Urgeschichte und Naturwissenschaftliche Archäologie

Das Forschungsprojekt "The Evolution of Cultural Modernity" (ECM) wird von der Abteilung für Ältere Urgeschichte und Quartärökologie durchgeführt und vom Wissenschaftsministerium des Landes Baden-Württemberg finanziert. Im Rahmen dieses Projekts untersuchen Wissenschaftler der Universität Tübingen die treibenden Kräfte hinter der Evolution menschlichen Verhaltens während des mittleren und späten Pleistozäns. Hierzu beschäftigen die Wissenschaftler sich mit dem alltäglichen Leben der damaligen Menschen und ihrem Sozialgefüge im Kontext der sich stark verändernden umweltlichen und klimatischen Bedingungen. Die kulturellen Hinterlassenschaften belegem, dass der Mensch nicht nur als erfolgreicher Jäger und Sammler überlebte, sondern eine komplexe Psyche entwickelte, die zu sozialem Zusammenhalt, Empathie und Spiritualität fähig war. 

The älteste fossile Beleg der anatomisch modernen Menschen (AMHs) ist etwa 300 000 Jahre alt und stammt aus Nordafrika. Aus Ostafrika sind weitere AMH Fossilien bekannt, die auf ca. 200 000 BP datieren. Ab 100 000 vor heute, während des Middle Stone Age (MSA), verändert sich die Zusammensetzung der Funde in Afrika. Der Mensch entwickelte neue Technologien, erweiterte sein Spektrum lithischer Rohmaterialien und demonstrierte seine Fähigkeit zur Symbolik, z.B. in Form von geritztem Ocker und Perlen aus Straußeneierschalen. Die Belege für viele dieser Innovationen stammen aus Südafrika. Daher wird der Forschung in dieser Region eine hohe Signifikanz zur Beantwortung der Fragestellungen, die sich mit dieser wichtigen Phase der kulturellen Entwicklung des Menschen befassen, zugewiesen. 

Die Projektmitarbeiter Gregor D. Bader, Matthias Blessing, Amy Oechsner, Viola C. Schmid, Regine E. Stolarczyk und Manuel Will befassen sich mit den Anfängen kultureller Moderne in Südafrika. Bader, Blessing, Schmid und Will untersuchen lithische Technologie, Oechsner spezialisiert sich auf archäobotanische Untersuchungen und Stolarczyk ist im Bereich der kognitiven Archäologie tätig. Schmid's Arbeiten konzentrieren sich auf die lithischen Inventare, die älter als 70000 Jahre sind. Sie stammen aus den untersten Schichten der Sibudu Cave, KwaZulu-Natal. Die Tatsache, dass sich in diesen Ablagerungen technologische Innovationen finden, wirkt sich auf unseren bestehenden chrono-kulturellen Rahmen und bestehende Modelle zur Entwicklung modernen Verhaltens aus. Bader und Will beschäftigen sich mit den kulturellen Veränderungen im MIS 3, also im Zeitrahmen von 60000 bis 40000 Jahren vor heute. Blessing bearbeitet die mikrolithischen Artefakte aus dem sehr fundreichen Umbeli Belli Rockshelter, KwaZulu-Natal, die eine Bewohnung während des MSA, aber auch des LSA, belegen, sowie Sibudu Cave. In Sibudu konnte eine hochauflösende Stratigraphie des MSA nach Howiesons Poort dokumentiert werden. Das Ziel seiner Arbeiten ist, zu klären, ob es sich bei der mikrolithischen Technologie im MSA und LSA in Ost-Südafrika um ein konvergentes Phänoment handelt und einen Beitrag zur Klärung der Veränderungen und der sie verursachenden Mechanismen innerhalb des technologischen Systems der post-Howiesons Poort MS und des MSA/LSA Übergangs zu leisten. 

Oechsner beschäftigt sich mit der Archäobotanik der untersten Schichten der Sibudu Cave um die paläolithischen Umweltbedingungen und den Zugang zu pflanzlichen Ressourcen zu rekonstruieren, um feststellen zu können, welche Pflanzen besonders häufig genutzt wurden und warum. Stolarczyk legt den Fokus ihrer Arbeiten auf die quantitative und qualitative Charakterisierung des innovativen Verhaltens während des MSA in Süden Afrikas. Hierzu will sie diejenigen Eigenschaften identifizieren, die den Menschen ermöglichte, innovativ zu denken und Neues zu entwickeln. Diese Aspekte rücken damit in den Fokus als essentieller Bestandteil der menschlichen Evolution und der Evolution des menschlichen Verhaltens. 
Die Forschung, die sich mit dem MSA in Afrika beschäftigt, stellt aufgrund der älteren Belege modernen menschlichen Verhaltens die Grundlage dar, die Entwicklungen des Menschen und kulturelle Moderne zu verstehen. 

