Religionspädagogik

Nachruf auf Elie Wiesel

Elie Wiesel wurde im Jahr 1928 in Sighet (damals Ungarn, heute Rumänien) als Sohn jüdischer Eltern geboren. Seine Kindheit und Jugendzeit verbrachte er mit immer intensiverem Studium der Tora und der weiteren heiligen Texte der jüdischen Tradition. Diese Quelle für Identität und Inspiration versiegte auch nicht in der Zeit des „Reichs der Nacht“, wie er die Todeslager nannte. Gleichwohl waren der Zugang zu Gott und zur Überlieferung durch die Ereignisse von Auschwitz und all dem, wofür dieser Name steht, verschattet. Nach dem Krieg lernte er erst nach und nach wieder das Alphabet des Lebens und des Glaubens.

Das Frankreich der Nachkriegszeit wurde zu seiner zweiten Heimat, auch die französische Sprache, in der er bis zuletzt seine zentralen Werke verfasste. Darunter befinden sich mehr als ein Dutzend Romane, ebenso viele Bücher über die biblische, talmudische und chassidische Tradition, autobiografische Schriften sowie unzählige Artikel und Essays. Sein Werk kreist um die Bedeutung der Erinnerung für Gegenwart und Zukunft.

Wiesels erstes ist zugleich sein bekanntestes und wichtigstes Buch mit dem schlichten Titel „Nacht“, das als Zeugnis der Deportation und der Erfahrungen in den Lagern zu einem der wichtigsten Dokumente des Holocaustgedenkens weltweit wurde. Alle weiteren Bücher kreisen wie in konzentrischen Kreisen um diese Erinnerung. Auch die Schriften über die jüdische Tradition, zur Frage nach Gott angesichts des Leidens, über Themen der Menschenwürde, des Hasses und des Friedens sind gespeist von dem Gedenken des Gipfelpunkts der Unmenschlichkeit.

In seinen Romanen und Dramen suchen die Hauptfiguren Wege, wie sie mit der Erinnerung an Verfolgung und Tod weiterleben können, wie sie eine Zukunft gegen, aber auch mit und aus der Erinnerung leben können. In den Schriften zur jüdischen Tradition unternimmt Wiesel den Versuch, an die alten Traditionen anzuknüpfen „über den Abgrund aus Feuer und Tränen hinweg“. Insbesondere die Essays sind Dokumente der Menschenwürde. In der Auseinandersetzung mit aktuelle Fragen und Problemen der Menschheit – u.a. Rassismus, Verletzung der Menschenrechte, Krieg, Hunger, Vertreibung und Flucht – deutet der Auschwitz-Überlebende die Gegenwart im Spiegel der Vergangenheit.

Seine Engagement als Schriftsteller ging Hand in Hand mit konkreten Aktionen, die Elie Wiesel in aller Welt im Namen der Menschlichkeit durchführte: Protest gegen Apartheid in Südafrika und gegen Antisemitismus in der Sowjetunion, Kampf gegen die Ausrottung von indigenen Bevölkerungsschichten in Südamerika und gegen Hunger in Afrika, vehementes Eintreten gegen Krieg in Kambodscha, Serbien und anderen Teilen der Welt. Für sein konsequentes Handeln erhielt er im Jahr 1986 den Friedensnobelpreis.

Sein Ziel ist eine humane Zukunft, in der Menschen gleich welcher Herkunft, Religion, Hautfarbe oder sozialen Zugehörigkeit respektiert und geachtet werden:

„Es ist wahr, wir haben keine Macht gegen den Tod; aber so lange wir einem Mann, einer Frau, einem Kind helfen, eine Stunde länger in Sicherheit und Würde zu leben, bestärken wir das menschliche Recht auf Leben.“