Institut für Klassische Archäologie

Sommersemester 2016

Mittwochs, 18 c.t. Seminarraum 165, Schloss Hohentübingen

Dieser Vortrag findet an einem Donnerstag statt!

Festvortrag zum 75. Geburtstag von Prof. Dr. Friedhelm Prayon

28.04.2016 - Prof. Dr. Paolo Liverani (Florenz)

Das römische Rusellae. Stadtentwicklung und öffentliche Räume.

Rusellae, eine etruskisch-römische Stadt in der südlichen Toscana nahe der tyrrhenischen Küste, war in den letzten 50 Jahren das Ziel umfangreicher archäologischer Forschungen. Dabei stand besonders das Forum, das sich nach der römischen Eroberung von 294 v. Chr. entwickelte, im Zentrum der Ausgrabungstätigkeit. Der Vortrag hat es sich zum Ziel gesetzt, für die jüngere und ältere Forschung eine Synthese vorzulegen und der wechselvollen Geschichte der Forumsanlage von der Republik bis das frühe Mittelalter nachzugehen.

04.05.2016 - Prof. Dr. Hermann Kienast (München)

Der große Altar der Hera von Samos

In der archäologischen Forschung spielt der Altar der Hera von Samos eine herausragende Rolle, weil seine Entwicklung vom ausgehenden 2. Jt. in klar zu unterscheidenden Resten durchgehend nachzuweisen ist. Das wissenschaftliche Interesse konzentrierte sich vor allem auf den archaischen Altar, der als einer der größten seiner Zeit gilt. Neuere Untersuchungen haben ergeben, dass die von H. Schleif vorgelegte Rekonstruktion nicht gültig ist; das damals erarbeitete Bild des Altares ist vollständig zu revidieren.

25.05.2016 - Dr. des. Frank Hulek (Köln)

Der Tempel am Çatallar Tepe. Neues zur ionischen Architektur in der Archaik

Vor über zehn Jahren entdeckte H. Lohmann im kleinasiatischen Mykale-Gebirge die Ruine eines Tempels aus der Mitte des 6. Jhs. v. Chr. Drei Grabungskampagnen in den darauffolgenden Jahren erbrachten mehr als 600 Fragmente von steinernen Architekturgliedern. Trotz der Schäden durch Feuer, Erdbeben und Raubgrabungen handelt es sich um eines der am besten erhaltenen Bauwerke des archaischen Ioniens, das außerdem durch den Grabungsbefund in engen Grenzen zu datieren ist. Die Bearbeitung dieser Architekturteile erbrachte daher nicht nur eine Rekonstruktion des Tempels, sondern auch neue Erkenntnisse zur gleichzeitigen Architektur insgesamt, die teilweise im lebhaften Kontrast zu bisherigen Annahmen stehen.

08.06.2016 - Dr. David Ojeda Nogales (Córdoba)

Metallanstückungen an römischen Skulpturen in Spanien

Das Problem der Metallanstückungen an Skulpturen archaischer und klassischer Zeit ist gut bekannt. Hingegen ist diese Thematik im Fall der römischen Plastik noch nicht gründlich untersucht. Ziel des Vorträges wird es sein, einige Beispiele römischer Zeit aus Spanien zu analysieren und zu beweisen, dass die Untersuchung dieses Problems die Identifizierung vieler Darstellungen methodisch auf eine neue Grundlage stellen kann.

15.06.2016 - JProf. Dr. Stephan Faust (Universität Hamburg)

Tod und Herrschaft. Überlegungen zur aristokratischen Grabkultur Makedoniens im 4. und 3. Jahrhundert v. Chr.

Die Grabkultur der Aristokratie Makedoniens in spätklassischer und frühhellenistischer Zeit stellt in mehrerlei Hinsicht ein lohnendes Forschungsfeld dar. Erstens haben wir es nicht selten mit zumindest architektonisch gut erhaltenen, in einer Reihe von Fällen sogar ungestörten Befunden zu tun. Zweitens gelten die betreffenden Monumente und ihr Inventar als Ausdruck von größerem Wohlstand und gehobenem sozialen Status derjenigen, die vom Aufstieg Makedoniens unter Philipp II. und Alexander dem Großen profitierten und die größere Ressourcen darauf verwendeten, aufwendige Anlagen errichten zu lassen. So kam im fortgeschrittenen 4. Jahrhundert v. Chr. mit dem makedonischen Kammergrab ein neuartiger Grabtypus auf, der dem Selbstbild und den Ansprüchen der Führungsschichten offenbar in besonderem Maße entsprach. Infolgedessen werden die Gräber drittens als Spiegel politischer Macht und aristokratischer Werte, aber auch mehr oder minder positiv konnotierter Jenseitsvorstellungen gedeutet, wobei je nach Befund und Bearbeiter mal der eine, mal der andere Aspekt im Vordergrund steht. Dementsprechend steht im Zentrum des Vortrags die Frage, welche Rückschlüsse die betreffenden Monumente und ihre Bilderwelt auf vorherrschende Konzepte von Tod und Herrschaft in der makedonischen Elite zulassen.