AMHs erreichten Europa ca. 40 000 Jahre vor heute, zum Beginn des Jungpaläolithikums. Die Fundlage legt nahe, dass man Europa über den Nahen Osten erreichte und von dort an nach und nach Europa erschloss, aus räumlich und zeitlich verschiedenen Routen. Eine dieser Routen verlief wohl entlang dem Danube Korridor, wie eine große Anzahl an Funden aus den Höhlenfundstellen der Schwäbischen Alb belegen. Weiterführend brachten diese Fundstellen die bislang ältesten bekannten figürlichen Kunstwerke und Musikinstrumente hervor. Derartige Innovationen sind nirgends sonst bekannt, und sind auch nicht mit früheren Entwicklungen zu vergleichen. Diese drastische Veränderung der Fundinventare könnte mit verschiedenen beeinflussenden Faktoren, z.B. Wettbewerb mit anderen Gruppen, klimatische Veränderungen, oder soziokulturellem oder demographischem Kontext zusammenhängen. 

Die Ankunft des homo sapiens in Eurasien korreliert zeitlich mit dem Zurückgang der angestammten Neandertaler, die Europa während des Mittelpaläolithikums (ca. 300 000 - 40 000 BP) bewohnten. Das Ausmaß der Begegnungen der Neandertaler und der AMH, sowohl kulturell als auch biologisch gesehen, ist umstritten. Die Fundstellen der Schwäbischen Alb haben das Potential, Unterschiede zwischen den Populationen herauszuarbeiten. Giulia Toniato beschäftigt sich hierfür mit den faunischen Resten mehrerer Höhlenfundstellen aus dem Lauchert Tal, um Siedlungs- und Subsistenzstrategien der Übergangszeit vom Neandertaler zum AMH zu verstehen. Dabei legt sie auch Wert darauf, Kontinuitäten im Verhalten während des Mittel- und Jungpaläolithikums ausfindig zu machen um mögliche Unterschiede, kulturele Veränderungen und Anpassungen zu verstehen. Möglicherweise hatte das moderne Verhalten der AMHs großen Einfluss darauf, dass es ihnen gelang, sich an neue ökologische Bedingungen anzupassen. Armando Falcucci untersucht die Ursachen und Folgen technologischer Innovationen und kultureller Veränderungen während des Jungpaläolithikums, der Zeit, während der der AMH sich quasi ungehindert in Europa ausbreitete. Hierzu untersucht er wichtige lithische Invenare aus Süd- und Westeuropa, mit besonderem Augenmerk auf die technologische Variabilität unterschiedlicher kultureller Gruppen. Des Weiteren beschäftigt sich Diana Marcazzan mit der Pyrotechnologie dieser Menschen mittels mikrokontextueller Analysen, um neue Informationen zur Kontinuität des menschlichen Verhaltens zu erhalten. Sie untersucht zwei Befunde mit Hitzeeinwirkung, aus dem Hohle Fels und der Fumane Höhle um die Strategien und die Nutzung der Fundstelle der prähistorischen Populationen im Übergang vom Mittel- zum Jungpaläolithikum zu rekonstruieren. 

Eleonora Gargani beschäftigt sich mit kulturellen Veränderungen des Magdalénien im Ach Tal auf der Schwäbischen Alb. Sie stützt sich hierbei auf umfangreiche technologische und funktionelle Analysen organischer Werkzeuge vom Hohle Fels, Geißenklösterle, der Brillenhöhle und Helga Abri, um die Beziehung zwischen den Menschen des Magdalénien und den ihnen verfügbaren tierischen Ressourcen zu verstehen. Darüber hinausgehend vergleicht Gargani ihre Ergebnisse mit dem Magdalénien und dem Gravettien anderer Regionen, um technologische und ökonomische Veränderungen sowie die allgemeine Rolle der organischen Werkzeuge im Jungpaläolihtikum aufzuzeigen. 

Letztlich beschäftigt sich Gillian L. Wong mit den Veränderungen der Paläoökologie der Menschen während der letzten Kaltphase in der Region der Schwäbischen Alb, dem Magdalénien. In dieser Zeit wurden drastische Änderungen der menschlichen Kulturen und ihrer Demographie dokumentiert. Wong untersucht die faunischen Reste des Felsüberhangs Langmahdhalde, mit einem Fokus auf drei Komponenten der Paläoökologie während des spätern Pleistozän und des frühen Holozän: menschliches Subsistenzverhalten, menschliche und nicht-menschliche Nutzung der Fundstelle, sowie paläoumweltliche und klimatische Rekonstruktion. 

Die Mitglieder des Forschungsteams arbeiten zusammen, um verschiedene Aspekte des menschlichen Verhaltens zu verstehen. Hierzu werden diese Aspekte durch die Anwendung verschiedener Disziplinen und ein großes Spektrum regionaler und zeitlicher Unterschiede aus möglichst vielen Blickwinkeln beleuchtet. Dieser Ansatz stellt sicherlich einen wichtigen Schritt zur Beantwortung verschiedener Fragen zur Definition kultureller Moderne und deren Entstehung, die den Erfolg unserer Spezies gewährleisteten, dar.