Institut für Klassische Archäologie

Eine fragmentierte Landschaft? Attika in geometrisch-früharchaischer Zeit

Die übergreifende Untersuchung Attikas in spätgeometrischer und früharchaischer Zeit stellt in der archäologischen Forschung bislang ein Desiderat dar. So wird für das späte 8. und das 7. Jh. v. Chr. meist ein ›Stocken‹ der kulturellen Entwicklung der Region postuliert – eine Deutung, die in erster Linie auf die im Vergleich mit dem mittleren 8. bzw. dem 6. Jh. v. Chr. geringe überregionale Bedeutung attischer Keramik zurückgeht. Die Isolation Athens belege zudem das scheinbare Abbrechen direkter Kontakte mit dem ›Orient‹. Das oft bescheidene Niveau der materiellen Kultur und die vergleichsweise geringe Zahl bekannter Fundstätten wurden bereits ähnlich gedeutet. Zur gleichen Zeit wird allerdings die Entstehung bzw. Konsolidierung der athenischen Polis vermutet – ein Widerspruch?

Eine kritische Durchsicht der historischen Quellen und ein Überblick über die bisherigen Untersuchungen zeigen, dass die Entwicklung der Region in diesem entscheidenden Zeitraum fast ausschließlich auf archäologischer Basis beschrieben werden kann. Das dafür zur Verfügung stehende Material hat sich allerdings in den letzten 30 Jahren, d. h. seit den letzten Synthesen, durch zahlreiche Grabungen entscheidend vergrößert. Diese Daten werden in meinem Dissertationsprojekt zunächst systematisch zusammengestellt und die gängigen Interpretationen anschließend auf dieser Grundlage überprüft. Dabei sollen die archäologischen Befunde nicht bloß der Illustration einer angenommenen, vergleichsweise plötzlichen Entstehung des aus der spätarchaischen bzw. insbesondere der klassischen Zeit rückprojizierten Modells der Polis dienen. Vielmehr werden die nachvollziehbaren Gruppenbildungsprozesse – sei es kooperatives oder konkurrierendes Verhalten – unabhängig von diesem Konzept, d. h. ohne gedachten Endpunkt, als eigenwertige Entwicklungen und in ihrem jeweiligen siedlungsarchäologischen Kontext betrachtet. Insbesondere bei der Untersuchung der für alles Folgende zentralen Siedlungsgeschichte der Region greift die Arbeit dabei bis in das 11. Jh. v. Chr. zurück, um bspw. Modelle wie jenes einer von Athen ausgehenden Binnenkolonisation Attikas oder die damit verbundene Frage nach dem Verhältnis zwischen Athen und Attika angemessen diskutieren zu können. Das bereits aus der Zusammenstellung der siedlungsarchäologischen Befunde folgende vorläufige Ergebnis einer bemerkenswerten Kleinräumigkeit der Verhältnisse wird dann zum einen in den breiteren Kontext der soziokulturellen Entwicklung Griechenlands in geometrisch-früharchaischer Zeit gestellt. Zum anderen soll dieses Bild präzisiert werden, indem einerseits die bspw. in den Grabsitten erkennbaren unterschiedlichen Prägungen einzelner Orte bzw. Sub-Regionen nachgezeichnet sowie andererseits die inner- und überregionale Vernetzung Attikas insbesondere im Zeitraum zwischen etwa 735 und 600 v. Chr. analysiert werden. In diesem Kontext können auch Fragen bspw. nach der Verwendung von Bildern oder der sozial distinguierenden Rolle importierter oder ›orientalisierender‹ Güter neu gestellt werden. Mithilfe einer solchen umfassenden Analyse der materiellen Kultur Athens und Attikas lässt sich der gesellschaftliche Kontext umreißen, d. h. gewissermaßen der Handlungsrahmen aufspannen, in dem die für uns leider kaum nachvollziehbaren historischen Prozesse stattfanden. Auf dieser Grundlage kann schließlich das Potential der Befunde zur Beantwortung historischer Fragen – wie jener nach der Entstehung bzw. Konsolidierung der Polis – ausgelotet werden.

Kontakt:
Maximilian Rönnberg, M. A.
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Betreut durch:
Prof. Dr. Richard Posamentir