Lehrveranstaltungen im Wintersemester 2019/20

Lehrangebot Theologische Sozialethik im SS 2020: Umstellung auf eLearning

Soweit sich in absehbarer Zeit keine andere Situation ergibt, werden alle Lehrangebote des Lehrstuhls Theologische Ethik/Sozialethik in eLearning-Formaten durchgeführt – und dies ab dem 20. April. Der Zugang zu den Lehrangeboten erfolgt über die ILIAS-Kurse der Lehrveranstaltungen. Um Zugang zu den Kursen zu erhalten, ist eine Anmeldung über Alma erforderliche. Besprochene Folien werden jeweils wöchentlich zur Verfügung gestellt. Video-Chats und Webinars finden zu den angegebenen Zeiten statt. Sollten Webianare und Webkonferenzen wegen Überlastungen der Netz-Infrastruktur nicht möglich bzw. nicht sinnvoll sein, wird für die betroffenen Veranstaltungen ein alternatives eLearning-Format gesucht.

Eine Übersicht über die Lehrveranstaltungen finden Sie hier.

Vorlesung: ÖkologischeSozialethik

Prof. Dr. Möhring-Hesse

Seit den 1970er Jahren und mit wachsender Intensität wird gesellschaftlich bewusst, dass durch Art und Umfang des Wirtschaftens die natürlichen Ressourcen aufgezehrt werden, auf die aber die Menschen nicht nur in der Gegenwart, sondern auch in der Zukunft angewiesen sind. Wie in den Gegenwartsgesellschaften der Wohlstand produziert, wie er verteilt und »genossen« wird, das untergräbt die Voraussetzungen dafür, dass Menschen in der Gegenwart, erst recht aber in der Zukunft überhaupt in Wohlstand leben können. Ein nachhaltiger Umgang mit den natürlichen Ressourcen ist aber nur zu haben, wenn die technische Naturbeherrschung und die wirtschaftliche Naturnutzung drastisch eingeschränkt, wenn die Lebensformen der Menschen und die Weise des Wirtschaftens, der Produktion und des Konsums, deutlich verändert werden. Diese ökologische Frage ist zugleich eine soziale Frage – und kann deshalb weder richtig gestellt, geschweige denn: überzeugend beantwortet werden, wenn der nachhaltige Umgang mit der »Natur« nicht als eine Forderung der Gerechtigkeit zwischen Menschen begründet und entsprechend orientiert wird. Die dazu notwendige Vermessung der »Umweltfrage« als einer »sozialen Frage« ist Aufgabe einer »Ökologischen Sozialethik«.

Vorlesung: Grundbegriffe der Sozialethik

Prof. Dr. Möhring-Hesse

Als ein wissenschaftliches Unterfangen arbeitet die theologische Sozialethik mit besonderen Begriffen, um ihrem Gegenstand, die richtige Ordnung von Gesellschaften und gesellschaftlichen Zusammenhängen, zu »begreifen«. Was ihre zentralen Begriffe angeht, ist die Sozialethik allerdings nicht »Herr im eigenen Hause«. Sie muss ihre zentralen Begriffe erstens mit anderen, vor allem mit den sozialwissenschaftlichen Wissenschaftsfächern teilen, zweitens als Ethik den Anschluss an die Erstnutzung dieser Begriffe in den politischen Auseinandersetzungen um die Ordnung von Gesellschaften und gesellschaftlichen Zusammenhängen halten. Mit einer doppelten Aufmerksamkeit auf die Begriffswelten »außerhalb« der Sozialethik sollen in der Vorlesung deren zentrale Begriffe, wie Gesellschaft und Gerechtigkeit, Inklusion und Solidarität, vorgestellt werden.

Hauptseminar: »... dass man nichts geschenkt bekommt im Leben«. Die »einfachen Leute« und ihre politische Ethik

Prof. Dr. Möhring-Hesse

Mit aller Macht bringen sich gegenwärtig »einfache Leute« ins öffentliche Bewusstsein, sprechen für sich und für alle anderen »einfachen Leute«. Sich selbst sehen sie in Widerspruch zu den Eliten »da oben«. In der sozialwissenschaftlichen Beobachtung werden sie als das opponierende Gegenstück zu den bürgerlichen, liberalen »Kosmopoliten« gesehen – und dann auch schon einmal »Kommunitaristen« genannt.

Die politische Lage in der Bundesrepublik und in vielen anderen Ländern dieser Welt wird man nicht verstehen, wenn man diese »einfachen Leute« und deren politische Ethik nicht in den Blick nimmt. Das gilt zumal für eine Sozialethik, die weiß (zumindest wissen sollte), dass sie ihre normativen Überzeugungen und Beurteilungsschemata nicht von »außerhalb« der sozialen Verhältnisse hat, die sie als ihren Gegenstand hat, und dass sich – zudem – ihre normativen Überzeugungen und Beurteilungen in ebendiesen sozialen Verhältnissen bewähren müssen können.

