Institut für Klassische Archäologie

ATHEN UND ATTIKA VOM 11. BIS ZUM FRÜHEN 6. JH. V. CHR. SIEDLUNGSGESCHICHTE, POLITISCHE INSTITUTIONALISIERUNGS- UND GESELLSCHAFTLICHE FORMIERUNGSPROZESSE

Gängige Narrative zum frühen Athen nehmen eine Phase der ›Dunklen Jahrhunderte‹, eine plötzliche Entstehung der Polis im Zuge der ›Renaissance‹ des 8. Jhs. v. Chr. sowie eine früharchaische ›Rezession‹ an, welche in die vorsolonische Krise führte. Meine Dissertation richtet den Blick auf die längerfristigen sozio-politischen Prozesse, um derartige Vorstellungen zu prüfen. Sie skizziert ein neues Bild der kulturgeschichtlichen Entwicklungen im früheisenzeitlichen und früharchaischen Attika, das nicht auf Rückprojektionen klassischer Verhältnisse, sondern einer kritischen Analyse der schriftlichen Quellen und insbesondere der archäologischen Befunde beruht.

Den archäologischen Abschnitten der Arbeit ist ein Kapitel zur historischen Entwicklung Athens bis ins frühere 6. Jh. v. Chr. vorangestellt. Die kritische Bewertung des Zeugniswerts späterer Quellen und die Berücksichtigung neuerer althistorischer Ansätze ermöglichen es, Annahmen eines bereits im 7. Jh. v. Chr. entwickelten athenischen Staats und umfassender solonischer Reformen zu hinterfragen. Dies gibt den Blick auf die sukzessive Zunahme von Staatlichkeit im Laufe der archaischen Epoche frei. Erst im Zuge dieses Prozesses dürfte die Einheit Attikas zum Ziel geworden sein.

Der zweite Teil der Arbeit ist siedlungsarchäologischen Fragen gewidmet. An seinem Beginn steht ein geographisch gegliederter Überblick über die publizierten Befunde. Auf dieser Grundlage wird die Siedlungsstruktur kleinräumig analysiert und die Besiedlungsgeschichte diachron ausgewertet. Dem Konzept einer von ihrem vermeintlichen Zentrum ausgehenden ›Binnenkolonisation‹ Attikas kann so die These kleinteiliger dezentraler Verdichtungsvorgänge entgegengesetzt werden.

Der dritte und der vierte Teil der Dissertation besprechen schließlich die Nekropolen und die Heiligtümer und befragen diese diachron auf Indizien gesellschaftlicher Transformationsprozesse. Die Untersuchung der Bestattungen ergibt ein kontinuierlich hohes Maß an Grabvariabilität. Dieses spricht für eine fortgesetzte Konkurrenz von Bestattungsgruppen mit variierenden repräsentativen Strategien sowie eine große Instabilität der beständig neu ausgehandelten gesellschaftlichen Vorrangstellungen. Schwankungen in der Zahl der überlieferten Gräber erlauben keine direkten Rückschlüsse auf die ›Entstehung der Polis‹, sondern sind ein Resultat der wechselnden Popularität größerer Friedhöfe in Athen. Die wachsende Bevorzugung gemeinschaftlich genutzter Nekropolen spätestens ab dem frühen 8. Jh. v. Chr. und die damit einhergehende Veränderung der repräsentativen Strategien lassen dennoch Rückschlüsse auf ein zunehmendes Gemeinschaftsbewusstsein sowie eine beginnende Festigung sozialer Prominenzrollen zu. Die Analyse der Gräber trennt den Untersuchungszeitraum somit grob in eine Phase der stärkeren gesellschaftlichen Fragmentierung im 11.–9. Jh. v. Chr. und eine Periode der wachsenden soziokulturellen Verbindungen ab dem 8. Jh. v. Chr. Ganz ähnliche Entwicklungen lassen die Heiligtümer erkennen: Die früheren Kultstätten fungierten wohl als neutrale Versammlungsplätze in der weiteren Umgebung siedelnder Gruppen. In spä­t­geo­metrisch-früharchaischer Zeit entstanden dagegen vielerorts Heiligtümer, die klarere und kleinere geographische Wirkungsbereiche besaßen und damit einerseits der Ausbildung territorial definierter Gemeinschaften und andererseits der sozialen Differenzierung innerhalb dieser dienten. Dies bezeugen aufwändige Votive und Reste gemeinschaftlicher Feste, während u. a. das Aufkommen einer Vielzahl simpler Votive in der 2. Hälfte des 7. Jhs. v. Chr. die aktive Partizipation größerer Personengruppen wahrscheinlich macht. Mit der Entstehung der athenischen Polis können diese an vielen Orten Attikas gleichzeitig ablaufenden Prozesse erneut nicht unmittelbar verbunden werden.

Zuletzt werden die Einzelergebnisse der Arbeit miteinander in Beziehung gesetzt. Es entsteht das Bild einer zwar ab dem 8. Jh. v. Chr. beschleunigten, doch letztlich kontinuierlichen Entwicklung, innerhalb derer die früharchaische Zeit eine entscheidende Formationsphase darstellt. Die Vorstellung einer ›Entstehung‹ der athenischen Polis im 8. Jh. v. Chr. dagegen ist irreführend.

Kontakt:
Maximilian Rönnberg, M. A.
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Gefördert durch die Studienstiftung des deutschen Volkes

Betreut durch:
Prof. Dr. Richard Posamentir

Prof. Dr. Franziska Lang