22.06.2016 - Dr. Katharina Martin (Münster)

Anders und innovativ: Personifikationen städtischer Institutionen in Laodikeia am Lykos

Mit Beginn der römischen Kaiserzeit lässt sich eine deutliche Politisierung der Münzprägung kleinasiatischer Poleis nachweisen. Viele Städte nutzen nun beispielsweise die Bildnisse von Demos und Boule als Repräsentanten auf den sog. pseudo-autonomen Prägungen. Eine besondere Bedeutung und Vorreiterrolle kommt in diesem Rahmen dem phrygischen Laodikeia am Lykos zu, da die Stadt nicht nur als Erste ihren Demos auf Münzen instrumentalisiert und dabei das bekannte Bildnis des klassischen Demos vorbildhaft ›aktualisiert‹, sondern die in der Wahl ihrer Repräsentanten und mit der Instrumentalisierung ihrer politischen Bilder in vielfältiger Weise außergewöhnlich und wegbereitend ist.

29.06.2016 - Jun.-Prof. Dr. Nikolaus Dietrich (Heidelberg)

Akteure und Hintergrund: Zur sozialhierarchischen Funktion von römisch-campanischer Wanddekoration im Wandel der vier Stile

Die Entwicklung der römischen Wandmalerei vom 1. bis zum 4. Stil wird häufig übergreifend beschrieben als ein wechselweises Pendeln zwischen Schließen und Öffnen der Wand. Mit Schließen und Öffnen der Wand soll sich auch dieser Vortrag beschäftigen, dabei jedoch die Akteure in den Räumen, deren Dekoration die Wandmalerei dient, in die Diskussion mit aufnehmen, und auf diese Weise dieses gängige Entwicklungsmodell hinterfragen.

06.07.2016 - Prof. Dr. Natascha Sojc (Augsburg)

Ausgrabungen in S. Anna bei Agrigent – Fragen zu Votivpraxis und rituellem Konsum in einem extraurbanen Heiligtum

In S. Anna bei Agrigent untersucht ein Team der Universität Augsburg zusammen mit Kooperationspartnern die Langzeitentwicklungen eines Geländes, das sich in Sicht- und Hörweite zum Zentrum des ehemaligen Akragas befindet. Mit Methoden der Geoprospektion, mit Oberflächenuntersuchungen des Geländes und dann im Zuge eines ersten Grabungsschnittes konnte festgestellt werden, dass sich auf dem untersuchten Hügelrücken ein suburbanes Heiligtum befand. Bekannt ist, dass insbesondere ländliche Sakralzonen im Sizilien des 6. und 5. Jahrhunderts v. Chr. zur Konstruktion einer kollektiv-lokalen Identität der verschiedenen Bevölkerungsgruppen genutzt wurden, dass sie daher kulturelle Formationsprozesse widerzuspiegeln vermögen.
Bisher konnten auf besagtem Hügelrücken unter einer Einsturzschicht Überreste eines Sakralgebäudes freigelegt werden, dass offensichtlich das ganze 5. Jh. v. Chr. hindurch frequentiert wurde. Die Funde weisen darauf hin, dass das Areal als Speisebereich diente und für Opferhandlungen genutzt wurde. Die gut erhaltenen Kontexte werfen Fragen hinsichtlich des Zusammenhangs der verschiedenen religiösen Handlungen auf und lassen über den finalen Verbleib der verschiedenen Objekte und organischen Materialien im Heiligtum reflektieren. Daher setzt sich der Vortrag auch mit konzeptionellen Einordnungen wie “embodied memories” und „sacred trash“ auseinander und versucht deren Anwendung auf die neuen Befunde von S. Anna.

13.07.2016 - Dr. des. Benjamin Engels (Berlin)

Das Grottenheiligtum am Osthang von Pergamon

Das im Jahr 2010 ausgegrabene Grottenheiligtum am Osthang des Stadtberges von Pergamon wirft dank seiner dichten archäologischen Überlieferung ein Schlaglicht auf die religiöse Lebenswirklichkeit im späten Hellenismus. Die Architektur des Heiligtums ist durch unterschiedliche Formen der Integration und Imitation von Naturmalen geprägt. Dabei kommt es weniger auf Authentizität als auf die Inszenierung einer numinosen Atmosphäre an. Das Grottenheiligtum steht damit exemplarisch für einen signifikanten Wandel des Mensch-Umwelt-Verhältnisses in den letzten Jahrhunderten v. Chr. Zudem ist in einem umfangreichen geschlossenen Depot der Großteil der Ausstattung des Heiligtums erhalten, die einen detaillierten Einblick in die Bankett- und Votivpraktiken gewährt und somit eine akteursorientierte historische Einordnung des Gesamtbefundes erlaubt.