizismus. Dessen Genealogie ist noch zu schreiben.