Religionspädagogik

Die aktuelle Ausgabe

Das »Gift« des Antisemitismus ist das thematische Motto dieser Ausgabe. Es ist »alt«, da seine Frühformen weit in vorchristliche Zeit zurückreichen. Durch die Ablöseprozesse der (vor allem der hellenistischen) Christen vom Judentum und der Entstehung einer Theologie der »Überwindung« bzw. »Ersetzung« (Substitution) der jüdischen Religion durch die christliche entstand eine neue Dimension der Judenfeindschaft: Antisemitismus wurde zum Programm des christlichen Abendlands. Zwar gab es immer auch Zeiten relativer fried- licher Koexistenz und des Austausches zwischen Christen und Juden, letztere blieben aber stets »verdächtig«, da sie die »Wahrheit« nicht erkennen würden und »verblendet« seien gegenüber der Botschaft Christi. Ihre Minderheitssituation wurde als »konspirativ« gedeutet, sie wurden schuldig für Katastrophen wie die mittelalterliche Pest deklariert. Schließlich wurden Juden dämonisiert und verteufelt. Der Vorwurf, mit dem Satan im Bunde zu stecken, war eine der Ursachen für aufkommende Verschwörungsmythen, die – bis heute – den Juden unterstellen, die Macht in Staat, Religion, Gesellschaft und Wirtschaft erlangen zu wollen. Derlei Verschwörungsmythen unterscheiden den Antisemitismus von anderen Formen des Rassismus und der Feindseligkeit gegenüber anderen Religionen oder Fremden. Dieser »alte« Antisemitismus taucht heute in »neuen Schläuchen« auf, will sagen, in neuen Kommunikationsformen, insbesondere auf Mainstream-Seiten des Internet, aber auch mit neuen Anschärfungen, die vor allem die Existenz des Staates Israel betreffen. Schlagzeilen machten in den vergangenen Jahren antisemitische Töne in populären Songtexten, arabischer bzw. muslimischer Antisemitismus, der sich auch in Europa breit macht, sowie eine Radikalisierung extremistischer und rechtsradikaler Anfeindungen gegen Juden. Neuere Studien zeigen, dass Antisemitismus nicht nur an den »Rändern«, sondern in der Mitte der Gesellschaft vorhanden ist.

Alle diese Formen finden in den vorliegenden Beiträgen Erwähnung und werden analysiert. Die Leser_innen werden – so das Konzept dieser Zeitschrift – in elementarer Form informiert und finden zahlreiche Literaturangaben zur weiteren Vertiefung. Ebenfalls finden Sie wieder Vorschläge für die Bildungsarbeit, theologische Kommentare zu derzeit diskutierten Themen, aktuelle Notizen und Rezensionen.

Die Zeitschrift für christlich-jüdische Begeg- nung im Kontext bleibt damit der Tradition und den ursprünglich gesetzten Zielen des früherenFreiburger Rundbriefs treu, der vor 70 Jahren zum ersten Mal erschienen ist. Ein Abdruck des Inhaltverzeichnisses des ersten Freiburger Rundbriefs1948 finden Sie zu Beginn dieser Ausgabe. In ihrem ersten Geleitwort schreibt die Gründerin und Initiatorin Dr. Gertrud Luckner unter anderem, dass sich aus ihren Hilfsaktionen für Juden in der Nazizeit, die sie im Untergrund mit Unterstützung kirchlicher Kreise und der Caritas organisiert hatte, nach 1945 die Frage ergab, welche Konsequenzen zu ziehen sind: »Dabei wurde auch die Herausgabe einer Korrespondenz angeregt, die das Verhältnis zwischen den Angehörigen des alten und des neuen Gottesvolkes informierend und klärend behandeln und so die verhängnisvolle gegenseitige Unkenntnis überwinden helfen soll.« Diese Aufgabe hat sich im Laufe der vergangenen 70 Jahre kaum verändert, denn die gegenseitige Kenntnis und Achtung zu fördern ist ein Dauerauftrag, dem sich insbesondere Christen in ihrem Verhältnis zu Juden immer wieder aufs Neue stellen müssen. Frau Luckner schreibt weiter: »Schweigen, Gleichgültigkeit und Verständnislosigkeit liegen über der Ermordung von Millionen. Inzwischen sind Abneigung und Judenhass als Folge mancher verhängnisvollen Entwicklung dieser Jahre erneut im Wachsen.« Heute klingen diese Worte geradezu prophetisch, denn sie geben der Vorahnung Ausdruck, dass Antisemitismus mit dem Ende des Nationalsozialismus nicht zu seinem Ende gekommen ist, sondern immer wieder neu auflebt. Der ständige Kampf gegen Judenhass gehört von daher zum Grundanliegen dieser Zeitschrift – und zur zentralen Aufgabe von Kirche und Gesellschaft insgesamt. Mit dieser Ausgabe, die den Antisemitismus zum expliziten Thema macht, wollen wir einen weiteren Beitrag dazu leisten.