Praktische Theologie ist die Gegenwartssonde der Theologie.

Sie ist die fachgewordene Erinnerung an die Praxisrelevanz des christlichen Glaubens insgesamt und damit jeder Rede von Gott. Insofern sind schwierige Zeiten für Kirche und Gesellschaft, so Rainer Bucher, gute Zeiten für die Praktische Theologie. Weniges scheint heute notwendiger als die heilsame Zivilisierung der Gewaltpotenziale in Religion und Politik. Jürgen Habermas ahnt es, Charles Taylor begründet es, Papst Franziskus vertritt es: Es geht darum, dem verletzbaren und bedrohten Leben der Gegenwart eine diskursfähige und zugleich religiös authentische Stimme zu geben.

Als akademisches Fach kann Praktische Theologie dabei drei Größen nicht ausweichen: Der Gegenwart, den konkreten Lebenspraktiken und dem Evangelium vom Gott Jesu.

Der Gegenwart nicht ausweichen!

Praktische Theologie ist der flüchtigen Grenze von Vergangenheit und Zukunft verpflichtet: der Gegenwart. Anders als die Biblische, Historische oder Systematische kann die Praktische Theologie nicht in vermeintliche Gewissheiten des Vergangenen ausweichen, wo sich die unübersichtliche Vielfalt der Absichten und Ereignisse bereits gelichtet haben, wo die Quellen einen Rahmen vorgeben und die maßgeblichen Theologen (selten nur Theologinnen) immer schon das normativ Gültige formuliert haben. Die Praktische Theologie hat es mit der oft irritierenden Neuheit der Gegenwart zu tun und fragt nach den Realisierungschancen des Evangeliums darin. Das ist unsicher, angreifbar und immer auch ein Wagnis. Oder wie Sören Kierkegaard es formuliert hat: „Das Leben kann nur in der Schau nach rückwärts verstanden, aber nur in der Schau nach vorwärts gelebt werden“. Die Welt und was wir über sie wissen verändert sich so schnell, dass Nichts in Kirche, Christentum und Theologie mehr selbstverständlich ist. Der Prüfstand religiöser Glaubenstraditionen ist damit nicht mehr nur das Forum der Vernunft, sondern vor allem seine Leben ermöglichende Praxisrelevanz.

Den Lebenspraktiken nicht ausweichen!

Praktische Theologie kann sich zweitens nicht allein in die Sprachspiele theoretischen Denkens oder die Sinnwelten formaler Logiken zurückziehen. Sie muss sich auf Handlungsprobleme einlassen, die das konkrete Leben in aller Kompliziertheit für einen bereithält. Spannend wird das Ganze, weil Praktische Theologie diese Handlungsprobleme als akademisch verantworteter Diskurs beobachtet. Damit sitzt das Fach zwischen vielen Stühlen. An der Universität wirkt sie als zu wenig akademisch, weil sie die Eigenlogik von Ereignis und Erfahrung als Erkenntnisorte einklagen muss. Im Alltagsleben der Einzelnen und der Kirche dagegen gilt sie als zu abgehoben oder zu wenig fromm – eben als akademisch. Dieser Kontrast erzeugt eine kreative Unruhe zwischen Leben und Lehre, zwischen Dogma und Pastoral. Als akademisches Fach geht es also nicht einfach um das Abbilden von Praxis. Es geht um intellektuelle Diskurse, die sich von den Problemen des außerakademischen Lebens irritieren lassen und auf Praxisprobleme hin formuliert werden.

Dem Evangelium vom Gott Jesu nicht ausweichen!

Und sie kann wie jede christliche Theologie bei alldem dem Gott Jesu nicht ausweichen, weil sie sich auf ihn beruft. Praktische Theologie ist Theologie, weil sie an den Orten und Themen, die sie bearbeitet, mit der Wirklichkeit Gottes als Evangelium, als gute Nachricht rechnet. Die Leitunterscheidung ist hier nicht religiös/säkular, sondern Gott/Welt. Vom biblischen Zeugnis her steht Theologie nicht zuerst im Dienst der Tradierung eines religiösen Bekenntnisses, sondern im Dienst an den von Gott verheißen Lebensmöglichkeiten aller Menschen. Das ist die Pointe der Reich Gottes Botschaft Jesu. Das Evangelium stellt keine zusätzlichen, religiösen Forderungen an uns. Es geht allein um das Wagnis, sich vom gefährdeten Leben der Anderen bis in den Kern des Glaubens und der eigenen personalen und sozialen Existenz hinein berühren zu lassen. Mt 11,5 formuliert biblisch genau das: „Blinde sehen wieder, und Lahme gehen … und den Armen wird das Evangelium verkündet“. Genau darin liegt der immer wieder aufbrechende heiße Kern biblischer Traditionen: einen Gott zu bezeugen, der bis in all unsere Verletzungen, in all unsere Existenzängste und Glaubenszweifel hinein ein letztlich befreiendes Ereignis gewesen sein wird.