Wer aber die politische Ethik der »einfachen Leute« in den Blick nimmt, die oder der sollte wissen, dass deren politische Ethik nicht einfach und nicht eindeutig ist. Zudem sollte sie oder er ahnen, dass man die politische Ethik der »einfachen Leute« nur verstehen kann, wenn man bereit und in der Lage ist, sie zu kritisieren. Denn die »einfachen Leute« sind in ihrem politischen Denken keineswegs harmlos, sind oftmals exkludierend und diskriminierend, stolz und kämpferisch unterwegs, – und dies gerade dann, wenn sie ausdrücklich als »einfache Leute« oder in deren Namen auftreten. Zudem ist die politische Ethik (auch) der »einfachen Leute« – wissenssoziologisch gesehen – notwendig unterkomplex, dient sie ihnen doch zur Bewältigung politisch komplexer Situationen. Wie aber kritisiert man die politische Ethik der »einfachen Leute«, ohne dabei deren Kritik an wissenschaftliche Eliten nur zu bewahrheiten und der Entgegensetzung von »Kommunitaristen« und »Kosmopoliten« zu verfallen.

Hauptseminar: »If you're white, it's alright«: Die Unsichtbarkeit des Weißseins als sozialethische Frage

Prof.'in Dr.'in Ammicht Quinn

Die Critical Whiteness Studies sind in Deutschland relativ wenig rezipiert. Dies liegt daran, dass bis vor kurzem anscheinend keine Notwendigkeit dafür bestand, weil Weiße ihr Weißsein nicht als entscheidende Kategorie empfinden. Auch Integrations- und Diversitätsansätze fokussieren immer wieder auf die »Anderen«, ohne die eigene Positionierung in den Blick zu nehmen. »Weiß« ist dabei keine biologische oder persönliche Eigenschaft. Sie ist eine historisch gewach- sene sozial bedeutsame Konstruktion. Eine so entstandene Gruppe hat Privilegien, Deutungsmus- ter und Verhaltensweisen, die machtvoll und zugleich unsichtbar sind. Das größte Privileg ist, nicht gezwungen zu sein, sich mit Rassismus zu befassen.

Das Seminar analysiert

  • Weißsein im Kontext europäischer Aufklärung, die Gleichheit und Brüderlichkeit, zugleich aber die Bedeutung unterschiedlicher Rassen betont hat;
  • kulturelle Modelle, die Weißsein als (implizite) Norm setzen;
  • kritisches Weißsein als Intersektionalität; Kritik der Critical Whiteness Studies; Fragen der »Farbenblindheit«;
  • Weißsein als Norm in unterschiedlichen Bereichen (Erziehung und Bildung, Religion, Me- dien, Technik, »white charity« usw.)

Damit befasst sich das Seminar auf unterschiedlichen Ebenen mit der Problematik, dass »Weiße« nicht einfach »Menschen« sind, sondern »weiße Menschen«. Denn es gibt, so Grada Kilomba (Ber- lin), »keine machtvollere Position, als sich nur als Mensch zu sehen und die Norm zu bestimmen«.

Grundkurs: Menschenwürde – Gerechtigkeit – Solidarität

Michael Brugger

Sozialethik ist normativ-theoretisches Nachdenken über die gerechte Ordnung sozialer Beziehungen und gesellschaftlicher Verhältnisse. Theologisch motiviert ist dieses Nachdenken durch das diakonische Engagement von Christinnen und Christen, das sich auch in der Aushandlung und Mitgestaltung gesellschaftlicher Ordnungen zeitigt. Sozialethik reflektiert auf dieses Engagement und trägt zu dessen Orientierung bei. Im Grundkurs wollen wir einerseits nach dem Verhältnis von christlichem Glauben und dem Engagement für gerechte gesellschaftliche Ordnungen fragen. Andererseits lernen wir anhand der sozialethischen Kernbegriffe Menschenwürde, Gerechtigkeit und Solidarität beispielhaft gesellschaftliche Konfliktfelder und anknüpfende politisch-philosophische Argumentationen kennen. Wir arbeiten dafür mit Texten und sind im Gespräch mit kirchlichen Akteurinnen und Akteuren.

Lektürekurs: »Auch eine Geschichte der Philosophie«. Habermas` Genealogie der nachmetaphysischen Rationalität (1. Teil: Die okzidentale Konstellation von Glauben und Wissen)

Prof. Dr. Möhring-Hesse

Ende des vergangenen Jahres veröffentlichte Jürgen Habermas ein neues Opus magnum:

„Auch eine Geschichte der Philosophie“. Über zwei dicke Bände hinweg entwickelt er eine Genealogie des nachmetaphysischen Denkens – und spürt dazu vor allem der mühsamen Trennung von „Glauben und Wissen“ nach. Was ihm zur Klärung des professionellen Selbstverständnisses einer auf das „Ganze“, gleichwohl nachmetaphysischen Philosophie dient, ist für Theolog!nnen eine ausgezeichnete Gelegenheit, über Religion und Glauben sowie über eine zeitgemäße (nachmetaphysische?) Theologie nachzudenken. Seine Rezension titelt der Luzerner Fundamentaltheologe Edmund Arens deshalb zutreffend mit „Auch eine Geschichte der Religion“. Er schreibt: „Nie zuvor hat sich Habermas so intensiv und extensiv auf die Geschichte der okzidentalen Religionen eingelassen; nie zuvor hat er kenntnisreiche Diskurse mit diversen theologischen Traditionen geführt; nie zuvor hat er sowohl biblische Texte als auch religiöse und kirchliche Vollzüge, Glaubensinhalte und Organisationsformen so eingehend analysiert und reflektiert. Wer sich in Zukunft wissenschaftlich à jour mit westlichen Religionen, den Interferenzen von Theologie und Philosophie, der Brisanz und Relevanz des Glaubens in der Gegenwart nachmetaphysischen Denkens befassen will, kommt um das Studium von Habermas‘ zweivoluminösen Bänden nicht [...]herum.“

In einem auf zwei Semester angelegten Lektürekurs nehmen wir uns das neue Opus magnum von Jürgen Habermas vor, in Sommersemester den ersten Band über „Die okzidentale Konstellation von Glauben und Wissen“. Die Teilnahme nur in diesem Sommersemester ist wie auch der Einstieg erst zum kommenden Wintersemester möglich.

Die gemeinsame Lektüre und Diskussion von „Auch eine Geschichte der Philosophie“ betrifft unvermeidbar die „Philosophischen Grundlagen der Theologie“. Leider sah sich der für dieses Fach zuständige Lehrstuhlinhaber nicht in der Lage, die Studienleistung in diesem Lektürekurs für sein Fach anzuerkennen. Deswegen kann eine Anrechnung in den unterschiedlichen Studiengängen nur über das Eigenstudium oder über die Wahl- und Schwerpunktbildung erfolgen. Vielleicht finden Studierende, die etwa ihre Auswärtssemester in Tübingen verbringen, gnädige Prüfungsämter. Der Workload ist – zugegeben – knapp bemessen. Von daher lohnt sich die Teilnahme nur für Studierende, die sich auf das Wagnis eines sehr dicken Buches einlassen wollen und sich darauf freuen, dieses Buch von Rang gelesen zu haben. Die Anschaffung des Buches wird vorausgesetzt. Sollte dies jemandem nicht möglich sein, wird um Rücksprache gebeten.

Interdisziplinäres Kolloquium: Schöpfungstheologie / Anthropologie (MGP1)

Prof. Dr. Möhring-Hesse

Das Kolloquium dient dazu, die Lehrveranstaltungen in dem Modul »Schöpfungstheologie / Anthropologie« (MGP 1) interdisziplinär zu vernetzen und so die interdisziplinäre Modulprüfung vorzubereiten.

Oberseminar: Themen der theologischen Sozialethik

Prof. Dr. Möhring-Hesse

Diskussion aktueller Theorie- und Forschungsarbeiten in der theologischen Sozialethik sowie Besprechung laufender Promotionsprojekte, vermutlich wieder in Kooperation mit den Lehrstühlen der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt/Main und der Universität Mainz.

Anmeldung, möglichst in der Sprechstunde des Dozenten, ist erforderlich.

Arbeitskreis: Zur Aktualität der Theologie von Edward Schillebeeckx: Wie geht kritische und „trans-konfessionelle“ Theologie?

Prof. Dr. Möhring-Hesse

Aus einem Lektürekurs zu dem Buch „Menschen. Die Geschichte von Gott“ heraus ist aus dem Kreis der Studierenden der Wunsch entstanden, systematisch an einer Fortschreibung von Edward Schillebecckx´ Theologie zu arbeiten. Dazu wird in diesem (und womöglich in folgenden Semestern) dieser Arbeitskreis angeboten. Fokussiert auf eine besondere Fragestellung sollen relevante Texte von Schillebeeckx gelesen und diskutiert – und seine theologischen Entwürfe für die Gegenwart fortgeschrieben werden. In diesem Semester wird es um die eher metatheoretische Frage gehen, warum man Theologie kritisch und trans-konfessionell betreiben sollte und wie man kritische und „trans-konfessionelle“ Theologie treiben kann.

Eine persönliche Anmeldung, möglichst in der Sprechstunde des Dozenten, ist erforderlich.